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Natur

28.04.2020

„Das Waldbild wird sich stark verändern“

Junge Laubbäume stehen in einem sogenannten "Klumpen" in einem Nadelwald.
Bild: Andreas Arnold, dpa

Mehr als nur Trockenheit: Der aktuelle Waldzustandsbericht verhießt nichts Gutes. Wo die Probleme liegen - und was helfen kann

Der Klimawandel wirkt sich deutlich auf die Wälder in Deutschland aus. Zu wenig Blätter und viele Schädlinge: Noch nie seit Beginn der Erhebungen im Jahr 1984 war der Anteil der Bäume mit gesunden Kronen so gering wie im vergangenen Jahr. Das geht aus dem aktuellen Waldzustandsbericht der Bundesregierung hervor. „Die letzten beiden Jahre 2018 und 2019 haben gezeigt, dass der Klimawandel endgültig und für alle sichtbar im deutschen Wald angekommen ist“, schreibt das Thünen-Institut für Waldökosysteme in Eberswalde, das den Bericht erstellt hat. „Die anhaltende Dürre in den Vegetationszeiten hat verbreitet zum vorzeitigen Abfallen der Blätter geführt.“

Immer mehr Trockenstress

Bei den vier häufigsten Baumarten habe sich der Kronenzustand weiter verschlechtert. Noch nie seit Beginn der Erhebungen im Jahr 1984 war der Anteil der Bäume ohne Kronenverlichtung so gering. 2019 war nur jede fünfte Baumkrone (22 Prozent) intakt – nach 28 Prozent im Jahr zuvor. Und etwa jeder dritte Baum (36 Prozent) wies eine deutliche Kronenverlichtung auf. Im Jahr davor waren es mit 29 Prozent noch merklich weniger gewesen. „Die Perioden mit Trockenstress haben in den letzten Jahren deutlich zugenommen“, sagt Koordinatorin Nicole Wellbrock vom Thünen-Institut. Für den jährlichen Bericht begutachten Experten jedes Jahr im Hochsommer rund 10 000 Bäume in einem Stichprobennetz, das insgesamt etwa 16 mal 16 Kilometer misst und als repräsentativ für das Bundesgebiet gilt.

Damit nicht genug. Dem Bericht zufolge sind bislang bereits 180000 Hektar Wald (1800 Quadratkilometer) abgestorben. Und Wellbrock zufolge starben 2019 zum ersten Mal seit dem Waldsterben in den 1980er Jahren Fichtenbestände flächenhaft ab. Zudem wurden vorgeschädigte Bestände besonders stark vom Borkenkäfer befallen. Die Baumgerippe sorgten vorigen Sommer bei Wanderern etwa im Harz oder in der Sächsischen Schweiz für Entsetzen. Wellbrock betrachtet diese Entwicklung als das Ende der Fichtenkultur in tiefen Lagen: „Die Forstwirtschaft wird dazu übergehen, andere Baumarten anzupflanzen.“

„Das Waldbild wird sich stark verändern“

„Wir werden großflächige Schäden sehen“

Für das laufende Jahr befürchtet sie eine weitere Verschärfung der Lage: „Schädigungen offenbaren sich meist erst mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung.“ Die Schäden des heißen Sommers 2019 würden sich in den kommenden Monaten zeigen. Zudem drohe nach dem milden Winter erneut verstärkter Insektenbefall – und auch der bislang sehr sonnige April verheiße nichts Gutes. „Wir gehen davon aus, dass der Trend anhält. Wir werden großflächige Schäden sehen.“

Wie stark etwa Buchen unter der Trockenheit leiden, beschreibt Christian Ammer von der Universität Göttingen am Beispiel des Nationalparks Hainich in Thüringen. In dem Waldgebiet, das aufgrund seines einzigartigen Buchenwald-Bestands Unesco-Weltnaturerbe ist, sterben Buchen an flachgründigen Südhängen flächig ab.

Ausgerechnet der Buche, die dominierende Baumart Mitteleuropas, könnten die klimatischen Veränderungen große Probleme bereiten, befürchtet Ammer. „Buchen schränken ihren Wasserverbrauch bei Trockenheit erst dann ein, wenn kein Wasser mehr da ist. Erst dann schließen sie ihre Spaltöffnungen. Man kann nur hoffen, dass sie mit dieser Strategie auch mehrere trockene Sommer hintereinander in großer Zahl überleben werden.“ In Südeuropa wachsende Buchen-Varianten, die heißtrockenes Klima besser vertragen, könnten nicht schnell genug nach Norden vordringen. „Niemand weiß, wie schnell sich so eine Baumart, die frühestens im Alter von 30 Jahren fruktifiziert und sich nur alle fünf Jahre reproduziert, an die wechselnden Bedingungen anpassen kann“, sagt Ammer.

„Die Buche leidet extrem“

Wie empfindlich sogar Bäume im südlichen Ostseeraum trotz der dort relativ hohen Luftfeuchtigkeit reagieren, berichtet ein Team um Martin Wilmking von der Universität Greifswald im Fachblatt Environmental Research Letters. Dort können zwar reichlich Winter-Niederschläge Bäumen über einen trockenen Sommer hinweghelfen, aber gerade das Jahr 2019 habe „voll durchgeschlagen“, sagt Wilmking. „Die Buche leidet extrem.“ Das zeige neben lichten Kronen auch der extrem dünne Baumring im Jahr 2019.

Eichen und Kiefern, die als trockenheitstolerant gelten, setzen bei der Kombination von Trockenheit, Wärme und milden Wintern vor allem Schädlinge zu: Regional machen Eichen laut Ammer Fraßgemeinschaften aus Frostspannern, Eichenwicklern, Eichenprozessionsspinnern und Schwammspinnern zu schaffen, Kiefern leiden verstärkt am Diplodia-Triebsterben, verursacht vom Pilz Sphaeropsis sapinea.

Verschlimmert wird der Zustand der Bäume durch einen weiteren Faktor: das Überangebot an Stickstoff durch Industrie, Verkehr und Landwirtschaft. Mit viel Stickstoff könnten Bäume zwar schneller wachsen, erläutert Nicole Wellbrock, sie bräuchten dann aber entsprechend auch andere Nährstoffe wie Phosphor und Kalium. Fehlten die, würden Blätter vergilben und verbraunen. Zudem werde Stickstoff als Ammonium (NH4) in die Wälder eingetragen und lasse die Böden versauern.

„Wir müssen die natürlichen Prozesse zulassen“

Waldökologe Ammer nennt einen weiteren Aspekt: „Bäume bilden Wurzeln, wenn sie an Wasser und Nährstoffe kommen wollen. Wenn sie aber gut nährstoffversorgt sind, wird das Wurzelwachstum eingeschränkt.“ Durch das Überangebot an Stickstoff, so der Experte, seien die Wurzelsysteme weniger ausgeprägt. Bei gutem Wasserangebot sei das nicht unbedingt ein Problem, „aber bei Trockenheit geht das zu Lasten der Wasserversorgung“.

Trockene und warme Bedingungen aber werden „eher die Norm sein in den nächsten Jahrzehnten“, sagt der Greifswalder Experte Wilmking. Das werde Struktur und Zusammensetzung der Wälder verändern. „Der Wald wird nicht sterben“, sagt Wellbrock. „Er wird sich aber stark verändern. In 30 bis 40 Jahren werden andere Baumarten das Waldbild bestimmen.“

Wie der Wald der Zukunft aussieht, dazu gibt es nur Spekulationen. Diskutiert wird, vermehrt Arten aus anderen Erdregionen anzupflanzen. Ammer zufolge sollte das aber keinesfalls großflächig und nur in Mischung mit einheimischen Arten erfolgen. „Es gibt keine nicht-heimische Art, die man vorbehaltlos empfehlen könnte.“ Auch sollte man das Anpassungspotenzial einheimischer Arten nicht unterschätzen. Wilmking hält es für möglich, dass sich einige der derzeitigen Arten an das neue Klima anpassen können. Es gebe Hinweise darauf, dass Nachkommen von trockenheitsgestressten Bäumen sich – im Gegensatz zur Vorgängergeneration – besser auf solche Bedingungen einstellen könnten. Aber das brauche Zeit und gehe auf Kosten der Holzerträge. „Wir müssen die natürlichen Prozesse zulassen“, rät Wilmking, „auch wenn sie etwas länger dauern.“

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Die Diskussion ist geschlossen.

29.04.2020

Die Problemlösung ist der Mischwald und weg von der Monokultur.
Die Gier nach Ertrag & Geld hat dies bisher verhindert, aber die Negativergebnisse in der Natur zwingen (hoffentlich) zum Umdenken.

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