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Musik

25.07.2020

Andi Kiss’ Traum: Wie ein Bayer Schlagerstar werden will

Hier möchte Andi Kiss hin: Als Schlagerstar vor großem Publikum, am liebsten am Ballermann.
Bild: imago, Montage: ws

Plus Olé olé und schalala: Schlager haben einfache Texte und eingängige Melodien. Doch der Weg zum Star ist schwierig. Über einen, der an den Ballermann will.

Ein Steg am Weßlinger See ist an diesem Sommertag Andi Kiss’ Bühne. Der Schlagersänger ist so angezogen wie bei Auftritten: Strohhut, Jeans, T-Shirt, Sneaker. Statt buntem Licht einer Diskokugel funkelt neben Andi Kiss das Wasser in der Mittagssonne. Auf gehts, singen bitte, eine Kostprobe für den Reporter. Andi Kiss breitet die Arme aus: „Sie ist die beste Kellnerin / süß und einfach wunderschön.“ Rechte Hand auf den Bauch: „Suffia / ich will ein Bier von dir.“ Rechte Hand zur Faust: „Suff, Suff, Suffia / alle sind verrückt nach dir.“

Jawoll, das schlägt ein. Eine Frau, die einen Kinderwagen um den See schiebt, fragt: „Na wer singt denn da?“ Andi Kiss, 36 Jahre alt, sagt: „Ich.“ Er gibt der Frau einen orangen Aufkleber mit Suffia-Logo. „Einfach mal bei Youtube eingeben.“ Ob die Frau das macht?

Mit dem Lied über die beste Kellnerin Suffia startet Andi Kiss seit einem Jahr durch. Es ist sein drittes Lied in vier Jahren. Suffia könnte Andi Kiss’ Durchbruch werden. Er ist ein Neuling im Party-Schlager, ein sogenannter Newcomer. Einer, der nach oben will. Oben, das bedeutet „regelmäßig im Bierkönig auf Mallorca auftreten“, sagt Andi Kiss. „Das ist der Ritterschlag. Seit mehreren Jahren ist es mein Traum, Ballermann-Star zu werden.“

Ballermann, die Verballhornung des spanisches Wortes balneario, Badeort. Am Strand von Palma de Mallorca hüpfen und springen in normalen Zeiten Deutsche, Österreicher, Schweizer, Niederländer zu Schlagern, als hätte jeder von ihnen den Bierbauch-Contest gewonnen. Wie schafft es einer oder eine, die Massen mit Musik zu begeistern? Wie wird er oder sie Schlagerstar? Ist das nicht ein Becken voller Haie, in das der Neuling springt wie ein Urlauber vom Balkon in einen Hotelpool?

Er will in die Liga von Mickie Krause und Ingo ohne Flamingo

Die, die es nach oben geschafft haben, nennen sich Peter Wackl, Lorenz Büffel, Isi Glück, Ingo ohne Flamingo, Mickie Krause, Almklausi. Singen Lieder wie „Bierkapitän“, „Inselverbot“, „Mama Laudaaa“, „Malle ist nur einmal im Jahr“, „Saufen morgens, mittags, abends“, „Schatzi schenk mir ein Foto“. Sie haben Bierbäuche, tragen Hörner, Jogginghosen, rote Hüte, Perücken. Einer, Ingo ohne Flamingo, hat sogar eine Entenmaske auf, durch die er kaum etwas sieht.

Ruhig, bedächtig, wenig Alkohol: Andi Kiss scheint eher der Normalo zu sein. Trotzdem feiert er gerne mit den Leuten: „Auf der Bühne animiere ich ein bisschen“, sagt er. Wenn Andi Kiss auftritt, springt er, geht ins Publikum, macht Fotos mit den Leuten, zieht mal an einem Strohhalm. Ein paar Auftritte hatte Andi Kiss schon, bevor das Virus kam. Nun sitzt er in einem Biergarten am See, in seinem Heimatort Weßling, 5500 Einwohner, Kreis Starnberg. Er bestellt Spezi, auf dem Tisch liegen Suffia-Aufkleber und eine Sonnenbrille. Mit der spielt Andi Kiss immer wieder rum.

"Jeder denkt, er kann Ballermann. Aber so einfach ist das nicht!"

„Was für eine super Frau / sie schenkt ein und ich trink aus / Suffia, ich feier dich dafür.“ Etwas „Einprägsames zum Mitgrölen“, Andi Kiss weiß, was er braucht, um Schlagerstar zu werden. Eine Zeile, die auf ein T-Shirt passt. „Suffia – alle sind verrückt nach dir“: geht ganz gut. „Jeder denkt, er kann Ballermann. Aber so einfach ist das nicht“, sagt Andi Kiss und blickt auf den Weßlinger See. „Ein Text darf nicht kompliziert sein.“ Das merkt der gebürtige Münchner bei seinem vorherigen Lied „Jung, ledig, besoffen“. „Der Song ist zu vollgepackt. Wer soll da mitsingen?“, sagt er.

Um es im Schlager-Geschäft nach oben zu schaffen, braucht es neben der richtigen Nummer viel Durchhaltevermögen, sagt Andi Kiss. „Man darf sich nicht ärgern, wenn der erste Song ein Flop ist.“ Für Ausdauer ist Almklausi ein gutes Beispiel. Der Sänger ist seit 15 Jahren am Ballermann, ehe er mit „Mama Laudaaa“ vor zwei Jahren richtig bekannt wird. Almklausi besingt die Mutter von Niki Lauda – damit mal einer die Musik lauda macht, äh aufdreht. Dass die Frau Elisabeth heißt, ist dabei so egal.

Auf einen Namen wie Almklausi muss man erst mal kommen. Ist natürlich nicht der richtige Name. Genauso wenig, wie Andi Kiss Andi Kiss heißt. Sondern Andreas Kiris. „Kiss klingt schöner“, sagt Kiris. In seinem Hauptberuf – das ist noch längst nicht Schlagerstar – ist er selbstständiger Musiklehrer für Schlagzeug und Gitarre. Wie er zum Party-Schlager kommt? „Ich fand schon immer deutsche Musik wie die von den Ärzten gut.“ Andreas Kiris studierte Komposition und Songwriting. Irgendwann fragte ihn ein Produzent, ob er nicht Bock auf Schlager habe.

Hat er. Döpp, döpp, döpp: Wer sich als Schlager-Fan outet, bekommt oft schräge Blicke. Dabei erfährt Schlager – dazu zählt auch der salonfähigere von Helene Fischer, Andrea Berg und Roland Kaiser – seit Jahren einen Aufschwung. 5,75 Millionen Menschen schauen 2019 den Schlagerboom im Fernsehen. Helene Fischer füllt 2018 zahlreiche Stadien. Sie ist eine der bestverdienenden Musikerinnen der Welt, 28 Millionen Euro in einem Jahr.

Andi Kiss vor dem Weßlinger See. Der 36-Jährige möchte Schlagerstar werden.
Bild: Philipp Schulte

Seine Währung: gut eine Million Suffia-Hörer auf Spotify

Andi Kiss’ Währung ist eine andere – noch. Er zieht sein Handy aus der Tasche und zeigt ein paar Zahlen: gut eine Million Suffia-Hörer auf dem Portal Spotify, 65.000 im Monat, 40 in diesem Moment. Zu Kiss’ Bilanz gehören seit vergangenem Jahr auch Auftritte in Großraumdiskos in Passau, Augsburg, München, Lübeck. Er singt in 25 Minuten seine drei Songs und zwei Cover, erhält dafür bis zu vierstellige Beträge plus Spesen.

„Wenn ich nicht mehr stehen kann / dann nimmt sie mich in ihren Arm / Suffia, ich will von dir noch mehr / denn ich liebe dich.“ Das Suffia-Lied fällt Andi Kiss abends auf dem Sofa ein. Ihm ist aufgefallen, dass die Leute immer Suffia statt Sofia sagen. Zunächst hat Kiss nur Fragmente im Kopf, etwas später ganze Zeilen. Einen Song kann er in zwei Stunden schreiben. „Bei Suffia ist es richtig geflutscht.“ Ideen und Melodie kommen Andi Kiss manchmal im Traum und sind beim Aufwachen noch da.

Aber bedient Kiss’ Hit Suffia nicht wie der eine oder andere Schlager Stereotype? Suffia ist mal eine brünette, mal eine blonde Kellnerin mit rotem Lippenstift, leicht angezogen. „Ui“, sagt Andi Kiss. „Der Song ist eine Liebeserklärung an Suffia.“ Besonders Frauen, die Sofia heißen, schrieben ihm.

Mehrere Wege führen zum Schlagerstar

Einer, der weiß, wie ein Neuling Schlagerstar wird, ist Thomas Schenkel. Mehrere Newcomer machte er in den vergangenen Jahren groß. Schenkel, 35 Jahre alt, ist Geschäftsführer der Veranstaltungsreihe Mallorcapartys Deutschland und Chef der Buchungsagentur Summerfield-Booking. Sitz der Firma ist 76456 Kuppenheim, Nähe Baden-Baden. Schenkels Büro befindet sich in einem unscheinbaren Haus in einem Gewerbegebiet, Sichtweite zum Fluss Murg. Im Inneren hängen Auszeichnungen des Bundesverbands der Musikindustrie: über 200.000 verkaufte Einheiten von Lorenz Büffels „Jonny Däpp“ und für den Saufen-Song von Ingo ohne Flamingo.

Wie wird einer Schlagerstar, Herr Schenkel? „Da gibt es unterschiedliche Wege“, sagt Thomas Schenkel und nippt an seinem Latte Macchiato. Nummer eins: Newcomer-Wettbewerb. Gibt es immer mal wieder in den Großraumdiskotheken auf Mallorca. Entdeckungspotenzial hoch. Weg zwei: „Man ist schon berühmt und macht den Quereinstieg.“ Isabel Glück, Miss Germany 2012, probiert sich seit drei Jahren am Ballermann – als Isi Glück.

Nicht nur bei der Namenswahl braucht man Glück: Der Markt der Neueinsteiger ist überfüllt. 40 Mallorca-Künstler gibt es laut Experte Schenkel, früher waren es 15 bis 20. Immer wieder bekommt Schenkels Agentur Videos von Neulingen. Manche nimmt er ins Vorprogramm. Andere fragt er: „Kannst du die Wahrheit ertragen?“

Stundenlohn für einen Auftritt: zwischen 1000 und 20.000 Euro

Etablierte Sänger treten mehrmals im Monat tagsüber und nachts im Bierkönig oder im Megapark auf Mallorca auf. Hinzu kommen Auftritte in Deutschland – auf Geburtstagen, Kabinenpartys, Oktoberfesten. „Den Job kann niemand machen, der ein freies Wochenende haben will“, sagt Thomas Schenkel. Die Grenze zwischen Newcomer und etabliertem Star verläuft für den Experten zwischen „ab und zu für ein Fahrtgeld und regelmäßig für Gagen gebucht“. Sodass man davon leben kann. „Seinen Hauptjob für Schlager zu kündigen, überlegt man sich gut.“ Als Neuling müsse man damit rechnen, auch mal einen Monat nicht aufzutreten. Für 30 bis 45 Minuten verdienen Schlagerstars zwischen 500 und 10.000 Euro.

Olé olé und schalala: Was so schön einfach klingt, ist doch irgendwie schwierig. „Es ist ein steiniger Weg, Party-Schlagerstar zu werden“, sagt Thomas Schenkel. Wichtig ist laut dem Eventmanager, dass die Leute den Künstler genauso gut kennen wie seinen Song. „Oft überwiegt das Lied. Man braucht aber auch ein Gesicht“, sagt Schenkel. Er erinnert sich, wie er vor zehn Jahren Ikke Hüftgold für einen Auftritt mit 300 Euro bezahlte. „Er ist eine Rampensau“, sagt Schenkel. Heute ist der Sänger um ein Vielfaches teurer. Und die Agentur hat zwölf Sänger und vier DJs mehr unter Vertrag. Thomas Schenkel wurde immer wieder aufgefordert, auch mal auf die Bühne zu gehen. „Spinnt ihr?“, sagte er dann.

Andi Kiss’ Song Song wurde als Sommerhit 2020 gehandelt

Was sagt der Schlager-Experte über Newcomer Andi Kiss? „Er hat eine gute Nummer. Man kann ihn mal buchen. Die Frage ist, ob er es schafft, seinen Namen bekannt zu machen.“ Andi Kiss, und damit zurück an den Weßlinger See, hofft, dass er nächstes Jahr wieder auftreten kann. Gerade arbeitet er an neuen Liedern. Inhalt geheim. Ohne Covid-19 wäre er diesen Sommer vielleicht zwischen Weßling und Palma de Mallorca unterwegs. Zur Saisoneröffnung war er eingeladen, danach wollte man sich über mehr unterhalten. Kiss’ Song wurde als Sommerhit gehandelt. „Dass derzeit nichts möglich ist, nagt an mir.“

Trösten kann sich Andi Kiss mit 100 Nachrichten und 40 Autogrammwünschen, die er je Woche über Facebook und Instagram bekommt. Auch Videos von Fans, wie sie trinken und Suffia singen, erhält er. Wie seine Verlobte es findet, dass er es ernst meint mit Party-Schlager? „Super“, sagt Andi Kiss. Nächstes Jahr steht die Hochzeit an. Wie das Paar vielleicht irgendwann ein Kind nennen will, verriet Andi Kiss mal einer Zeitung. Aber nur im Spaß. Egal, ob Mädchen oder Junge: Das Kind soll Suffia heißen.

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