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Michael Wollny

13.08.2018

„Jazz ist längst global geworden“

Wer und was hat diesen deutschen Jazzer beeinflusst? Welche Forderungen stellt er an Fernsehen und Rundfunk? Wie soll der künftige Echo-Preis aussehen? Ein Interview

Herr Wollny, als Journalist mache ich während dieses Interviews jetzt mein Handy aus. Aber wie reagieren Sie, wenn in Ihren Konzerten eines klingelt?

Es ist natürlich nicht schön, wenn man durch so etwas unterbrochen wird. Andererseits versuche ich, solche Dinge nicht auf mich zu beziehen, sondern bei mir zu bleiben. Wobei es auch schwache Tage gibt, an denen ich jedes Geräusch im Saal so sensibel wahrnehme wie die Musik. Wenn dann ein Telefon klingelt, ist das schon eine Unterbrechung.

Keith Jarrett reagiert oft verärgert, wenn jemand hustet oder fotografiert.

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Ich kann das nachvollziehen. Vor allem, weil er als Künstler ständig unter Beobachtung ist, alles wird mit der Lupe betrachtet, aufgenommen und dann auf Youtube hochgeladen. Pat Metheny hat einmal gesagt, dass das Youtube-Zeitalter seine musikalische Risikobereitschaft minimiert hat. Weil die Handy-Beobachtung so eine Ewigkeitsachse aufmacht, diese Aufnahmen sind dann einfach da.

Sie veröffentlichen in letzter Zeit Ensemble-Alben – zuletzt die beiden Trio-Alben „Wartburg“ und „Oslo“. Ihre letzte Solo-CD dagegen ist schon vor zehn Jahren erschienen. Warum?

Im Strom der vielen Veröffentlichungen hat man ja eigentlich nur einmal im Jahr einen „Slot“, den man mit einem neuen Album füllt. Sprich, man kann nicht unzählbar viele Projekte gleichzeitig veröffentlichen. Und für mich war in den letzten Jahren das Trio der Hauptkanal, der konstant geblieben ist, der sich weiterentwickelt hat.

Für Humor ist Jazz heutzutage nicht gerade bekannt. Ist Jazz-Musik zu ernst geworden?

Nein, das kann man dem Jazz nicht vorwerfen. Der Begriff steht heute für so eine große Bandbreite, von traditionell bis progressiv, von elektrisch bis akustisch, Pop und Avantgarde. Es gehören auch Experimente dazu, wo die Musik ein wenig an Forschung erinnert. Da ist eine gewisse Strenge auch wichtig. Dass der Jazz als ernst empfunden wird, kommt vielleicht daher, dass manche Hörer denken, man müsste eingeweiht sein, um ein Jazz-Konzert zu genießen.

Gibt es eine bestimmte Jazz-Tradition, an die Sie anknüpfen? An das Schaffen bestimmter Pianisten?

Ja. Zum Jazz gekommen bin ich über Keith Jarrett. Im Studium habe ich mich dann mit Pianisten wie Oscar Peterson und Bud Powell beschäftigt. Klassische Musik war aber genauso eine wichtige Quelle für mich. Als Teenager habe ich zum Beispiel Aram Chatschaturjan, Paul Hindemith und Skrjabin gespielt. Auch Schubert und Schumann, romantische Literatur, die ich vor allem durch mein Elternhaus mitbekam.

Empfehlen Sie heute als Lehrer Ihren Jazz-Studenten, auch klassische Musik zu spielen?

Ja. Ich denke, wenn man Klavier studiert, sollte man auch in etwa wissen, was es in der westlichen Musiktradition alles gibt, von Couperin über die Goldberg-Variationen, Schubert bis hin zu Ligeti. Von diesen Werken kann man sich inspirieren lassen.

Wenn man sich anschaut, wer heute in Deutschland Jazz unterrichtet, könnte man zugespitzt formulieren: Jazz an deutschen Hochschulen ist eine weiße Musik.

Klar, es ist etwas anderes, ob man Jazz in den USA auf der Straße lernt oder in Leipzig oder Köln studiert. Aber das begründet ja am Ende eine Vielseitigkeit, die wichtig ist. Jazz ist längst global geworden.

Sind Sie mit der Medienpräsenz des Jazz eigentlich zufrieden, oder könnte es mehr sein?

Ich persönlich kann mich überhaupt nicht beklagen. Aber was das Genre generell betrifft: Ja, das könnte mehr sein.

An wen geht die Forderung?

An alle Medien, die einen Auftrag haben. Ich sehe es als deren Aufgabe, zu zeigen und zu beleuchten, welche Nischen es gegenüber dem Mainstream gibt.

Einer der wenigen Anlässe, wo Jazz im TV gezeigt wurde, war die Verleihung des Echo Jazz. Sie haben den Preis acht Mal gewonnen. Allerdings saß Ihr Produzent Siggi Loch in der Jury. Wie hängt das zusammen?

Dass man einen Preis bekommt, liegt daran, dass man vorgeschlagen wird. Im Fall des Jazz-Echos lief der Vorschlag über die Labels und die Auswahl über die Jury. Die Jury bestand aus den Heads der verschiedenen Labels, die einreichen, plus Journalisten und Veranstalter.

Aber macht das in Ihren Augen Sinn, dass der Produzent Ihrer CD in der Jury sitzt, die über die CD urteilt?

Soweit ich weiß, hat kein Juror jemals seine Stimme für die von ihm selbst vorgeschlagenen Projekte gegeben. Grundsätzlich waren alle einreichenden Firmen und die Vertreter der Presse, des Radios und der Veranstalter am Tisch und es ging um Mehrheitsentscheidungen bei der Wahl der Gewinner. Inwieweit dieses Prozedere nun sinnvoll oder sinnlos war, um einen Preis der Musikindustrie zu ermitteln, möchte ich im Rückblick nicht bewerten.

Der Echo Jazz wurde auch von vielen Musikern aus der Jazz-Szene kritisch gesehen.

Dass der Jazz-Echo von Anfang an verbesserungswürdig war, das steht außer Frage. Nur: Eine richtig gute Idee, mit der man all den verschiedenen Interessen gerecht wird – von den Labels, dem Bundesverband Musikindustrie, den Künstlern –, diese Idee steht bis heute noch aus. Dazu gehört auch die Frage, wie man diese Musik im Medium Fernsehen transportiert.

Was wünschen Sie sich vom Nachfolger des Echo Jazz?

Wenn es den dann mal gibt – vielleicht sollte man sich nicht so sehr den Kopf darüber zerbrechen, wie man den Jazz als Fernsehgala inszeniert, sondern einfach die Musik zeigen, wie und wo sie tatsächlich stattfindet. Interview: Jakob Buhre

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