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Weihnachts-Trilogie

19.12.2020

Ein Tag im Winter: Der Mittag

Ofterschwang im Mittagslicht.
Bild: Ralf Lienert

Ja, es gibt sie, diese leuchtenden Tage, kristallklar und frostig – irgendwo da draußen und in der Erinnerung. Aber in den Städten bleibt davon oft nur Matsch.

Worauf wir uns einigen können: Der Wintermittag ist gerahmt von künstlichem Licht. Lampenlicht und Glühbirnenschein morgens, Lichterketten und Glühweinkerzenschimmern nachmittags. Es wird sehr spät hell an einem Wintertag und sehr früh dunkel. Der Mittag aber, die unbeleuchtete Schnittstelle dazwischen, verheißt uns Tageslicht – soweit es das eben geben kann in jener Jahreszeit, der als einziger von vieren das Attribut „hart“ beigegeben ist. Harter Winter. Manchmal muss man das Licht für ein bisschen Tagesgefühl aus trüben Grauwerten zusammenkratzen, so wie man räudige Schneereste im Hinterhof zusammenkratzt für einen kümmerlichen Schneemann.

Auf Kalenderblättern sieht die Welt aus wie in Sahne begraben

Unter den jeweiligen Lichtverhältnissen können sich ganz unterschiedliche Wintermittage zeigen. Auf Kalenderblättern prunkt und protzt der Wintertag mit schneeweißem Gleißen und Glitzern unter blauem Himmel, die Welt sieht aus wie in zarte Watte gehüllt – ach was: in Sahne begraben! Die Sonne steht hoch und man hört beim Betrachten im Geiste von irgendwoher die Glöckchen eines Pferdeschlittens bimmeln, aus dessen rot karierter Wolldeckenwelt glückliche Menschen strahlen, denen der Wintertraum die Augen herausputzt zu Diamanten. Im Hintergrund winken rotnasige Kinder mit Bommelmützen, die sich ins Lebensglück rodeln, gütig beäugt von Elchen, Rehen und Hirschen.

Der Wintermittag auf solchen Bildern sieht ewig aus und unzerstörbar, ein Dreiklang der Versöhnung von Wetter, Mensch und Natur – selbst wenn die Herren Pelzmützen tragen und die Frauen Pelzmäntel. Und natürlich gibt’s im Winterwunderland auch keine Schneekanonen. Bilderbuch-Wintertage kennen keinen schwarzen Schneematsch, keine breiigen Pfützen, keinen scharfen Splitt, der in den Ohren knirscht und sich in die Stiefelsohlen gräbt.

Mittags ist die Winterpracht zuverlässig umgebracht

Aber es sind doch viel zu häufig genau diese Attribute, die den gemeinen, den gewöhnlichen Wintermittag charakterisieren. Es ist eben nicht klirrend frostig und kristallklar, sondern feuchtkalt und neblig. Wie eingepackt in siebzehn Schichten Butterbrotpapier steht da oben nur eine Ahnung der bleichen Wintersonne. Ihr Aufseufzer bitte, Gustave Flaubert! „Ach, die bleiche Sonne Wintersonne! Sie ist traurig wie eine glückliche Erinnerung.“ Keine Pferdeschlitten weit und breit, kein Gebimmel – dafür an jeder Straßenecke Paketdienstautos mit Warnblinkerzucken. Statt unter einem reinen Himmelsblau, das in den Augen schmerzt, findet der Mittag unter dem bleigrauen Baldachin eines nässenden Putzlumpens statt. Schnee? Wenn er denn mal fällt, ist er mitten am Tag schon abgenutzt, gebraucht, entzaubert, gespurt und bloß noch eine glückliche Erinnerung. Weggescharrt von Schippen und Besen, von den Autoscheiben geklaubt für Schulweg-Schneebälle, weggesalzt von Hausmeisterdiensten, graugefahren vom Berufsverkehr, dahingeschmolzen in der stets erhöhten Werktagstemperatur. Mittags ist sie zuverlässig umgebracht, die holde Winterpracht. Der Winterdienst fährt gelbblinkend schon im Morgengrauen bis tief in die Wälder, streut für eine Naherholung ohne Rutschgefahr. Nicht dass so ein Spaziergänger mit Schneeschuhen im Rucksack sich noch fühlt wie Amundsen auf Polarexpedition und nachher seinen Bus verpasst.

Verklärt in Kindheitserinnerungen

Nur in der Verklärung von Kindheitserinnerungen ist der Winter ein Ereignis der Unbeschwertheit und Überwältigung. Es gab sooo viel Schnee. Gestöber. Treiben. Flockentanz. Alles hell und weiß. Schneemänner, groß wie Riesen, die wochenlang nicht wankten und schwanden. Und Rodelberge und Schneeballschlachten, Gaudi von mittags bis ultimo. Die Nasen laufen lassen und Eispfützen mit dem Absatz eintreten, bis sie aussahen wie eingeschlagene Fensterscheiben. Fechten mit abgebrochenen Eiszapfen, lang wie Lanzen und köstlich wie Zuckerstangen. Und die Nachbarn schoben sich gegenseitig an, legten Fußmatten unter die Reifen, weil sie mit ihren schlingernden Autos durchdrehten oder in Schneewehen steckten, hoch wie Garagentore.

In der Stadt ist der Wintermittag nichts für Romantiker

Schwarzes Geäst der Straßenbäume statt überzuckerte Tannen. Nüchtern und kahl ist die Welt, statt verwunschen und verschneit. Der Durchschnittswintermittag in der Stadt ist nichts für Romantiker, die sich nur selten mit Szenen aus ihrem Baukasten der Winterideale beglückt sehen. Und doch bleibt er das einzige Türchen in den Tag, wenn man jenseits von Dämmer und Dunkel draußen unterwegs sein will. Zum Abkühlen, Luftholen, Durchatmen, Rauskommen. Die einzige Lichtung, die sich auftut im Tag. Wer denn kann und nicht an der Kasse eines systemrelevanten Supermarktes sitzt oder über die Flure einer Klinik hetzt. Wer aber mittags rausgeht – also irgendwann zwischen halb zwölf und halb drei, in der Kernzone mit Tageslichtgarantie, wirklich endlos lang sind ja nur die Winterabende –, der erlebt vielleicht nicht die Blüte des Winters, aber doch so einiges andere. Neben den allgegenwärtigen Paketboten sieht man Handwerker in klobigen Schuhen, die mit ihrem Mittagsimbiss in Tüten zur Baustelle zurückkehren. Viele Mütter mit Kinderwagen – und natürlich Schüler, Schüler, Schüler. Sie sind von weitem zu hören. Denn der Schulschluss macht die Stimmen laut, die wiedergewonnene Bewegungsfreiheit auf der Straße befeuert den Übermut. Rufen, Raufen, Zickzacklaufen.

Männer mit wintermüden Gesichtern

Auf Gängen durch Werktags-Wintermittage in Nebenstraßen, die zwar auch von Paketboten angefahren, aber ansonsten wenig vom Licht der Geschäftigkeit gestreift werden, fällt immer einer dieser einsamen Raucher ins Auge. Sie stehen auf dem Balkon oder lehnen aus dem offenen Fenster, eigentlich zu dünn angezogen für plus einskommafünf Grad. Sie schauen müde auf die Straße, schweigen und rauchen. Man sieht ihnen an, dass sie noch nicht draußen waren heute und auch nicht mehr rausgehen werden. Höchstens mal Zigarettenholen. Männer mit wintermüden Gesichtern, die mittags den Tag da draußen wie eine Belagerung empfinden. Was will er von mir? Ungenaue Anforderungen. Da draußen ist er, immer noch da, der Tag umzingelt einen, ein Belagerungsring, ein Stellungskampf …

Dünnes Eis, und sie wissen es. Vielleicht lesen diese Leute am Küchentisch auf vergilbten Kalenderblättern vom Aphoristiker Lichtenberg, der dem Wintertag ein ziemlich drückendes Zeugnis ausstellt. „Unser Leben kann man mit einem Wintertag vergleichen. Wir werden zwischen 12 und 1 des Nachts geboren, es wird 8 Uhr, ehe es Tag wird, vor 4 des Nachmittags wird es wieder dunkel, und um 12 sterben wir.“ Kaum tröstlicher ein Kalenderspruch aus Estland: „Der Sommer kommt und küsst das Kind, der Winter kommt und tötet es.“ Es braucht schon viel schneeweißen Schnee und eine gnädige Wintersonne ohne ständiges Auftrittsverbot, um den Winter so richtig ins Herz zu schließen. Und eine Menge Demut, nicht aufzugeben und Ende Februar dann doch noch zermürbt zum Winterfeind zu werden. Zu einem dieser Typen, denen man Heizsteine für die Jackentaschen schenkt, Energiespar-Höhensonnen und Bücher wie „Schneewütchen – Das ultimative Buch für Winterhasser“ unter den Baum legt.

Einpacken, Verpanzern - der ganze Winterzirkus eben

Das Leben im Winter ist ein ständiges Widerstehenmüssen. Der Kälte widerstehen, der Erkältung. Dem Impuls widerstehen, sich einfach irgendwo niederzulassen. Dem Wunsch widerstehen, luftig angezogen frei und leicht dahinzugleiten. Stattdessen: Einpacken, Verpanzern, Mütze, Schal, Handschuhe. Der ganze Winterzirkus eben, der uns von November bis März durch Manege der Kälte kurzer Tage treibt. Uns Kunststückchen abverlangt wie das Jonglieren mit Maskentragen und Brillenbeschlagen, Gleichgewichtsübungen auf vereisten Gehsteigstellen, Smartphonetippen mit Fäustlingen und Lächeln, auch wenn die Kälte auf den spröden Lippen schmerzt. Wer immer sich hinauswagt in den Wintertag, hat zumindest eine Belohnung sicher: das Behaglichkeitsversprechen der Heimkehr.

Denn – ziehen wir mal die vermeintlich triftigen Gründe wie Einkaufen, Arzt und Gassigehen ab – am Ende ist das doch der Sinn des Draußengewesenseins: das Wieder-rein-Kommen. Aussicht auf Aufwärmen. Abwerfen der Jackenmäntelwollpullimützenfunktionsunterwäscheschichten. Herausschälen und gemütlich sitzen in der Geborgenheit des Heims. Rote Finger wieder geschmeidig machen beim Umklammern der Teetasse. Der Zauber der guten Stube wächst am Vorspiel des Heimkommens aus der Winterwelt.

Wer einen Kamin hat (und das haben viele, denn der Kamin ist längst eine Art modischer Hort der Hoffnung geworden, den Winter nicht nur zu überstehen, sondern ihm auch irgendwas abzugewinnen), schaut in die Flammen und genießt das Knistern vor dem Vorabendkrimi. Jedes Winterwandern, jeder Ausbruch ins Freie endet zuverlässig in der Höhle. Die in unseren Tagen dann eben auch Homeoffice ist. Isolierstation. Druckkammer der Vernunft.

Seine größte Bewährungsprobe hat er in den Weihnachtstagen

Wie alles im Winter hat auch der Mittag seine größte Bewährungsprobe in den Weihnachtstagen. Klar, gegen den Heiligen Abend kommt er nicht an. Am 24. ist er nur Vorbereitungsraum und Wartezimmer. Aber am ersten Weihnachtstag ist der Mittag das Zentrum. Drin. Festessen. Festsitzen. Im Völlegefühl und in der Verdichtung von Verwandtschaft kann der Mittag zu einer überladenen Leerstelle werden, einem gefährlichen Vakuum. Es wird dann schnell dunkel.

Aber die besten Mittage des Winters sind nah – jene, denen das Dazwischen eingeschrieben ist wie dem Mittag selbst. Zwischen den Jahren hat der Wintermittag die Möglichkeit, sich auszudehnen. Vielleicht im schönen Schnee, vielleicht im schönen Strahlen, vielleicht aber doch wieder nicht so märchenhaft hell. Lichter ausschalten, Schuhe an und raus. Mittagessen kann warten.

Lesen Sie dazu auch: Ein Tag im Winter: Der Wintermorgen

Hier finden Sie alle Artikel unserer fünfteiligen Journal-Sommerserie "Ein Tag im Sommer":

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