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Robinson Crusoe

24.04.2019

Inselträume: Warum wir alle gerne Robinson wären

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Am 25. April 1719 erschien „Robinson Crusoe“. Der Roman von Daniel Defoe ist zweifellos die berühmteste, unsere Vorstellungswelt prägendste Inselgeschichte aller Zeiten.
Bild: omico Adobe Stock

Eilande faszinieren als Sehnsuchtsorte. Sie können aber auch Gefängnis sein. Vor 300 Jahren erschien ein Roman, der unser Inselbild geprägt hat.

Kleines Gedankenspiel: Stellen wir uns nur einmal vor, dass jedes Ei, das an Ostern versteckt, gesucht und gefunden wird, eine Insel ist. Jedes Ei ein Eiland. Wie viele Eier müssten Sie finden, um die Philippinen ins Körbchen zu bekommen? 7641. Eilande also gibt es wie Sand am Meer, auch wenn nur eines davon die Osterinsel ist. Isla de Pascura, isoliert gelegen 3526 Kilometer vor der chilenischen Küste im Südostpazifik, bewohnt aber immerhin von ein paar mehr Menschen, als die Philippinen Inseln haben: 7750.

Auf einer der riesigsten Inseln, die deshalb Kontinentformat hat, nämlich Australien, kamen die Menschen Jahrtausende wunderbar ohne den Osterhasen aus. Gab es dort nicht – bis europäische Einwanderer von einer anderen Insel, England, die Osterhasen mit ihren Schiffen anbrachten. Seither ist das Verhältnis Insel – Osterhase zumindest in Australien sehr angespannt.

Inseln faszinieren uns. Vor ziemlich genau 300 Jahren erschien in England (!), der Osterhaseneinschleppheimat, ein Buch, das im Original einen ziemlich sperrigen Titel hatte, der Bibliothekare zur Verzweiflung bringen kann und so unübersichtlich ist wie die Sippe paarungsfreudiger Osterhasen:

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„Das Leben und die seltsamen überraschenden Abenteuer des Robinson Crusoe aus York, Seemann, der 28 Jahre allein auf einer unbewohnten Insel an der Küste von Amerika lebte, in der Nähe der Mündung des großen Flusses Oroonoque; durch einen Schiffbruch an Land gespült, bei dem alle außer ihm ums Leben kamen. Mit einer Aufzeichnung, wie er endlich seltsam durch Piraten befreit wurde. Geschrieben von ihm selbst.“

Die Welt kennt das Buch, das am 25. April 1719 erschien, als „Robinson Crusoe“. Der Roman von Daniel Defoe ist zweifellos die berühmteste, unsere Vorstellungswelt prägendste Inselgeschichte aller Zeiten. 28 Jahre lebte der Schiffbrüchige Robinson Crusoe auf einer unbewohnten Karibikinsel – und erfand dort gleichsam seine persönliche Ein-Mann-Zivilisation. Doch niemand ist allein auf dieser Welt, nicht einmal auf einer einsamen Insel. Robinsons Insel wird gelegentlich von Kannibalen heimgesucht – und denen macht der Inselbewohner, der vom Schiffswrack auch eine Bibel retten konnte, ihre Hauptspeise abspenstig, der er den Namen „Freitag“ gibt. Endlich ein Ansprechpartner, dem Robinson Englisch beibringt. Irgendwann stranden Meuterer auf der Insel – und Robinson Crusoe kehrt zurück auf seine alte Heimatinsel England.

Zwischen Tropen-Existenzialismus und Tourismustraumwelt

Das literarische Motiv der „Robinsonade“, des Alleinseins und Eingeschlossenseins auf einer einsamen Insel, deren Strände die Grenzen der Welt sind, ist in unzähligen Varianten ins kulturelle Gedächtnis eingesickert. In Defoes Roman ist schon angelegt, was die Insel uns Menschen sein kann: Paradies und Gefängnis, Gestaltungswelt und Bewährungsort. Allein auf einer Insel, in der „unberührten“ Natur: Dieser Tropen-Existenzialismus hat es als kitschige Transformation in die Tourismustraumwelt geschafft. Palmen, Traumstrand, ewige Sonne, nur die Wellen und Du (und ein Strohhalm für die Kokosnussschale) – das ist die tausendfach aufgeführte Wohnzimmertapetenversion der Robinsonade. Mit Inselurlaub verbinden wir Abgeschiedenheit, Ruhe, Ungestörtheit, Paradies. Wie von einem schönen Ei erwarten wir von einer schönen Insel, dass sie uns alle Möglichkeiten entfaltet und keine Mogelpackung ist.

Auch Mallorca, man glaubt es kaum, ist ja eine Insel. Mit der Einsamkeit dort ist es etwas schwierig, und wer in Palma als Freitag aus dem Flugzeug steigt, trifft auf viele Robinsone, die schon da sind. Der Mensch macht sich bekanntlich alles untertan. Mallorca gehört den Touristen, Ibiza nebenan dem Feiervolk.

Doch neben Ferieninseln und Partyinseln gibt es auch ganz andere Eilande. Welche, die tatsächlich ein Gefängnis sind für die, die man dorthin bringt. Imrali ist nicht Ibiza. Imrali, eine acht Kilometer lange und drei Kilometer breite Insel im Marmarameer, dient der Türkei seit 1935 als Gefängnisinsel. Seit 20 Jahren ist dort Abdullah Öcalan, der Führer der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), inhaftiert. Auch Alcatraz in der Bucht von San Francisco war eine Knastinsel, knapp 30 Jahre lang (1934 bis 1963) befand sich dort das bekannteste Hochsicherheitsgefängnis der USA.

Hier erhofft sich der Mensch wieder Oberwasser in unübersichtlichen Zeiten

Doch längst ist Alcatraz, was Elba (mit dem berühmten Gefangenen Napoleon) schon längst ist: eine Touristenattraktion. Eiland-Schicksal. Ähnlich wie die Osterhasen in Australien sind die Touristenmassen Segen und Fluch zugleich für viele Inseln. Und ihre beste Einnahmequelle. Und sei es, dass die Leute nur auf Butterfahrt vorbeischauen, ein paar Eier einsparen und gleich wieder abdrehen wie auf Helgoland.

Was genau die Faszination der Inseln ausmacht? Vielleicht ist es die Vorstellung, in einer übersichtlichen, begrenzten, für sich existierenden Welt zu sein – ein autarkes Stück Land, auf dem der Besucher sich selbst auch wieder als autarkes Einzelwesen wahrzunehmen hofft. Die Erde in einer (eiförmigen!) Schneekugel ohne Schnee: eine runde Sache. Inseln haben etwas von Modelleisenbahnwelt: Im Maßstab 1:32 erhofft sich der Mensch wieder Oberwasser in unübersichtlichen Zeiten.

Auf einer Insel glaubt man sich den schädlichen Einflüssen des Festlandes entrückt und den Schätzen näher. Eiland-Erhabenheit ist verwandt mit dem Gefühl, auf einem Berggipfel zu stehen. Vor allem aber gibt es rundherum Strand. La Palma und Gomera, Norderney und Rügen, Kreta und Samos, Capri und die Bahamas: Schon der Klang von Inselnamen steckt voller Sehnsüchte. Und wenn dann die Kokosnüsse noch die Form von Ostereiern haben – umso schöner. Wer auf einer Insel ist, fühlt sich zunächst mal gerettet. Der moderne Mensch mit seinem ganzen Stress ist ein Schiffbrüchiger, der für zwei Wochen Vollpension seine exklusive Verlorenheit im Robinson-Club auf einer Insel seines Vertrauens auskostet.

Weil der Mensch aber – nicht nur die Osterferien sind endlich, alle anderen auch – nicht ständig Inselhopping betreiben (heute fast immer im Flugzeug, nur noch selten per Schiff, dauert zu lang) und am Strand liegen kann, nimmt er die Inseln mit als Metapher in seinen Alltag. Wir meinen nicht die Verkehrsinsel und auch keinen Inselkoller.

Westberlin, auch eine Insel mitten in der DDR

Sondern alle jene Reden und Besinnungsrufe, in denen das reiche Deutschland als „Insel der Seligen“ erscheint, verglichen mit dem Rest der Welt und verglichen auch mit realen Eilanden. Denn, und das wissen wir Kontinentaleuropäer nicht erst seit Greta und den am Freitag demonstrierenden Schülern, der Klimawandel bedroht Inseln, der steigende Meeresspiegel lässt sie verschwinden. Die Südsee als Idyll? Das war einmal. Inseln sind im Gefüge der besiedelten Welt die schwächsten Glieder in der Kette. Anders lag der Fall Westberlin, dieser Insel mitten in der DDR. Auch diese Insellage hat sich aufgelöst – glücklich allerdings.

Und wie der Mensch durch sein Treiben Inseln in den Untergang (oder die Auflösung) führt, so richtet sich seine Hybris auch aufs Gegenteil. Inseln tauchen auf, wo zuvor keine waren. Die Chinesen sind eifrig dabei, künstliche Inseln aufzuschütten im Südchinesischen Meer. Allerdings weder für Gefangene noch für Urlauber (das machen sie vor Dubai) – sondern für militärische Einrichtungen. Inseln als Vorposten im Kampf um territoriale Machtansprüche. Wüste oder Atoll: Auch wenn Militaristen neue Waffen ausprobieren, sind Inseln gerne das Versuchsfeld – und bleiben auf Jahrzehnte verseucht zurück.

Dass die Ruhe und Ungestörtheit auf einer Insel aber auch Gutes hervorbringt, wollen wir an Ostern und kurz vor dem Jubiläum des Grundgesetzes nicht verschweigen. Die Grundlagenarbeit für die Nachkriegsverfassung wurde auf einer Insel in einem bayerischen See geleistet: auf Herrenchiemsee.

Das Eiland (was etymologisch nicht von Ei, sondern von allein kommt) ist das Küken, es hat alles, was es in der großen weiten Festlandwelt auch gibt – bloß eben überschaubarer. Inseln verändern die Wahrnehmung: Das Glück wirkt dort größer, das Gelbe vom Ei gelber – und die Sonnenuntergänge erst! Als Sehnsuchtsziel des Unberührten taugen Inseln sicher noch eine ganze Weile. Denn die meisten der bekannten Eilande dieser Welt sind noch namenlos und tatsächlich unbewohnt. Im Prinzip könnte sich also die Geschichte von Robinson Crusoe wiederholen – zumal die einsamen Inseln zwar von Wellen umspült, aber ohne WLAN sind.

Menschen mit Inselbegabung (sehr selten!) muss das nicht schrecken. Einer wie Kim Peek etwa, der 1951 bis 2009 lebte, hatte den Inhalt von 12.000 Büchern auswendig im Kopf. Wir stellen uns vor, dass Robinson Crusoe sicher dabei war.

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