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Biologie

02.12.2018

Ist die Genmanipulation unsere Zukunft?

Visionen für die Zukunft (von oben links): Leben auf dem Mars als Plan des Tesla-Chefs Elon Musk wie bei der Autorin Hao Jingfang.
Bild: SpaceX, Sony, Universal

Der Mensch wird genoptimiert und will zum Mars: Heutige Nachrichten sind klassischer Science-Fiction-Stoff. Wucht entfaltet ein anderes Zukunftsbild.

Vom richtigen Buch zur richtigen Zeit zu reden, wäre in diesem Fall geradezu eine Untertreibung. Denn Andreas Brandhorst, dieser Norddeutsche, der ohnehin an der Spitze all der Autoren von Zukunft-Thrillern steht, aber trotz Bestsellern in Serie nie im Radar der Feuilletons auftaucht, schreibt in seinem neuesten Buch über die Manipulationen mit der Gen-Schere Crispr bei Menschen und die möglichen Folgen daraus. Während also in den Nachrichten der Gegenwart ein chinesischer Forscher mit ersten Experimenten in diese Richtung für weltweite Empörung sorgt, führt Brandhorst in bester Tradition der Science-Fiction vor, was das schon in 20 Jahren für den Einzelnen und die Gesellschaft bedeuten könnte.

„Ewiges Leben“, in dem Menschen auch bereits über Kontaktlinsen mit dem Internet verbunden und Drohnen allgegenwärtig sind, zeigt: Hier wächst ein Mittel heran, dass tödliche Krankheiten besiegen kann. Und ein Instrument der Allmacht, das politische Steuerung unterwandern und Menschen in werte und unwerte kategorisieren kann, das tabulosen Missbrauch der Natur und die Lösung der Zeugung aus dem Leib ermöglichen und die Auflösung der Grenze zwischen Wirklichkeit und virtueller Welt bedeuten kann. Was passiert, wenn ein Unternehmen (hier „Futuria“ aus der Schweiz) in der Genbearbeitung ebenso bestimmend wird, wie es die wenigen Unternehmen im Internet heute sind? Quasi eine dramatische Mahnung genau zur rechten Zeit.

Zusammentreffen von Fiktion und Gegenwart

Aber dieses geradezu schicksalhaft scheinende Zusammentreffen von Zukunftsfiktion und Gegenwart ist freilich keine Ausnahmeleistung des 62-jährigen Andreas Brandhorst. Vielmehr beginnt der tatsächliche technische Fortschritt sich eben immer mehr den Visionen anzunähern, die geradezu klassisch das Genre der Science-Fiction befruchtet haben. Und so, wie die Menschen aus dem Reagenzglas ja bereits in Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ im Jahr 1932 zum Fanal wurden (allerdings angesiedelt im Jahr 2540!), so treibt die Autoren des Genres auch schon sehr lange Zeit die Frage um, was es bedeuten könnte, wenn der Mensch auch auf den Mars ausgreift – wie es nun mit dem Mars-Lander „InSight“ tatsächlich passiert und wo Tesla-Chef Elon Musk für die 2030er Jahre bereits Siedlungen plant.

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Ray Bradburys bis heute faszinierende „Mars-Chroniken“ erschienen bereits 1950. Und wenn nun Hao Jingfang als eine Art Shootingstar der Szene aus dem ohnehin in der Science-Fiction mit Autoren wie Cixin Liu mit seiner weltweit gefeierten Trisolaris-Trilogie boomenden China in „Wandernde Himmel“ die Leser auf den Roten Planeten mitnimmt, dann genügt das reine Leben dort als Utopie eben längst nicht mehr. Die Frage an das Buch lautet inzwischen vielmehr: Wozu? Was ist die Botschaft dieser Vision, die ans Ende des 21. Jahrhunderts führt, für unsere Gegenwart an dessen Beginn? Diese Botschaft ist angesichts der aktuellen politischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Entwicklungen bei Hao Jingfang spannend zu verfolgen.

Die Chinesin, geboren 1984, nämlich nutzt den Kontrast zwischen den auf der Erde und den auf dem Mars lebenden Menschen, um die Systemfrage zu stellen. Was wird für den Menschen der Zukunft besser? Die Dynamik des Kapitalismus mit freiem Wettbewerb und freier individueller Lustentfaltung – oder die idealtypische, das Beste für den Einzelnen und die Gesellschaft mit Kontrolle verwaltende Ordnung eines Hightech-Kommunismus? Nette historische Referenz: Erden- und Marsmenschen haben zuvor Krieg geführt und könnten die eigenen Schwächen mit den Qualitäten des anderen Systems durchaus ausgleichen. Aber geht das? Interessantes Ergebnis: Auf der Erde droht der Wachstumskollaps, auf dem Mars der Sturz ins Autoritäre, eine verdeckte Eliten-Diktatur; wer die Mars-Ordnung einmal hinter sich gelassen und die Freiheit der Erde erlebt hat, ist für den Roten Planeten verloren; wer die Haltlosigkeit und die Härte als Normalität kennt, sehnt sich nach der so ganz anderen Freiheit des Mars. Erlösung brächte eine Aussöhnung der Gegensätze . Auch das eine Mahnung an die Gegenwart, dass in Konflikt und Abgrenzung beide Systeme verlören.

Genmanipulation als Kriegsmittel

Kühn ist das nun alles freilich nicht. Wenn man etwa zum Vergleich liest, wie weit der US-Debütant Christopher Ruocchio in „Imperium der Stille“ springt. Mit einem Universum, in dem die Menschen ein Sternenreich entfaltet haben, für das Ruocchio eigene Sprachen erfundenen hat, in dem sein Held gleich für den Tod von Sonnen und Planeten verantwortlich ist, indem die Genmanipulation zum Kriegsmittel der Menschen gegen Außerirdische geworden ist. Bloß wird aus dem weitschweifigen Ideen- und Bilderbogen dann nichts als Unterhaltung. Kein Bezug zu unserer Zukunft. Fantasy könnte man das nennen, eine launige Saga – am Ende der fast 1000 Seiten liegt die Fortsetzung jedenfalls in der Luft.

Die ist beim mächtigsten aktuellen Auftritt der Science-Fiction längst geschrieben. Vier Teile hat „Mortal Engines“ des Briten Philip Reeves, und deren erster ist nun Vorlage eines Hollywood-Spektakels. „Herr der Ringe“-Macher Peter Jackson startet damit in der kommenden Woche weltweit in den Kinos. Die Geschichte spielt nach der Apokalypse, die bisherige Zivilisation ist in einem 60-Minuten-Krieg mit Superwaffen untergegangen, die Städte sind auf der verödeten Oberfläche als fahrende Städte unterwegs und stecken in einem unerbittlichen Überlebenskampf: fressen und gefressen werden. Ein spektakuläres Setting mit einer neuralgischen Grenze: der zu China!

Das Streben um Macht

Mit der Heldin Heester geht es im Grunde darum, den nächsten Fall in die Barbarei im Ringen um die Weltherrschaft zu verhindern, denn der Mensch scheint aus der katastrophalen Geschichte nichts gelernt zu haben – auch innerhalb der Gesellschaften herrscht gnadenloser Darwinismus. Auch das hat starke Fantasy-Züge und dabei doch eine Botschaft, die aus der Nähe zur Gegenwart bei Andreas Brandhorst oder Hao Jingfang nicht zu gewinnen ist. Wenn wir uns nicht um die Erde und den Frieden kümmern, werden wir uns über Weltraum und Gene womöglich gar keine Gedanken mehr machen – ob auf dem Mars, in China oder sonst wo. Die größte Barbarei liegt nicht im Fortschritt, sondern im egoistischen Streben um Macht. Wenn die Menschen das nicht lernen, könnte es bald (wieder) bloß noch ums blanke Überleben gehen und dann erst recht um das Leben in Festungen. Auch das quasi eine dramatische Mahnung – zur rechten Zeit?

Die Bücher

- Andreas Brandhorst. Ewiges Leben. Piper, 704 S., 16,99 Euro

- Philip Reeve: Mortal Engines – Band 1: Krieg der Städte; Band 2: Jagd durchs Eis. Weitere Bände 2019. Übs. von Gesine Schröder und Nadine Püschel, Fischer, 336 bzw. 368 S., je 12 Euro

- Hao Jingfang: Wandernde Himmel. Übs. Marc Hermann, Rowohlt, 752 S., 16,99 Euro

- Christopher Ruocchio: Das Imperium der Stille. Übs. Kirsten Borchardt, Heyne, 992 S., 16,99 Euro

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