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Sachbuch

13.10.2019

"Das Duell": Zwei Männer der Literatur aneinander gekettet

Volker Weidermann: Das Duell
Bild: Kiepenheuer & Witsch

Plus Auf 300 Seiten springt der Schriftsteller zwischen den Biografien von Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki hin und her. Und er webt daraus eine dritte: die des Duells.

Eine versöhnliche Geschichte steht diesem Buch voran: Wie sich in Lübeck im Jahr 2003 zwei alte Männer treffen. „Welch Glanz in meiner Hütte“, sagt der eine, der Großschriftsteller, der in diesem ihm gewidmeten Museum auch sein Sekretariat hat, und der andere, der Literaturpapst, lacht und sagt: „Mein Lieber.“ Eine Stunde lang sitzen die beiden zusammen. Danach schreibt der Großschriftsteller über diese Begegnung: „Ich hätte ihn umarmen sollen.“

Der Autor sitzt am Rande der Arena und leidet mit

Hätte. Es ist das letzte Treffen von Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki und indem Volker Weidermann dessen Schilderung an den Anfang seines Buches „Das Duell“ stellt, sozusagen ein Auftakt in Sepia, lässt sich schon erahnen, welche Position er sich selbst in diesem Kampf gibt. Er sitzt am Rande der Arena und leidet mit. Mit diesen zwei Männern, die nicht voneinander loskommen, was Grass dazu bringt, beim letzten Treffen der Gruppe 47 zu klagen, es sei bedauerlich, dass das deutsche Scheidungsrecht keine Trennung zwischen Autor und Kritiker vorsehe, dass er also offenbar ein Leben lang an diesen Mann gekettet sei.

Auf knapp 300 Seiten springt der Literaturkritiker und Schriftsteller zwischen den Biografien der beiden hin und her: „...ineinander verhakt, einander antreibend, inspirierend, fürchtend, bewundernd. Miteinander langsamer älter werden. Zu Legenden. Und zu Feindbildern.“ Und er webt daraus eine dritte Biografie: die des Duells. Weidermann erzählt klug, geschickt, einfühlsam, unterhaltend, manchmal nimmt sein Stakkato-Ton überhand, geschenkt. Die stärksten Passagen sind diejenigen, in denen er sich Reich-Ranicki nähert, diesem leidenschaftlichen Büchernarr, der in der deutschen Literaturfamilie der jüdische Außenseiter bleibt. „Ranicki gehört einfach nicht zur Clique“, schreibt Hans Werner Richter von der Gruppe 47. Man möchte, wenn man Weidermanns Buch zugeklappt hat, im Grunde gerne gleich ein anderes aufschlagen: Reich-Ranickis Autobiografie „Mein Leben“.

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Freundschaft ist immer wieder möglich, Feindschaft nicht zu vermeiden

Dass seine Triple-Biografie sich dennoch nicht ganz rundet, liegt am Zugriff. Weil er sein Unterfangen chronologisch angeht, bleibt er im Grunde Nacherzähler: Geburt 1927 in Danzig, Geburt 1920 in Wloclawek, der eine noch nicht ganz Erwachsener bei der Waffen-SS, der andere dem unendlichen Horror des Warschauer Gettos ausgeliefert... Und so ist man schon fast in der Mitte des Buches angelangt, bis die eigentliche Geschichte, die des Duells, beginnt. Das erste Treffen der beiden, über das es unterschiedliche Versionen gibt: 1958 in Warschau im Hotel Bristol, auf Vermittlung eines gemeinsamen Freundes, begegnen sich Dichter und Kritiker, der Ruhm liegt noch vor ihnen. Grass schreibt gerade an der Blechtrommel, Reich-Ranicki bereitet sein neues Leben in Deutschland vor. Der Nachmittag gestaltet sich langweilig und zäh, den gemeinsamen Freund soll Reich-Ranicki erzählt haben: „Pass auf. Das ist kein deutscher Schriftsteller. Das ist ein bulgarischer Agent.“ Ab dann wird ihre Geschichte zu einer gemeinsamen: Wird Reich-Ranicki für die Zeit, später die FAZ rezensieren, was Grass schreibt, darunter: grandiose Verrisse. Wird Grass die Überlebensgeschichte von Reich-Ranicki in Literatur verwandeln. Wird Reich-Ranicki zum Großkritiker und Fernsehstar und Grass zum ersten deutschen Nobelpreisträger nach Böll.

Freundschaft ist immer wieder möglich, die Feindschaft aber offenbar nicht zu vermeiden. Als 1995 Marcel Reich-Ranicki im Spiegel das Buch „Das weite Feld“ tatsächlich sprichwörtlich zerreißt, sagt Grass: „Dem geb ich nie mehr die Hand.“ Er tut es dann doch. Umarmen aber nicht.

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