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Haustiere

21.01.2018

"Designerhunde" sind in. Aber der Trend hat Schattenseiten

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Ein Cavachon ist eine Mischung aus Cavalier King Charles Spaniel und Bichon Frisé.
Bild: Patrick/Fotolia.com

Wau mit Wow: Labradoodle, Cockapoo und Cavachon: Über das schmutzige Geschäft mit "Designerhunden".

Hätte Wally Conron die weltweiten Folgen seines Experiments vorhergesehen, hätte er das Ganze einfach gelassen. Er hätte wohl weiter Labradore zu Blindenhunden ausgebildet. Doch der Australier ist als Erfinder der „Designerdogs“ in die Geschichte der Hundezucht eingegangen – und darauf ist er nicht stolz. „Ich öffnete die Büchse der Pandora, ich ließ einen Frankenstein heraus“, sagte er vor ein paar Jahren schon in einem Interview mit Psychology Today. Da war sein „Frankenstein“ schon längst in Deutschland angekommen.

Alles fing ganz harmlos an, damals, Ende der 1980er Jahre. Eine blinde Frau aus Hawaii wandte sich an die Australische Blindenhunde-Vereinigung, weil sie einen Blindenhund suchte, gegen den ihr Ehemann nicht allergisch ist. Zuchtmanager Conron hatte folgende Idee: Einen klassischen Blindenhund wie einen Labrador mit einem nicht haarenden Pudel paaren, damit ein Mischling mit den besten Eigenschaften seiner Eltern herauskam. Gesagt, gekreuzt. Schnell war Conron klar: So einfach ist es nicht, einen allergikergeeigneten Blindenhund zu züchten. Es bedarf vieler Hundegenerationen und Zuchtversuche, bis sich die Merkmale etablieren. Und die Welpen des ersten Wurfes wollte schon niemand haben – sie waren ja Mischlinge.

In seiner Verzweiflung wandte Conron einen Trick an. Er gab den Mischlingshundekindern einen neuen Namen. Aus „Labrador-Poodle-Mix“ machte er „Labradoodle“ – das klang exotisch, neu, chic, fast nach einer Rasse. Zum Wau gab es nun ein Wow. Und siehe da: Plötzlich waren die Mischlinge heiß begehrt. Die Medien berichteten über den designten „Wunderhund“, der allergikergeeignet ist. Als sich dann auch noch Stars wie Schauspielerin Jennifer Aniston und Golf-Profi Tiger Woods niedlich-wuschelige Labradoodles kauften, war der Hype perfekt. Das Wow wurde wichtiger als das Wau.

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Manche Hundeproduzenten machen falsche Versprechungen

Bald schon wurden Labradoodles teurer verkauft als ihre reinrassigen Eltern. Auch andere Rassen wurden gezielt gekreuzt, „gedoodelt“ und mit besonderen Eigenschaften gelabelt – teils ohne Rücksicht auf körperliche oder charakterliche Merkmale der Tiere. Dass ein Puggle die kurze Mopsschnauze und den Bewegungsdrang eines Beagles erben und somit unter Atemproblemen leiden könnte, schien manche Hundebesitzer in spe nicht zu interessieren. Hauptsache niedlich – und Jake Gyllenhaal hat doch auch einen  …

Die amerikanische Journalistin Caroline Coile hat in ihrem Buch „Designer Dogs“ über 400 Arten an designten und mit Koffernamen versehenen Mischlingen aufgelistet. Keiner von ihnen wurde bisher von der Internationalen Kynologischen Vereinigung (FCI) als Rasse anerkannt und in der Liste aus zurzeit 335 registrierten Hunderassen aufgenommen. Genau genommen sind die meisten Rassehunde zwar auch aus Mischlingen entstanden. Der Unterschied zum „Designerhund“ ist aber: Sie wurden weiter gekreuzt, sodass sie die gewünschten Merkmale zuverlässig an ihre Nachkommen weitergeben. Die Modemixe können das nicht.

Ein Cockapoo ist eine Mischung aus Cocker Spaniel und Pudel.
Bild: martincp/Fotolia.com

Offiziell sind „Designerhunde“ also nach wie vor Mischlinge. Wie viele von ihnen es in Deutschland gibt, ist nicht bekannt. In Statistiken werden sie zusammen mit Promenadenmischungen unter „Mischling“ geführt – übrigens die laut Erhebung des Vereins Tasso beliebteste Hundesorte der Deutschen. Nach Ansicht von Udo Kopernik vom Verband Deutscher Hundehalter (VDH) und Astrid Behr vom Berufsverband praktizierender Tierärzte sind „Designerhunde“ aber nach wie vor „in“. Das mache sich auf der Straße bemerkbar, und auch im Internet, wo zahlreiche Hundeproduzenten ihre Welpen anbieten. „Den Trend gibt es bei uns seit etwa sechs bis sieben Jahren“, sagt die Tierärztin, die auch die Schattenseiten des Wows kennt.

Manche Hundeproduzenten etwa würden falsche Versprechungen machen. „Es heißt häufig, Mischlinge seien gesünder als Rassehunde. Das ist so nicht richtig“, betont Astrid Behr. Rassetypische Krankheiten wie Hüftfehlstellungen oder Augenprobleme können von den Eltern auch an einen „Designerhund“ weitergegeben werden. „Ich bin nicht grundsätzlich gegen die Mischung aus Rassehunden. Doch man muss wissen, worauf man sich einlässt“, sagt die Tierärztin. So sei ein Labradoodle zum Beispiel nicht automatisch „allergikerfreundlich“: Bei einem Welpen der ersten Generation (F1) sei nicht garantiert, dass er das Fell seines Pudelelternteils bekomme. Die meisten Designerdogs seien aber F1 – direkte Nachkommen zweier reinrassiger Hunde.

Der Deutsche Tierschutzbund ist alarmiert

Auch müssen sich nicht zwangsläufig nur die guten Eigenschaften der Eltern beim designten Hund durchsetzen. Jedes dieser Tiere sei individuell wie eine Wundertüte. Um verlässliche Eigenschaften zu züchten, bräuchte es viele Jahre und viele Nachkreuzungen – aber dieser „langwierige und mühselige Prozess“ werde bewusst vermieden, sagt Kopernik. „So kann jeder Züchter für sich arbeiten.“ Monetäre Hintergedanken spielten da sicher eine Rolle. Im Gegensatz zu Rassezüchtern hätten die Hersteller von „Designerhunden“ einen geringeren Aufwand und geringere Kosten, aber ähnliche Preise: „Sie müssen keine Prüfungen ablegen, es gibt keine Zuchtkontrollen.“ Daher sei es wichtig, beim Welpenkauf gut aufzupassen (Tipps gibt der VDH unter www.vdh.de).

Das Verhalten mancher Designerhundehersteller ist der Grund, weshalb Wally Conron die Erfindung des Labradoodles inzwischen bereut. Hinterhofzüchter seien auf den Zug aufgesprungen und hätten jeden Hundetyp mit einem Pudel gekreuzt. „So viele Leute züchten des Geldes wegen. So viele dieser Hunde haben körperliche Probleme und manche sind einfach verrückt. Ich habe so viele Scharlatane reich gemacht“, schimpfte Conron, der bereits nach 31 Labradoodles aufgegeben hatte. „Mehr hat mein Gewissen nicht zugelassen.“

Ein Puggle ist eine Mischung aus Mops und Beagle.
Bild: AnetaPics/Fotolia.com

Auch der Deutsche Tierschutzbund ist bereits alarmiert. „Hier besteht die Gefahr, dass eine Massenproduktion durch unseriöse Zuchten ausgelöst wird“, sagt Pressesprecherin Lea Schmitz. Zum Teil würden Qualzuchten wie Möpse als Ausgangsrassen verwendet. Und wenn der „Designerhund“ seinem neuen Besitzer nicht passe, laufe das Tier Gefahr, im Heim zu landen. Schmitz rät: Lieber gleich einem Mischling aus dem Tierheim ein neues Zuhause geben, als einen teuren „Designerhund“ zu kaufen. Es muss nicht einmal an einem griffigen Namen mangeln. „Das sind doch Buramis – Bunte-Rasse-Mischungen“, sagt Kopernik und hat sogar einen Slogan dazu: „Statt Poodle ohne P lieber Burami aus dem Heim.“

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