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Philosophie

07.11.2019

Der große Descartes und das Rätsel von Neuburg

Descartes (hier aus einem Stich von Edmond Mennechet aus dem Jahr 1836) vor der historischen Kulisse Neuburgs – nur eine Schimäre? Die große Jubiläumstagung jedenfalls findet in Neuburg statt.
Bild: Bild: Bianchetti/leemage/Picture Alliance, Rebecca Lang. Montage: ws

Genau 400 Jahre alt ist der epochemachende Satz: „Ich denke, also bin ich.“ Er wurde in unserer Region geboren! Aber wo genau? Eine Spuren- und Sinnsuche

Wenn sich „die wichtigste Nacht der Philosophiegeschichte“, wie es noch heute der Philosoph Dieter Thomä sagt, exakt zum 400. Mal jährt, weil ein junger Franzose Gedanken gebar, die fundamental für die Moderne und gerade heute von elementarer Bedeutung sind: Kein großes Wunder, dass da am Wochenende vom 9. bis 12. November eine internationale Tagung stattfindet. Aber es verbirgt sich ein großes Rätsel dahinter, dass die Wissenschaftler sich ausgerechnet im ehemaligen Jesuiten-Stift in Neuburg an der Donau treffen.

Denn so klar, wie es der für das Treffen mitverantwortliche Professor Walter Schweidler von der Katholischen Universität Eichstätt erklärt, dass jener René Descartes eben hier auf sein berühmtes „Cogito, ergo sum“, „Ich denke, also bin ich“, gekommen ist, so eindeutig ist das dann doch nicht. Descartes selbst erinnerte sich später im Buch „Discours de la méthode“ an jenen 10./11. November 1619: „Der Beginn des Winters hielt mich in einem Quartier fest, in dem ich keine Unterhaltung fand, die mich ablenkte, und wo mich zum Glück weder Sorgen noch Leidenschaften plagten. So blieb ich den ganzen Tag allein, eingeschlossen in der Stube, in der ich alle Muße fand, mich mit meinen Gedanken auseinanderzusetzen.“ Der 23-jährige Jurist war im noch jungen Dreißigjährigen Krieg nach Deutschland gekommen und schloss sich nach dem Besuch der Kaiserkrönung in Frankfurt den Truppen von Bayerns Maximilian I. an.

Die anderen Kandidaten heißen Ulm und Lauingen

Nur: Wo genau war das geschehen? Sein früher Biograf Adrien Baillet, der sogar vom Inhalt dreier wegweisender Träume Descartes in jener Nacht zu berichten wusste, verortete das Ereignis lediglich im Donautal und im Herzogtum Pfalz-Neuburg. Die Spurensuche heute wird über die Uni Eichstätt und das Descartes-Gymnasium in Neuburg bis nach Graubünden in die Schweiz führen – und zurück ins Jahr 1838. Da nämlich publizierte der kunst- und geschichtsbegeisterte Kaufmann Joseph Benedikt Grassegger im Neuburger Kollektaneenblatt eine Notiz, in der er „um gefällig Mitteilung“ bat – falls jemand etwas wisse über den Aufenthalt von Descartes in der Stadt.

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Am nachdrücklichsten hat das Grasseggers Ur-Ur-Ur-Enkel fast 175 Jahre später getan. Dieser Nachfahre war selbst in Neuburg aufs Gymnasium gegangen, als es zwar noch nicht nach Descartes benannt war, aber in seinen Mauern doch als Tatsache galt, dass der Denker eben hier gewesen sei. Er heißt Otmar Gratzl, wurde Professor für Neurochirurgie, kultivierte aber neben dem Beruf wie Ur-Ur-Ur-Großvater Grassegger eine Geschichtsleidenschaft und engagierte sich ebenfalls maßgeblich beim Historischen Verein in Neuburg. Gratzl ist heute 80 Jahre alt, lebt seit 30 Jahren in Basel und veröffentlichte doch, ebenfalls im Neuburger Kollektaneenblatt, 2011 den Aufsatz „Descartes und Neuburg“.

Wer heute bei der Uni Eichstätt nach den Hintergründen der Expertentagung in Neuburg fragt, landet bei der Doktorandin Elisabeth Vasseur, die das Treffen vorbereitete – und bekommt von ihr den Gratzl-Aufsatz zugeschickt. Wer sich beim Historischen Verein nach dem Stand der Dinge erkundigt, landet bei Gabriele Kaps, die dort Mitglied, zudem Stadtführerin und Lehrerin am Descartes-Gymasium ist (passend für Französisch und Latein, der französische Denker schrieb auf Latein). Und auch von ihr, die mit Schülern engagiert die Bedeutung von Descartes’ Lehren behandelt, bekommt man jenen Gratzl-Aufsatz zugeschickt. Obwohl Kaps ihre Hoffnung doch an ein Indiz richtet, das dafür sprechen könnte, dass Descartes tatsächlich in Neuburg war. Denn es gibt eine Widmung des damaligen Jesuiten-Priesters Johannes Molitor in einem Buch des Philosophen Pierre Charon an René Descartes in Neuburg. Bedeutet das nicht, dass eben genau in dem Jesuiten-Stift von einst, in dem nun die Tagung stattfindet, tatsächlich damals jene beiden Gläubigen …?

„Bis heute einer der inspirierendsten Denker“

Otmar Gratzl jedoch, gerade im Urlaub in Graubünden, erklärt am Telefon: Neuburg als Ort des legendären Geschehens sei unwahrscheinlich, Descartes sei höchstens auf Durchreise bei einem hier belegten Festessen gewesen, im Winterquartier aber anderswo. Für noch unwahrscheinlicher hält der emeritierte Uni-Klinik-Professor eine konkurrierende Version mit Ulm, obwohl Descartes dort laut seiner Briefe ja war: Aber in der im Krieg betont neutralen Stadt ein Soldaten-Winterlager? Und Ulm lag ja nicht im Herzogtum Pfalz-Neuburg …

Die wahrscheinliche Lösung des Rätsels lautet für Otmar Gratzl: Lauingen! Denn die Stadt war nicht nur die Nebenresidenz des Herzogtums, sondern lag auch nah genug für Besuche in Ulm und war als Hort der Druckereien und Bibliotheken ein interessantes Lager. Zugleich aber klein genug, um noch als „Kaff bei Ulm“ bezeichnet zu werden, wie es der historisch versierte Poet Durs Grünbein in seinem Langgedicht „Vom Schnee oder Descartes in Deutschland“ darstellt. Lauingen also. Ob das bei der Tagung in Neuburg auch diskutiert wird? Otmar Gratzl wurde weder eingeladen, noch reist er privat an.

Aber Stoff in Sachen Descartes gibt es für die internationalen Experten vor allem in philosophischer Hinsicht. Der Eichstätter Professor Schweidler, der auf die Idee zur Jubiläumstagung in Neuburg vor vier Jahren mit dem Pariser Kollegen Jean-Luc Marion kam, sagt: „Das war einer der größten Einschnitte in der Philosophiegeschichte.“ Und: „Descartes ist bis heute einer der inspirierendsten Denker.“ Vor ihm habe 2000 Jahre lang der Ort der letzten Wahrheit in zeitlosen, erhabenen Ideen gelegen – mit dem „Cogito, ergo sum“ aber sei er ins Subjekt, den Menschen selbst, verlegt worden. Und wenn es um die Verlässlichkeit unserer Wirklichkeit und die Frage nach Gott gehe, sei das noch heute von einiger Brisanz.

Der junge Descartes fragte nach dem, was wir eigentlich wirklich sicher wissen können, wenn wir uns in Wahrnehmung und Denken doch jederzeit täuschen können. Und diese letzte Gewissheit ist nach ihm: Die Existenz dessen, der da denkt – meine eigene. Es ist unser Geist. Und dem gegenüber der Körper, die Empfindungen, die äußere Welt?

Der katholische Philosoph findet in seinen „Meditationen“ von dieser Basis im geistigen Inneren zum körperlichen Äußeren zurück – durch einen Gottesbeweis. Ontologisch: Der Mensch kann nicht der Urheber einer Vorstellung von Gott sein, weil er als Ursache niemals größer sein kann als seine Wirkung – wir können die uns weit überragende Vorstellung Gottes also nur dank dessen Existenz haben; und weil der in höchster Vollendung als guter Gott kein täuschender sein kann, dürfen wir auch auf Körper und Wahrnehmung vertrauen …

Ist das Ich nur ein reizverarbeitendes System?

Im 20. Jahrhundert dann wird die Frage neu gestellt: Woher können wir wissen, dass wir nicht einfach ein „Gehirn im Tank“ (Hillary Putnam) sind, dem all unsere vermeintlichen Wahrnehmungen und Empfindungen nur eingespielt werden? In der Populärkultur hat diese Frage berühmte Rezeption gefunden, in Filmen wie „Strange Days“, „Vanilla Sky“ und vor allem „Matrix“. In Zeiten der digitalen Revolution nun, der virtuellen erweiterten Wirklichkeit, deren Überblendung und Ersatz, stellt sich die Herausforderung verschärft. Wenn wir in einem simulierten Leben („Second Life“) einfach glücklich sein können, wie und solange wir wollen, und wenn wir den Unterschied zur Wirklichkeit ohnehin nicht wahrnehmen können: Warum nicht der Fiktion ergeben, wo läge dann der Unterschied?

Mit Descartes könnte man sagen: Gerade im Bewusstsein! Sonst reduzieren wir uns auf ein reizverarbeitendes System – was die Propheten der künstlichen Existenz tun und darum die Unsterblichkeit in der Verknüpfung mit der Maschine erreichbar wähnen.

400 Jahre nach jener Nacht lautet die Frage also: Was ist dieses Ich, das da denkt? Der Philosoph Dieter Thomä: „Wer immer heute ‚ich‘ sagt und auf die ‚Vernunft‘ setzt, tut dies im Windschatten von René Descartes.“

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