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Brauchtum

19.11.2019

Die bewegte Geschichte des Adventskalenders 

Von 1 bis 24 fiebern: Und wenn‘s auch nur ein Stück Schokolode gibt...
Bild: Patrick Pleul, dpa

Alle Jahre wieder täglich ein Türchen: Woher kommt das eigentlich? Und warum ist das ausgerechnet jetzt in den USA der neueste Hype?

Wann ist Weihnachten?“ Das ist wohl eine der am häufigsten gestellten Fragen vor dem Fest. Vor allem kleinere Kinder können es ja oft kaum noch erwarten, bis es endlich so weit ist. Da ist ein Adventskalender natürlich überaus praktisch. Zum einen versüßt er das Warten auf das Weihnachtsfest. Zum anderen macht er die Zeit anschaulich, die bis dahin noch vergeht – 24 Türchen, dann kommt der Weihnachtsmann oder aber eben auch das Christkind, je nachdem.

Bei uns scheint das selbstverständlich, in den USA ist der Brauch dagegen kaum verankert, weshalb es im Land des unbegrenzten Warenangebotes auch Adventskalender gibt – die Menschen können einfach nichts damit anfangen, wissen ohnehin oft nicht, was überhaupt Advent sein soll. Bis jetzt. Denn ausgerechnet durch einen deutschen Discounter scheint sich das gerade zu ändern. Aldi hat aktuell rund 1900 Filialen in den USA und verkauft darin Adventskalender in allen möglichen Varianten – und erlebt damit nun einen regelrechten Ansturm. Vor allem ein Wein-Kalender mit 24 Fläschchen, aber auch einer mit 24 Bierchen und eine Variante mit Käse ist gefragt. Schlangestehen, ausverkauft, Versteigerungen auf Ebay … – die Amerikaner erleben einen Adventskalender-Hype. Kann man im guten alten Europa doch nur den Kopf schütteln, oder?

Die erste Frühform gab es Ende der 1830er Jahre

Aber auch bei uns ist der Adventskalender, so wie wir ihn heute kennen, eine relativ neue Erfindung. Noch bevor es die ersten Exemplare im Handel zu kaufen gab, wurde so einiges selbst gebastelt, und auch simple Abreißkalender oder einfache Kreidestriche am Türrahmen waren verbreitet. Diese erfüllten ihren Zweck zwar auch, aber natürlich nicht auf so leckere Art und Weise. In manchen Familien hat sich bis heute noch der alte Brauch des sogenannten „Strohsteckens“ erhalten. Dabei wird jeden Tag ein weiterer Strohhalm in die Krippe gelegt. Manchmal müssen sich die Kinder die Strohhalme auch erst durch gute Taten verdienen.

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Eine andere alte Form der Vorfreude auf das Weihnachtsfest ist die ebenfalls heute noch gebräuchliche Adventskerze, die Tag für Tag ein zuvor genau definiertes und markiertes Stück heruntergebrannt wird. Bei diesen Kerzenuhren handelt es sich um einen der ältesten Zeitmesser überhaupt. Als sogenannte „Stundenkerzen“ fanden sie schon in mittelalterlichen Klöstern Verwendung. Kerzen sind auch der Hauptbestandteil eines weiteren Vorläufers des modernen Adventskalenders.

Auch dieses Jahr wieder: Das größte Adventskalenderhaus der Welt: in Gengenbach, Baden-Württemberg, am historischen Rathaus.
Bild: Patrick Seeger, dpa

Ende der 1830er Jahre kam der Theologe Johann Hinrich Wichern in Hamburg auf die Idee, aus einem alten Wagenrad einen Holzkranz zu bauen, den er mit Tannengrün schmückte und auf dem er vier große Kerzen für die Adventssonntage und 20 kleine Kerzen für die übrigen Adventstage befestigte. Damit hatte er nicht nur einen Vorläufer des Adventskalenders geschaffen, sondern auch gleich noch den Adventskranz erfunden.

Erst im Spätherbst 1902 kam eine erste Frühform des heutigen Adventskalenders auf den Markt – und die hatte noch nicht einmal 24 Türchen. Vielmehr handelte es sich bei der von der „Evangelischen Buchhandlung Fr. Trümpler“ in Hamburg herausgebrachten Vorform des Adventskalenders um eine „Weihnachtsuhr für Kinder“. Ein kleiner Messingzeiger konnte wie bei einer richtigen Uhr auf zwölf bedruckte Felder bewegt werden, die für die Zeit vom 13. bis zum 24. Dezember standen. Auf jedem dieser Felder befand sich ein Bibelspruch oder auch ein Liedanfang wie etwa „Alle Jahre wieder“.

Der Siegeszug begann nach dem Zweiten Weltkrieg

Ein Adventskalender, der die gesamte Adventszeit umfasst, kam erst im Jahre 1908 auf den Markt. „Im Lande des Christkinds“ war dieser „Weihnachtskalender“ des Pastorensohnes und Verlegers Gerhard Lang betitelt. Er bestand aus einem Bogen mit 24 bunten Bildchen zum Ausschneiden und einem weiteren bunten Bogen mit 24 Feldern, auf die die Bilder Tag für Tag aufgeklebt werden konnten. Aber auch diese Version hatte noch nicht die heute üblichen 24 Türchen zum Öffnen. Derartige Adventskalender kamen erst in den 1920er Jahren auf den Markt. Zuerst befanden sich hinter den Türen noch Bibeltexte oder Lieder. Erst die Dresdner Schokoladen und Zuckerwarenfabrik „C.C. Petzold & Aulhorn“ brachte im Jahre 1938 einen Adventskalender heraus, der kleine Schokoladenstücke hinter seinen Türchen verbarg.

Auch Gerhard Lang, der zeit seines Lebens mit verschiedenen Adventskalenderformen experimentierte, entwarf unter anderem ein „Christkindleinhaus zum Füllen mit Schokolade“. Parallel dazu waren aber auch viele Selbstbauanleitungen im Umlauf, denn längst nicht jeder kaufte damals seinen Kindern einen fertigen Adventskalender im Handel. Die Papierknappheit der Kriegstage führte dann allerdings dazu, dass die bedruckten Adventskalender bald gänzlich eingestellt wurden.

Der teuerste Kalender der Welt: 2,5 Millionen Euro wert

Doch schon sofort nach dem Zweiten Weltkrieg begannen die Adventskalender endgültig ihren Siegeszug, nun auch immer häufiger als „Adventskalender“ benannt, und immer seltener unter der alten Bezeichnung „Weihnachtskalender“. In den 1950er Jahren setzte die Massenfertigung ein und mit ihr der Export in andere Länder wie die Vereinigten Staaten von Amerika. In den 1960er Jahren war dann die Schokolade kaum mehr aus den Adventskalendern wegzudenken und wurde mehr und mehr zum festen Bestandteil der 24-türigen weihnachtlichen Vorfreude.

Heute findet sich so ziemlich alles Denkbare hinter den Türchen: Schokolade und Spielzeug für die Kinder, Pralinen und Bierdosen für die Erwachsenen, und sogar Hundeleckereien für Hundebesitzer. Vielerorts werden ganze Häuser zum Adventskalender, Rathäuser, aber auch Kindergärten und andere. Ein Adventskalender für Millionäre hat es sogar in das Guinnessbuch der Weltrekorde geschafft. Der teuerste Adventskalender der Welt kostet schlappe 2,5 Millionen Euro – zuzüglich Mehrwertsteuer versteht sich –, kann dafür aber nicht nur mit 24 richtig dicken Diamanten aufwarten, sondern auch noch mit 100 zusätzlichen Viertelkarätern, die sich alle zusammen auf atemberaubende 81 Karat summieren.

Aber auch das genaue Gegenteil erfreut sich heute wieder großer Beliebtheit: der selbst gebastelte Adventskalender. Und so schließt sich der Kreis wieder zu den frühen Formen und sogar Vorläufern des modernen Adventskalenders. Mal sehen, was die Zukunft so bringt.

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