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Weihnachtstrilogie (3)

24.12.2020

Ein Tag im Winter: Stille Nacht

Ofterschwang im Oberallgäu in der Dorfansicht mit beleuchteter Kirche
Bild: Ralf Lienert

Wenn Dunkelheit alles beherrscht und im Lockdown selbst Lichterkettenzauber traurig wird, ist Zeit fürs Träumen – oder für Kaminfeuer-Streamen auf dem Flatscreen?

Wie der Sommer der Sonne gehört, so gehört der Winter der Nacht. Bis zu 16 Stunden liegen in diesen Wochen zwischen Sonnenunter- und Sonnenaufgang, meist sind es frostige. So kommt zweierlei zusammen, was unseren Vorfahren, in Höhlen und Hütten kauernd, noch Lebensgefahr bedeutete: die Kälte und die Dunkelheit. Mindestens jedoch: das Unheimelige und das Unheimliche. Der Mensch, er ist kein Wechselblüter, er braucht die Wärme – und er hat nicht Katzen- und nicht Eulenaugen, tappst blind durch die Schwärze, sieht nicht, was ihn umgibt und belauert.

Wer schon mal die Winterzeit nahe dem nördlichen Polarkreis verbracht hat, wo viele Wochen lang gar kein Tag mehr wird, der weiß: Auch wenn wir im Laufe der Zivilisationsentwicklung mit der Technisierung der Feuertugenden Licht und Wärme die unmittelbaren Gefahren weitestgehend zu verdrängen gelernt haben – die dauernde Dunkelheit bleibt eine Last für Leib und Gemüt. Kein Wunder jedenfalls, dass sich die Nordnorweger an jenem Tag, wenn es die Sonne zum ersten Mal wieder über die Horizontlinie schafft, draußen, im Schnee, einander treffen, einander in die Augen sehen, einander mit Dampfendem zuprosten, erleichtert, als hätten sie das Schlimmste wieder bewältigt: Es wird Licht, wir sind noch da.

Ausgangssperren und Lockdown statt Heizpilzen und Glühweinstand

Womöglich wird es auch bei uns, im Lockdown-Land, dieses Jahr ein bisschen mehr werden wie dort. Die Nacht jedenfalls, sie herrscht in Ausgangssperrenstädten viel schneller als sonst und radikaler. Da hilft diesmal auch der alljährliche Weihnachtsbeleuchtungsbimbam nicht, wenn keiner mehr von Glühwein- und Bratwurstständen zu drapierten Lichterkettenflockenengelkugeltierchen schlendert, wenn dazwischen kein Kling-Gläschen-Klingeling in Heizpilzlandschaften ertönt, wenn daran vorbei keine Nachtschwärmer in dröhnende Klubs und Bars der Kälte und der Dunkelheit entfliehen; wenn Ordnungshüter nun dauerpatrouillierend dafür sorgen: Stille Nacht!

Heilige Nacht? Ist die irgendwo da draußen?

Mit Lichtlein an Nordmanntannen in einer Schneelandschaft hat Weihnachten ja eigentlich noch weniger zu tun als Ostern mit einem Hasenheer, das bemalte Hühnereier verteilt. Die einzigen Lichter, die damals in Betlehems Dunkelheit und auch heute über uns leuchten, sind die unzähligen am Firmament. Und deren Wirkung ist im Winter eine ganze andere. Im Sommer mögen die Sterne so nah und greifbar wirken, dass man sie romantisch anglotzen, sich von ihnen und der Unendlichkeit berührt fühlen kann. Als hätt’ der Himmel die Erde still geküsst … Welche lustvollen und liebestollen Wirrnisse sich unter solchen Einflüssen entfalten können, hat ja bereits der alte Shakespeare in seinem „Sommernachtstraum“ mit Witz und Wonne beschrieben. In einer kalten, klaren Winternacht dagegen entfaltet der Sternenhimmel seine ganze unfassbare Weite, in der sich der Blick eigentlich nur verlieren kann. Dunkelheit und Kälte: Sind das nicht auch die Eigenschaften des Weltraums? Es ist, als würde in diesem Panorama die Erde spürbar wieder verortet als ein winziger Teil des Alls. Und wer in der freien Landschaft um sich herum irgendwo in der Ferne den kleinen, einsamen Lichthof einer Siedlung sieht, der findet darin auch ein Gegenbild für die Verlorenheit dieses kleinen Blauen Planeten, der uns doch die Welt bedeutet.

Was hat Weihnachten mit Winter zu tun?

Und was für eine mächtige Geschichte ist es, die wir uns dieser Tage wieder dazu erzählen? Denn genau in der unfassbaren Weite dieses Firmaments leuchtet ein Zeichen. Ein Komet schweift aus jener kalten, dunklen Unendlichkeit herüber und leitet zum Simpelsten, was der Mensch Dunkelheit und Kälte entgegenzusetzen hat, einer Bretterhütte mit einem kleinen Feuer darin: Und dort wird Gott Mensch. Es ist die ultimative Erlösung des Menschen aus seiner Einsamkeit, seiner Heimatlosigkeit, seiner Verlorenheit. Ein starkes Stück! Der größte aller Weltwinternachtsträume.

Dass es damals, dort, in Betlehem, gar nicht diese Art Winter war, wenn überhaupt, denn unter frühen Christen wurde das Fest dieser Geburt ja einige Zeit am 28. März gefeiert? Man kann es zum Geschick und Gespür von Glaubensgestaltern zählen oder zur szenischen Erhabenheit einer höheren Wahrheit. Aber dass vor der christlichen Übernahme des bis heute gültigen Datums an diesem schon Lichterfeste begangen wurden und als göttliche „sol invictus“ der Lobpreis der unbezwingbaren Sonne Anlass war, hat nun sehr wohl mit dem Erdenwinter zu tun. Es ist kurz nach Wintersonnenwende, die Tage beginnen, wieder länger zu werden, die tiefste Dunkelheit ist überstanden, auch bei uns: Es wird Licht, wir sind noch da. Halleluja?

Aber es gibt auch die kleineren Winternachtsträume, die fast schon märchenhaft in die Nacht leuchten. Zum Beispiel diesen: Es war einmal ein widerspenstig eitler Teenager, der schlaflos die Nächte durchstreifte, allein und am liebsten die kalten, gedankenklaren Nächte, höchstens das Knirschen des Schnees unter den eigenen Schritten zu hören. Vorbei an den stummen Siedlungshäusern, in denen er die Menschen wie tote Käfer in ihren Betten liegend wähnte und das mit fortschreitender Zeit seltener werdende blaue Flimmern in den Fenstern sah, die Hypnose aus dem Zerstreuungskasten. Bewusstlose Leere im achtlosen All. Was bleibt, ist der verzweifelte Versuch, sich durch die geteilte Suggestion der Liebe aneinanderzuketten, um zumindest nicht allein zu leiden, einander zu trösten … Bis sich im Licht der Straßenlaternen ein größerer Schatten näherte. Und sich, bald besser sichtbar, als vierbeinig offenbarte: ein Paar. Beim Vorbeigehen erkannte der Streuner sehr alte Nachbarn, von zwei Straßen weiter, hundert Jahre mussten die schon verheiratet sein – wie sie ineinander verkuschelt die Kälte gar nicht zu spüren schienen und einander kichernd ins Ohr flüsterten. Der Jüngling blieb stehen, er hörte die beiden ihr Ziel erreichen, die Tür hinter sich schließen, zu Hause … Er lachte. Über sich selbst. Heilige Nacht!

Stille Nacht? Ihr Ende hat ausgerechnet in der Romantik begonnen. Vor gut 200 Jahren begannen die Deutschen, kerzenlichtfunkelnde Christbäume zu Weihnachten zu Hause aufzustellen. Und nicht nur, dass der daraufhin bald einsetzende Wettbewerb unter Wohlhabenden, wer das prächtiger strahlende Exemplar zu bestaunen hatte, bis heute alles erfasst hat, die Geschäftsstraßen wie Wohnsiedlungen mit Kitsch flutet und die Nächte blinkend lichtverschmutzt. In romantischer Verklärung wird zudem auf den Weihnachtsabend projiziert, was gewöhnlichen Winterabenden längst multimedial ausgetrieben wurde: familiäres Versammeln in der guten Stube, Heimeligkeit. Ob’s nun draußen nebelt oder regnet, matscht oder schneit – jetzt muss das aber her!

Im Internet "Among Us" spielen statt zusammen am Ofen sitzen

Der Winterabend hat sich in der Lebensspanne heutiger Großeltern so umfassend verändert wie sonst keine Jahrestageszeit. Wer heute gut über 70 ist, erinnert sich oft noch an die zwangsläufige Zusammenzukunft am Ofen im einzig beheizten Zimmer, an das Reden und Erzählen, weil sonst ja nichts da war, an die langen Weilen. Im besten Fall gab es wie im Kinderbuch-Klassiker „Frederick“ einen, der für kalte, dunkle Zeiten bunte, wärmende Geschichten gesammelt hatte … Das ist, obwohl nicht lange her, den Vorfahren in Höhlen und Hütten näher als der heutigen Normalität. Da mag man sich zwischen Serien-Streams und Social-Media-Chats auch in den wählbaren Kaminfeuerversionen bei Netflix klassisch für Buche auf dem Flatscreen entscheiden: da mag es einen Lockdown geben; da könnte sich der ohnehin noch klimabedingt schwindende Wintern noch einmal zu einem plötzlichen Einschneien erheben – es würde in der doch zunehmend meditationsbegeisterten und irgendwie bewusster konsumierenden Gesellschaft nichts ändern. Die Kids verbrächten halt noch mehr Nächte „Among Us“, beim Computer-Zocken „Unter uns“ also, mit Menschen in der Ferne vernetzt, mit ferngewärmter Fußbodenheizung …

In den Zivilisationsräumen wird der Winter sowieso weggedaddelt, als wäre er nichts als die nervige Abwesenheit des Sommers, und den Nächten wird jedes Geheimnis, jede Gefahr ausgeleuchtet. Eine eigene Qualität behält die Winternacht nur weiter draußen, wo sie gegenwärtig, wo sie lang bleibt, kalt und dunkel. Wie dichtete – nein, eben kein raunender Romantiker wie Eichendorff, sondern modern – Hans Joachim Leidel: „Wer nachts in den Wald pfeift, / pfeift aus Angst.“ Aber auch: „5 1/2 Millionen Lichtjahre hinter Frankfurt / blüht eine Sternwolke auf: / NGC 4725. Halleluja.“

Lesen Sie dazu auch:

Und hier finden Sie alle Artikel unserer fünfteiligen Journal-Sommerserie "Ein Tag im Sommer":

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