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13.07.2019

Acht Wochen Tinder: Das Protokoll einer Single-Frau

Millionen Menschen lernen sich über Tinder kennen. Eine Frau aus der Region, Ende 30, hat es auch versucht.
Bild: Johannes Schmitt-Tegge/dpa

Plus Millionen Menschen lernen sich über Tinder kennen. Eine Frau aus der Region, Ende 30, hat es auch versucht. Das Protokoll des Wahnsinns.

Es ging ganz schnell: App runtergeladen, Foto ausgewählt, Handynummer, Mailadresse, Namen, Alter eingegeben, ein paar Wörter über mich ins Tinder-Profil geschrieben, und schon ging’s los. Keine Minute später ploppten die ersten Männerfotos auf meinem Smartphone auf. Wildfremde Menschen, die ich sonst vermutlich niemals getroffen hätte, aber auch bekannte Gesichter aus meiner Stadt. Die mir gefielen, deren Bilder wischte ich nach rechts, die von denen, die ich nicht attraktiv fand, nach links, auf Nimmerwiedersehen. Das Menschen-Wegwischen fühlte sich auf der einen Seite seltsam an, aber es war irgendwie auch spannend. Wen ich da wohl Neues treffen werde? Also wischte ich immer weiter. Dass ich aktiv aussuchte, gefiel mir besser als das Parship-Prinzip.

Vor ein paar Jahren hatte ich diese Online-Partnerbörse mal ausprobiert. Dass der Computer einem die möglicherweise passenden Männer zuweist, fand ich seltsam. Und das erste Date, bei dem sich der nette Münchner aus dem Chat schnell als Typ mit Hang zu schnellen Autos und schnellem Sex outete, war so furchtbar, dass ich die digitale Partnersuche sofort stoppte und meine nächsten Freunde analog fand. Ich bin eine Frau, die auch beim Weggehen sofort neue Leute kennenlernt. Warum also tindern? Dachte ich mir lange, als um mich rum immer mehr dort unterwegs waren.

Dann war ich wieder Single, und ein alter Freund empfahl mir Tinder. Ich war erst skeptisch, weil die Dating-App berühmt berüchtigt dafür ist, dass dort viele auf der Suche nach dem schnellen Sex sind, auf den ich keine Lust hatte. Aber mein alter Freund sagte mir, dass es dort auch andere Menschen gebe, welche, die Liebe und eine Beziehung suchen. Er habe dort auch jemanden gefunden. Also gab ich Tinder eine Chance. Warum also nicht mal den Kennenlernradius bis nach München und Stuttgart vergrößern? Also schrieb ich in mein Profil, dass ich eine ernsthafte Beziehung suche und nicht den schnellen Sex. Der Witz ist aber, so sollte ich bald erfahren, das schreiben anscheinend auch diejenigen rein, die nur Spaß wollen.

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Die ersten beiderseitigen Treffer, sogenannte Matches, ploppten sofort auf und auch gleich so manche Ernüchterung. „Du bist aber eine ganz Süße“, „Was macht denn eine Frau wie du auf Tinder?“, „Lecker“, „Was für eine freudige Überraschung“ – das las ich öfter. Mit denen, die kreativ Kontakt aufnahmen, fing ich an, Text- oder Sprachnachrichten auszutauschen. Ich ertappte mich dabei, wie ich plötzlich mit Wildfremden über Details sprach, die ich ihnen beim Weggehen so niemals erzählt hätte, auch nicht so schnell. Die Tinder-Dialoge wirken so vertraut, und man fühlte sich weniger allein – aber das ist ein riesiger Trugschluss.

So etwas Ignorantes hatte ich noch nie zuvor erlebt

Nach ein oder zwei Tagen hatte ich mein erstes Date. Ein Augsburger, Anfang 30, der sich mit einem sehr vorteilhaften Bild auf Tinder gezeigt hatte – in Wirklichkeit hätte ich ihn niemals gedated. Immerhin hatten wir einen netten Nachmittag. Währenddessen wischte sich schon ein Surfertyp aus München, Ende 30, in mein Leben – mein zweites Date. Wir trafen uns in Augsburg, gingen essen, unterhielten uns vier Stunden supernett, ein schöner Abend. Zwei Wochen später verabredeten wir uns im Englischen Garten, und er war irgendwie anders. Plötzlich schwärmte er nur von Promi-Frauen wie Sophia Thomalla und Lena Meyer-Landrut. Ich fragte ihn, warum er sein Glück nicht einfach bei Neu-Single Lena versuche, das fand er anscheinend nicht lustig. Als ich Hunger hatte, sagte er nun: „Da vorne ist ein Biergarten, ich nehm die Sonne hier noch mit.“ Ich war sprachlos. So etwas Ignorantes hatte ich noch nie zuvor erlebt. Ich komme nach München gefahren und er lädt mich nicht mal zum Essen ein. Aber es kam noch besser.

Ein „Chef aus München“, Mitte 40, Lederhosentyp, schrieb mich an. Im Chat kam schnell raus: Der Typ ist verheiratet und steht anscheinend drauf, Frauen zu beherrschen oder gar zu erniedrigen. Ob ich devot sei, fragte er mich. Seine sexuellen Vorlieben verriet er mir auch gleich. Offensichtlich suchte er eine Sklavin, für die er nicht bezahlen musste. Als ich ihm Widerworte gab, hat er mich sofort gelöscht.

Eigentlich merkt man recht schnell beim Schreiben, ob jemand was zu sagen hat, ob es passt oder nicht. Dass er keine einfache Person ist, habe ich auch bei einem Mitte-40-Jährigen aus dem östlichen Münchner Umland sofort gemerkt. Er kam beim Schreiben so zickig rüber, dass ich ihm antwortete: „Ich bin nicht dein Feind, ich will dich nur daten.“ Er entschuldigte sich bei mir und schob es auf seinen Tinder-Frust und seine schlechten Erfahrungen. Irgendwie fand ich ihn aber spannend, und er sah sehr gut aus. Er wollte mich besuchen kommen, mit mir essen gehen und in seinem Van schlafen – ich schickte ihm einen Link zu einem ruhigen Parkplatz. Dabei hat er wohl darauf spekuliert, doch bei mir zu schlafen. Das wurde mir wenig später klar: Als wir uns am Abend treffen wollten, hatte ich einen miesen Tag gehabt und schrieb ihm nur, dass ich mir einen harmonischen Abend wünsche. Er antwortete: Das ist mir zu kompliziert. Und sagte ab.

Ich merkte, dass mir das alles immer weniger ausmachte, dass ich durch Tinder abstumpfte. Anscheinend ging das nicht nur mir so. In den Chats stellte ich fest, dass Tinder für viele ein Zeitvertreib ist, um sich besser und weniger alleine zu fühlen. Dass Menschen für sie ein Zeitvertreib sind. Da wird Interesse vorgespielt, wo es nur darum geht, dass man sich selber toll aussehen lässt und sich besser fühlt. Aber das ist nicht echt, alles nur Show und viel Lüge. Tinder ist ein Business, und du hast echt was zu tun.

Aber irgendwie ging es mir nicht gut dabei. Ich merkte, dass auch ich die Tinder-Verhaltensmuster annahm und oberflächlicher wurde. Nach einem netten Date mit einem echt tollen Menschen, einem Ende-40-Jährigen aus München, der zwei erwachsene Kinder hat, meldete ich mich erst einmal nicht. Es hatte zwischen uns nicht gefunkt. Wie sich das Nicht-Melden auf der anderen Seite anfühlt, habe ich wenig später zu spüren bekommen.

Die Tinder-Dialoge wirken so vertraut, und man fühlte sich weniger allein – aber das ist ein riesiger Trugschluss.
Bild: contrastwerkstatt, Adobe Stock

Ich fühlte mich schlecht. Ausgenutzt, nicht verstanden, nicht liebenswert

Nach etwa vier Wochen hatte ich ein Match mit einem Endvierziger aus einem Münchner Nobelviertel. Wir telefonierten schnell, er schickte mir Bilder von seinem Auto, seinem Haus, seinen Kindern und auch der Auswertung seines Persönlichkeitstests. Stundenlang konnten wir über Gott und die Welt sprechen, irgendwie hatte es schon gefunkt, obwohl wir uns noch nicht getroffen hatten. Täglich meldete er sich, und nach ein paar Tagen trafen wir uns in Landsberg. Wir hatten einen wunderbaren Nachmittag mit tollen Gesprächen, zum Abschied versuchte er mich zu küssen – und dann hörte ich plötzlich nichts mehr von ihm. Ich war etwas irritiert und fragte nach ein paar Tagen einfach mal direkt, was denn los sei? Er sagte: Stress gehabt. Wir verabredeten uns noch mal, dieses Mal bei ihm. Und da merkte ich, dass irgendwas seltsam war. Der Mann, der mir gesagt hatte, dass er nur ganz selten Alkohol trinke, schüttete den Rotwein nur so in sich rein. Er hatte nichts zu essen im Haus. Die Kinderzimmer sahen aus wie in einem Katalog. Und im Bad standen vier Zahnbürsten. Es wirkte so, als würde er dort gar nicht permanent wohnen. Als er mir sagte, dass er die Tinder-Frauen nicht möge, die nach einer Beziehung per Wischen einen Neuen suchen, meinte ich: Das machst du doch auch gerade. Das hat ihn anscheinend verletzt. Der Abschied war kühl. Wenig später kam eine Das-war’s-SMS.

Ich fühlte mich schlecht. Ausgenutzt, nicht verstanden, nicht liebenswert. Ich fing an zu zweifeln. An Tinder: Sind da wirklich so viele schräge Vögel unterwegs, oder ziehe ich die an? Und an mir: Bin ich wirklich so kompliziert? Dieser Part an Tinder macht keinen Spaß. Und trotzdem blieb ich dabei, weil ich es irgendwie nicht glauben wollte, hoffte, dass doch ein Normaler dabei ist, und weil es auch irgendwie spannend und kribbelnd war.

Mein nächstes Date war ein Ex-Model, Mitte 40, aus München, der wegen seiner Katzen angeblich die Stadt nicht verlassen konnte. Die Kurzversion: Wir schrieben uns viel, beim Date küssten wir uns, ich sagte ihm, dass erst mal nicht mehr drin ist, er brachte mich zum Auto, schickte mir am nächsten Tag eine Sprachnachricht nach dem Motto: Hätten wir miteinander geschlafen, würde er sich nun erkundigen, wie es mir denn da unten ginge. Eine Frechheit! Ich antwortete höflich, dass ich verstanden habe, wo ich tollen Sex bekommen könnte, ich den aber nicht suche. Da war er beleidigt.

Eine Freundin riet mir, es doch mal mit einem älteren Typen zu versuchen. Also traf ich mich mit dem Hobby-Schauspieler aus München, Anfang 50, der mir seit Wochen täglich „Guten Morgen“ und „Gute Nacht“ schrieb. Nach langem Hin und Her fanden wir endlich einen Termin, zu dem er nach Augsburg kam – zwei Stunden zu spät. Und dann erzählte er mir, dass er vorbestraft sei und dabei gewesen sei, als sein bester Freund erstochen wurde. Nach diesem Date hatte ich endgültig genug von Tinder. Nach 8 Wochen, 60 Matches, 15 Chats, 6 Dates bleibt 1 Erkenntnis: Auf Tinder wertet man sich nur ab, jeder ist per Wisch zu haben und per Wisch auch wieder weg. Liebe findet man so nicht – sie passiert einfach, wenn man nicht damit rechnet.

Die Junge Frau, die das Experiment auf Tinder startete, möchte ihren Namen nicht veröffentlichen. Aufgezeichnet hat ihr Protokoll unsere Kollegin Lea Thies.

Tinder und andere Dating-Plattforman

Millionen Menschen haben Mobile Dating-Apps mit einprägsamen Namen wie Tinder, Lovoo, Badoo, Happn. Jaumo, Bumble, Grindr auf ihrem Smartphone. Allein Tinder (dt: Zunder) zählt nach eigenen Angaben täglich rund 2 Milliarden Seitenaufrufe, außerdem soll es schon über 30 Milliarden hergestellte Kontakte gegeben haben. In den vergangenen Jahren wurde viel über diesen Trend diskutiert.

Befürworter sehen darin einen Gewinn für den Feminismus. Soziologen sagen aber, dass sich durch die Dating-Portale inzwischen das Kennenlern- und Sexualverhalten verändert hat: weniger Hofieren, mehr Gelegenheitssex. „Heute bezahlen Männer höchstens noch den Drink des ersten Dates“, sagte etwa die israelische Soziologin Eva Illouz der „Welt“.

„Sexualität war einst eine mächtige Ware, die nur Frauen vorbehalten war und durch die sie an der Macht des Mannes teilhaben konnten. Aber Sex ist inzwischen umsonst.“ Leidtragende der sexualisierten wie sexuell befreiten Kultur seien insbesondere Frauen, schreibt sie in ihrem Buch „Warum Liebe endet“. Mediziner warnen inzwischen zudem, dass durch den Trend zum Gelegenheitssex sexuell übertragbare Krankheiten wieder auf dem Vormarsch sind.

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