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Interview

27.09.2020

Alicia Keys: "Wir Frauen sind wirklich zu Übermenschlichem fähig"

Alicia Keys hat ihr siebtes Studioalbum herausgebracht und spricht in diesem Interview über ihre Familie, den Unterschied zwischen Männern und Frauen sowie über Rassismus.
Bild: Charles Sykes, dpa

Alicia Keys hat ihr siebtes Album veröffentlicht. Hier spricht der Weltstar über ihre Familie, das eigene Selbstbewusstsein und Rassismus.

Alicia, du hast mit „Empire State Of Mind“ deiner Heimatstadt schon vor Jahren ein musikalisches Denkmal gesetzt. Wird sich New York wieder erholen?

Alicia Keys: Na klar, die Stadt ist ja schon längst dabei,wieder auf die Beine zu kommen. New York wird gut und effizient regiert, die Menschen halten zusammen. Überhaupt ist New York die widerstandsfähigste und zäheste Stadt der Welt. Ich bewundere die Menschen dort für ihre Stärke. New York wird sich niemals unterkriegen lassen.

Seit einem halben Jahr liegt wegen der Corona-Pandemie eine Art Schleier über der Welt. Wie bist du, und wie seid ihr als Familie mit der Situation zurechtgekommen?

Keys: Anfangs habe ich mich unsicher, unwohl und verwirrt gefühlt. Ich wusste nicht, was passiert und was ich tun sollte. Nach einer Weile habe ich erkannt, dass diese erzwungene Verlangsamung auch eine Chance bedeutet. Ich habe noch nie so viel Zeit an einem Stück und an einem Ort mit meinem Mann und mit unseren Kindern verbringen dürfen. Wir waren praktisch die ganze Zeit zusammen.

Du bist seit zehn Jahren mit dem Produzenten Swizz Beatz verheiratet. Konntest du noch neue Seiten an ihm entdecken?

Keys: Wir kennen uns wirklich in- und auswendig. Unsere Verbindung ist super eng, wir haben eine wunderbare Freundschaft, wir wissen aber auch, wie man sich aus dem Weg geht, bevor wir uns gegenseitig auf die Nerven fallen. Wir haben uns echt toll verstanden und auch unsere beiden Jungs noch besser kennengelernt.

Ist deine neue Single, das hymnische „Love Looks Better“, auch von deinem Gatten inspiriert?

Keys: Ja, unsere Liebe spielt da definitiv mit hinein. Swizz ist einfach hinreißend. Jeder, der ihn trifft, findet ihn sympathisch und toll. Er hat eine ganz natürliche Art, mit den Menschen umzugehen und sich ihnen zuzuwenden. Aber der Song, der lange vor Corona fertig war, ist größer als wir beide, und im Angesicht der Pandemie halte ich ihn für noch relevanter. Es geht darum, wie wir im Alltag durchs Leben eilen, so viele Pläne und Erwartungen haben, so schnell sind und unsere Aufmerksamkeit überall verteilen, so dass die Menschen, die wir wirklich lieben, und auch wir selbst, oft etwas zu kurz kommen.

Was lernst du von deinen Söhnen?

Keys: Oh Gott, die Kinder sind so schlau, wirklich supersmart. Der Kleine macht, was er will, und Egypt ist mit seinen neun Jahren schon ein guter Zuhörer, klug und gelassen. Er kann sich auch schon erstaunlich ausdrücken. Songs schreibt er auch schon, und er spielt die ganze Zeit Piano. Ich lerne, ihnen den Raum zu geben, den sie wollen und brauchen. Ihnen aber auch Grenzen zu setzen und diese Grenzen auch einzuhalten. Ich muss ihre Freiräume respektieren, zugleich sollen sie wissen, wo die Freiräume enden. Nämlich dort,wo sie auf die Freiräume der anderen treffen, meinen zum Beispiel. Gegenseitige Wertschätzung ist für uns sehr, sehr wichtig.

Was geht gar nicht?

Keys: Undankbarkeit. Wir beide, mein Mann und mich, möchten,dass die Jungs freundlich und nett sind, anderen Menschen zugewandt. Alles weitere lässt sich diesen Werten unterordnen.

Hast deine Mutter dir diese Werte nahe gebracht?

Keys: Definitiv. Meine Mutter ist ein Leuchtturm für mich,wenn es um den Umgang mit anderen Menschen geht. Sie hat mir immer ihre, wie sie es nannte, „Goldene Regel“ gepredigt: Behandele die anderen so, wie du selbst behandelt werden möchtest. Mit diesem Grundsatz, frei nach Kant, kommt man im Leben ziemlich weit. Selbst wenn diese Aussage erstmal banal klingt, ist sie alles andere als banal.

Alicia Keys ist seit zehn Jahren mit dem Produzenten Swizz Beatz verheiratet und hat mit ihm zwei Söhne.
Bild: dpa

Steht dein Lied „Good Job“, das von einer hart arbeitenden und sich aufopfernden Mutter handelt, in der Tradition deiner Frauen-Power-Songs wie „A Woman’s Worth“, „Superwoman“ oder „Girl On Fire“?

Keys: Ja, voll und ganz. Ich spreche in meinen Liedern immer offen und ehrlich über meine Gefühle und über all das, was mich in meiner Welt beschäftigt. Ich tendiere dazu, Songs zu kreieren, die über die Stärke von Frauen sprechen, die weibliche Kraft und Stärke preisen und ihr huldigen. Denn wir Frauen sind wirklich zu Übermenschlichem fähig, müssen es manchmal auch sein. Und gleichzeitig sind der Ausgleich und die Balance so wichtig. Damit meine ich: Sich selbst zu umsorgen, positiv dir selbst gegenüber eingestellt zu sein, auf dich aufzupassen und dir auch einzugestehen, dass es nicht egoistisch, sondern okay ist, an dich selbst zu denken und einzig auf deine innere Stimme zu hören.

Du sagst, dass du bei der Arbeit an „ALICIA“ die versteckten Teile deiner Persönlichkeit erforscht hast. Was ist dabei zu Tage getreten?

Keys: Viele Aspekte und Eigenschaften, auch Fehler, die ich lange Zeit nicht bereit war zu konfrontieren. Mein dringender Wunsch war es, mich den Schattierungen und Komplexitäten, die in mir wie in allen von uns schlummern, zu stellen. Die Leichen aus dem Keller zu holen.

Hast du ein anderes Selbstvertrauen bekommen?

Keys: Das auch. Vor allem ist es mir endlich gelungen, dem Wunsch nachzugeben, keine Angst mehr vor der eigenen Großartigkeit und vor meinem Können zu haben.

Vor 19 jahren gelang Alicia Keys mit ihrem ersten Album "Songs in A Minor" der Durchbruch. Sie bekam zahlreiche Preise.
Bild: dpa

Kannst du das näher erläutern?

Keys: Speziell Frauen kennen das: Wir machen tolle Sachen, starten Superprojekte und haben phantastische Ideen. Und doch ist da immer diese Unsicherheit, dieses Unbehagen, diese Hemmungen, das alles nach außen zu transportieren und selbstbewusst zu unseren Leistungen zu stehen. Es ist fast,als wenn uns das peinlich wäre.

Warum ist das so?

Keys: Frauen sind zu nett. Wir wollen nicht herausstechen. Wir wollen lieber mitschwimmen im Strom. Doch wir sollten Herausragendes anerkennen und dazu stehen. Wir sind gut, und das sollen wir auch zeigen dürfen.

Warum unterscheiden sich die Geschlechter hier so?

Keys: Ich kann nicht für die Männer sprechen. Ich bin keiner. Aber ich habe das Gefühl, dass Männer mehr gefördert und unterstützt darin werden, Erfolg nicht nur zu haben, sondern auch zu zeigen. Männer kennen in der Regel keine Scham, was den Stolz über das Ausmaß ihres Erfolgs angeht. Also, ich will auch nicht zu stark verallgemeinern, das sind halt meine Erfahrungswerte. Ein Mann lässt dich sehr schnell wissen, was er alles gut kann.

Du bist seit deinem ersten Hit „Fallin‘“ und deinem Debütalbum „Songs In A Minor“ vor 19 Jahren ein Weltstar. Hast du das Feiern deiner selbst über die Jahre vernachlässigt?

Keys: Gott, ja. Ich habe eine Menge verpasst und auf vieles verzichtet. Ich immer heruntergespielt, heruntergespielt, heruntergespielt. Das ging in die Richtung „Ach, das ist doch nichts Besonderes“, oder „So gut bin ich doch gar nicht“.

Wann hat das aufgehört?

Keys: Eine Menge hat sich verändert, als ich meinen Mann kennenlernte. Er verstand meine Zurückhaltung nicht. Er meinte „Wenn sie wegen dir eine Party schmeißen, dann freu dich doch.“ Swizz hat mich dazu gebracht, meine Triumphe zu umarmen, zu sagen „Ja, das war ich, die diesen Song geschrieben hat.“ Ich bin ihm sehr dankbar, dass er mir diese Perspektive verschafft hat.

Von wem ist das Stück „Underdog“ inspiriert?

Keys: Von meinen Freunden und mir. Ich wuchs im damals noch ruppigen New Yorker Stadtteil Hells‘ Kitchen auf, meine Mutter zog mich alleine groß. Wir alle, meine Freunde, Bekannten, versuchten unseren Weg zu finden, unsere Träume zu verwirklichen, es einfach nur irgendwie zu packen, nicht unterzugehen und sich nicht unterkriegen zu lassen. Diesen Glauben daran, dass alles möglich und erreichbar ist, halte ich für eines der wunderbarsten Gefühle überhaupt. Der Underdog ist der, den du anfeuerst. Damals waren wir alle Underdogs.

Du bist mit deiner Musik lange Zeit Klinkenputzen gegangen, die Plattenfirmen wollten dich verbiegen, dich über sexy Outfits und poppigere Songs vermarkten, das Übliche. Hast du in dem Moment, wo du „Fallin‘“geschrieben hast, aufgehört, dich wie ein Underdog zu fühlen?

Keys: Nein, das Gefühl war weiterhin da. Man sagte mir, dass niemand diesen Song oder meine Musik als solche verstehen würde. Weil sie nicht reinpassen würde. Weil sie schlicht nicht gut genug sei. Ich musste mich der Aufgabe stellen, den Leuten zu beweisen, dass sie Unrecht haben.

Du singst auf „Underdog“ diese Zeile über Frauen, die in Gefängnisse gesperrt werden, weil sie ihre Meinung sagen. Wie politisch ist das Lied?

Keys: Alles, was ich in diesem Text anspreche, ist leider Realität. Es geht in dem Song um flüchtige, alltägliche Begegnungen, quasi im Vorbeilaufen. Ich finde es schön, wenn wir uns öfter einen Moment Zeit nehmen würden, um aufmerksam zu sein, diese Menschen vielleicht anzusprechen. Wir können so viel voneinander lernen, das gegenseitige Verständnis und das Miteinander stärken. Von daher ist „Underdog“ weniger ein politischer, sondern vielmehr ein menschlicher Song.

Du engagierst dich intensiv gegen Rassismus und für die„Black Lives Matter“-Bewegung. Deine neue und tieftrauriger Piano-Ballade „Perfect Way To Die“ ist ein bewegendes Plädoyer gegen Polizeibrutalität. Wird sich jetzt, speziell nach dem Tod von George Floyd, endlich etwas verändern?

Keys: Ich bin optimistisch. Die Veränderung besteht bereits darin, dass auch Menschen, die persönlich von Rassismus und Diskriminierung nicht betroffen sind, verstanden haben, dass dieser Schrecken real ist. Und dass die Geringschätzung von schwarzem Leben aufhören muss. Das Töten schwarzer Menschen in diesem Land, den USA, ist eine Krankheit, die nicht weniger hervorstechend und furchterregend ist als Covid-19.

Wie kann die Pandemie des Rassismus besiegt werden?

Keys: Sie wütet seit hunderten von Jahren. Diese mörderische Mentalität wird sich nicht einfach so abstellen lassen. Ich und wir alle werden weiter Druck machen, auf die Regierung, auf die Institutionen. Ich finde es auch sehr wichtig und ermutigend, dass bei euch in Deutschland, in ganz Europa, die Menschen gegen Rassismus und Ungerechtigkeit kämpfen. Zusammen mit „Fridays for Future“ entsteht gerade eine richtige Bürgerbewegung, ein bisschen so wie in den Sechzigern. Junge, aber auch alte Menschen aus allen Winkeln der Welt bekennen Farbe und begehren auf.

Du weist bei jeder Gelegenheit darauf hin, wie bedeutsames ist, bei den US-Präsidentschaftswahlen am 3. November seine Stimme abzugeben. Wird ein anderer Präsident das Land wieder in die Spur bringen können?

Keys: Ein anderer Präsident wird hoffentlich sehr viel weniger trennend, hetzend, spaltend und aufwiegelnd agieren als der noch amtierende. Wir brauchen einen Mentalitätswechsel, insbesondere mehr Zusammenhalt, mehr Chancen für alle, viel mehr Gemeinsinn. Wir dürfen uns nicht mehr länger gegenseitig hassen. Ein neuer Präsident kann helfen, diese Entwicklung in Gang zu setzen, aber wir müssen auch selbst etwas tun.

Ist es momentan, wo überall die zwischenmenschlichen Gräben noch so tief sind, besonders wichtig, umarmende und positive Musik zumachen?

Keys: Ja. Empathie ist meine Mission. Ich habe genug von dem ganzen Bullshit, von all dem Negativen und Destruktiven. Es gibt zu viele Faktoren, die es uns schwer machen, uns gut zu fühlen. Ich persönlich will positive Energie, Licht und Wärme liefern. Musik ist ein Motor der positiven Veränderung und der Inspiration. Und sie ist eine sehr wirksame Medizin.

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