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August-Serie, Teil 3
15.08.2020

Ein Tag im Sommer: Ode an den Nachmittag

16 Uhr an einem Sommertag auf dem Marktplatz in Günzburg.
Foto: Bernhard Weizenegger

Toter Winkel des Tages und die Dehnungsfuge in unserem Alltag: Der Nachmittag ist mal Stillstand, mal rast er vorbei. Wofür man seine Stunden nutzen sollte

Der Nachmittag ist eine tückische Tageszeit. Man watet Richtung Abend durch ihn und weiß nie, ob es seicht bleibt oder plötzlich tief, ob die Zeit fließt oder stockt. Manchmal geht der Nachmittag auch einfach unter zwischen Tagesanbruch und Nacht. Wer fünf Leute fragt, wann eigentlich für sie Nachmittag ist, bekommt mindestens drei verschiedene Antworten. Eins bis fünf. Zwei bis sechs. Drei bis halb sieben. Fragt man an einem verregneten Nachmittag, kann die Antwort auch schon mal „ewig“ lauten.

Der Nachmittag ist der tote Winkel des Tages, oft auch sein Kipppunkt. Wer je um 15.30 Uhr drinnen saß im Wohnzimmer, in dem sich die Ereignislosigkeit staut, und aus lauter Ratlosigkeit den Fernseher einschaltete, um Tennis oder sich anschreiende RTL2-Deutsche zu sehen, der weiß darum, wie sehr der Nachmittag einen still zu demütigen in der Lage ist. Einerseits. Andererseits herrscht nachmittags die größte Freiheit, weil das Gefälle des Tages schon so abgeflacht ist, dass keine andere Phase so geeignet ist, sich frei zu machen von Erwartungen und unterm Radar der Welt zu mäandern. Da kann der Nachmittag zum Festsaal des Gleichmuts und der Gelassenheit werden. Ein Festsaal, in dem die Stühle noch hochgestellt sind und nur irgendwo aus der Küche ein dezentes Klirren und Scheppern zu hören ist. Lazy Afternoon …

Für den Ruheständler ist er die Ausbeulung des Tages

Der Nachmittag ist die Dehnungsfuge in unserem hoch verdichteten Alltag. Manchmal brauchen wir ihn als Puffer, manchmal sehnen wir sein Vorbeischlurfen herbei – und begehen dabei Fehler, deren Tragweite wir beim ziellosen Surfen im Netz bald erfassen. „Diese vier kleinen Nachmittags-Sünden verhindern, dass du abnimmst.“ Denn wisse, moderner Mensch: Nur das Tageslicht nimmt am Nachmittag ganz von selbst langsam ab … Wenn wir bedenken, was Friedrich Nietzsche über die Länge des Tages gesagt hat – nämlich: „Wenn man viel hineinzustecken hat, so hat ein Tag hundert Taschen“ – dann stellt sich jeder je nach Stimmung und Lebensumständen den Nachmittag sicher anders vor. Für den Berufstätigen ist der Nachmittag die Aktentasche, mit der er bald heimpendeln darf. Für den Ruheständler ist der Nachmittag die Ausbeulung des Tages, in der die Zeiger der Taschenuhr unendlich lahm voranschleichen. Früher Nachmittag, später Nachmittag, noch nicht Abend: Die Hinhaltetaktik des Tages kann einem die Taschen mit nichts vollstopfen. Diese Erfahrung hat jeder schon einmal gemacht.

Für Teenager wiederum ist der Nachmittag – wenn es nicht gerade Sonntag ist ... – sowieso die Zeit, in sämtlichen Taschen zu suchen, ob nicht noch irgendwas geht. Die Zeit, noch mal kreuz und quer und rauf und runter das Handy durchzuwischen (so wie die Älteren am Nachmittag vielleicht Kreuzworträtsel in Heften lösen, die schon länger daliegen). Und den Rastlosen rutscht der Nachmittag unbemerkt durch ein Loch in der Hosentasche. Das Pensum ist zu hoch fürs Aufmerken. Gerne auch bei Journalisten, über die der Schweizer Kollege Gerhard Kocher einmal süffisant bemerkte: „Ein Journalist ist jemand, der nachmittags in einem Artikel die Patentlösung für ein Problem vorstellt, von dem er morgens noch nie etwas gehört hatte.“

Es gibt nicht wenige Rituale, mit denen der Nachmittag (und nur der Nachmittag) ausgefüllt oder zumindest stilvoll niedergerungen wird. Die Engländer mit ihrer Afternoon-Teatime, die Deutschen mit dem Nachmittagskaffee und -kuchen, die Spanier mit ihrem Verkriechen im Schatten bis 17 Uhr. Doch halt: Das sind alles bloß noch leere Hülsen. Denn die Beschleunigung unseres Lebenstempos hat viele Traditionen und Gewohnheiten überrollt und abgeschliffen. Gilt überall – auch für après-midi, afternoon, tarde.

Die Welt ist ihrer selbst überdrüssig. Die schönste Plauderstunde des Tages

Gerade der Nachmittag, der fürs Bruttosozialprodukt und die Taktung des Tages eine untergeordnete Rolle spielt, ist in Gefahr, auf der Strecke zu bleiben, im Flimmern zwischen Tagesanbruch und Tagesende zerrieben und zerbröselt statt zelebriert zu werden. Nicht Fisch, nicht Fleisch, je nach Lage der Dinge entweder Nachzügler oder Vorspiel – jedenfalls kein trittfestes, sondern wachsweiches Terrain. Wie oft gähnt uns der Nachmittag an und vermittelt das Gefühl, die Welt sei ihrer selbst gerade jetzt überdrüssig?

Die meisten von uns kostet es übergroße Anstrengung, aus dem gefürchteten Nachmittagstief wieder hochzukommen. Wer weiß, vielleicht haben die Japaner deshalb zwischen Nachmittag und Abend noch eine eigene Tageszeit namens Yugata eingeschoben … Die Vorabendstunde, so golden wie das Feierabendbier. Leisten im Sinne unserer optimierten Gesellschaft können sich Nachmittage eigentlich sowieso nur noch Rentner, Lebenskünstler und Kinder. Für die Senioren gibt es den sogenannten „Bunten Nachmittag“, für die Jüngeren die Nachmittagsbetreuung und Spaß im wimmelnden Freibad. Flaneure und Müßiggänger, von manchen „Tagediebe“ genannt, schätzen die Essenz dieser seltsamen Tageszeit. Denn wenn im Sommer die einen vom Biergartentisch aufgestanden und die anderen sich noch nicht gesetzt haben, entsteht eine entspannte Lücke, in der es sich gut sein lässt. Der Nachmittag in der Cafeteria eines Kaufhauses oder in einer Kneipe, in der man den Hund des einzigen anderen Besuchers gähnen hört … Für freie Radikale, die nicht dem üblichen Raster unterliegen, ist vermutlich die „durchgehend warme Küche“ erfunden worden.

Durchgehend warme Küche: Es ist der schönste andere Ausdruck für Nachmittag, zumal wenn es mit Kreide auf einer Tafel geschrieben steht. Nachmittags ist der Unabhängige König. Wer je in einer Nachmittagsvorstellung im Kino das Echo der Abwesenheit der anderen genossen hat, versteht.

Und natürlich ist der „freie Nachmittag“, sofern er nicht einfach nur verbummelt wird, die schönste Plauderstunde des Tages. Das sah vermutlich auch der 2011 gestorbene Apple-Guru Steve Jobs so, der einmal bemerkte: „Ich würde all meine Technologie für einen Nachmittag mit Sokrates eintauschen.“ (Wer sonst. Hätten Sie etwa auf Bill Gates getippt?)

Der Nachmittag ist vor auch bei Abendschuhen sehr wichtig. Aber ansonsten eher Stiefkind

Mit Sokrates schwätzen oder wenigstens chatten. Das ist schön gesagt von Herrn Jobs. Und wer sehnte sich nicht nach unvergesslichen Nachmittagen? Dem Odem großer Denker und weiser Philosophen? Doch Sokrates ist so tot wie das iPhone 4. Und Baumärkte sind nachmittags keine Spur angenehmer als morgens. Zu was, außer die Hoffnung auf langsam nachlassende Hitze und längere Schatten zu nähren, ist der Nachmittag aber sonst eigentlich gut? Trödeln? Baggersee? Zahnarzt? Behördengänge? Kleiner Scherz. Der Nachmittag (nicht nur am Freitag, wo es ihn gar nicht gibt) ist verdammt kurz auf dem Amt. Dem Bundesverband der Schuh- und Lederwarenindustrie (HDS/L) hingegen verdanken wir einen entscheidenden Hinweis auf die Gunst einer Stunde, die es nur am Nachmittag gibt. Schuhkauf!

Wir zitieren eine gewisse Claudia Schulz von eben dieser HDS/L, die uns erst einmal an die Basics erinnert: „Am Morgen beziehungsweise Vormittag ist der Fuß häufig noch schmal, schwillt aber im Laufe des Tages etwas an.“ Dabei, so sagt Frau Schulz, spiele es keine Rolle, ob es ein heißer Sommertag ist und der Schuhkäufer das Gefühl hat, dass seine Füße schon morgens dicker sind. Mit dem Kauf in der zweiten Tageshälfte gehe man auf Nummer sicher, dass der Schuh oder Stiefel später im Jahr auch am Nachmittag oder Abend noch passt. Und nun kommt unser Lieblingssatz, mit dem wir mühelos über einen langweiligen Nachmittag kommen, an dem die Schuhgeschäfte geschlossen haben: „Vor allem bei Abendschuhen ist es wichtig, sie erst nachmittags auszusuchen.“ Gilt das auch für Pantoffel, den meistgetragenen Abendschuh?

Ob der Schriftsteller Samuel Beckett ein Leben lang in Schuhen herumlief, die ihm zu klein waren, wissen wir nicht. Für den Schuhkauf jedenfalls hatte er keine Zeit, denn es ist von ihm überliefert, dass er am frühen Nachmittag aufstand, sich ein Rührei briet (da haben wir sie wieder, die „durchgehend warme Küche“) und sich sodann in seinem Zimmer einschloss und schrieb. Für den Lyriker und Buchpreisträger Lutz Seiler hingegen sieht der perfekte Tag so aus: „Am Vormittag schreiben, am Nachmittag leichte Gartenarbeit.“ Was Schriftsteller halt so unter „leichter Gartenarbeit“ verstehen. Im Falle Seilers: „Recherche, Lektüre, Mails.“ Leichte Gartenarbeit klingt besser als lästiger Nachmittagskram.

Der Nachmittag bleibt ein Stiefkind. Als existierte er nicht, wird er meistens übersprungen. Unsere Pillen nehmen wir morgens, mittags und abends. Aber ohne den Nachmittag würde uns wirklich etwas fehlen.

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