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Geschichte
23.06.2018

Vor 70 Jahren starteten die ersten "Rosinenbomber"

Berliner Jungen beobachten einen Rosinenbomber.
Foto: dpa

Ursula Hübner erlebte 1948 die Blockade Berlins durch die sowjetische Militäradministration. Wie die Luftbrücke Millionen Menschen versorgte.

„Habt ihr schon gehört? Heute gibt es Zucker.“ Wenn in Westberlin zu Zeiten der Luftbrücke etwas verkauft wird, spricht sich das in der Stadt herum wie ein Lauffeuer. „Alle kamen dann dorthin, wo es etwas gab. Wir Kinder haben uns in die Schlange gestellt und für die Erwachsenen den Platz gehalten“, erzählt Ursula Hübner. Die heute 80-Jährige hat das Kriegsende in Berlin miterlebt, die Aufteilung der Stadt in Sektoren und die Blockade. An diesem Sonntag vor 70 Jahren begann die sowjetische Militäradministration alle Wege nach Westberlin abzuriegeln, 2,1 Millionen Einwohner konnten fast ein Jahr lang nur aus der Luft versorgt werden.

Der Alltag der Nachkriegszeit ist alles andere als einfach. Berlin ist zerbombt, voller Flüchtlinge, viele Familien sind auseinandergerissen. „Wir waren froh, dass wir den Krieg überhaupt überlebt haben“, sagt Hübner. Einen Großteil der Kriegszeit hat sie weit weg im schlesisch-mährischen Altvatergebirge verbracht, im Februar 1945 kehrte sie zurück. „Ab diesem Zeitpunkt haben wir eigentlich nur noch im Keller gewohnt“, erzählt die Rentnerin und spricht von Bomben, von bangen Stunden des Wartens und von den Russen, die auf der Suche nach Frauen und Wertgegenständen vor kaum etwas haltgemacht haben.

Lebensmittelkarten waren plötzlich nichts mehr wert

Nachdem der Krieg vorbei ist, kommt der Stadtteil Britz im Berliner Bezirk Neukölln, in dem Hübner heute noch lebt, unter amerikanische Besatzung. „Keiner wollte zur russischen Zone gehören“, erzählt sie. „Es war von Anfang an klar, dass das der ärmste Sektor werden würde. Wir hatten Glück.“ Langsam baut sich die Familie wieder einen Alltag auf, Hübners Mutter findet eine Anstellung beim Ämterdienst der Post und erhält so zahlreiche Lebensmittelkarten.

Aber am 24. Juni 1948 beginnt die Berlin-Blockade. Die Sowjets unterbinden jeglichen Personen- und Güterverkehr in die drei Westzonen. „Plötzlich war die Stadt hermetisch abgeschlossen“, erinnert sich Hübner. „Und Lebensmittelkarten bringen nichts, wenn es keine Vorräte gibt.“ Von da an heißt es: Schlange stehen. „Alles war rationiert, frische Lebensmittel kamen kaum in die Stadt. Wir waren gut dran, weil wir einen Garten hatten. Andere standen stundenlang für ein paar Bohnen oder Erbsen an.“ Was die Berliner nicht selbst produzieren können, wird über eine bis heute beispiellose Luftbrücke eingeflogen.

Mit diesem Ausweis in der Tasche durfte Ursula Hübner, die damals noch Goeritz hieß, Berlin mit einem der Rosinenbomber verlassen.
Foto: Simone Härtle

Eine Freundin der Familie aus Schweden, die Hübner liebevoll „Tante Valborg“ nennt, will helfen, bietet an, Ursula bei sich aufzunehmen. Nur: Wie soll das Mädchen nach Schweden kommen? „Was dann folgte, war das Abenteuer meines Lebens“, sagt die Frau. Wer die Stadt verlassen will, braucht die Erlaubnis von allen der drei westlichen Besatzungsmächte. „Meine Mutti ging zu allen Botschaften. Das war nicht nur zeitaufwendig, sondern auch teuer“, sagt die 80-Jährige. Dann hält sie ihre Ausreise-Erlaubnis in den Händen. Nur ein Datum für ihre Abreise gibt es nicht. „Die Koffer waren schon lange gepackt, alles war bereit. Es wusste eben nur keiner, wann es losgeht.“ Eines Tages holt sie ihre Großmutter aus dem Unterricht heraus, dann geht alles ganz schnell. Vom englischen Flughafen Gatow aus fliegt Ursula nach Hamburg, wo ein Cousin des Großvaters die damals Zehnjährige in Empfang nimmt. Von dort aus geht es mit dem Zug weiter über Dänemark nach Västervik in Smaland.

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Weil aber die Nachrichtenwege aus Berlin heraus nicht richtig funktionieren, weiß in Schweden keiner, wann Ursula ankommt. Sechs Wochen lang stehen Tante und Onkel deswegen Abend für Abend abwechselnd am Bahnhof und warten auf das Mädchen aus Deutschland. Als Ursula endlich in Schweden eintrifft, ist die Freude riesig.

Ursula Hübner hat die Blockade West-Berlins selbst miterlebt.
Foto: Simone Härtle

In Schweden erlebte das Mädchen endlich wieder einen normalen Alltag

Schnell lernt „Ulli“ die schwedische Sprache und besucht die Schule vor Ort. „Es gab Klassenzimmer, eine Struktur, sogar ein Schwimmbad. Alles, was wir in Berlin nicht hatten“, erinnert sich Ursula Hübner zurück. Und auch der Alltag ist ein anderer, mit viel mehr Freiheiten. „Schweden, das war wie im Schlaraffenland“, sagt sie.

Nachdem im Mai 1949 die Blockade wieder aufgehoben ist, geht es zurück nach Berlin. „Es war ganz erstaunlich, wie sich die Stadt verändert hat. Die Schaufenster waren voller Auslagen und auch Lebensmittel und Kleidung gab es wieder zu kaufen.“ Es ist zwar kein plötzlicher Reichtum ausgebrochen, aber die Not ist vorbei, ein neues Klima herrscht in der Stadt. „Es war eine schöne und friedliche Zeit, es ging bergauf. Die Atmosphäre in der Stadt war offen – zumindest bis die Mauer gebaut wurde.“

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