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Gesundheit
15.08.2021

Durch die Corona-Zeit gibt es mehr kurzsichtige Kinder

Schauen Kinder zu viel auf den Bildschirm, steigt das Risiko für eine Kurzsichtigkeit.
Foto: Silvia Marks/dpa-tmn

Weniger Spielen draußen, mehr Bildschirmzeit drinnen: Das hat Folgen auch für die Augen - unumkehrbare.

Die Corona-Pandemie hat Studien zufolge zumindest in bestimmten Regionen zu noch mehr Kurzsichtigkeit (Myopie) bei Kindern geführt. Zu den wahrscheinlichen Ursachen zähle neben einer erheblich verringerten Spanne draußen verbrachter Zeit ein starker Anstieg der Bildschirmzeit, erläutern Forschende im British Journal of Ophthalmology. Die Pandemie drohe mit einer nochmals verstärkten Myopie-Welle unter Kindern einherzugehen.

Fachmann rät: Mindestens zwei Stunden am Tag draußen sein

„Die Befunde sind nicht unerwartet, aber eben doch neu“, erklärt Norbert Pfeiffer, Direktor der Augenklinik der Universitätsmedizin Mainz. „Die Reaktion sollte sein: Kinder sollen wieder mehr draußen sein, mindestens zwei Stunden pro Tag“, betont der Experte der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft.

Die Wissenschaftler um Jason Yam von der Chinese University of Hong Kong hatten die Augen von 1793 Kindern aus der Hong Kong Children Eye Study untersucht, einer laufenden Studie zu Augenkrankheiten bei Sechs- bis Acht-Jährigen. Gut 700 der Kinder wurden zu Beginn der Pandemie in die Studie aufgenommen und rund acht Monate lang beobachtet (Corona-Gruppe), etwa 1000 Kinder waren bereits zuvor rund drei Jahre lang beobachtet worden (Prä-Corona-Gruppe). Die Sehschärfe der Kinder wurde gemessen und bei Studienbeginn sowie späteren Klinikbesuchen ihr jeweiliger Lebensrhythmus erfragt, unter anderem, wie viel Zeit sie im Freien und vor Bildschirmen – an Computer, Tablet, Handy, Fernseher oder Spielekonsole – verbrachten.

Jedes fünfte Kind entwickelte Kurzsichtigkeit

Rund jedes fünfte Kind (19,5 Prozent) in der Corona-Gruppe entwickelte zwischen Januar und August 2020 eine Kurzsichtigkeit, verglichen mit gut einem Drittel (37 Prozent) der Kinder über einen Zeitraum von drei Jahren in der Prä-Corona-Gruppe. Unter Einbeziehung von Faktoren wie Alter, Geschlecht, Länge des Beobachtungszeitraums und elterlicher Kurzsichtigkeit lag die Zahl der neuen Myopie-Fälle in der Corona-Gruppe höher. Die Ein-Jahres-Inzidenz lag dort bei den Sechs-, Sieben- und Achtjährigen bei 28, 27 und 26 Prozent, verglichen mit 17, 16 und 15 Prozent bei den Kindern der Prä-Corona-Gruppe.

Diese Veränderungen seien mit einer Verringerung der im Freien verbrachten Zeit von etwa einer Stunde und 15 Minuten auf nur noch rund 24 Minuten pro Tag sowie einem Anstieg der Bildschirmzeit von etwa 2,5 Stunden auf etwa 7 Stunden pro Tag zusammengefallen, erläutern die Forschenden. Vergleiche zu früheren Daten der Studie untermauerten den zu vermutenden Zusammenhang zwischen der Pandemie und einem erhöhten Risiko für Kurzsichtigkeit zusätzlich. Zu berücksichtigen sei dabei, dass es sich um eine Beobachtungsstudie handele, die einen kausalen Zusammenhang letztlich nicht gesichert belegen könne. Zudem beruhten die Angaben zu draußen und am Bildschirm verbrachter Zeit nicht auf Messungen, sondern der persönlichen Einschätzung der Befragten.

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Lichtmenge und Sehgewohnheiten sind entscheidend

Da die Maßnahmen, Quarantäneregelungen und das Ausmaß von Schulschließungen von Land zu Land variierten, seien die Ergebnisse nicht ohne Weiteres auf andere Länder übertragbar, gibt das Team auch zu bedenken. Hongkong sei eine der am dichtesten besiedelten Städte der Welt, in der die meisten Einwohner in Hochhäusern und kleinen Wohnungen mit wenig Platz im Freien lebten. Der wenige Freiraum für Kinder sei mit den Einschränkungen und Verboten im Zuge der Pandemie noch weiter eingeschränkt worden.

Der Einfluss von Lockdowns auf die Myopierate wurde unter anderem bereits mit Brillenwerten von 124.000 chinesischen Schulkindern untersucht. Es zeigte sich unter den jüngeren Kindern, dass nach dem Lockdown mehr Myopie bestand als in den Jahren davor, wie Wissenschaftler im Fachjournal JAMA Ophthalmologie berichteten. Der Unterschied zu den Vorjahren sei mit 0,3 Dioptrien zwar statistisch signifikant, vom Ausmaß her aber gering, erklärt Wolf Alexander Lagrèze, leitender Arzt an der Universitäts-Augenklinik Freiburg und Spezialist für Kinderaugenheilkunde. Dennoch sei die Studie ein weiterer Beleg dafür, dass Lichtmenge und Sehgewohnheiten einen Einfluss auf die Ausprägung von Kurzsichtigkeit haben.

Das Hochleistungsorgan Auge passt sich den Lebensbedingungen an

Myopie wird mit beiden Faktoren in Verbindung gebracht: viel Bildschirmzeit und damit Fokussieren im Nahbereich sowie wenig Zeit im Freien bei Tageslicht. Unsere Augen, ein extrem anpassungsfähiges Hochleistungsorgan, reagieren auf unser verändertes Leben und passen sich an die Herausforderung ständigen Nahsehens an – mit einer Epidemie der Kurzsichtigkeit als Folge.

Geboren wird ein Mensch mit etwas zu kurzem Auge und damit leichter Weitsichtigkeit. Das Auge wächst, bis es auf die Arbeitsentfernung gut eingestellt ist, also das Bild auf der Netzhaut scharf ist. Eine Myopie ist Folge zu starken Längenwachstums des Augapfels vor allem zwischen dem 8. und 15. Lebensjahr – also genau in dem Alter, in dem viele Heranwachsende kaum vom Handy wegzubekommen sind.

Das Auge verringert so energieaufwendige Muskelarbeit: Die ringförmigen Fasern des Ziliarmuskels, die die Form der elastischen Linse verändern und damit die Brechkraft verstärken, müssen bei Myopie weniger leisten, will man etwas von Nahem betrachten. Der Brennpunkt des Auges liegt dann vor der Netzhaut, entfernte Objekte werden unscharf wahrgenommen.

Draußen spielen mindert das Risiko

Ob es vor allem Blicke auf Dinge in mehr als fünf Metern Abstand sind oder aber durch die Sonne vermittelte Einflüsse auf das Augenwachstum, fest steht: Draußen zu spielen mindert das Risiko für Kurzsichtigkeit. Bei einer Studie in China gab es schon deutliche Effekte auf das Augenwachstum, wenn die Kinder für eine Stunde täglich zum Toben nach draußen geschickt wurden. Und: Nur so lange der Augenkörper noch wächst, lässt sich Einfluss nehmen – und wieder umkehren lässt sich die Entwicklung nicht.

Künftig ist mit einer noch kurzsichtigeren Weltbevölkerung zu rechnen: Viele Geräte wie Smartphones gibt es erst seit einigen Jahren, die Bildschirmzeiten sind vielfach extrem gestiegen. Viele Heranwachsende verbringen inzwi-schen fast den gesamten Tag im Nahsehmodus: Sie checken morgens nach dem Aufwachen die ersten Nachrichten, stöbern bei jeder Gelegenheit durch Portale und verbringen viel Zeit vor Spielekonsolen und bei Streaming-Anbietern. Kaum noch schweifen Augen in die Ferne.

Einige asiatische Länder besonders betroffen

Derzeit sind vor allem asiatische Länder wie China, Singapur, Taiwan und Südkorea extrem von Kurzsichtigkeit betroffen. „Dort liegt die Rate der Myopie unter jungen Erwachsenen über 80 Prozent“, sagt Lagrèze, Mitglied der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft. Experten sehen dafür vor allem drei Gründe: Kinder beginnen dort schon sehr jung mit dem Lernen und machen dabei sehr viel Naharbeit, vor- und nachmittags. Sie spielen generell seltener draußen, nicht nur infolge der vielen Schularbeit. Und Unterhaltungselektronik wird üblicherweise schon von Kleinkindern über Stunden täglich genutzt.

Auch in Deutschland bewegte sich der Nachwuchs nach einer Studie des Karlsruher Instituts für Technologie im zweiten Corona-Lockdown erheblich weniger als üblich. Eine andere Freizeitaktivität legte dafür immens zu: der Medienkonsum. Im Mittel saßen die an der Studie beteiligten Vier- bis 17-Jährigen 222 Minuten am Tag vor Bildschirmen, 28 Minuten länger als im ersten Lockdown.

Das kann mehr Folgen als nur eine Brille bedeuten

Eine zunehmend kurzsichtige Bevölkerung bedeutet nicht nur mehr Brillen- oder Kontaktlinsenträger: Bei stark ausgeprägter Myopie steigt das Risiko im Zuge von Erkrankungen wie Makuladegeneration, Netzhautablösung oder Glaukom erheblich, im Laufe des Lebens zu erblinden. Hinzu kommt, dass wenig Bewegung bei hohem Medienkonsum in der Kindheit generell ein gefährlicher Cocktail für die Gesundheit ist. Er habe in dieser lebensprägenden Entwicklungsphase Auswirkungen auf das gesamte Leben, warnen Experten. Zudem würden aus inaktiven Kindern mit großer Wahrscheinlichkeit inaktive Erwachsene.

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