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24.02.2018

Blockchain: Die Technologie hinter der Kryptowährung Bitcoin

Die Blockchain ist eine Kette aus Blöcken: dezentral gespeicherte und darum kaum zu manipulierende Informationseinheiten.
Bild: Alswart, Fotolia (Symbolbild)

Der Wahn um die digitale Währung Bitcoin mag abgeklungen sein. Revolutionär bleibt die Technik dahinter – nicht nur in Geldfragen. Doch was steckt eigentlich hinter der Blockchain?

Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit gilt zweierlei auch für Sie: 1. Sie haben keinen Bitcoin gekauft; und diesem Trubel, der im vergangenen Jahr um die „Kryptowährung“ im Internet entstanden ist, weil einer der Dinger plötzlich 20.000 Dollar wert war, als echtes Zahlungsmittel – dem standen Sie befremdet bis belustigt gegenüber. Digitalisierter Spekulationswahn. Was für Insider. Und gerade für die meisten Deutschen nichts, die ja mit guten Gründen an ihrem Bargeld hängen.

2. Sie haben vielleicht mal anhand der vielen Artikel darüber versucht zu verstehen, wie das denn funktionieren soll, haben dabei womöglich etwas über die Technik dahinter gelesen, die sogenannte Blockchain: Wie Wasser durch eine Leitung fließt, verbreitet sich der Bitcoin durch eine Blockchain. So ungefähr. Es ist sehr technisch und ziemlich kompliziert. Ganz verstanden haben Sie es nicht. Wozu auch die Mühe, wenn das für Ihr Leben, Ihr Einkaufen keine Rolle spielt?

Blockchain: Diese Technologie wird wohl die Welt verändern

Und muss angesichts der aktuellen Energiefragen nicht ohnehin Abstand nehmen, wer erfährt, dass bereits heute eine einzige Bitcoin-Transaktion mehr Strom verbraucht als ein Einpersonenhaushalt in Deutschland im Monat? Der ganze Bitcoin-Handel im Januar so viel wie ganz Portugal? Und Ende dieses Jahres womöglich dreimal so viel?

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Diese Skepsis aber könnte sich mit Blick auf die schon sehr nahe Zukunft als kurzsichtig erweisen. Denn was sich bereits abzeichnet, ist eine „Blockchain-Revolution“, die „nicht nur das Finanzsystem, sondern die ganze Welt verändern“ wird – so betitelten die Kanadier Don und Alex Tapscott bereits 2016 auch ihr großes Erklärbuch zum Thema (Plassen-Verlag, 440 S., 24,99 Euro). Prominente Propheten jedenfalls finden sich inzwischen in Serie. Darunter EZB-Chef Mario Draghi: „Wir sind sehr zuversichtlich, dass die Blockchain-Technologie in Zukunft sehr nützlich sein wird.“ Oder die Unternehmensberatung Roland Berger in München und der Versicherungsriese Munich Re, die den endgültigen Durchbruch spätestens bis in vier Jahren erwarten. Auch im neuen Koalitionsvertrag der GroKo wird in Sachen Innovation stark auf Blockchain-Unternehmen gesetzt. Aber es geht eben dabei nicht nur um Finanzen und Versicherungen. Sondern auch um Geburten, Grundbesitz – und um die Demokratie.

Dank der Blockchain-Technologie soll in Zukunft auch intelligente Infrastruktur gesichert werden.
Bild: Fabian Sommer, dpa (Symbolbild)

Blockchain soll die Manipulation von Daten unmöglich machen

Die Blockchain also, wörtlich übersetzt eine Kette aus Blöcken: Sie soll vieles schneller und effektiver machen, dazu sicherer sein und gegen die zunehmende Zentralisierung von Macht und Gewinnen helfen. Es sind Verheißungen, die zu Beginn des Internetzeitalters für das Netz an sich galten. 1996, da formulierte einer seiner Pioniere, John Perry Barlow aus Kalifornien, eine „Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace“. Im „Namen der Zukunft“ rief er den „Vertretern der Vergangenheit“ entgegen: „Regierungen der industriellen Welt, wo wir uns versammeln, besitzt ihr keine Macht mehr. Ihr müden Giganten aus Fleisch und Stahl, lasst uns in Ruhe!“ Woran das scheiterte? An Mächten, die aus den Möglichkeiten des Internet selbst erwuchsen: Der Verkehr läuft über die Server der großen Netzunternehmen, dominiert von deren Supercomputern, die Daten werden abgegriffen, gespeichert, verwertet … Es sind bloß neue Mächte entstanden – und neue Mittel für die alten Mächte.

Und genau dagegen geht die Blockchain an. Es ist ein dezentrales System: Hier werden die Verbindungen direkt zwischen Nutzern hergestellt, in diesem Netz sind ausschließlich sie direkt beteiligt – allerdings in ihrer Identität verschlüsselt. So bilden etwa die mit Bitcoins Handelnden ein solches Netz. Und wenn ein Handel getätigt wird, wird dieser nicht wie bei herkömmlichen Überweisungen auf einem Bank-Server gespeichert und zwischen Konten offiziell verrechnet, sondern direkt bei allen in diesem Netz Beteiligten. Und zwar eben in der namensgebenden Kette aus Blöcken. Neu abgeschlossene Transaktionen werden zu einem kodierten Block zusammengefasst, versiegelt und an die Kette mit den Blöcken der vorigen Transaktionen angehängt. Jeder Block übernimmt auch alle bisherigen Daten und wird bei allen Teilnehmern gespeichert. Dadurch soll es quasi unmöglich werden, in diese manipulierend einzugreifen, weil die Blöcke mehrfach gesichert sind: Man müsste auch in zurückliegende einbrechen und das zudem an allen Speicherplätzen.

So funktioniert die Blockchain.
Bild: AZ-Grafik

Blockchain revolutioniert die Arbeit von Hilfsorganisationen

Was dadurch gewonnen ist? Die Übertragung nicht nur von Bitcoins, sondern auch von normalem Geld kann sehr schnell und unabhängig von den Banken geschehen. Das nutzt etwa die Welthungerhilfe bereits. In Flüchtlingslagern wie in Jordanien wurden vor Ort bis Dezember bereits 100.000 Menschen in Not mit einem Irisscan erfasst, bis zum Ende dieses Jahres sollen es über 500.000 sein. Und diese können dann zu einem örtlichen Supermarkt gehen und direkt mit einem Augenaufschlag bezahlen. Denn die Rechnung wird über die Blockchain direkt von der Hilfsorganisation beglichen. Ohne dass der Flüchtling ein Konto bräuchte, ohne die sonst üblichen Überweisungskosten und Sicherheiten. In Brooklyn bezahlen Aktivisten so ihren Solarstrom, in Moskau wird so bereits Grundbesitz registriert, der US-Bundesstaat Illinois plant das gleiche für Geburten.

Firmen wie Bosch arbeiten daran, durch die geschlossenen Netze den Zugriff auf die digitalisierten Haushaltsgeräte abzusichern: Schutz fürs Internet der Dinge. So wie etwa Energieversorger in den USA ihre vernetzten Kraftwerke vor drohenden Hacker-Angriffen abschirmen könnten. In Südafrika bekommen Kinder über die Kette heute schon ihr Pausenbrot. Und genauso können mit der Blockchain all die Menschen, die aus der Ferne ihre Familien unterstützen, abseits der Transferanbieter wie Western Union ihr Geld direkt über tausende Kilometer innerhalb kürzester Zeit auf das Smartphone zu Hause senden.

Auch Banken haben die Chancen der Technologie längst erkannt

Banken und Finanzdienstleister mögen hier wie die Gekniffenen wirken (wohl nicht von ungefähr folgte ein erster Boom der Internetwährungen auf die Finanzkrise von 2008). Aber auch sie haben ihre Chancen in der Technologie längst erkannt. Für Geschäfte untereinander wie im Verarbeiten des Aktienhandels können sie durch die Blockchain auf sogenannte Clearing-Stellen verzichten, die bislang die Handelsbilanzen verrechneten.

Geld und Informationen werden zu unmittelbaren Tauschobjekten zwischen all jenen, die sich in einem Vertrag des Vertrauens zu einem Netz zusammenfügen. Visionäre wie Vater und Sohn Tapscott aus Kanada sehen darin auch große Chancen für die Demokratie: „Online-Abstimmungen auf Blockchain-Basis würden es Bürgern ermöglichen, sich häufiger zu Wort zu melden.“ Ein „zweites demokratisches Zeitalter“! Aber: Sie sehen auch die Gefahren, dass der öffentliche Raum dadurch in immer mehr geschlossene Netze zerfällt. Und bereits heute gibt es im Politischen durch die Digitalisierung ja Optionen wie das „Micro Targeting“. Da werden ausgewählte Botschaften abseits aller öffentlichen Einsehbarkeit nur noch an bestimmte Zielgruppen verschickt. So geschehen im US-Wahlkampf …

Die Anonymität beim Handeln mit Bitcoin lockt viele Kriminelle

Den Propheten der Revolution stehen darum längst die Mahner gegenüber. Denn das ursprünglich freiheitlich gegen die herrschenden Autoritäten Gedachte lässt sich auch gegen die Freiheit einsetzen. Abseits jeder staatlichen Aufsicht können Extremismen blühen, abseits jeder Regulierungsmöglichkeiten durch Staaten und Zentralbanken dunkle Finanzierungsnetze und reinste Spekulationsmärkte. Ein tschechischer Visionär namens Vit Jedlicka aber träumt von einem eigenen Staat, „Liberland“: ein unabhängiges Reich der Freiheit, hierarchiefrei, gründend auf dem Vertrauen zwischen Menschen …

Für die digitale Kryptowährung Bitcoin werden vor allem in China riesige Rechenzentren betrieben. Diese verbruachen inzwischen so viel Strom wie ganze Länder.
Bild: Matthias Balk, dpa (Symbolbild)

Der anfangs freiheitlich gemeinte Bitcoin ist gerade durch die Anonymität beim Handeln aber auch bereits zu einem gefragten Transaktionsmittel von Kriminellen und Extremisten geworden. Und was die erhoffte Dezentralisierung angeht: Da hat der Erfolg jener Währung den Traum zerstört. Ursprünglich sollte jeder mit seinem Rechner einen Bitcoin erstellen können (genannt „Mining“, wie das Schürfen aus Goldminen) – gedacht war das einst als Belohnung für nützliche Dienste im Netz, etwa für das Produzieren eines neuen sicheren Blocks. Aber je größer das Netz wurde, desto mehr Rechenkraft wurde nötig. Und so kommen fast alle Bitcoins inzwischen aus riesigen Rechenzentren – in China.

Die GroKo hat sich bessere Kontrolle im Netz vorgenommen

Der Sinn der Blockchain für kleine, von einer öffentlichen Institution betriebene Anwendungen wie die der Welthungerhilfe oder kommunale Register leuchtet ein, der Nutzen zur Absicherung von manipulationsgefährdeten Netzen ebenso. Sollte aber tatsächlich die bis in unseren Alltag hineinreichende Revolution kommen, dann wird sie wohl wieder zu einem Instrument neuer oder alter, jedenfalls noch schwerer kontrollierbarer Macht werden.

Und Sie? Werden sich in ein paar Jahren womöglich einfach einklinken müssen. Ohne jemals alles zu verstehen. Wie schon im Internet. Und es wird wohl funktionieren, irgendwie. Die GroKo jedenfalls hat sich vorgenommen, für bessere Kontrolle zu sorgen – im Netzwerk des Vertrauens.

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