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Wanderserie

10.08.2019

Immer nach Westen! Wir suchen das Zentrum der Region

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2 Bilder
Wo geht es lang? Ohne die Karte wären wir manchmal verloren.
Bild: Veronika Lintner

In vier Etappen wandern wir in diesem Sommer durch das Journal-Land. Folge 2: Von Ost nach West – und von einer mongolischen Jurte und einem alten Haus.

Eigentlich ein Wahnsinn, was man alles verpasst, weil man immer nur auf der Durchreise ist. Walleshausen zum Beispiel, nördlich von Geltendorf im Landkreis Landsberg. Nie im Leben würde man da aus dem Zug aussteigen, außer vielleicht, man wohnt hier. Heute aber: Ausstieg in Fahrtrichtung rechts! Von Walleshausen wollen wir loslaufen, immer nach Westen, solange die Füße tragen. Doch schon auf dem Bahnsteig ist klar: So schnell können wir hier nicht weg.

Die Tür zum winzigen Bahnhofsgebäude steht offen. Vor den Fenstern quellen Blumenkästen über vor bunten Blüten. Hinter einem der Fenster steht der gleiche Bahnhof noch einmal – als bis ins Detail originalgetreues Modell. Sogar die Blumenkästen sind dran. Und in der Tür steht ein Mann mit Glatze, Bart und Brille auf dem Kopf. Wahnsinn. Vor allem weil jetzt tatsächlich der Mann aus dem Modell aus der Tür des großen Bahnhofs kommt. Siegfried Riedel heißt er, trägt statt der schwarzen Weste seines Miniatur-Ebenbildes ein blau-kariertes Hemd. Sonst stimmt alles. Ja, das sei tatsächlich er. Gebaut habe das Modell ein befreundeter Künstler. Einer von denen, die auch für die Kunstinstallation im Warteraum verantwortlich sind. Moment mal. Kunst am Bahnhof? Was denn noch alles? Schon sind wir im Gespräch und Riedel holt eben schnell den Schlüssel zum Warteraum.

Der ist einmal um die Ecke, hinter einer unscheinbaren Holztür. „an/ab“ heißt die Ausstellung, die noch bis Ende September zu sehen ist. „WAITING“ steht in mächtigen violetten Versalien an der Wand gegenüber einer langen Bank aus Holz. Bis aus München kamen die Leute zur Eröffnung, sagt Riedel, alle ganz nett. Bevor unsere Wanderung losgeht aber noch eine Frage: Was macht Riedel eigentlich hier? Und sein Kollege, der auch noch im Bahnhof ist?

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Walleshausen - ein malerischer Ort mit Sinn für Kunst

„Ich bin Fahrdienstleiter“, erklärt er und nimmt uns mit in den wichtigsten Raum des Bahnhofs. Gleich links der Tür stehen aufgereiht in der Mitte des nächsten Raums riesige rote Hebel mit Griffen. Ab und zu rattert, klackert und klingelt es leise. „N2 aus Gleis 2 nach Geltendorf“ – solche Sachen stehen auf kleinen weißen Schildern an den Hebeln. Seit Ende der 30er Jahre werden die Züge hier im Handbetrieb empfangen und wieder auf die Reise geschickt. Seit 30 Jahren macht Riedel diesen Job. „Man kennt alle“, sagt er, das sei einer der Vorzüge hier. Dann rattert es wieder im Hintergrund. „Jetzt ist der Zug in Egling“, sagt Riedel. Zeit auch für uns zu gehen. Vorher wollen wir aber noch wissen, unter welchem Motto dieser Tag steht. Für 10 Cent spuckt ein alter Kaugummi-Automat im Warteraum Lebenshilfe aus. Einmal gedreht und heraus kommt eine transparente Plastikkugel, drin ein schmaler Streifen Papier: „Was tust Du nur des Geldes wegen?“

alleshausen bietet noch mehr Wundersames, das merken wir gleich hinter dem Bahnhof. Häuser und Gärten wie aus einem Märchenbuch. Mit Balkonen, Blumen und noch mehr Kunst: Metallskulpturen zieren ein Garten-Haus-Gesamtkunstwerk. Aber wir müssen weiter, Richtung Westen, immer auf der Suche nach dem, was unsere Region ausmacht. Nicht die großen Dinge, sondern die scheinbar kleinen. Wie die Brezen, die wir in Walleshausen noch kaufen, allein die eine Reise wert. Jetzt aber vorbei am „Hof beim Kistler, seit 1600“ wie es auf einem Schild steht, eine kleine Steigung hoch und raus aufs freie Feld in Richtung Unfriedshausen.

Die Berge sind schemenhaft am Horizont zu erkennen. Sie bleiben unsere entfernten Begleiter bis ans Ende dieser Reise. Es riecht nach Stroh, Schwalben fliegen halsbrecherisch über abgeerntete Felder, in der Ferne nagelt der Diesel eines Traktors. Langsam finden wir in einen gemeinsamen Laufrhythmus. In jeder Richtung markiert ein Kirchturm einen anderen Ort, einmal zählen wir sechs auf einmal. Überhaupt, die Kirche: Die Zahl der Wegkreuze steigt mit jedem Kilometer. So viel kann man schon sagen: Diese Gegend hier ist katholisch geprägt. Ein paar Minuten die Straße entlang taucht eine kleine Kapelle auf. Auch dies wird nicht die letzte gewesen sein entlang unserer Strecke. Aber die Inschrift über der vergitterten Tür gibt uns schon mal einen neuen Satz mit auf den Weg: „Was der Mensch säht, wird er ernten.“

In der prähistorischen Siedlung Pestenacker steht ein Nachbau eines Holzhauses aus der Steinzeit. Und hier gibt es auch den ältesten Hut Bayerns zu bestaunen.
Bild: Matthias Zimmermann

Am Rand der Landstraße liegt ein Stück Weltkulturerbe

Wir laufen weiter, vorbei an Bauernhöfen, Solarfeldern und Kriegerdenkmälern; wir werden von Traktoren und Mähdreschern überholt, queren den Verlorenen Bach und stehen plötzlich vor einer Holzhütte und einem Schild: „Unesco-Weltkulturerbe seit 2011.“

„Hier sind Sie in der Steinzeit gelandet“, sagt Ernst Rieber, pensionierter vor allem aber passionierter Paläontologe. Die prähistorische Siedlung Pestenacker wurde in den 30er Jahren entdeckt. Vor gut 5500 Jahren haben Steinzeitmenschen hier eine Reihe von Pfahlbauten errichtet. Ein Verein hat eines der Häuser originalgetreu nachgebaut. Und die Erforschung dieses Orts mit enormen Einsatz vorangebracht. Wir müssen enorm aufpassen, um wenigstens Bruchstücke all dieses Wissens aufzunehmen, das Rieber über uns ausschüttet. Aber er hat auch nicht viel Zeit, denn gleich kommt eine Kindergruppe, die auch in die Steinzeit abtauchen will und im Sandkasten vor dem Besucherzentrum nach Schätzen graben darf.

Draußen steht Karl Dirscherl zwischen Stauden und Gräsern. Er war mal Lehrer, Biologie vor allem, und freut sich hier weiterhin Kinder ganz praktisch mit der Natur und Geschichte in Kontakt zu bringen. Wenn nur nicht alles so schnell zuwachsen würde! Mit erdigen Handschuhen an den Händen lotst Dirscherl uns durch die Beete, deutet hierhin und dorthin, nennt jede Pflanze beim Namen: Einkorn, Emmer, Bohnen und zig Arten von Rüben. Ackerbau wie vor Jahrtausenden.

An der Lechstaustufe 19 überqueren wir den Fluss, der unseren Weg in den Westen durchkreuzt. Hier endet die Wildnis und der Feenwald.
Bild: Matthias Zimmermann

Die prähistorische Siedlung Pestenacker hat den ältesten Hut

Eine kleine Sensation müssen wir uns noch anschauen bevor es weitergeht, auch wenn sie nur ein alter Hut ist. In einer Vitrine steht der als Replik: der älteste Hut Bayerns, 5500 Jahre alt und ebenfalls hier gefunden. Er sieht aus wie eine Mütze aus Stroh, die Gletschermumie Ötzi soll ein ähnliches Modell getragen haben. Ein Stück Weltkulturerbe an der Landstraße. Dann bricht Leben in die prähistorische Siedlung, die Kindergeburtstags-Truppe ist da. Wir bewegen uns zurück in die Gegenwart, wieder weiter nach Westen.

Brotzeit. Rund um die Holzkapelle ist alles aufgerissen. Der Ziegelboden liegt in Bruchstücken auf der Wiese. Ein blauer Container ist auch da, nur arbeiten tut heute keiner. Wir rasten auf einer himmelblauen Bank, bevor es mit jedem Schritt tiefer in einen Zauberwald geht. Moos und Efeu ranken sich an Stämmen empor. Nadeln und Laub in allen Formen und ein dichtes, grünes Dach von Kronen. „Feenwald“ nennt ein Schild diesen Fleck und verrät zwei Sätze später im Plauderton, dass hier nicht nur 8-Punkt-Lindenbock, Hohltaube und Mittelspecht leben, sondern auch Wildschweine. Plötzlich klingt jedes Knacken und Knirschen anders. Aber wir sind gleich wieder auf freiem Feld. Und über uns kreist kein Vogel, sondern ein großes Flugzeug.

Von der Steinzeit sind wir jetzt ins Mittelalter gewandert. Ganz nah am Feenwald gelangen wir zu den Resten einer alten Festung. Die Burgruine Haltenberg ist ein Monument aus Stein mit einem runden Römerturm. Rapunzel würde staunen. Wir genießen die Stille dieses Ortes und umkreisen schweigend die alten Steine aus dem 13. Jahrhundert. Bis sich die Frage aufdrängt: Wo geht’s weiter?

Bunte Farbtupfer auf dem Lechfeld. Auf unserem Weg in den Westen wandern wir über viel flaches Land, doch auch durch Feenwälder und zauberhafte Dörfer. Wir treffen auf einen weit gereisten Cowboy und auf Menschen, die uns von ihrer Heimat erzählen.
Bild: Matthias Zimmermann

Ein Ausflug in den Graben bei der Burgruine Haltenberg

Der Weg, den wir auf der Karte gesehen haben wollten, ist keiner. Rings um den Schlossberg geht es steil hinab durch den Wald. Selbst wenn man so blöd wäre, da hinunter zu kraxeln, stünde man am Ende doch nur vor einem Graben mit knietiefem Morast. Niemals würde man da drüberspringen können. Eher schon einsinken bis zu den Knien in braunen Schlabber. Das kann keiner wollen. Uns bleibt also nur der Weg zurück, am Naturfreundehaus vorbei und einem Schild, das erklärt, warum hier so viel Wasser steht: Biberrevier mit tieferen Gumpen und schlammigen Kuhlen – Betretungsverbot!

Am Lech entlang ist der Westkurs erst mal unterbrochen. Wir müssen nach Norden, der Fluss, der in Wirklichkeit eher einer Kette von Staubecken und Kraftwerken gleicht, ist noch immer eine unverrückbare Grenze. Kurz vor Staustufe 19 lichtet sich der Wald und der Fluss schwillt an zu einem See. Auf der Karte sieht es aus wie der Pfropfen in einem verstopften Blutgefäß. Lebensgefahr herrscht hier tatsächlich: kein Baden und Bootfahren in der Nähe des Wehrs, warnt ein Schild. Gefährlich klingt auch das Knallen und Donnern, das jetzt immer wieder aus der Ferne zu hören ist. Der Transportflieger ist auch wieder da. Über den Bäumen am Horizont steigt er auf, kreist, sinkt dann wieder ab. „StOÜbPL“ steht auf der Karte. Wir haben zwar nicht gedient, aber dass solche Abkürzungen nur die Bundeswehr hat, verstehen wir auch so.

Ein Schild warnt Wanderer: Standortübungsplatz! Lebensgefahr!

Ein Trampelpfad entlang des Lechs bringt uns zur nächsten Straße. Ein Schild macht klar, dass auch hier nicht mehr zu spaßen ist: Standortübungsplatz! Lebensgefahr! Strafrechtlich verfolgt! Gezeichnet hat der Standortälteste. Den würde man ja zu gerne mal sprechen, denn hier beginnt für uns eine fremde Welt. Ob es stimmt, dass hier immer noch Atomwaffen stationiert sind? Aber es ist kein Mensch zu sehen, als wir bei Schwabstadl wieder auf die Staatsstraße stoßen. Schwül ist es und heiß. Wasser haben wir auch keines mehr – und was kaufen geht hier nicht. Da kommt ein Bushäuschen. Nur mal kurz sitzen. Fünf Minuten den Rucksack abschnallen. Puuhh. Wir schweigen und schwitzen. Dann plötzlich ein „Ah!“ Es sind ja noch Gummibärchen im Rucksack. Das macht nicht weniger Durst, aber der Kampf gegen den müden Körper wird im Kopf gewonnen. Gehen wir weiter. Vielleicht finden wir ja in Klosterlechfeld einen Platz zum Übernachten.

Wir haben noch gar nicht richtig Schwung aufgenommen, da halten wir schon wieder an: Schon wieder eine Kapelle, nur diesmal ist es etwas anderes: Rund um die Kriegergedächtniskapelle St. Appolina stehen schlichte stählerne Kreuze. Weiter hinten Blumenrabatte, Gedenksteine und ein kleiner Obelisk: „A la mémoire de nos braves camerades francais 1870/71“ steht darauf. An anderer Stelle sind russische Namen eingraviert in Metallplatten. Das Lechfeld war schon immer auch ein Ort des Militärs. Und des Leidens.

Landidylle. Zahllose Kirchtürme zählen zu den Wegmarken unserer Wanderung.
Bild: Matthias Zimmermann

Eben wie eine Bratpfanne liegt das Lechfeld vor den Wanderern

Leiden tun wir jetzt auch. Nur haben wir es uns ja selbst ausgesucht. Eben wie eine Bratpfanne liegt das Lechfeld um uns herum. Fast nichts ist da, um dem Blick etwas Halt zu geben. Durch die Weite verliert man das Gefühl für Entfernungen: Wie weit sind wir schon gelaufen? Warum kommt Klosterlechfeld nicht näher? Wrrrruuuuumhh. Schhhhhhrrrrrummh. Autos donnern auf der Straße neben unserem Fuß- und Radweg vorbei. Ganz weit hinten sieht man kleine, grüne Erhebungen in der Ebene. Das müssen die Garagen für die Flugzeuge sein. Genauer kann man es aber nicht erkennen, man darf ja nicht näher ran – militärischer Sperrbereich. Eines der Schilder, die uns das immer wieder ins Gedächtnis hämmern, ist umringt von fünf alten Badewannen. Ein absurdes Bild. Wir nehmen es gleichgültig zur Kenntnis ebenso wie die Tatsache, dass wir nun die Grenze zum Landkreis Augsburg überschreiten, wie ein anderes Schild anzeigt. Laufen. Ein Schritt nach dem anderen. Wwrrrouuummm. Schhhhhhiiouuschh. Rrrrrrrrääääääännng. Ab und zu hört man ein paar Grillen zirpen. Dann endlich sind wir bei dem großen gelben Schild, das die Abzweigung auf die B17 anzeigt. Die Bundesstraße ist die zweite große Barriere auf unserem Weg nach Westen. Vorher aber noch ein Blick nach rechts: Schafe! Viele Schafe. Weit weg zwar im Sperrgebiet, aber ohne Tarnanzug ganz deutlich zu erkennen. Wir winken dem Schäfer mit beiden Händen über dem Kopf, so gut das jetzt noch klappt. Aber der sieht uns nicht – oder ist froh, dass er dort, wo er ist, seine Ruhe hat. Wir geben auf und schleppen uns weiter. Jetzt muss doch gleich ein Supermarkt kommen. Dann wird alles wieder besser…

Wasser! Ein Eis. Schuhe ausziehen und überlegen. Wo schlafen wir heute Nacht? Ohne Zögern würden wir jetzt ein Zelt in einem Vorgarten akzeptieren. Nur eine Dusche wäre schön. Langsam kommen die Kräfte etwas zurück. Bis nach Schwabmünchen sind es noch fast sieben Kilometer. Aber dann vor Ort erst suchen? Wir wollten ganz ohne Handy auskommen, jetzt suchen wir doch im Internet, zumindest eine Telefonnummer. Zwei Zimmer bitte, mehr nicht. Aber nirgends geht jemand ran.

Ausschau halten auf dem Kalvarienberg in Klosterlechfeld

Na gut, dann weiter. Der Zufall ist unser Freund. Er wird schon noch etwas für uns bereithalten auf dem Weg. Augen auf. Das Nächste, was wir sehen, ist erst einmal ein imposanter Kalvarienberg. Im Jahr 1719 war er der erste seiner Art in Bayern, lernen wir aus einer Inschrift. Von oben sieht man die runden Türme der Wallfahrtskirche Maria Hilf auf der anderen Straßenseite. Unterkunft sieht man leider keine. Trotzdem noch ein Blick in die Kirche, die schon von außen so außergewöhnlich aussieht mit ihren drei kleinen Türmen. Wallfahrer sind schließlich auch irgendwie Wanderer. Innen alles Rokoko, mit Putten und viel Gold. Eine ältere Frau ist vertieft ins Gebet. In einer Kapelle liegt ein Buch mit Bitten um himmlischen Beistand aus. Man liest Not und echte Verzweiflung aus vielen Zeilen. Schweigend gehen wir nach draußen und nehmen wieder Kurs nach Westen.

Entlang der Hauptstraße verschwimmen Klosterlechfeld und Untermeitingen für uns zu einem Ort. Viele Autos, gesichtslose Häuser und die ewig gleichen, austauschbaren Discounter und Drogeriemärkte. Dönerbuden: drei. Nichts an unserem Weg lädt ein zum Bleiben. Wir sehen schon den Kirchturm von Schwabmünchen, ein dürrer, trotzig in den Himmel über dem Lechfeld gereckter Zeigefinger. Dieser Weg wird kein leichter sein…

Bald schon laufen wir nicht mehr zusammen, sondern jeder für sich. Kraft auf Gespräche zu verschwenden haben wir längst nicht mehr. Wwwwrrrrrooouuuummmmmm. Nnnnnnääääääääännnnngg. Babbabbabbabbabbabb. Unter den Lärm der vorbeizischenden Autos mischt sich jetzt immer häufiger der Krach von Traktoren und Mähdreschern, die rings um uns auf den Feldern ihre Bahnen ziehen. Krrkrrkrrkrrkrr. Wwwroooouuuumm. In den seltenen Momenten, in denen nicht Motoren alles übertönen, hört man unzählige Grillen um die Wette zirpen. Das ist der Sound des Lechfelds im August.

Vom Kalvarienberg in Schwabegg blicken wir bis zu den Alpen und weit übers Lechfeld.
Bild: Matthias Zimmermann

Mähdrescher wirbeln Staub, Wolken wie brauner Rauch

Staubwolken steigen rechts und links der Straße auf wie brauner Rauch. Immer wieder müssen wir mitten durch diesen Nebel, den die Mähdrescher hinten ausspucken. Trocken und hellbraun ist der Boden unter den gekappten Getreidestoppeln. Alles muss heute noch rein, für morgen ist Regen angesagt.

Über Kilometer ist der Horizont rechts und links ein gerader Strich, nicht einmal ein Kirchturm ist mehr zu sehen. Dafür Windräder und eine Reihe riesiger Strommasten. Auch der Strom rauscht hier nur durch, an andere Orte. Fast haben wir es geschafft, da drängt sich die Straße fast direkt an der Wand einer Kapelle vorbei: Kapelle zur schmerzhaften Muttergottes. Der Weg übers Lechfeld war nie ein leichter.

Tag zwei. Wir kaufen ein: Brotzeit, Obst und in der Apotheke Blasenpflaster. Sind die Füße verarztet, geht es los. Wir finden nicht den schnellsten Weg aus Schwabmünchen, dafür laufen wir durch den Luitpoldpark mit riesigen, aber noch leeren Spielplätzen, vorbei an Anlagen für Tennis, Fußball und Bogenschützen, bis wir wieder an die Hauptstraße kommen. Hier ist nicht unser Weg, entscheiden wir und schwenken gleich nach der Wertach, die hier schwarz und träge in ihrem Kanal eingezwängt fließt, scharf nach rechts. Endlich wieder grün, am Horizont sind Schwabegg und die bewaldeten Bergrücken der Stauden zu sehen. Ruhe. Keine Autos, keine Häuser, nicht einmal Traktoren. Almählich nimmt man die Landschaft viel aufmerksamer wahr. Das Windrascheln klingt ganz anders im Pappellaub als im Weizenfeld. Die Felder und Wege laufen alle kerzengerade. Das Stroh liegt in langen Bahnen aufgeschüttet. Die Ballenmaschine muss nur einmal geradeaus durchfahren. Wie lange und mit wie vielen Helfern die Landwirte wohl früher an so einem Feld gearbeitet haben? Oder die Steinzeitmenschen von Pestenacker?

In Schwabegg erzählt das „Schwarze Brett“ der Gemeinde vom Dorfleben.
Bild: Matthias Zimmermann

Die Art der Fortbewegung ändert den Blick auf die Landschaft

Wenn das Laufen kein Kampf mehr ist, kann der Geist ein wenig fliegen. Merkwürdig, wie doch die Art der Fortbewegung die Wahrnehmung der Landschaft verändert. Mit dem Auto braucht man von Schwabmünchen nach Schwabegg ein paar Minuten. Wie anders hier die Landschaft ist, hätte man kaum bemerkt. Auch nicht die merkwürdigen Kondensstreifen am Himmel, Kreise und Linien, die sich vereinen und wieder trennen. Militärflieger, klar. Schluss mit der Schwärmerei. Wir haben noch ein gutes Stück Weg vor uns.

Die Kirche von Schwabegg fällt sofort ins Auge. Aus Backstein, in neugotischem Stil ist sie ein hübscher Fremdkörper in diesem Landstrich. Mittagszeit. Die Straßen sind leer. Aber neben der Kirche erzählt ein Schuppen vom Dorfleben: Am Holztor hängen ausgefranste Plakate und Fetzen von Zetteln, die Bürger einmal mit Klammern und Reißnägeln festgetackert haben. Schicht über Schicht, Jahr um Jahr, wie eine Chronik. Man liest auf weiß gebleichten Blättern: Feuerwehrfest in Konradshofen 2001, Termine für den Christbaumverkauf aus einem längst vergangenen Jahrzehnt. Der jüngste Anschlag: Ein Bauer sucht einen Hof für seine Ziegen.

Schließlich treffen wir doch noch jemanden. Eine Frau aus Südtirol. Zumindest gebürtig. „In den Stauden gibt es wenigstens ein paar Hügel“, sagt Judith Stankmann. Das genießt sie, seit sie in ihrer Kindheit aus den Bergen nach Schwaben gezogen ist. Vom Kalvarienberg auf dem Gipfel des Orts kann sie mit ihren Kindern bis zu den Alpen blicken. „Und die Natur ist hier ganz toll.“ Letztens habe sie zwei Füchse am Gartenzaun gesehen.

Das Landleben? Der Tante-Emma-Laden hat dichtgemacht. Aber zwei Häuser weiter steht an einem Gebäude: „Dorfgemeinschaftshaus“. Das haben die Schwabegger im Juli eingeweiht, gleich neben dem neuen Feuerwehrhaus. Der Kindergarten vergrößert sich bald auf drei Gruppen, Stankmanns Kinder spielen Saxofon und Trompete in der Dorfkapelle. Bald feiern sie wieder das Schwabegger Fest, erzählt sie, mit den Böllerschützen und dem Weckruf der Musik um 6 Uhr morgens. Und am 6. Januar ist der Termin für die Standversteigerung in der Kirche. Wie bitte? Wir erfahren: Bei dieser Auktion der etwas anderen Art können Männer Plätze auf der Empore der Kirche ersteigern…

Ein Indianer-Tipi auf einer schwäbischen Wiese. Wir finden heraus, was es damit auf sich hat.
Bild: Matthias Zimmermann

Der Ausblick über das Lechfeld reicht fast bis zum Starpunkt

Wir mühen uns den Kalvarienberg hoch. Auf einer Bank genießen wir den Blick zurück. Der Kirchturm von Schwabmünchen, irgendwo dahinten der Lech und der Punkt, an dem unsere Wanderung begonnen hat.

Nach dem Aufstieg in die Stauden, beginnt für uns wieder der Wald. In Gedanken zählen wir die Kilometer bis zum Ziel. Was stand auf dem letzten Wegweiser? Die Landkarte halten wir nun auch im Laufen vor der Nase und versäumen deshalb fast, wie ein Reh unseren Weg kreuzt. Es flüchtet ins Dickicht. Es weiß wohl wohin. Wir dagegen scheinen den Weg verloren zu haben: Wir finden einen Pfad, wo keiner sein sollte, und wiederum keinen Weg, wo wir ihn erwartet hätten. Auf dem Waldboden breiten wir jetzt die Karte aus. Rätselraten: Der eine ist sich sicher, dass wir vom Weg abgekommen sind, die andere besteht darauf, dass genau dieser Pfad auf jeden Fall zum Ziel führt. Zwischen Schwabegg und Scherstetten, das ist an diesem Tag ein besonders tückisches Stück Wald. Die Sonne brutzelt ungehemmt auf den breiten Weg und uns herab, jeder Kieselstein bohrt sich in die Sohlen. Doch irgendwann endet der Wald und der Schotterweg mündet in Teer. Wenige schmerzhafte Meter noch bis auf eine Anhöhe, zu einer Kapelle.

Wir blicken auf ein schwäbisches Idyll: Glückliche Kühe auf einer Blumenwiese, ein Ort im Tal, am Bach gelegen, mit gepflegten Häusern und noch gepflegteren Hecken. Bauernhöfe, Kirchturmspitzen, ein Tipi. Ein Tipi? Ja, auf der Anhöhe vor Scherstetten stehen zwei Zelte inmitten der Landschaft. Wir nähern uns und erkennen neben dem Indianer-Tippi auch eine mongolische Jurte. Am Waldrand stehen, und das rundet das Bild ab, ein Klohäuschen mit Guckloch in Herzform und eine kanadische Holzhütte. Ein Marterpfahl überragt die Szene: Kopfüber steckt ein Baumstumpf in der Wiese, die Wurzeln hoch oben bilden den Horst, auf dem ein aus Holz geschnitzter Adler Ausschau hält. Was soll das? Und wie weit sind wir hier eigentlich in den wilden Westen geraten?

Karl Markgraf hat auf Motorrädern fast alle Wüsten der Welt durchquert. Hier zeigt er uns seine Kanadahütte, in seinem Garten in Scherstetten. Mit dabei: Hündin Freja.
Bild: Matthias Zimmermann

Karl Markgraf ist das „Highlight“ von Scherstetten

Wir fragen nach im Ort, und dort fällt schnell ein Name: Wenn wir etwas über Scherstetten, das Tipi und die Jurte erfahren wollten, müssten wir „zum Karre“. Der sei das wahre „Highlight“ von Scherstetten. Sein Zuhause ist auch nicht zu verfehlen. Tatsächlich finden wir das rote Schwedenhaus aus Holz, unschwer zu erkennen an der lebensgroßen, weißen Pferdskulptur im Vorgarten. Um die Ecke schlendert mit einer Gießkanne in der Hand Karl Markgraf, kurz: Karre. Blaue Augen, runde Brillengläser mit silbernem Rand, Ohrringe, Cowboyhut. Ein erstes Indiz, woher das Tipi stammt. „Wenn ich in Amerika bin, fragen mich viele, was ich bin: Cowboy? Indianer?“ Eine richtige Antwort darauf habe er gar nicht. Schwabe? Stimmt auch nicht so ganz, sagt Markgraf. Aber Biker ist er. Definitiv.

Vierzig Jahre lang war er Fahrschullehrer in Schwabmünchen. Erst mit 45 Jahren begann er zu reisen. Fast alle Wüsten dieser Welt hat er mit dem Motorrad bereist. Nevada, Israel, die Wüste Gobi. Aus der Mongolei ließ er sich eine Jurte anschleppen. Die gehört jetzt zu Scherstetten. Das Indianerzelt, auf diese Idee kam er bei den Navajos in den USA. Was da oben auf der Anhöhe in Scherstetten steht, ist allerdings ein Nachbau. Aus Tschechien.

In der Garage zeigt uns Markgraf seine fünf „Damen“, darunter eine Harley, eine schwarze BMW-Maschine mit Beiwagen und eine Enduro, der man die Kilometer durch Berge und Wüsten ansieht. „Die Welt muss man sich anschauen“, sagt Karre. „Wenn man immer am selben Ort bleibt, ist das, wie wenn man ein Buch aufschlägt und nur die erste Seite liest.“ Vier bis acht Wochen könne er schon mal am Stück unterwegs sein, sagt Karre. Aber dann zieht es ihn zurück in die Stauden. „Das Kapital, das ich mir hier aufgebaut habe, das finde ich nirgendwo anders.“ Und mit „Kapital“ meint er sein Haus, den Ort und die Gemeinschaft. „Das ist Heimat. Im Dorf ist man einfach der Karre.“ Und die Menschen, die hier leben, die mag er, genauso wie die Landschaft und die Sonnenuntergänge über den Stauden.

In Schwabegg ist Zeit für ein Erinnerungsfoto.
Bild: Matthias Zimmermann

Karl Markgraf hat fast alle Wüsten der Welt durchquert

Sein „Kanadahaus“ im Garten schmückt ein Büffelkopf aus Holz. Es ist ausgestattet mit Souvenirs, Satteln, Hufeisen und Bildern aus seinem Leben als Cowboy, als Biker, als Familienvater. Sein Haus hat er sich nach einer Reise nach Nordschweden selbst gebaut. Ehemalige Fahrschüler haben ihm Lehrer dabei geholfen. Die halbe Welt hat er in sein Schwedenhaus gepackt: Ein Raum im afrikanischen Stil, ein Zimmer für Griechenland, und sogar einen Saloon mit Tresen, Ledercouch und Schwingtür. „Man muss ein bisschen kindisch sein“, sagt Markgraf. Neider habe er schon, auch im Ort. Aber es sei ja nie seine Absicht gewesen, anders als die anderen zu sein. „Ich lebe nur nach meinen Ideen und Träumen.“ Sein nächstes Ziel: Australien.

Oben bei der Jurte liegt seine Wiese, er nennt es sein „Himmelreich“. Er übernachtet hier gerne selbst, auf den Rentierfellen in der runden Hütte. Aber oft hat er Gesellschaft: Kindergartengruppen spielen und lernen hier und tragen sich ein in sein Gästebuch. Feste mit 500 Leuten fanden schon auf diesem Feld statt, die Dorfkapelle spielte. Auch Biker-Freunde besuchen ihn hier. Bei Karres Tipi trifft sich die Welt – oder zumindest Scherstetten. Für ihn hat bisher noch jeder Weg zurück nach Schwaben geführt. Unser Weg in den Westen, über das Lechfeld bis in die Stauden, endet nun am Indianerzelt. Karl Markgraf bietet uns an, zum Bahnhof in Schwabmünchen zu fahren – nein, er besteht sogar darauf. Denn in der Mongolei darf man so ein Angebot nie abschlagen. Das wäre eine Beleidigung. Das wollen wir natürlich nicht.

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