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75 Jahre Kriegsende

10.05.2020

Das Nachkriegs-Album unserer Leser: Täglich eine neue Folge

Vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. Leserinnen und Leser schildern uns, wie sie diese Zeit damals erlebten. Wir veröffentlichen hier jeden Tag einen neuen Text mit bewegenden Erinnerungen.
Bild: privat

Es war das Ende – und ein Neuanfang in Trümmern. Leserinnen und Leser haben uns ihre bewegenden Erinnerungen an die Zeit vor 75 Jahren geschickt. Hier veröffentlichen wir ab sofort jeden Tag einen neuen Text.

Ingeborg Pudel, Ellgau:

Meine Mutter war Rossknecht auf dem Gutshof in Ellgau und musste täglich mit den Pferden aufs Feld. Damals mussten Lebensmittel wie Kartoffeln, Kraut und Gelbe Rüben an die Amerikaner abgeliefert werden. Die große Station des Militärs war in Göggingen. Meine Mutter musste mit dem großen Pferdefuhrwerk von Ellgau nach Augsburg fahren, um für die US-Armee Kartoffeln abzuliefern.

Die Stadt war ein einziger Trümmerhaufen. Es war kein Stein auf dem anderen. Die Straßen waren so schmal, dass gerade die Straßenbahn durchkam. Meine Mutter fuhr mit ihrem Gespann den Perlachberg hoch und es kam uns eine Straßenbahn entgegen. Die Pferde bekamen Angst und stiegen hoch. Da die Straßenbahn nicht rückwärtsfahren konnte, musste Mutter die wilden Pferde samt Wagen rückwärts den Berg runterbringen. Ich als neunjähriges Kind saß mit Todesangst auf den Kartoffeln, die haufenweise auf die Straße fielen. Die Passanten rauften sich um die Kartoffeln. Wie wir nach Göggingen und wieder zurück nach Hause kamen, weiß ich nicht mehr. Aber diese Schreckensmomente haben sich bei mir eingebrannt. Meine Mutter musste sechs Jahre Schwerstarbeit leisten, um uns zwei Kinder durchzubringen, da unser Vater gefallen war.

Das Nachkriegs-Album unserer Leser: Täglich eine neue Folge


Andreas Kuchta, Kappel/Schweiz – damals nach Mering verschlagen:

Am 8. Mai 1945 war Waffenstillstand. Großes Aufatmen. Über die Landstraßen ergossen sich Ströme von Menschen. Viele Soldaten waren darunter. Alle wollten irgendwie in ihre Heimat, sofern es für sie eine gab. Wir lebten in der amerikanischen Zone. Langsam entwickelte sich ein Nachkriegsleben in Maxhütte-Haidhof/Oberpfalz. Die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln war ungenügend. Ein Koffer, den mein Vater gepackt hatte, war voll von fabrikneuer Bett- und Tischwäsche von Dierig. Wir konnten sie nach und nach bei den Bauern gegen Mehl, Milch und Eiern eintauschen. Wir Jungen hatten häufig die Chance, etwas aus den Nahrungsmittelbeständen der US-Armee zu ergattern. Oft standen unbeaufsichtigte Jeeps voll mit „Rations“ herum.

Diese Rationen waren heiß begehrt. Es gab die Varianten „Supper“, „Lunch“ und „Breakfast“. Die Zusammensetzung der Inhalte weiß ich nicht mehr genau. Die Ware war in zigarrenkistenförmigen Päckchen, welche in eine olivgrüne Wachsschicht eingehüllt waren. Auf jeden Fall waren hochwillkommene Dosen mit Corned Beef, eine Art Knäckebrot, Schokolade, Drops und Kaugummi aufzufinden. Ha, das war was! Eine andere Quelle war am Anfang der Wald, in dem die Soldaten kampiert hatten. Restvorräte nahmen sie nicht mit auf den Rückweg in die Staaten. Sie vergruben ganz viel Brauchbares nur oberflächlich. Sobald die Soldaten abgezogen waren, buddelten wir alles wieder heraus. Große Beute: noch verschlossene Behälter Pulverkaffee. Man konnte damit Tauschgeschäfte machen.

Ich wollte auch mal wieder Schulunterricht haben. Ein ebenfalls geflüchteter Lehrer aus dem Sudetengau sammelte in Maxhütte die Kinder zusammen und bildete provisorische Klassen. Zusammengewürfelt aus unterschiedlichen Schulstufen gestaltete sich alles schwierig. Besonders für den Lehrer. Dieser Mann war für mich der erste menschliche Lehrer meines Lebens. Wir hatten kaum Schreibmaterial und Lehrbücher. Solche aus der Nazizeit durften nicht weiterverwendet werden. Als ich noch die Grundschule in Langenbielau besucht hatte, gab es eine Turnhalle. Der Turnunterricht wurde mit unserer Straßenkleidung durchgeführt. Wir alle hatten weder Turnhosen noch Sporthemden, von Turnschuhen ganz zu schweigen. Hinterher war unsere Kleidung verschwitzt und alle fingen an, nach altem Schweiß zu stinken. Das fiel nicht groß auf, weil damals fast alle Menschen stanken. Duschen jeden Tag, Wäsche wechseln jeden Tag, das gab es einfach nicht. Deos waren noch nicht erfunden. Ich wurde dann an der Oberrealschule Schwandorf angemeldet. Jeden Tag pendelte ich von Maxhütte nach Schwandorf und zurück. Oft fiel der Zug aus und ich versuchte, per Anhalter ans Ziel zu gelangen. Ich hatte wenig zu essen. Der Tag war lang, und einige Male habe ich in einer Bäckerei um Brot gebettelt. Deshalb ist mir Brot heute noch heilig.

Sie nannten uns "Huaraflüchtlinge"

Ich weiß nicht warum, niemand hatte es mir erklärt: Im Frühjahr 1946 wurden wir Flüchtlinge aus dem Osten eingesammelt und auf Flüchtlingslager verteilt. Mutter, meine Schwester Bärbel und ich kamen nach Charlottenhof. Ein Schloss ganz in der Nähe von Schwandorf. Wir wohnten dort in Baracken. Unser Zimmer war etwa 20 Quadratmeter groß und hatte Etagenbetten. Wir mussten darin mit bis zu zwölf Personen leben. Gemischte Gesellschaft, von der Oma bis zu mir Jugendlichen. Zwei ehemalige Soldaten waren auch da. Traumatisierte brutale Typen mit lockeren Schlägerhänden. Das Lager stand unter der Obhut der Flüchtlingsorganisation der Vereinten Nationen. Wir bekamen Verpflegung und Waschgelegenheit. Wir waren damals oft der Aggression der Einheimischen ausgesetzt. In einer Mittagspause der Schule ging ich mit einem Kollegen, der auch aus dem Osten kam, im nahen Park spazieren. Da erschien eine Gruppe von Jugendlichen. Sie beschimpften uns und nannten uns „Huaraflüchtlinge“ und wollten uns verprügeln. Wir nahmen Reißaus. Ein Steinhagel begleitete uns. Zum Glück wurden wir nicht getroffen.

Meine älteste Schwester Hanna hatte, wie ich später erfuhr, den Militärdienst schadlos überstanden. Sie hatte schon eine Stelle als Kinderbetreuerin in Mering bei Augsburg. Es gelang Hanna, unseren Aufenthaltsort ausfindig zu machen. Sie holte uns aus dem Lager. In Mering wohnten wir zuerst im Bahnhofshotel. Welch ein Kontrast zum Lager. Recht bald fanden wir ein Quartier in einem kleinen Privathaus. Im oberen Stock mit zwei Zimmern. Hanna fand auch heraus, dass Vater in einem Auffanglager in der sowjetisch besetzten Zone war. Von dort holte sie ihn nach Mering. Nun waren wir wieder vereint. Die Stimmung war sehr gedämpft. Die Geschehnisse der vergangenen Monate hatte uns alle rat- und mutlos gemacht.


Frieda Denk, Lauingen:

Ich war zwei Jahre alt, als wir von zu Hause flüchten mussten. Und ich war 13, als ich nach vielen Stationen zusammen mit meiner Mutter, die damals 46 Jahre alt war, meinen drei Schwestern (21, acht und sieben Jahre) im März 1945 in Mörslingen im Landkreis Dillingen angekommen bin. Damals mussten alle „Einheimischen“ Flüchtlinge aufnehmen. Deshalb wurden wir gleich nach der Ankunft verteilt. Meine Mutter und meine beiden kleinen Schwestern und ich zusammen in der Nachbarschaft. Es war normal, dass immer zwei Kinder zusammen in einem Bett schlafen mussten. Die Bauern waren natürlich nicht begeistert, dass sie nun Flüchtlinge unter ihrem Dach dulden mussten. Das ließen sie uns bei jeder Gelegenheit spüren. „Faule Zigeuner“ war da noch die harmloseste Beschimpfung. Wir hatten nur das, was wir am Leibe trugen und einen kleinen Koffer – alles andere musste auf der Flucht immer wieder aufgegeben werden. Es war eine schwere Zeit. Zum Umstand, nicht willkommen zu sein, kamen Hunger und Armut. Oft ging ich in den Nachbarorten von Tür zu Tür und bettelte um ein bisschen Brot für meine Geschwister und mich. Nicht selten ohne Erfolg. Wenn dann doch barmherzige Menschen mir etwas Brot gaben, setzte ich mich zuerst hinter eine Mauer und aß mich satt – den Rest brachte ich nach Hause. Um uns selber zu helfen, gingen wir auf die Felder, um Ähren zu sammeln, die dort nach der Ernte noch lagen. Ohne Schuhe (wir hatten ja keine mehr) wurden die Füße blutig von den Stoppeln des Getreides. Aus dem wenigen Gefundenen machte meine Mutter dann etwas Mehl für uns. Oder wir sammelten die nach der Ernte übrigen Kartoffeln auf, die teilweise schon erfroren oder verfault waren. Hauptsache, etwas zu essen.

Der Bauer verjagte uns mit der Peitsche

Wehe, wenn wir uns erlaubten, am Wegesrand Fallobst aufzusammeln. Dann kam der Bauer mit der Peitsche und verjagte uns oder drohte, den Hund auf uns zu hetzen. Für meine Mutter – mein Vater war im Krieg gefallen, mein älterer Bruder ebenfalls – war es sehr schwer, uns Kinder durchzubringen. Sie ging oft zu Fuß zu den Müllern der Gegend, um nach etwas Mehl zu fragen. In guter Erinnerung blieb uns in diesem Zusammenhang der Brunnenmüller in Finningen. Er hatte immer etwas Mehl für uns übrig. Dafür bin ich heute noch dankbar.

Eine besondere Herausforderung war für mich auch die Schule. Durch die Flucht hatte ich keine Möglichkeit, irgendwo ein Schuljahr zu Ende zu besuchen. In Mörslingen erwartete man gleich viel von mir – das war schwer … Meine Banknachbarin war ein einheimisches Mädchen. Eines Tages trug sie in der Schule einen breiten goldenen Armreif, der als Schlange geformt war, mit zwei grünen Steinen, die die Augen bildeten. Als ich sie darauf ansprach, wo sie diesen ausgesprochen schönen und wertvollen Reif herhabe, sagte sie, dass ihre Mutter ihn für ein Stück Butter eingetauscht hatte.

Zu dieser Zeit kamen oft Menschen aus Augsburg aufs Land und hatten die Wertsachen, die sie noch besaßen, dabei, um dafür Lebensmittel einzutauschen. Oft zu einem Bruchteil von dem, was diese Gegenstände wie Schmuck, Silber oder edle Wäsche wert waren … Zu dieser Zeit gab es sogenannte Lebensmittelmarken, die meine Mutter für sich und uns Kinder bekam. Diese waren in verschiedene Gattungen unterteilt. Zum Beispiel Fett, Brot, Milch etc. Immer für einen Monat. Man musste sie ausschneiden und die Geschäfte mussten sie aufkleben, um dann den Gegenwert dafür zu erhalten. Außerdem gab es für alle Erwachsenen sogenannte Rauchermarken. Auch meine Mutter und meine große Schwester bekamen diese. Da beide nicht rauchten, konnten wir dafür oft auch etwas eintauschen. Zum Beispiel ein bisschen Speck oder Kartoffeln. Da konnten wir einmal im Monat etwas Nahrhaftes essen! Zu dieser Zeit gab es auch keine Arbeit, um etwas verdienen zu können. Meine große Schwester arbeitete bei einem Bauern, bei dem sie einquartiert war, den ganzen Tag schwer. Dafür bekam sie einen Liter Milch und etwas Brot, das eigentlich gerade für sie reichte. Trotzdem gab sie uns immer etwas ab, bevor sie vor Müdigkeit schon am Abendbrottisch einschlief.

Etwas später hatte ich auch von der Möglichkeit gehört, in Dillingen in einer Drahtfabrik zu arbeiten. Dort wurden Maschendrahtzäune hergestellt. Also ging ich zu Fuß jeden Tag von Mörslingen nach Dillingen und arbeitete dort. Einmal habe ich mich gemeldet, um Dächer zu teeren. Dabei machte ich meine Kleidung kaputt und mein einziges Paar Schuhe. Zu allem Übel wurde mir nicht einmal der Lohn gezahlt, und ich war gezwungen, diesen einzuklagen … Ach, es waren sehr schwere Zeiten. Ich wünsche niemandem, so was zu erleben. Trotzdem bin ich zufrieden, wie sich alles entwickelt hat und habe keinen Gram.


Gertrud Kunzmann, Augsburg:

Im Mai 1945 war ich noch keine neun Jahre alt und mir kam plötzlich alles ganz seltsam vor. Ich hörte keine Sirenen mehr und musste nicht mehr Tag und Nacht das Köfferchen und in den Bunker springen. Auch auf dem Schulweg brauchte man keine Angst mehr vor den Tieffliegern haben, die immer auf uns schossen wie auf Hasen. Ja, für uns Kinder war es wieder lebenswert, denn wir konnten wieder auf die Straße, Hüpfspiele, Ballspiele, kreiseln und mit den Murmeln spielen.

Zur damaligen Zeit war Ausgangssperre. Man durfte nach 20 Uhr nicht mehr das Haus verlassen. Eines Nachts um ein Uhr bekam mein Vater so starke Bauchschmerzen, dass meine Mutter mit ihm ins Krankenhaus musste. Mit Müh und Not half sie meinem Vater in den Leiterwagen. Sie fuhr mit ihm zu der Meldestelle der Amerikaner (diese waren nicht weit von uns einquartiert) und musste um Erlaubnis bitten, ob sie ins Krankenhaus fahren kann. Sie genehmigten es mit einem Passierschein.

Bis zum Krankenhaus war es von uns weg eine Stunde. Als meine Mutter mit dem Leiterwagen ankam, hatte mein Vater einen Blinddarmdurchbruch. Ich kann mich noch gut erinnern, dass es ganz schlimm um ihn stand und wie froh waren, als er doch noch nach einem Vierteljahr nach Hause durfte. Es dauerte Monate, bis er wieder einigermaßen gesund war.

Halm für Halm wurden Ähren eingesammelt

An was ich auch immer noch denken muss, ist meine Oma, wie sie für die Amis gewaschen hat. Viele Frauen waren froh, wenn sie sich mit der Wascherei ein paar Mark verdienen konnten. Waschmaschinen gab es ja nicht. Was war das immer für eine Freude, wenn Oma auf Besuch kam und brachte meinem Bruder und mir Kaugummi und Schokolade mit (ein Geschenk für die saubere Wäsche von den Amerikanern). Wir hatten ja solche Köstlichkeiten noch niemals gesehen, geschweige gegessen. Nach dem Krieg war noch große Not und so mussten wir Kinder, nachdem der Bauer geerntet hatte, entweder Kartoffel suchen oder Ähren klauben. Halm für Halm wurde eingesammelt und dann zur Mühle gebracht, wo es dann etwas Mehl gab.

Die Not war nach dem Krieg sehr groß. Es wurde geschachert, getauscht. Der Garten wurde schon unter dem Krieg zur Gärtnerei umgebaut. Es gab ein Frühbeet, dort wurden Salat und Radieschen angesät. Dann gab es einen Hasenstall, wir hatten damals an die 50 Hasen, die brauchten auch was zu fressen und mussten sauber gemacht werden – das war meine Aufgabe. Jeden Tag bin ich mit dem Leiterwagen und zwei Säcken zum Löwenzahnsammeln gefahren.



Auguste Börner, Gersthofen

Ausgangszeiten: Nach der Besatzung der Amerikaner hatten wir zuerst nur 3 Stunden pro Tag Ausgangszeit, diese erhöhte sich auf ½ Tag und später, aber eine sehr lange Zeit, bis 18.00 Uhr. Außerdem gab es Passierscheine mit Angabe der Adresse, diese mussten Erwachsene bei sich tragen. Ich war damals knappe 9 Jahre alt. Nach der Angriffszeit, jetzt Kriegsende, wollte meine Mutter von Gersthofen, Winterstraße, zum Westfriedhof zum Elterngrab. Natürlich per Fuß. Wir marschierten los, brauchten länger wie meine Mutter berechnet hatte und es wurde 18 Uhr und wir waren erst an der Stadtgrenze und sahen von Weitem die Kontrollsoldaten mit Gewehr – unsere Angst war riesengroß … Kurz bevor wir bei den Soldaten ankamen, machten sie kehrt und marschierten ab, wir – überglücklich – kehrten heim.

Es war eine traurige Firmung ohne Gäste

April 1945 hatte ich Erstkommunion, da gab es am Festtag Alarm und Tiefflieger mit Angriff auf den Zug Oberhausen–Donauwörth. Drei Monate später war üblich Firmung. Wir waren in der amerikanischen Zone und es herrschte noch Ausgangssperre. Aus diesem Grunde kam der Bischof Dr. Kumpfmüller nach Gersthofen zur Firmung. Außergewöhnlich – diese fand sonst nur im Dom statt! Die Kinder von Hirblingen und Gablingen wurden mit gefirmt. Diese kamen per Fuß, Fahrrad oder Ochsenfuhrwerk, was anderes gab es nicht. Es war eine traurige Firmung, keine Gäste, mehr Hunger als Essen, selten hatte man eine Patin dabei, die Mutter machte Ersatzpatin. Meine Patin wohnte in Sonthofen, dies war französische Zone, eine Grenzüberschreitung ohne triftigen Grund war nicht möglich.


Manfred Haßler, Haunsheim

Ein paar Tage bevor für Haunsheim der Krieg sein Ende gefunden hat und die amerikanischen Truppen von Unterbechingen her in den Ort eingefahren sind, ist durch Haunsheim eine gewaltige Fluchtwelle von Frontsoldaten wie auch von zivilen Kriegsflüchtlingen geprescht.

Getrieben und gescheucht von der übermächtigen amerikanischen Kriegsmaschinerie hetzten sie nachts, ohne jegliche Beleuchtung und völlig erschöpft, durch das Dorf. Bei Überholmanövern drängten die Schnelleren die Langsameren einfach an den Straßengraben. Jeder einzelne der fliehenden Soldaten, war bestrebt möglichst die eigene Haut zu retten.

Sehr viele Gefährte sind deshalb von der Straße abgekommen und landeten auf beiden Seiten der Straße in den Gräben. Bei Tagesanbruch war der Spuk vorbei, nur die beschädigten und liegen gebliebenen Wagen und Fahrzeuge waren, auf der Staatsstraße nach Lauingen, stumme Zeugen des nächtlichen Geschehens. Die vielen Flüchtenden, egal ob sie motorisiert oder mit Gespannen und Reitpferden unterwegs waren, wollten schnellstens auf den noch bestehenden Brücken die Donau überqueren, da die Brücken vor dem Einmarsch der amerikanischen Streitkräfte gesprengt werden sollten.

Als amerikanische Panzer durch Haunsheim fuhren

Bericht über das Kriegsende am 22. April 1945: Am Sonntag gegen 10 Uhr 30 vormittags, kurz nach Beendigung des Gottesdienstes während einer Kindstaufe, fuhren lange Kolonnen amerikanischer Panzer auf das Dorf zu. Die noch zur Ortsverteidigung angetretenen Männer des Volkssturms warfen beim Anblick der nicht endenden Panzerkolonne vor Angst sofort die Waffen ins Gelände und rannten, unter Rufen „der Ami kommt“ so schnell sie konnten dem heimatlichen Herd zu.

Doch besonnene Haunsheimer Männer entfernten noch eiligst die eichenen Querstämme der geschlossenen Panzersperre und schafften diese zur Seite, damit die Panzer ungehindert den Ort durchfahren konnten. Dadurch blieb das Dorf verschont und es ist in Haunsheim kein einziger Schuss gefallen.

Auf dem ersten Panzer an der Kolonne stand ein amerikanischer Soldat mit ausgebreiteten Armen, ein Zeichen, dass sie nicht schießen werden. Zügig strömte der Militärtross durch den Ort. Die Amerikaner wollten möglichst schnell die noch unversehrte Donaubrücke in Dillingen erreichen, um ihren Vormarsch nach Süden fortzusetzen. Bald nach dem Einmarsch gewann die Bevölkerung Vertrauen zu den Amerikanern. Im Dorf herrschte zwar angespannte Ruhe, doch wir Kinder trafen uns gegen Mittag auf der Brücke bei der Schmiede und suchten auch den Kontakt zu den amerikanischen Soldaten.


Georg Engelhard, Affing-Anwalting:

Anwalting und Gebenhofen liegen wenige Kilometer nordöstlich von Augsburg in der Gemeinde Affing. Die Kriegs- und Nachkriegszeit ging auch an diesen Ortschaften nicht spurlos vorbei.

Die alliierten Streitkräfte versuchten während des Zweiten Weltkrieges mit Luftangriffen auf die deutsche Industrie, die Produktion zu behindern. Die deutsche Führung setzte alles daran, die eigenen Industriestandorte zu schützen. Um wichtige Städte wurden Flugabwehrkanonen, abgekürzt Flak, stationiert. Es wurden regelrechte Flakgürtel errichtet, mit denen man die feindlichen Bomber von ihren Zielen abhalten wollte.

Im Herbst 1944 wurden zwei Batterien mit insgesamt 24 Kanonen vom Kaliber 8,8 cm zwischen Gebenhofen und Anwalting, nahe der kleinen Salzbergkapelle, stationiert. Sie gehörten zum Flakgürtel, der Augsburg schützen sollte. Dazu kamen noch etliche kleinere Geschütze. Der 89-jährige Albert Recher aus Anwalting erlebte dies als Bub und kann sich noch gut daran erinnern. Mit dem Bau der Unterkünfte wurde erst begonnen, nachdem die Flak-Einheiten bereits eingetroffen waren. So mussten die Soldaten vorerst in den Bauernhöfen untergebracht werden. Auch Kriegsgefangene und sogenannte Hilfswillige waren dabei. Auf dem Recher-Anwesen in Anwalting wurden in einer Stadelecke 25 russische Kriegsgefangene untergebracht. Die Männer mussten im Herbst und Winter den ganzen Tag im Freien arbeiten und die Nacht im kalten Stadel verbringen. Die Unterkunftsbaracken, die in der Nähe der Geschützstellungen errichtet wurden, waren erst unmittelbar vor Kriegsende bezugsfertig.

Für den Kiestransport zum Bau der Stellungen musste die Familie Recher ihren Lanz Bulldog zur Verfügung stellen. Nachdem diese Arbeit beendet war, wurde der Traktor von der Wehrmacht einbehalten. Nur durch Zufall gelangte die Familie nach dem Krieg wieder in den Besitz ihrer Zugmaschine.

Die Wehrmacht gab die Flakstellung erst mit dem Einzug der US-Armee auf. Die Soldaten einer Batterie versorgten sich am 27. April 1945 bei Bauern mit Zivilkleidung und verschwanden. Bei der anderen Batterie wurde am 28. April 1945 noch heftig geschossen. Man feuerte in Richtung Gablingen. Dort befanden sich Truppenteile der US-Armee, die bekämpft wurden. Vormittags um 10 Uhr gab auch diese Batterie den Kampf auf. Einer der Geschützführer erschien im Recher-Anwesen in Anwalting und erbat Zivilkleidung. Der Bauer sprach ihn auf den sinnlosen Widerstand an. Der Soldat antwortete nur: „Herr Recher, wir waren alle sturzbetrunken.“ Offenbar hatten aber nicht alle Flaksoldaten den Kampf eingestellt, denn der damalige Pfarrer Anton Wiedemann berichtete, dass er am Nachmittag noch von einem Unteroffizier der deutschen Flakabteilung bedroht wurde, als er die weiße Fahne am Turm der Gebenhofener Kirche hisste. Außerdem wurde gegen 13 Uhr versucht, eine Beobachtungsstation auf dem Kirchturm einzurichten.

An diesem 28. April 1945 zog die US-Armee am späten Nachmittag in Anwalting ein. Zwei zufällig anwesende junge Männer, die über einige Englischkenntnisse verfügten, konnten den Funkverkehr der Amerikaner mithören. Dabei erfuhren sie, dass die US-Truppen in Anwalting gestoppt wurden, da Gebenhofen noch in deutscher Hand war und dass die Amerikaner einen Luftangriff planten.

So baute man den Ort mühsam wieder auf

Vom Flugplatz Toul-Ochey in Lothringen starteten um 16.15 Uhr zwölf Maschinen des Typs P-47D „Thunderbolt“ zu einem Einsatz, der vom Boden aus geleitet wurde. Ziel war der Ort mit den Koordinaten Y-3790. Das war Gebenhofen. Um 17.30 Uhr waren die Maschinen über dem Ziel und flogen ihren Angriff. Die Piloten gaben danach in ihrem Einsatzbericht an, zehn Gebäude zerstört und weitere 20 beschädigt zu haben. Dies kam der Wirklichkeit ziemlich nahe, denn 34 Gebäude waren beschädigt oder zerstört. Um 18.35 Uhr landeten wieder alle Maschinen auf dem Flugplatz Toul-Ochey. Zurück blieb das brennende Gebenhofen. Die Flaksoldaten hatten Tote zu beklagen. Von den Einheimischen war niemand ernsthaft verletzt worden. Nach der Bewertung des Landratsamtes war Gebenhofen die am schwersten getroffene Gemeinde im Landkreis. Man rief im ganzen Kreis dazu auf, Dachziegel zu spenden. Eine Handvoll junger Männer aus Gebenhofen und ehemalige Flakhelfer, die nach dem Krieg bei den Bauern untergekommen waren, arbeiteten im Sommer 1945 einige Wochen in der Ziegelei in Mering. Thomas Riemensperger aus Affing fuhr sie auf der Ladefläche seines Lastwagens nach Mering und holte sie zum Wochenende wieder ab. Übernachtet wurde in Mering in Privatunterkünften. Als Gegenleistung für den Arbeitseinsatz wurden Dachplatten nach Gebenhofen geliefert. So baute man den Ort mühsam wieder auf.


Alma Lindenthal, Gundelfingen:

An einem Abend Ende April hat es geheißen, der Ami sei schon in Lauingen. Kurz darauf kam ein Panzer an unsere Brenzbrücke an der Günzburger Straße. Der Bürgermeister hatte ein weißes Tuch in der Hand und besprach mit den Soldaten etwas. Uns Kinder interessierte hauptsächlich Schokolade, deshalb schaute ich mit unserem Nachbarn, dem Reichherzer Günther, neugierig zu, was da vor sich ging. Sie sagten, morgen früh kommen die Amerikaner. Wir Kinder freuten uns. In der Nacht wurden wir von einem Nachbarn geweckt. Er sagte, wir sollen weggehen, weil sich in unserem Hof Soldaten eingraben. Meine Mutter, meine Großmutter und ich packten die Luftschutztasche und ein Kissen für mich auf einen Handkarren. Wir fragten die Soldaten, ob wir noch durchlaufen dürfen. Sie meinten, wir sollen schnell machen, denn die Sprengladung sei schon an der Brücke angebracht. Wir sind bis zum „Bächinger Keller“, einem Wirtshaus zwischen Gundelfingen und Bächingen, gelaufen. Dort fragten wir, ob wir im Bierkeller Unterschlupf bekommen. In diesem Moment ist unsere Brücke in die Luft geflogen. Es war plötzlich ganz hell und ich hatte Angst um meine Puppe.

Manche haben nach ihrer Mama gerufen

Eine Weile später kamen SS Leute und sagten, dass hier der Gefechtsstand der SS eingerichtet wird. Kurz darauf wurde schon der erste verwundete Soldat hergebracht. Der Keller hat insgesamt sechs „Volltreffer“ bekommen. Mit der Zeit sind immer mehr Verwundete angekommen. Viele haben vor Schmerzen geschrien, manche haben nach ihrer Mama gerufen. Ein alter Mann wollte sich unbedingt eine Zigarette anzünden. Diese kleine Glut veranlasste den Gegner, zu schießen. So hat es immer wieder gekracht. Wir Kinder sind immer wieder die Treppe raufgelaufen und wollten rausschauen. Den Reichherzer Günther hat es dann an die Wand geworfen. Unsere Mütter haben geschrien und wir durften nicht mehr weggehen. Die Erwachsenen haben gesagt, wenn sich Gundelfingen nicht ergibt, kommen Flieger. Dann kam ein Soldat und sagte, dass sie keine Munition mehr haben. Ab Nachmittag war Ruhe. Als es Tag wurde, hat meine Oma ihren Wagen genommen, hat ihr Kopftuch an eine Rute gehängt und wir sind Richtung Gundelfingen gelaufen. Als die ersten Häuser kamen, sahen wir einen toten Soldaten und ein Fahrrad im Graben liegen. Der wollte bestimmt noch weg! Beim Rigel lag der nächste Tote.

Die Toten liegen bei uns auf dem Friedhof. Erst im Alter habe ich begriffen, dass es großteils erst 18-jährige „Buben“ waren. Als damals Zehnjährige waren es für mich schon richtige Männer.


Hermann Schmid, Ottobeuren:

„Mein Gott – Leit, hangat bloß woitla uira weißa Fahna raus“! Viele meiner damaligen Erinnerungen – ich war ja ein frisch eingeschulter Kleinbauernbub – , an das Kriegsende sind verwackelt oder überfrachtet. Doch die mir so wohlbekannte Ausruferstimme des betagten Gemeindedieners ist mir als überkippend und angstbesetzt in Erinnerung geblieben. Amerikanische Truppen hatten gerade Memmingen besetzt und sie waren im Anmarsch auf Ottobeuren. So die Rufe der Nachbarinnen straßauf, straßab. Ob die eilig aus den Fenstern gehängten Fahnen im Original bettbezugweiß waren (die 80-jährige Oma sprach von „Bettziacha“) oder ob es sich um schnell entfärbte Stoffe zum ursprünglich tausendjährigen Gebrauch handelte, war mir nicht ersichtlich. Ich erinnere mich jedoch noch genau, wie ein US-Soldat die am Scheunentor angetretene „Hausbesatzung“, bestehend aus der schon erwähnten Oma, der nicht übermäßig arisch aussehenden Mutter und einem zwischen Neugier und Furcht schwankenden Sechsjährigen, mit scharfen Blicken musterte und die Falltür zum Keller aufriss, aus dem ihm offenbar so fauliger Kartoffelgeruch entgegenschlug, dass ihm das uralte Bauernhaus nicht als Widerstandsnest erschien.

Beim Ton von Sirenen zucke ich immer noch zusammen

Für uns Buben waren die ersten Monate des Friedens vor allem Sammlerzeiten. Ich besaß Patronenhülsen und einen SA-Dolch, den ich in einem Baumstumpf entdeckt hatte. Der ehemalige Besitzer hatte neben der Waffe vielleicht doch auch seine Nazi-Ideologie entsorgt. So langsam verblassten die Erinnerungen an die Kriegszeit. Nur eines halte ich bis heute im Gedächtnis und beim Ton von Sirenen zucke ich immer noch zusammen. Einmal trug mich meine Mutter nach Mitternacht aus einem stickigen Luftschutzkeller nach Hause. Der Osthimmel war blutrot, denn München brannte lichterloh. Unvergesslich auch, wie schwer meine Mutter arbeitete, um den kleinen Bauernhof als einzige Vollarbeitskraft für Oma und mich über die Runden zu bringen. Mein Vater kam erst 1949 krank und vor der Zeit alt und müde geworden aus russischer Gefangenschaft zurück.

Die verweinten Augen meiner Mutter

In den Tagen des Kriegsendes habe ich zweimal die Hände von den verweinten Augen meiner Mutter zurückgezogen, nachdem sie erfuhr, dass sowohl ihr Bruder als auch der Bruder meines Vaters kurz vor Kriegsende gefallen waren. Selbst jetzt, zwei Generationen später, sind nicht alle Tränen getrocknet. Ich habe großen Respekt vor den immer wieder auch medial aufbereiteten Schicksalen der Berliner Trümmerfrauen. Doch wer kennt noch die Leidenswege auf den kleinen, notvollen Kleinbauernhöfen. Dennoch konnte meine Mutter immer wieder sagen: „Guat isch’s ganga, sechs hand sieba g’fanga!“ Und immer waren verhärmte Flüchtlingskinder mit am Tisch. „Wir schaffen das“ war damals keine hin und her kritisierte Parole, sondern Notwendigkeit. Und es war gleichzeitig auch von uns Buben schon erspürbar, offeneres Lachen und Aufbruchstimmung.


Rudi Ripperger, Augsburg:

Man könnte meinen, bei dem Versuch, sich an die Zeit einer mehr als sieben Jahrzehnte zurückliegenden Kindheit zu erinnern, handle es sich um ein schwieriges Unterfangen. Weit gefehlt! Vieles von dem, was damals geschah, hat tiefe Spuren im kindlichen Gedächtnis hinterlassen, man wird es wohl nie vergessen.

Zu Beginn ein paar Erlebnisse vor Kriegsende im Telegrammstil: Bombennacht Februar 1944, Schutzraum Waschküche im Keller, Entfernung zur MAN ca. 300 Meter, Fußmarsch (Eltern, drei Kinder) vom schwer getroffenen Haus bei Nacht und eisiger Kälte durchs lichterloh brennende Lechhausen zum Sammelpunkt in Stätzling, eine Portion schrecklich schmeckender Haferbrei, Transport auf offenem Dreirad-Auto nach Arnstorf in Niederbayern, anschließend Umquartierung nach Fischach, ein kleines Zimmer für fünf Personen. Bei einer Zugfahrt nach Augsburg Tieffliegerangriff während des Halts in Gessertshausen.

Mit dem Fahrrad auf der Autobahn

Beim Einmarsch der Amerikaner Anfang Mai 1945 standen wir Kinder unter den Erwachsenen am Straßenrand und stürzten uns gierig auf die Süßigkeiten, welche uns die fremden Soldaten aus ihren Jeeps zuwarfen. Später „versorgten“ sie uns aus den Fenstern der von ihnen besetzten Häuser. Die von ihnen weggeworfenen, meist nur angerauchten Zigarettenreste brachten wir zu Vaters Freude nach Hause. Nicht lange, dann konnte man ins notdürftig reparierte Heim zurückkehren. Eingekauft wurde mit Lebensmittelmarken, u. a. Maisbrot, an das ich immer noch mit Grausen denke. Mit dem Steingutkrug durfte ich von der nahen „Lechau“-Gassenschänke immer das Dünnbier herbeischaffen. Um den Lebensstandard etwas zu heben, radelte mein Vater, oft mit mir auf dem Gepäckträger, aufs Land zum Hamstern von Butter oder Eiern. Anfangs durfte man dafür sogar die Randstreifen der Autobahn benützen.

Im September 1945 klappte es bereits mit der Einschulung, Klassenstärke weit über fünfzig. Selbst kleine „Vergehen“, z.B. unsaubere Schrift, wurden bisweilen hart bestraft. Der Katalog reichte von Haareziehen, Ohrfeigen, Tatzen, Hosenspannern bis zum Arrest. Im Winter erleichterte man sich die Strapazen des circa zwei Kilometer langen Schulweges, schraubte alte Kufen an das einzige Paar Halbschuhe und hängte sich auf der-einst noch verschneiten Straße an die hintere Stoßstange des Leuchtgas-Linienbusses. Zog es dir den Absatz herunter, war eine Abreibung zu Hause fällig, so sicher wie das Amen in der Kirche.

In der Freizeit beschäftigte man sich mit Dreirad- oder Rollerfahren, Fangus-Spiel, Verstecken, Felgentreiben mit einem Stecken, Glutschwingen mit einer durchlöcherten Konservendose, Völkerball, Kästchenhüpfen und einigem mehr. Langeweile kannten wir nicht. Eines Tages fuhr mein Vater, dessen Motorrad bei einem Fliegerangriff verbrannt war, zum Erstaunen aller mit dem eigenen Auto vor, Marke „Framo“, Motor 200 ccm, hinten ein großer Kasten mit zwei Türen, innen ein Sitzbrett für uns Kinder mit Durchsehschlitz nach vorne, Höchstgeschwindigkeit 45 km/h. Eine geplante Fahrt nach Schongau mussten wir in Lagerlechfeld, wo zerbombte Eisenbahnwaggons auf den Resten der Geleise neben der Straße standen, wegen des starken Südwindes abbrechen, der nur im ersten Gang zu überwinden war. Auf der erzwungenen Heimfahrt beschleunigte er uns dafür auf sagenhafte, unglaubliche 60 km/h.

Eine Küchenschublade voller Geld

Zu Hause besaßen wir zwar eine Küchenschublade voller Geld, sprich Reichsmark. Leider konnte man sich dafür so gut wie nichts kaufen, vielleicht eine Fahrkarte. Eines Tages saß ich mit einer solchen den ganzen Tag vorne neben dem Omnibuschauffeur und fuhr immer wieder die Tour Firnhaberau–Lechbrücke mit. Tags darauf – man schrieb das Jahr 1948 – standen die Leute Schlange, um ihr „Kopfgeld“ in Höhe von 40 DM/Person abzuholen. Wie von Geisterhand aufgefüllt, gab es in den Geschäften plötzlich wieder etwas zu kaufen. Langsam, aber stetig gings von da an aufwärts.


Erika Bartmann-Oelze, Augsburg:

Fünf Tage vor meinem sechsten Geburtstag sagte meine Mutter zu mir: „Der Krieg ist aus“. So richtig verstanden habe ich das nicht, da ich nichts anderes als den Krieg kannte, doch ich dachte, dass wir jetzt wohl nicht mehr in den Keller müssten, weil es ja jetzt keine Bomben mehr gab.

Einige Tage später fuhren Amerikaner mit offenen Lastwagen durch unser Viertel Oberhausen Die Leute standen vor ihren Häusern oder was davon noch übrig war und sahen zu den Lastwagen hoch, auf denen gefangene deutsche Soldaten hockten, ganz ausgemergelt und mit verzweifelten Gesichtern, da ja niemand wusste, was jetzt mit ihnen geschehen würde. Sie baten von den Fahrzeugen um Essen und Trinken. Meine Mutter rannte in unsere Wohnung und holte drei Laib Brot und füllte alte Glasflaschen mit Wasser und Zitronenbrause. Sie versuchte, Brot und Flaschen den Soldaten zuzuwerfen, doch einiges landete zwischen den Wagen. Vielleicht dachte Mutter dabei an meinen Vater, über dessen Schicksal wir nichts wussten und der erst vier Jahre später aus russischer Kriegsgefangenschaft wiederkommen sollte.

Ein paar Tage später verbreitete sich wie ein Lauffeuer die Nachricht, dass auf dem Bahndamm zwei Waggons mit Kohlen standen. Meine Mutter packte zwei Eimer und rannte den Bahndamm hoch, ich hinterher. Auf mein einziges Mäntelchen aus weißem Stallhasenfell nahm ich dabei keine Rücksicht. Mit den Händen half ich, die Eimer zu füllen. Ergebnis: vier Eimer Kohlen und ein nicht mehr tragbares Mäntelchen.

Erst beim näheren Hinsehen erkannten wir meinen Cousin Karl

Eines Nachts wachten meine Mutter und ich auf, weil Steine gegen das Fenster, oder was davon noch übrig war, geworfen wurden. Unten auf der Straße stand eine zerlumpte Gestalt, die wir erst bei näherem Hinsehen als meinen Cousin Karl erkannten. Er war damals gerade sechzehn Jahre alt. In den letzten Kriegsmonaten war er noch als Flakhelfer nach Ostdeutschland geschickt worden. In dem Durcheinander angesichts der vorrückenden Roten Armee gelang es Karl und einem Kameraden zu türmen. Die beiden schlugen sich nachts durch die Wälder und versteckten sich tagsüber. Er sah schlimm aus und wollte so nicht zu seiner Mutter nach Lechhausen.

Meine Mutter feuerte den Ofen an und schlug ein paar Eier in eine Pfanne, dann schleppte sie unsere Zinkbadewanne, die in einer Garage lagerte, in den ersten Stock hoch und machte Wasser in einem Topf warm, dass sie dann in die Wanne füllte. Karl saß derweil mit mir auf dem Küchensofa. Nach dem Bad bekam er Zivilkleidung meines Vaters. Am nächsten Morgen ist er dann zu seiner Mutter gegangen.


Josefa Jäckle, Seifertshofen:

In dem kleinen Dorf Seifertshofen waren im Frühjahr 1945 im Gasthaus Keller deutsche SS Soldaten einquartiert. Sie hatten gefunkt und der Amerikaner hat das aufgefangen. Am 23. April sind die SS Soldaten in der Nacht fort. Damals war ein sehr schöner Frühling und wir Kinder (ich war 12 ½ Jahre) liefen schon barfuß. Am 24. April Viertel vor drei Uhr krachte es und es fielen sechs Bomben bei uns im Unterdorf und zwei auf eine Wiese. Meine Freundin und ich saßen in der Sonne, erst sprangen wir in die hohen Brennnesseln, dann nach vorn.

Ich dachte, jetzt bin ich tot

Ich weiß noch genau, dass ich gebetet habe, weil ich doch dachte, jetzt bin ich tot. Wir rannten über die Straße in mein Elternhaus – wo gerade ein Schwein geschlachtet wurde. Nachher war kein Ziegel mehr auf dem Dach. Bei einem Nachbarn brannten die Scheune und der Stall, neun Kühe waren tot, welche in ein Bombenloch geschmissen wurden. Zum Zuschütten gab’s genug Schutt. In der Nacht zum 26. April kam mein Bruder Georg durch den Wald nach Hause. Er hatte mit 15 Jahren noch zum Militär müssen. Die Wehrmacht hat die Günzbrücke zwischen Breitental und Nattenhausen gesprengt. So musste der Amerikaner nach ein paar Tagen über einen Feldweg nach Seifertshofen, wo ein paar Männer den Ort ohne Gegenwehr übergaben.



Siegfried Welty, Diedorf:

In den letzten Tagen des April 1945 und als Augsburg schon von den US-Truppen kampflos eingenommen worden war, verhängten diese eine totale Ausgangssperre. Wie dies genau bekannt gemacht wurde – über Radio oder Lautsprecherdurchsagen –, weiß ich nicht.

Es war ein angenehm warmer Nachmittag und die Tartarenmeldungen setzten sich über die Menschen in den Vorgärten fort: So z. B.: In Pfersee über die Lutzstraße, Ludwig-Thoma-Straße, Uhlandstraße. Mein Elternhaus erreichten sie in der Arnulfstraße mit einer Spannweite von standrechtlichen Erschießungen durch wahlweise versprengte SS-Leute oder Amerikaner bis zu geschenktem, bis dahin unbekanntem Nahrungsmittel „Dschuinggam“. In Erinnerung ist mir ein besonders würfelförmiges Exemplar mit starkem Zimtgeschmack.

"Ja Buale, was willsch denn du?" - "Ich möchte, bitte, Schnaps."

Elektrisierend war jedoch die von mehreren Gärten kolportierte Botschaft, bei der nahegelegenen Zuckerwarenfabrik Reitenberger käme man an Schnaps. Ein gewisser Wahrheitsgehalt schien begründbar, war doch bekannt, dass diese Firma Schnapsbohnen für das wo auch immer noch kämpfende Heer produzierte. Meine Mutter stattete mich mit der Blechmilchkanne für den Transport entrahmter Frischmilch aus, hob den Achtjährigen über den Nachbarzaun, und so ging es stafettenartig bis in den Wirtsgarten der Gaststätte „Linde“. Gegenüber sah ich das mannshohe Holztor, das den weitläufigen Fabrikhof vom Reitenberger abschloss. Davor drängelte sich etwa ein Dutzend Männer, die mich am Empfang sofort über das Tor hievten. Ich rutschte die Lattenwand herab und ging zielbewusst auf eine Handvoll Männer in Lederjacken zu. Einer fragte mich: „Ja Buale, was willsch denn du?“ Ich antwortete: „Ich möchte, bitte, Schnaps.“ Ein besonders Freundlicher nahm meine Milchkanne, füllte sie mit Schnapsbohnen und Drops und sagte: „Für Schnaps bist du noch zu klein“, führte mich zu dem geschlossenen Hoftor, setzte mich auf die Kante, wo mich Hilfsbereite in Empfang nahmen, mir aber, nach einem Blick in die Milchkanne und die obenauf liegenden Drops, keine weitere Aufmerksamkeit schenkten.

Auf meinem Rückweg über die Gärten wurde ich befragt und vorsichtig weitergereicht. Meine Mutter war nicht überrascht über das Durcheinander in dem nur noch halb vollen Behältnis und überließ mir ungeprüft den Ertrag. Mein Geschmackssinn für Süßes, der bis dahin nun Kunsthonig und Vierfruchtmarmelade (1 Teil Zuckerrübe, 1 Teil Feldrübe, 1 Teil Saurübe, 1 Teil rote Farbe) kannte, wurde damit bis zum heutigen Tag veredelt.


Alois Sailer, Lauterbach, Gemeinde Buttenwiesen:

Damals, im Frühjahr 1945, gehörte uns Lauterbacher Buben noch die ganze Flur um das Dorf. Wir Kinder hatten in diesen Kriegsjahren – und auch noch danach – kaum echte Spielzeuge. Das Wenige, das uns damals das Christkind brachte, hat es nach Dreikönig wieder in den Himmel zurückgeholt, um es, neu gestrichen, am nächsten Heiligen Abend wieder zu bringen. Deshalb begnügten wir Buben uns mit jenen Haselnussstecken, die in den Gartenhecken alljährlich nachgewachsen sind. Sie waren, an den unteren Bandstangen des Gartenzauns angelehnt, unsere Pferde, Milchkühe und Kälber. Wie selbstverständlich, Ausdruck eines bäuerlichen Denkens!

Der Krieg im Jahre 1944 war nach den damaligen Wehrmachtsberichten immer noch weit draußen, in einer unbekannten Ferne. Doch auf einmal war dieses unangenehme Fremde plötzlich unter und über uns. Ich denke da an jene unheiligen „Christbäume“ über dem nächtlichen Wald, die Augsburg für jene unheimlichen Bomber erhellen sollten. Fremd waren auch jene Silberfäden auf den Haselnussstauden, die auch um Weihnachten keine Christbäume sein wollten. Draußen, in der Nähe des Pfarrwaldes, war auch jenes flache Loch und die vielen verstreuten Metallfetzen. Sie sind die Überbleibsel eines abgestürzten Flugzeugs gewesen. Der Mann, der in diesem Flieger saß, wird wohl abgesprungen sein.

Diese verstreuten Metallteile waren zackig und daher nicht zum Spielen geeignet. Ähnlich gezackt wie vom zerschellten Flugzeug waren im Frühjahr 1945 auch jene Teile einer gesprengten Flak östlich über unserem Dorf. Sie sollte, so sagte damals der auf unsrem Hof einquartierte Flak-Soldat, jene Feinde treffen, die in der zweiten Aprilhälfte schon nördlich der Donau waren. Die anderen zwei Geschütze am selben Waldrand, die wohl erste Vorboten einer geplanten „Alpenfestung“ waren, wurden frühzeitig wieder abgezogen.

Aus Kanonenhülsen wurde eine Glocke, um die Stare zu vertreiben

Wie echtes Gold glänzten die flachen Messinglamellen, die ich in der Nähe des Sprengplatzes aufgelesen habe. Ein willkommenes Spielzeug, denn ich konnte diese Lamellen, im Spalt der Tischschublade, die als eine Art Resonanzraum diente, einklemmen und als Instrument nutzen. Richtig gezupft konnte ich mit einigem Großmut das Männlein im Walde spielen. Ganz andere Töne gaben die leeren Kanonenhülsen, die in den Wäldern umherlagen. Ihre Länge reichte mir Neunjährigem fast an die Hüfte. Mit einer Eisenschraube als Klöppel, der im Inneren der Hülse mit einem Draht befestigt wurde, konnte ich sie, hoch auf dem Wasserbirnbaum, mit zusammengebundenen Garbenstricken als Glocke benutzen, um in den Sommertagen 1945 die gefräßigen Stare zu vertreiben.

Doch es war nur ein kleiner Krieg zwischen mir und den Staren. Den großen Krieg, der sich auch lange nach seinem Zusammenbruch immer noch in den Wäldern versteckt hielt, habe ich damals als ein großes fremdes Spiel erfahren.


Gottfried Schröder, Augsburg:

Wir lebten im Arzthaushalt von meinem Onkel Franz und der Tante Barbara, genannt Betty, in Dießen am Ammersee. Ich war vier Jahre und ich kann mich noch gut erinnern an das Geheule der Luftschutzsirenen, als die ersten Bombengeschwader über dem Ammersee in östlicher Richtung über Kloster Andechs nach München und Umgebung flogen. Wir mussten dann alle zusammen in den Keller unter der betonierten Kellertreppe sitzen und warten, bis die Entwarnung kam.

Ich weiß noch gut, dass meine Schwester und ich oben noch schnell je einen damals selbst zusammengenähten Rucksack von meiner Mutter auf den Buckel geschnallt bekamen, in dem einige Scheiben Zwieback, ein paar Zuckerwürfel und ein paar Schokoladerippchen als Notration eingepackt wurden.

Nach der Entwarnung konnten wir das Kellergeschoß wieder verlassen und waren froh, dass nichts passiert war. Wir gingen dann auf den Balkon im ersten Stock und blickten in Richtung Kloster Andechs, über das das Bombergeschwader flog. Ein immer größer werdender Feuerschein über dem Klosterberg sagte uns, dass München bombardiert wurde. So habe ich die Bombardierung Münchens von 1944 miterlebt.

Damals haben meine Tante, meine Mutter und mein Onkel im Obstgarten einen kleinen Bunker gebaut, ein Erdloch mit Eisenbahnschwellen gedeckt, darauf Erde und Gras. Es sollte ein Unterstand werden, für alle Fälle. Er wurde aber nie gebraucht, von uns Kindern aber als willkommener Spielplatz verwendet und nach dem Krieg wieder eingeebnet.

Rund um das Haus Staniolstreifen eingesammelt

Ich kann mich auch noch gut daran erinnern, wie wir nach den Luftangriffen auf den Feldern rund um unser Haus Staniolstreifen eingesammelt haben, die die vorausfliegenden feindlichen Flugzeuge abgeworfen haben, damit das nachfolgende Bombergeschwader nicht von dem Radar der Luftabwehr erfasst werden konnte. Uns wurde eingebläut, bei unseren Streifzügen über die Felder ja keine uns fremden Gegenstände oder Pakete anzulangen, es könnten unter Umständen getarnte Bomben sein. Irgendwann hat uns dann die Nachricht erreicht, der Krieg ist aus.

Kurz nach der Besetzung von Dießen durch die Amerikaner sollte unser Haus laut amerikanischer Kommandantur für 40 Soldaten frei gemacht werden. Dank unserer Nachbarin, die fließend englisch sprach, wurde das Schlimmste verhindert, mit der Begründung, Dr. D. wird das aufgrund seines hohen Alters nicht mehr überleben. Dafür bekamen wir nur einem amerikanischen und einen französischen Offizier einquartiert, das war unser Glück. Der Amerikaner kam mit einem Jeep, der Franzose mit einem Straßenkreuzer, woher der auch immer war. Der amerikanische Offizier wurde im Balkonzimmer meines Onkels, der Franzose in das Zimmer meiner Mutter einquartiert. Die Einquartierung dauerte nicht lange, der Franzose musste bald wieder mit seiner Einheit weiterfahren, der amerikanische Offizier kurz darauf, nicht ohne noch an unserer Eingangstüre das Schild „off limits“ anzubringen. Dadurch wurden wir nicht mehr belästigt von anderen Soldaten und Plünderern.

Das „off limits“-Schild nützte aber eines Tages doch nichts. Es stand ein für meine Anschauung riesengroßer Schwarzamerikaner vor der Türe, betrunken und wild mit seiner Pistole fuchtelnd, und begehrte Einlass. Er fragte nach Alkohol, nicht ohne meinem Onkel zu befehlen, „all men out“, was mein Onkel auch sofort befolgte. Dann erblicke er mich kleinen Stöpsel und wiederholte seinen Befehl „all men“, was mich dann dazu brachte, mit stolz erhobener Brust zu meinem Onkel und unserem Nachbarn in den Garten zu flüchten. Ich war auf einmal ein Mann.

Der Schwarzamerikaner blieb bei meiner Mutter und Tante allein im Haus. Meine Mutter erzählte uns dann, er wollte Alkohol, meine Mutter und Tante machten ihm verständlich, dass kein Alkohol im Hause ist. Da sah er am linken Rand des Küchenbüffets einen Flakon mit gelbem Inhalt; wütend nahm er ihn und trank ihn in einem Atemzug aus. Er hatte Mutters Kölnisch Wasser erwischt. Er machte darauf kehrt und verließ das Haus, nicht ohne noch einmal mit der Pistole herumzufuchteln.

Eine volle Schocoroladose, es war wie Weihnachten

Für uns Kinder waren diese fremden Ereignisse natürlich abenteuerlich, noch dazu als die Amerikaner an der Weilheimer Straße einen Rastplatz in einem Stadel einrichteten. Da sie zu Kindern immer sehr freundlich waren, sind wir auch fast den ganzen Tag in ihrem Camp geblieben. Wir bekamen Eiscreme zu essen, einmal eine volle Schocoroladose, dies war für uns wie Weihnachten. Einmal bekam ich von einem Schwarzamerikaner eine große Dose Hautcreme für meine „mother“. Nach ein paar Tagen waren sie aber wieder weitergezogen, Richtung Berge, und für uns das Ende des Schlaraffenlandes …


Irmgard Brambrink, Ottobeuren:

Letzter Tag vor Kriegsende im schwäbischen Spaichingen: Die Schulen waren geschlossen, wir Mädchen von der Oberschule mussten mit einem französischen Kriegsgefangenen im Wald am Zundelberg, um kleine Tannen zu setzen, die Buben mussten im Gelände Übungen mit der Panzerfaust machen, um Panzer damit abzuschießen. Immer wieder sausten Tiefflieger über uns, Alarmsirenen, Artilleriegeschosse machten uns Angst. Josef, der nette Kriegsgefangene, schickte uns im Eiltempo nach Hause. Dort angekommen schickte mich unsere Nachbarin aufs Dachgeschoss (unser Haus lag hoch am Berg), um Ausschau zu halten. Sie glaubte immer noch an den Endsieg mit der Wunderwaffe V2. Doch, oh Schreck, ich sah im sechs Kilometer entfernten Ort Panzerkolonnen mit pinkfarbenen Tüchern bedeckt und gekennzeichnet! Dann gab mir die Nachbarin einen Besenstiel mit einem Leintuch behängt, den ich, auf dem Dach sitzend, halten musste! Zu diesem Schreck stand ein schweres Gewitter am Himmel.

Ich musste alle Siegernadeln ins Herdfeuer werfen

Meine Mutter holte mich vom Dach und sprach weinend vom Weltuntergang. Ich musste alle meine Siegernadeln, die ich im Sport erkämpft hatte, ins Herdfeuer werfen, weil überall ein Hakenkreuz abgebildet war. Es war für mich als Sportlerin ganz schrecklich, wir weinten alle. Inzwischen fuhren die Panzer, von Marokkanern gelenkt, durch die Panzersperren, die die Hauptstraße blockieren sollten. Der Stadtbüttel kam dann in einem mit Marokkanern besetzten Jeep und verkündete mit einer Glocke, dass ab sofort für alle Einwohner totale Ausgangssperre gilt. Bei Nichtbeachtung ist die Todesstrafe fällig.

Dies waren die letzten Stunden des Dritten Reiches – und dennoch glaubte ich mit 15 Jahren an eine neue Zeit.


Siegfried Thum, Nördlingen:

Ich bin am 11. Juli 1939 in Heidelberg geboren. Wegen der zunehmenden Bombenangriffe auf deutsche Städte kam ich mit drei Jahren zu meinen Großeltern Friedrich und Regina Thum, Krippenweg 3, nach Nördlingen. Was sich im Nachhinein als völlig unnötig (und lebensgefährlich) erwies. Während meine Geburtsstadt Heidelberg von den Amerikanern als Hauptquartier ausersehen wurde (angeblich weil ein amerikanischer General dort studiert haben soll), wurde das Haus meiner Großeltern von amerikanischen Bombern im April 1945 zerstört. Wir kamen damals nur knapp am Tod vorbei. Der nächste Bombentreffer lag circa acht Meter vom Haus entfernt. Sekunden bei Auslösung der Bomben haben über unser Leben entschieden.

Als im April 1945 die erste Bombe fiel, saßen wir dicht gedrängt im Keller Krippenweg 3. Ich hielt in der Hand ein Schmalzbrot (Butter gab es nicht mehr) und dann hörten wir die erste Bombe pfeifen, um mit gewaltiger Detonation zu explodieren. Der Verputz der Kellerdecke fiel uns auf den Kopf und mein Brot war natürlich ungenießbar geworden. Dann aber folgte Bombe auf Bombe: ein fürchterliches Pfeifen und dann die Explosionen. Wir hatten alle Todesangst. Als der Angriff vorüber war, krochen wir die Kellertreppe hinauf und die Erwachsenen versuchten die Kellerfalle (ein Brett, das den Zugang verdeckte) zu öffnen, das dann schließlich mit großer Anstrengung gelang. Und was für ein Anblick stand uns bevor: Am Haus meiner Großeltern war eine Seitenwand komplett weggebrochen. Die sechsstufige Haustreppe war mit der Umgebung auf gleicher Höhe.

Der Garten war übersät mit Bombentrichtern

Der anschließende Garten der damaligen Malzfabrik Heinrich war übersät mit Bombentrichtern. Das Wohnhaus der Familie Dick von einem Volltreffer völlig zerstört. Große Schäden auch am gegenüberliegenden Postamt. Viele Postbeamte, die im Keller des Dick’schen Anwesens Zuflucht gesucht hatten, wurden getötet. 13 Personen waren tot.

Nachdem wir notdürftig einen Weg gebahnt hatten, haben meine Großeltern und meine Tante die Balken und Steine der Waschküche abgeräumt, um an den verschütteten Hasenstall zu kommen. Und siehe da, die Tiere kamen unversehrt zum Vorschein.

Die Hakenkreuzfahne – die jeder Haushalt haben sollte – verarbeitet meine Großmutter nach Kriegsende zu Spüllappen. Die Großmutter war am Rathaus auf der sogenannten „schwarzen Tafel“ angeschrieben gewesen, weil sie bei Juden (Seligmann) gekauft hatte.

Nach dem Einmarsch der Amerikaner wurde anfangs eine Ausgangssperre verhängt. Ich konnte von der damaligen Wohnung meiner Tante in der Schrannenstraße amerikanische Soldaten beobachten, die mit Messern auf ein Hitlerbild warfen, das an der Türe zum Hotel „Fadenherrn“ angebracht war. Am Saubrunnen hauste noch lange Jahre ein Funker der amerikanischen Armee, von uns Kindern „Old Joe“ genannt. Ein kleiner älterer Mann, der an seinem Jeep eine fast Vier-Meter-Funkantenne hatte, die an der Durchfahrt des Deininger Tores immer anstieß.

Nach der Hausreparatur wurden dort Flüchtlinge aus tschechischem Gebiet eingewiesen: das Ehepaar Korda, Ehepaar Skala und die Großmutter mit dem eigenartigen, für uns fremden Namen Chr. Dies führte zu Spannungen mit den anderen Hausbewohnern, obwohl sich dies im Laufe der Zeit wesentlich besserte. Die beiden Frauen waren hervorragende Weißnäherinnen. Auch der Fürst von Wallerstein ließ Hemden bei ihnen nähen. Wir haben bei Besuchen des Fürsten unsere Neugier kaum zähmen können.


Wilhelm Wind, Buchloe:

Die neue Ordnung, die damals durch den Einzug der Amerikaner auch für die Bürger Buchloes zum Tragen kam, erstreckte sich genau besehen nur auf geringe Änderungen in ihrem Alltagsleben. Die Einführung der nächtlichen Ausgangssperre war dabei noch der größte einschneidende Erlass. Die Lebensmittelmarken behielten weiter ihre Gültigkeit und die althergebrachte Begrüßungsform wurde wiederhergestellt. Dieses Prozedere war durch die lange Gewohnheit manchmal, wie mein Erlebnisbericht zeigt, schwer einzuhalten.

Ein Bub begrüßte die Amerikaner mit "deutschem Gruß"

An einem Nachmittag in jenen Tagen bewegte sich ein Zug Infanterie durch Buchloe, neugierig bestaunt von einer Kinderschar, aus der urplötzlich ein Knirps auf die Straße lief und die ankommenden mit einem aber seit fünf Tagen nicht mehr gültigen „deutschen Gruß“ empfing. Während die umstehenden schon etwas Älteren kreidebleich wurden, geschah auf der Straße Unglaubliches: Fast die gesamte Truppe kringelte sich, sogar dem Offizier war ein Grinsen ins Gesicht geschnitten. Es dauerte Minuten, bis er die Marschordnung wiederhergestellt hatte und der Zug mit einem vielstimmigen „oh boy, oh boy“ seinen Weg fortsetzte. Zurück blieb eine Kinderschar, die grübelte: War man jetzt glimpflich davongekommen oder hatte sich die Welt doch verändert?


Hans Steger, Durach:

Geboren im Mai 1930, wohnhaft in Kempten, war ich am Kriegsende 15 Jahre und natürlich zwangsweise auch in der Hitlerjugend. Zudem war ich in der Basilika St. Lorenz Ministrant. Ich erwähne das deshalb, weil wir von der HJ immer drangsaliert und geächtet wurden.

In den letzten Kriegsmonaten verpflichtete mich die HJ, auf der Kirchenkuppel von St. Lorenz als Beobachter zu fungieren. Das war nicht einfach, denn ich musste bei Nacht – natürlich ohne Licht, denn es war ja strikte Verdunklung vorgeschrieben – allein die wackelige Holztreppe hoch, die oft von Mäusen und sonstigem Ungeziefer bevölkert war. Ich hatte schreckliche Angst, ganz abgesehen davon, dass oft feindliche Bomberverbände die Stadt in Richtung München überflogen und man nicht sicher war, ob sie auch die eigene Stadt bombardieren werden, waren hier doch auch Flugzeug-Messerschmitt-Werke stationiert. Die wurden dann auch noch kurz vor Kriegsende durch einen Bombenangriff zerstört. Das habe ich auch auf meinem Beobachtungsposten miterlebt. Die anschließenden Brände waren furchtbar. Das hat mich wieder in meiner Angst bestätigt, wie nahe wir doch immer dem Tode sind, und wie schrecklich es ist, in einem Schutzkeller, der oftmals nur eine Waschküche war, verschüttet zu werden. Deshalb erinnere ich mich noch besonders an die für uns damals erlösende Tatsache, dass die Amerikaner am 27. April die Stadt ohne Kampfhandlung eingenommen haben. Auch das war damals keinesfalls sicher, denn einige Hitlerjungen waren von der Propaganda überzeugt, „wir gewinnen den Krieg noch“, und schossen vor der Stadt mit der Panzerfaust einen amerikanischen Panzer ab. Keiner von den 16-, 17- jährigen Buben hat das überlebt …

Die Militärpolizei schoss sofort scharf

Ja und dann hatten wir den ganzen Tag Hunger. Bei rationierten Lebensmitteln bestimmten die Zuteilungsmarken die Tagesration. Für unsere Familie, vier Personen zum Beispiel, war vorgesehen: zusammen fünf Scheiben Brot. Aber nur einfaches Brot, keine Semmeln, Knäckebrot etc. In dieser Höhe gab es auch andere Lebensmittel (Fleisch, Butter, Zucker). Zum Beispiel Schokolade war uns fremd, die bekamen wir erst von amerikanischen Soldaten, die wir manchmal zögernd angebettelt hatten.

Und bald nach Kriegsende wurde eine Ausgangssperre für die Abend- und Nachtzeit verhängt, die ganz strikt einzuhalten war. Es gab keine Polizei, die gebeten hat, nach Hause zu gehen, sondern die Militärpolizei hat sofort scharf geschossen. Einen Freund von mir hatte es erwischt, als er beim Aufklauben eines Apfels in seinem Garten war. Ja, so schlimm waren die damaligen Verhältnisse.


Dr. Anneliese Helmer, Kempten:

Am 8. Mai 1945 war der Krieg zu Ende. Großer Jubel. Die Arbeit auf dem Lazarettschiff ging aber weiter … Mit der Zeit trat immer häufiger die Frage auf, wie lange der Aufenthalt in Dänemark wohl dauern würde. Kein Mensch wusste etwas. Von der Heimat konnte natürlich keine Nachricht mehr kommen. Wir konnten auch keine Post abschicken. Niemand wusste, was inzwischen in Deutschland passiert war, ob die Angehörigen noch lebten, das Haus noch stand etc. und ob wir je wieder zurückkehren könnten. Es hieß, das Lazarettschiff habe einen Minenschaden und müsste repariert werden. Jedenfalls könne es Kopenhagen so nicht verlassen.

Doch eines Tages im Juni 1945 setzte sich das Schiff in Richtung Deutschland in Bewegung und wir landeten nach ganz langsamer Fahrt schließlich ein paar Tage später in Kiel. Erst wurden alle Verwundeten ausgeladen und in Lazarette verlegt. Danach wurde das Schiff auf Reede abgestellt. Und das für mehrere Wochen. Wir waren nun in englischer Gefangenschaft. Jeden zweiten Tag gab es abends einen neuen Film im Kinosaal. Für Bewegung sorgten wir durch ausgedehnte Märsche rund um das Promenadendeck. Eines Tages hieß es, dass die Engländer zur Bewachung an Bord kämen. Die schönsten Kabinen wurden für sie mit neuen Betten und Matratzen eingerichtet. Abends haben wir schnell die neuen Matratzen mit unseren alten, mit Wanzen verseuchten ausgetauscht. So konnten wir unsere Wanzen und Kakerlaken loswerden. Einige Tage schliefen wir ohne Wanzenbelästigung. Aber, oh Schreck, nach kurzer Zeit nisteten sich neue Tierchen ein, die von den Nebenkabinen ohne große Mühe wieder eintrafen. Nach weiteren Wochen kam der Befehl zu packen.

Auf der Ladefläche stehend wurden wir mit großen Lkw der Engländer nach Hamburg transportiert. Dort kamen wir in ein neues Entlassungslager in der Boehn-Kaserne in Hamburg-Rahlstedt. Hier dauerte es wieder acht Tage, bis die Entlassungspapiere ausgestellt waren. Am 21. August 1945 wurde ich entlassen. Nun standen wir da, die drei Mädchen aus Bayern, und sollten uns in dem sehr zerbombten Hamburg zurechtfinden. Der erste Weg führte zur Polizei, um einen Ausweis für den Rücktransport in die Heimat zu beantragen. Wie der Rücktransport erfolgen sollte, war uns selbst überlassen.

Wie wir mit dem Gepäck zum Bahnhof gekommen sind, weiß ich nicht mehr. Nach langem Hin und Her setzten wir uns in den offenen Kohlenwagen eines Kohlenzuges, der Richtung Süden fahren sollte. Aber wann? Niemand konnte uns genaue Angaben machen. Mein Hab und Gut bestand aus einer weißen Wolldecke, meinem Köfferchen und meinem Rucksack, meinem Brotbeutel, einer Feldflasche, einem Teller mit der dänischen Königskrone hintendrauf, einer Tasse, einem Löffel. Mehr besaß ich nicht mehr.

Nach Stunden des Wartens setzte sich der Zug langsam in Bewegung und wir fuhren die Nacht durch in südliche Richtung. Als kein Zug weiter nach Süden ging, übernachteten wir auf dem Bahnhofsgelände im Freien. Insgesamt völlig durchnässt ging die Weiterfahrt im Laufe des Tages auf einer Lore weiter. In die feuchte Wolldecke eingehüllt, haben wir sehr gefroren, da der Fahrtwind trotz langsamer Fahrt nicht zu verachten war. Der Güterzug hielt in Hanau. Dort stieg ein Neger auf unseren Wagen und fragte uns, wo wir hinwollten. Er bot uns an, uns mit seinem Jeep nach Hause zu fahren. Das aber war uns zu unheimlich und wir lehnten dankend ab.

Weiter ging es mit verschiedenen anderen Zügen. Gekostet hat uns die Reise nichts. Niemand fragte nach einem Ausweis, Entlassungsschein oder Fahrschein. Was ich in den acht Tagen gegessen habe, weiß ich nicht mehr. Marschverpflegung habe ich nur für zwei Tage mitbekommen. Ich bin schließlich mit Sack und Pack völlig verdreckt im Hindenburgring 37, Kempten, angekommen. Nach vorsichtigem Läuten öffnete meine Mutter und ist vor Freude fast in Ohnmacht gefallen. Der Vater kam erst einige Stunden später heim. Nach den ersten Säuberungsaktionen und erst einmal Ausschlafen in einem richtigen Bett musste ich mich sofort um meine Lebensmittelmarken kümmern. Auch benötigte ich einen zivilen Personal-ausweis. Mein Entlassungsschein von der „Navy“ aus Hamburg von der englischen Besatzungszone wurde hier in Bayern von den Amerikanern nicht anerkannt. So musste ich gleich wieder mit einem Lkw in ein amerikanisches Entlassungslager nach Memmingen abreisen. Dem Personal dort kam ich aber sehr verdächtig vor – es folgten Vorladung und Einzelverhör und Abwarten … Abwarten … Nach 14 Tagen allein ohne Waschzeug und Wäsche erfolgte endlich die Entlassung. Der Rücktransport nach Kempten erfolgte auf der Ladefläche eines Lkw.


Eduard Glogger, Krumbach:

Es ist die Nacht vom 26. auf 27. April 1945. Ein versprengter Haufen von deutschen Soldaten hatte sich im Osten von Krumbach, nahe der Bundesstraße B 300, in einer Grube verschanzt, die sonst als Schuttplatz benutzt wurde.

Von irgendjemandem hatte meine Mutter abends erfahren, dass die Amerikaner aus Richtung Ulm auf Krumbach zumarschierten. In der Nacht flüchteten wir dann zusammen mit unseren Nachbarn in den Mundingkeller, der über der Stadt in einem Berg war. Es war ein Brauerei-Eiskeller, verschlossen von einem großen Tor.

"Was sind das für Sterne?"

Im Laufe dieser Nacht schauten wir dann immer wieder kurz zum Tor hinaus. In westlicher Richtung, es war der Deisenhauser Berg, waren immer wieder Lichtblitze zu sehen, und es war starker Donner zu hören. Ich weiß noch, dass ich meine Mutter fragte: „Was sind das für Sterne?“ Es war das Mündungsfeuer der Panzerkanonen.

Als bekannt wurde, dass die Amerikaner bereits durch Krumbach Richtung Augsburg fahren – man hörte auch schon lautes Motorengebrumme und das Geknattere von Panzerketten von unten aus der Stadt –, verließen alle Menschen den sicheren Schutz im Keller. Daheim angekommen sahen wir, dass die Dachplatten von unserem Haus fehlten und Holzsplitter herumlagen. Ein alter Mann aus der Nachbarschaft schaufelte uns unseren Eingang von den zerbrochenen Dachplatten dann frei. Wie sehr das meine Mutter berührte, das kaputte Dach, weiß ich nicht mehr. Ich aber habe geweint, weil meine Stiefmütterchen im Garten unter dem Schutt begraben waren.

Wie wir später erfahren haben, hatten die Rückzugstruppen mit ihren Waffen über das Tal hinweg Richtung der anrückenden Amerikaner geschossen. Diese haben dann offensichtlich dem Mündungsfeuer nachgeschossen und dabei unser Haus und zwei Nachbarhäuser getroffen.

Amerikanische Soldaten winkten fröhlich

Lange Kolonnen von Fahrzeugen und Panzern fuhren an unserem Haus vorbei, das direkt an der B 300 lag. Dabei sah ich dann die ersten schwarzen Soldaten, die sogar noch fröhlich winkten.

Einige Monate war unser Dach nur provisorisch mit Brettern geschützt. All die Zeit lief überall das Regenwasser durch, bis dann endlich neue Dachplatten beschafft werden konnten. Mein aus der Gefangenschaft heimgekehrter Vater hat die Belege der Reparatur aufgehoben.


Erika Fortsmaier, Sulzberg:

Hallo Vati, kennst du mich? Weißt du, ich bin deine Tochter Luise, die schwarzhaarige mit den grünbraunen Augen und den roten Wangen. Ich bin im Juni 1939 geboren, war also noch nicht ganz sechs Jahre alt, als dir die Granate ins Herz drang. Ich habe es natürlich nicht verstanden, dass du nie mehr heimkommen würdest, ich weiß nur noch, dass „Tante Hilde“, die Sekretärin aus deinem NSDAP-Büro, Mutti einen Brief brachte. Sie sah uns auf der Straße spielen, wir wohnten ja damals noch in der Roseggerstraße in Murau in der Steiermark, rief uns Kinder zu sich, umarmte uns und sagte, wir müssten jetzt zur Mama immer recht lieb sein, dann ging sie ins Haus.

Ich begriff nur, dass Mutti furchtbar traurig war

Kurz darauf hörten wir Mutti laut weinen und liefen hinein. Sie hielt den Brief in der Hand, in dem stand, dass du am 5. April 1945 im Volkssturmeinsatz für den Führer und Großdeutschland den Heldentod gestorben bist. Nichts begriff ich, außer dass Mutti furchtbar traurig war. Klara, die Große, hat mit ihren neun Jahren den Schmerz von Mutti wohl schon eher verstanden, denn sie weinte auch. Stefan war auch noch zu klein, um etwas zu begreifen, und Karola, die Zweijährige, saß im Laufstall und Mutti nahm sie auf den Arm und weinte noch mehr. Du kamst nicht mehr heim und ich verstand es nicht.

Ein paar Wochen später, als wir wieder auf der Straße spielten, blieb eine fremde Frau bei mir stehen und fragte mich, wo ich wohne. Ich sollte sie zu meiner Mutter führen. Sie hatte meinen Allgäuer Dialekt erkannt und erfuhr dann von Mutti, dass wir aus Deutschland stammten und, bevor du hierher versetzt worden bist, in Kempten im Allgäu gewohnt hatten.

Im Viehwaggon verließen wir Murnau

Und stell dir vor, sie hatte eine Wohnung in Kempten und wollte wieder zurück nach Murau und wir mussten ja sowieso Österreich verlassen, denn wir waren ja Deutsche. Ich weiß das nicht so genau, war ja noch zu klein und leider habe ich später auch nicht nachgefragt. Jedenfalls einigten sich die Frauen auf einen Wohnungstausch und Ende Mai 1945 verließen wir Murau mit der Eisenbahn, aber nicht im Personenabteil, sondern im Viehwaggon.

Mutti hat mir die Geschichte viel später mal genauer erzählt, denn ich hatte nur eine verschwommene Erinnerung an diese Fahrt. Jede Person durfte nur drei Gepäckstücke mitnehmen und da wir zu viert waren (Karola wurde nicht mitgezählt, weil sie ja noch ein Kleinkind war), ergab das zwölf. Aber es war nicht angegeben, wie groß oder welcher Art sie sein müssten, und da organisierte Mutti Luftschutzkisten mit Holzgriffen und packte den nötigsten Hausrat und unsere Anziehsachen hinein. Die Möbel konnte sie bei einer Spedition zwischenlagern. Aber als dann der Abreisetag kam und sie mit ihren Kisten am Bahnhof an der Abfahrtsrampe stand, hat der Beamte sie zornig angeschrien, was sie sich einbilde, sie käme nie und nimmer mit ihren Kisten in den Zug. Mutti ist dann vor ihm auf die Knie gefallen und hat ihn angefleht, sie hätte doch vier Kinder und vor kurzem erst den Mann verloren, da ließ er sich erweichen, aber sie musste alle Kisten alleine aufladen.

Die Frau war mit dem Geld verschwunden

Sie wurde vor der Abreise von einer guten Bekannten gebeten, 2000 Reichsmark mit nach Deutschland zu schmuggeln und sie dort an einen Verwandten derselben weiterzugeben und du, Vati, kennst ja deine Lilli, sie konnte doch nicht nein sagen. Sie hat die Scheine wasserdicht verpackt und dann in Karolas Windelhöschen versteckt. Aber sie weihte eine befreundete Mitreisende in ihr Geheimnis ein als der Zug anhielt und sie zum Essenfassen aussteigen musste und bat diese, auf uns und auf das Geldpäckchen aufzupassen, sie brächte ihr dafür das Essen mit.

Aber als sie zurückkam, war die Frau mit dem Geld verschwunden und Mutti lief verzweifelt den Zug entlang und suchte in jedem Waggon. Sie hat die Frau auch gefunden und sie angefleht, ihr das Geld wiederzugeben, bis diese Mitleid bekam und es ihr aushändigte, aber nur gegen ein Schweigegeld, nachdem sie den Diebstahl zuvor vehement abgestritten hatte.

Nach drei Tagen und zwei Nächten kamen wir mitten in der Nacht bei Regenwetter auf dem Bahnhof in Augsburg an, die Kisten wurden vom Waggon heruntergeworfen. Dabei zerbrach das Geschirr, aber Mutti durfte sie wenigstens bis zum nächsten Tag im Bahnhof einstellen. Wir Kinder wurden dann aufgeteilt und bei ihrer Mutter und ihren Schwestern untergebracht, Mutti fuhr nach Kempten, um das mit der Wohnung zu regeln. Irgendwann in diesen Wochen wurden wir vier in einer Behelfskirche in Augsburg-Lechhausen getauft, weil Mutti wieder zum katholischen Glauben übergetreten war. Sie brauchte viel Kraft und die schöpfte sie aus ihrem wiedergewonnenen Glauben. Als sie uns nach einigen Wochen in die Heimat zurückholte, war die Wohnung in der Hohen Gasse mit unseren Möbeln eingerichtet, die inzwischen von der Spedition angeliefert worden waren.


Susanne Köppendörfer, Augsburg:

Für uns da gebliebene Bewohner der Bahnhofstraße 18 war vom Einzug der amerikanischen Truppen am 28. April 1945 in Augsburg kaum etwas wahrzunehmen. Dafür bezog wenige Tage danach eine afroamerikanische Militäreinheit einige der noch bewohnbaren Häuser unserer Straße. Dazu gehörte auch das heute nicht mehr existierende Hotel „Drei Kronen“. Wir bekamen wegen der Arztpraxis unseres Vaters ein „Off limits“- Schild. Über uns wurde das Soldbüro der Truppe eingerichtet. Und die Bewohner durften mit den Soldaten die Wohnung teilen.

Es gab auch Liebschaften und Prostitution

Die Anwesenheit der Truppe hat unsere Nachkriegszeit sehr geprägt und ihr trotz vieler Schwierigkeiten bei der Lebensmittelbeschaffung einen heiteren Akzent verliehen. Von strammer militärischer Haltung war nichts zu sehen. Die Soldaten saßen bei schönem Frühlingswetter locker auf der Straße und verteilten Komplimente an die ihnen bekannten Passanten.

Unsere erste nähere Bekanntschaft entstand, weil ein Soldat ein verletztes deutsches Kind wegen unserer Rotkreuzfahne zu uns in die Praxis brachte. Schließlich besuchten uns zwei, drei Soldaten regelmäßig. Zunächst gab es zwar das „Non-Fraternisierungsgebot“. Es wurde aber bald aufgehoben und – wie ich damals nur gehört habe – mit einer nächtlichen Polonaise gefeiert. Am meisten profitierten davon die Kinder: Schokolade und andere amerikanische Süßigkeiten bekamen wir regelmäßig. Jemand aus unserer Nachbarschaft sagte, dass ihr Kleinkind den Besatzern das Überleben verdankte. Natürlich gab es auch Liebschaften und Prostitution. Es war wohl im Spätsommer, als die Truppe in eine Münchner Kaserne verlegt wurde. Wir haben sie ungern gehen sehen.


Barbara Mader, Burgau:

1945 bin ich im April zur Kommunion gekommen. Es war ein warmer Frühlingstag, mit meinen Eltern und meiner jüngeren Schwester bin ich zur Kirche gelaufen, ein Auto hatte nur der Arzt. 41 Mädchen und 38 Buben durften das erste Mal die heilige Kommunion empfangen. Meine Mutter hat mir ein weißes Kommunionkleid besorgt, das schon meine Cousinen 1943 und 1944 getragen haben, Kränzchen, Kerze und Gebetsbuch konnte man beim Wachzieher Bader kaufen. Beim Einzug in die Kirche waren wir sehr aufgeregt. Die Messe mit Pfarrer Ferdinand Iberl war sehr feierlich. Danach sind wir nach Hause zum Mittagessen: Es gab Griesknödelsuppe, Schweinebraten und Spätzle, dazu Kopfsalat aus unserem Frühbeet. Gerade waren wir mit dem Essen fertig, heulte die Sirene auf, sofort gingen wir in unseren Keller, es dauerte Gott sei Dank nicht lange bis zur Entwarnung. Am Nachmittag kamen meine Tanten – die Männer waren noch im Krieg – zum Kaffeetrinken, wir freuten uns an der selbst gemachten Buttercremetorte von meiner Nachbarin und späteren Lehrmeisterin.

Die Amerikaner sagten uns, dass der Krieg zu Ende ist

Tage danach fuhr ein Wehrmachtsauto durch die Ulmer Straße und forderte alle Personen auf, mit Essen und Trinken in Lammwirts Eis- und Bierkeller zu gehen. Heute steht dort ein Netto-Markt. Nach einigen Tagen kamen damals amerikanische Soldaten in den Keller und teilten uns mit, dass der Krieg zu Ende ist. Als wir zu unserem Haus kamen, stand ein riesiger Panzer in der Einfahrt – und überall im Garten lagen Munitionshülsen. Unser Haus und weitere drei waren von Granaten getroffen und waren zum Teil sehr beschädigt worden. Jene ganz jungen Soldaten, die im Grab auf dem Burgauer Friedhof ruhen, sind alle 18 beim letzten Kampf zwischen Friedhof und Dreifaltigkeit gefallen. Rudolf Zimmermann, ein 18 Jahre alter Oberschüler, ging unter Lebensgefahr mit einem Betttuch als weißer Fahne auf die Straße, um sich zu ergeben, obwohl in seinem Haus sich noch deutsche Soldaten befanden …


Hannelore Ensenmeier, Kissing:

Ich war ein Kind aus dem Ruhrpott, neun Jahre alt. Wir wurden ständig bombardiert. Im Radio hieß es: „feindliche Verbände nähern sich“, dann – polter Krach bumm – Ende, Sender getroffen oder der Sprecher in den Keller gerannt. Man rechnet nicht 1 + 2 = 3, sondern eine Steckrübe und zwei Kartoffeln = 1 Mahlzeit. Ich ging betteln, weil Kindern gab man eher etwas. Meine Mutter hatte schon alle ihre Wäschestücke bei den Bauern eingetauscht. Sie nahmen nur das Beste. Es kamen sicher hunderte Bettler pro Tag. Ich bekam einmal eine Kartoffel, zwei Äpfel und ein Ei. Das nahm mir die Militärpolizei wieder ab, warf es auf einen großen Haufen und goss Benzin darüber und zündete ihn an. Den Geruch werde ich nie vergessen. Ein Neger stand abseits und gab mir einen Apfel. Das war das erste Mal, dass ich einen Schwarzen sah. Er hatte wunderschöne Zähne. Ich hatte lange Zöpfe. Um die Haare auszukämmen gab es einen Alukamm. Der ziepte furchtbar.

Noch heute sehe ich Tannenzapfen mit Ehrfurcht an

Unser junger Lehrer, der mit 16 Jahren eingezogen worden war, kam aus der Gefangenschaft zurück und verstand es, uns zu motivieren. Es gab keine Bücher, wir mussten alles auswendig lernen, die Glocke, den Erlkönig … In der Handarbeitsstunde wurden Pullover aufgeriffelt. Die Wolle wurde über ein Brettchen gewickelt, nass gemacht und an der Sonne getrocknet. So war sie wieder glatt. Ich erinnere mich an die schwarzen Männer mit Hut und Mantel, die an die Häuser gemalt waren: „Feind hört mit“. Aber auch an die mit weißer Farbe geschriebenen Buchstaben „Svl“ – Schutzraum vorne links. Damit die Überlebenden wussten, wo sie graben mussten. Noch heute sehe ich die Tannenzapfen mit Ehrfurcht an. Die sammelten wir für ein bisschen Wärme. Auch sind wir Kinder auf die vorbeifahrenden Güterwagen geklettert, haben die Kohlenknabbel runtergeworfen, die unten andere in alten Kinderwagen oder Schubkarren eingesammelt haben. Dabei durfte man sich nicht erwischen lassen. Die Kohle war Kriegsbeute, die abtransportiert wurde. Wir waren Helden. Schuhe und Kleidung gab es nur auf Bezugschein. Mein Vater fertigte mir aus Holz eine Schuhsohle und nagelte darauf Lederriemen. Man nannte sie Kläpperchen. Meine Mutter ging Steine klopfen.

Noch vorhandene Fahrräder waren mit Wasserschläuchen bereift, von den Lampen musste man die Verklebung wieder abkratzen, die während des Krieges das Licht abhalten sollte, damit Flugzeuge uns nicht sahen. Ich hätte so gerne eine Schreibmaschine gehabt, aber Bett, Stuhl, Kochtopf waren wichtiger. Unsere Familie war wieder zusammen. Aber wir hatten zwei Jahre nichts voneinander gehört.



Alois Vitzthum, Bellenberg:

Das Kriegsende erlebte ich bei meinen Großeltern in Fürstenfeldbruck. Mein Vater war seit März 1945 verwundet. Meine kleine Schwester war zwei Monate alt, und es gab kaum noch Kindernahrung. Aus Kastanienmehl machte meine Mutter oft das Mittagessen. Es schmeckte furchtbar bitter. Wir hatten auch keinen Zucker. Ich bettelte den ganzen Tag bei den Amerikanern. Die Schule war beschlagnahmt, und die Bücher wurden verbrannt.

Ich bettelte den Amerikaner an

Ein besonderes Erlebnis aber habe ich bis heute nicht vergessen: Ich bettelte einen Amerikaner an. Ich war sehr überrascht, als er mich im perfekten Deutsch fragte, wo ich wohne. Ich musste vor einer schönen Villa warten, er komme gleich. Nach kurzer Zeit – ich traute meinen Augen kaum – öffnete sich die Tür, und der Amerikaner trug ein großes Paket in seinen Händen zu einem Auto. Ich musste mich neben ihn setzen. „Nun zeig mir, wo du wohnst!“ Nach einer kurzen Fahrt waren wir am Haus meiner Großeltern, ich führte ihn in das alte Haus und öffnete die Stubentür, den Anblick habe ich bis heute nicht vergessen. Die ganze Großfamilie war auf einer Eckbank um den leeren Holz-Tisch versammelt, der Amerikaner stellte sein Paket mitten auf den Tisch. Es gab nur ein kurzes Gespräch, aber es war ein unglaublicher Moment, der mir bis heute unvergessen bleibt. Denn es war Hilfe in größter Not.


Kurt A. Detzer, Augsburg:

Im Mai 1945 war ich neun Jahre alt und erlebte das Kriegsende auf einem Moosbauernhof in Eschenried. Dort marschierten am 29. April 1945 amerikanische Panzertruppen durch: Ich erinnere mich genau, wie ein Jeep mit vier farbigen Soldaten in Kampfuniform in den Hof einfuhr. Die Bauerntochter Rosi – damals 17 – schrieb später: „Meine Eltern und wir vier Kinder waren auf dem Anwesen in Eschenried, als die Amerikaner anrückten. Die Soldaten kamen in unseren Hof, baumlange Kerle. Einer verlangte Eier. Meine Mutter holte einen Korb voll…“ In meiner Erinnerung ging der Soldat mit in den Speis und nahm alle vorhandenen Eier mit. Auf dem Bauernhof konnten wir auf Dauer nicht bleiben. Aber wir hatten keine Wohnung und keine Möbel mehr.

Als provisorische Unterkunft über den Sommer diente uns ein Holzhäuschen in einem Gartengrundstück am Rande der Stadt. Das war ein idealer Ort, um Gemüse zu pflanzen, etwas Obst von den vorhandenen Bäumen zu ernten und auch einige Tiere, die wir aus Eschenried erhielten, zumindest kurzzeitig zu halten, darunter zwei Schafe und ein Huhn.

Er wählte mich zum Herdenbruder

Letzteres schenkte uns – meine Mutter wollte es gar nicht glauben – tatsächlich jeden Tag ein Ei. Und da war Welax. Mein Vater hatte ihn, den jungen Gänserich, auf dem Fahrrad von Eschenried mitgebracht. Ganz wie Konrad Lorenz es später beschrieb, erwählte er mich zu seinem Herdenbruder und wurde so zu meinem besten Freund in jener Zeit: Wir rannten durch das große Grundstück und planschten mit viel Geschrei im kleinen Wasserbecken.

Mein Vater – der wie durch ein Wunder der Kriegsgefangenschaft entging – war in dieser Zeit nicht untätig. Das Wichtigste war, für den ersten Winter nach dem Krieg wieder eine Wohnung herzurichten. Das Gartenhäuschen war so gut wie nicht beheizbar und darüber hinaus zu eng. In Schwabing, meinem eigentlichen Zuhause, war bei einem Luftangriff der größte Teil unseres Hauses weggesprengt worden. Die Spengler-Werkstatt meines Vaters im Keller war unversehrt geblieben, ebenso wie all die Materialien, die ein Handwerker damals auf Lager hielt. Dies waren unschätzbare Werte für Kompensationsgeschäfte und insbesondere auch für neue Arbeit für meinen Vater.

Dort, wo die Mauern noch standen, errichtete mein Vater ein Provisorium, in dem wir den Winter 1945/46 verbrachten. Der Wiederaufbau begann nicht – wie vielfach behauptet – als Stunde null, sondern unter Verwendung alter Fundamente, Leitungen, Mauerreste, Ziegeln und was man sonst noch „organisieren“ konnte.


Konrad Gallenmüller, Dillingen, damals im Ortsteil Donaualtheim:

Am Sonntag, den 22. April 1945, fuhr die amerikanische Armee von Westen her auf Donaualtheim zu. Ich war damals noch nicht in der Schule, kann mich aber an die Geschehnisse noch gut erinnern. Meine Großmutter lief vom Dorf her kommend auf unser Haus zu, schlug die Hände überm Kopf zusammen und rief laut: „Der Ami kommt, der Ami kommt.“ Meine Mutter gab gerade vier jungen deutschen Soldaten eine Suppe zum Essen. Als diese dies hörten, warfen sie den Löffel zur Seite und fuhren blitzschnell mit ihrem Jeep Richtung Dillingen. An der Donaubrücke wurden sie gestoppt und fuhren links der Donau entlang weiter und auf eine Mine. Alle vier jungen Soldaten waren tot.

Die Angst meiner Mutter war riesengroß

Zeitgleich kamen zwei deutsche Landser mit Karabiner und Panzerfaust auf unser Haus zu und wollten Unterschlupf. Schnell gab meine Mutter den beiden das Stallgewand meines Vaters zum Umziehen, bevor sie sich im Stroh versteckten. Schon kamen US-Soldaten in den Stadel, hörten ein Geraschel und einer stieg die senkrechte hohe Leiter hinauf. Vermutlich hatte er Angst und stieg vor dem Ziel wieder zurück. Panzerfaust und Gewehr waren in der Trommel des Breitdreschers versteckt. Die Amis belagerten den Hof und Garten mit Panzern und Geschützen und belegten die Wohnräume. Großmutter, Tante, drei Kinder und die hochschwangere Mutter mussten im Rübenkeller auf Stroh übernachten. Einmal stieg in der Nacht ein Farbiger mit Taschenlampe und vorgehaltener Pistole in den Keller und suchte vermutlich nach den deutschen Soldaten. Die Angst meiner Mutter war riesengroß, weil sie ja die beiden versteckten Männer heimlich mit Essen und Trinken versorgt hat.

Nach einiger Zeit waren die amerikanischen Soldaten aber für uns Kinder zugänglich, ließen uns auf ihre Panzer steigen und gaben uns sogar Schokolade. Die aus Baumstämmen errichteten Panzersperren konnten die Militärfahrzeuge nicht aufhalten. Unseren zwei versteckten Landsern wurde es zu unsicher. Einer, der aus Tapfheim war, suchte um Mitternacht über den Wald das Weite, und der Niederbayer riskierte nach zwei Wochen, dass er irgendwie unbehelligt zu Fuß nach Hause kommt.


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