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14.03.2021

Christian Krachts "Eurotrash": Ich, verloren im Spiegel

Christian Kracht hat nun nach 25 Jahren mit "Eurotrash" die Fortsetzung seines Bestsellers "Faserland" geschrieben.
Foto: Frauke Finsterwalder/dpa

Wie einst beim Bestseller „Faserland“ stellt sich auch bei der Fortsetzung „Eurotrash“ die Frage: Von wem ist hier eigentlich die Rede?

Man war damals ja gerne traurig gewesen, wenn man das so sagen kann. Man hatte diesen namenlosen, etwas schnöseligen aber auch zaghaften jungen Herrn ja gerne von Sylt bis nach Zürich begleitet. Man hatte sich lange gefragt, was es ganz am Ende bedeutete, dieses: „Schon bald“. Die Reise durch „Faserland“, dieser exaltierte BRD-Roadtrip mit Barbourjacke, hatte enden müssen, irgendwie. Natürlich. Aber wie bei allem, was Eindruck hinterlässt, hallte die Fiktion lange nach.

Es ist sehr vieles, aber nicht Pop

Ein neuer Kracht, also. Erwartungsfroh war man ohnehin gewesen. Denn die Literatur-Jahre, in denen ein solcher erscheint, sind ja doch die besseren. Es ist dann einfach mehr geboten. Das galt 1995, galt dazwischen und gilt jetzt. Damals „Faserland“, heute „Eurotrash“, zuletzt, 2016, „Die Toten“. Damals das teilweise heftig verrissene Debüt des damaligen Tempo-Schreibers, das – berechtigt oder nicht – zum Epoche machenden Erstling der zweiten Phase deutscher Popliteratur (was auch immer das genau sein mag) wurde. Nun der auf Facebook und so von Christian Kracht sorgfältig geteaserte Nachfolger, der sicher alles Mögliche und ganz sicher sehr vieles, aber nicht Pop ist.

Wieder Zürich, aber mit Frau Mama

Der neue Roman beginnt, wo der alte endete. In Zürich. Mit dem inzwischen recht häufig zitierten „Also“. Wenn also damals, in „Faserland“, dieser leicht snobistisch anmutende, einem ordentlich zubereiteten Scotch mit Soda gerne zugewandte Mann, sich im Deutschland der 90er verliert, bekommt er es gut 25 Jahre später in „Eurotrash“ mit der Frau Mama zu tun. Sie hatte ihn gebeten, rasch zu kommen. Was den zunächst noch namenlosen Ich-Erzähler sehr nervös macht, denn die Mutter ist psychisch erkrankt und spricht reichlich dem Weißwein und dem Wodka zu, muss Medikamente nehmen. Die beiden werden sich, natürlich in einem Taxi, auf eine Rundreise durch die Schweiz machen, die, obwohl es hoch hinaus geht und viele Schweizer Franken regnen wird, zugleich auch eine Höllenfahrt zu den eigenen Abgründen, der schwer erträglichen Vergangenheit ist.

Ein geschickt angelegtes Spiegelkabinett

Interessant ist dabei die Frage, wer das erzählt, wessen Vergangenheit tatsächlich verhandelt wird. Denn der Namenlose von damals stellt sich gleich zu Beginn von „Eurotrash“ als jener Erzähler vor, der „vor einem Vierteljahrhundert eine Geschichte geschrieben hatte, die ich aus irgendeinem Grund, der mir nun leider nicht mehr einfällt, Faserland genannt hatte.“ Wenig später erfährt der Leser, dass dieser Erzähler Christian Kracht heißt. Genau wie dessen Vater. Und damit beginnen die Brechungen in diesem überaus geschickt angelegten „Spiegelkabinett“, wie Kracht es nennt.

Es gibt viele Parallelen zu Kracht selbst

Der ist nicht dafür bekannt, seine Romane in Interviews oder gar Talkshows zu zerreden. So schweigsam war er nicht immer und es bleibt gewiss zu vermuten, dass er Aufmerksamkeit schätzt. Aber wer etwas zu sagen hat, macht sich inzwischen doch besser ein bisschen selten. Wenn alle dauernd auf Sendung sind, verschafft Reduktion mehr Gehör. Offensichtlich zumindest. Der Schweizer versteht es jedenfalls ziemlich virtuos, sich durch wenig viel Geltung zu verschaffen. Zum Erscheinen seines neuen Buches hat er genau ein Interview gegeben. Das gefällt und darin sagt er: „In all meinen Romanen gibt es eine bestimmte Stelle, in der sich der Erzähler vor einem Spiegel wiederfindet, oft ist es auch ein Doppelspiegel, in dem sich dann das gespiegelte Bild in der Unendlichkeit verliert.“

Es gibt viele Parallelen zwischen dem Erzähler, der Romanfigur, Christian Kracht und dem Autor Christian Kracht. Beide sind Eidgenossen, bei beiden ist der bereits verstorbene Vater ein Emporkömmling gewesen, der lange Zeit die rechte Hand des Medienzaren Axel C. Springers war. Der Vater der Mutter ist bei beiden ein Nazi-Verbrecher gewesen. Es gibt in dieser Familie Schuld, Grauen, Unheil.

Er erzählt von einer Vergewaltigung - ein Drehmoment im Roman

Er schreibt – im Roman – von der Mutter, von dem „erbarmungslosen Reaktorunglück ihres Lebens“, berichtet, dass sie als Elfjährige von einem Fahrradhändler vergewaltigt worden war. Woraufhin Kracht ihr erzählt, dass auch er im kanadischen Internat von einem anglikanischen Priester sexuell missbraucht wurde. Es ist die wichtigste Szene des Buches. Ein Drehmoment. Für den Roman hin zum Verfasser. Denn auch der Autor Christian Kracht wurde als Kind sexuell von eben jenem anglikanischen Priester sexuell missbraucht. Das hatte der 54-Jährige vor drei Jahren während der Frankfurter Poetikvorlesung öffentlich gemacht und damit der Deutung seines Werkes eine andere Richtung gewiesen.

Christian Kracht hat, im Interview nach dem Grund für seine Offenheit gefragt, diese zum einen mit der ihm von seiner Psychoanalytikerin zugeratenen therapeutischen Wirkung beantwortet. Dass es zudem andere ermutigen könnte, die ähnliches durchlitten haben. Außerdem erklärte er, dass er seiner Therapeutin sehr dankbar sei. „Ich habe ihr soundso viel zu verdanken, auch die Idee, dass man aus dem Kreis ausbrechen müsse, um das Epigenetische zu unterbrechen. Also das Schicksal, das transkriptionale Zellengedächtnis. Man könne das bewusst ändern.“

Im Roman heißt es: „Meine Güte, dieses Leben, was für ein perfides elendes kümmerliches Dramolett es doch war, dachte ich, während ich weiter an die Decke des Hotelzimmers starrte und sah, daß dies tatsächlich die ewige Wiederkunft war, unser Unvermögen, der Zeit einen Anfang zu setzen, aeternitas a parte ante, wie es mir einmal ein Geistlicher in Florenz zu erklären versucht hatte. Sollte es aber gelingen, den Kreislauf der Geschichte zu unterbrechen, dann könne man nicht nur die Zukunft direkt beeinflussen, sondern auch die Vergangenheit.“

So erklären sich Autor und Romanfigur, die – jenseits dieser existenziellen Episode – natürlich nicht vollkommen identisch sind.

Kracht hat bereits in seinen Frankfurter Poetikvorlesungen, die nicht auf Band aufgenommen werden durften, begonnen, sich mehr zu erklären, sich quasi der Richtlinienkompetenz über sein gewiss nicht leicht zu deutendes Werk zu vergewissern. Womit hier gar nicht die vielleicht wohlfeil auf Skandal ausgelegte Diez-Debatte (Rassismus-Vorwürfe, führt hier zu weit) gemeint ist, sondern Krachts Hinweise zu den seine männlichen Romanfiguren umgebenden „Körperpanzern“, eine Beschreibung, die auf den Literaturwissenschaftler Klaus Theweleit zurückgeht. Die nun wieder – zumindest einen – Zugang zu „Eurotrash“ erleichtern.

Lustige Wort-Scharmützel machen die tödliche Traurigkeit erträglich

Denn die so verrückte wie hellsichtige Mutter im Buch trägt keinen Panzer. Sie kennt ihren wohlstandsverwahrlosten Sohn und dessen Schwächen allzu gut. Sie weiß warum er sie auf seinen nächsten, diesmal kathartischen Roadtrip durch die Schweiz mitnimmt, eine „Tragödie mit komödiantischen Elementen“. Es sind die rasanten, sehr lustigen Wort-Scharmützel, die die tödliche Traurigkeit, die auch diesen Kracht-Roman immer wieder überkommt, erträglich macht.

Also. Es gäbe noch manches zu sagen, über das autofiktionale Konstrukt, über Krachts Sprache, die so wunderbar Nähe erzeugen kann, in der aber immer wieder der kalte Stahl aufblitzt. Die man mögen oder manieriert finden kann. Über den Autor Kracht, der vor langen Jahren mit „Tristesse Royal“ zum „popkulturellen Quintett“ gehörte. Eine Marke, von dessen Etikett er länger etwas haben sollte, als ihm lieb war.

Wenn Popliteratur auch die Fortsetzung des Schreibens mit oberflächlich Mitteln (gewesen) sein sollte, dann war diese Zuschreibung für Krachts Romane eigentlich nie griffig. Und dass er sich in „Eurotrash“ einen dunkelbraunen, etwas groben, in einer Nazi-Kommune gefertigten No-Name-Pullover kauft, ist eher kein Zufall. Dass seine famos-biestig-rührende Frau Mama findet, dass er in seiner Barbourjacke früher immer so „manierlich“ ausgesehen habe, auch nicht.

Kracht selbst hat sich ohnehin längstens vom Pop distanziert. Seine große Literatur braucht kein Label.


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