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Interview
07.08.2020

Deep-Purple-Sänger Ian Gillan: "Elvis hat mein Leben verändert"

Ian Gillan, Sänger von Deep Purple, spricht über damals und heute - und warum er für den Brexit stimmte.
Foto: Www.imago-images.de

Es gibt Neues von Deep Purple – und Ian Gillan singt. Wie erstmals vor 50 Jahren. Ein Gespräch über damals und heute – und sein Ja zum Brexit.

Ian, schwierige Zeiten – wie schlagen Sie sich mit in wenigen Tagen auch schon 75 Jahren aktuell so?

Ian Gillan: Ich kann mich nicht groß beklagen. Ich habe einen Garten, in dem ich mich ein bisschen beschäftige, und ich bin gesund und am Leben. Das reicht mir für den Moment.

Und worum geht es Ihnen heute? Einer der neuen Songs, „Drop The Weapon“, zum Beispiel: Einerseits scheint es ein Anti-Waffen-Song zu sein, andererseits schimpfen Sie über die Hippies mit ihrem Love & Peace-Ansatz.

Gillan: Flower Power war eine fantastische Idee, aber leider nur in der Theorie. In einer Gesellschaft, in der jeder ausschließlich Liebe und Frieden im Herzen trägt, bräuchte man tatsächlich keine Waffen. Nur sind eben nicht alle Menschen ausschließlich rein und gut. Ich höre mit Schrecken von all diesen jungen Menschen, die auf den Straßen Londons, aber auch anderswo durch Messergewalt sterben. Da geht es dann um Bandenkriminalität, um Drogen, um irgendwelche Reviere. Jemand sollte einen Arm um diese Kids legen und sagen: „Nimm die Waffe erst gar nicht in die Hand.“

Dann macht es "Whoosh!" - und Deep Purples 21. Album ist da.
Foto: Earmusic/Edel/dpa

Wer sollte das sein?

Gillan: Neben den Eltern vor allem die Schulen, die Lehrer. Öffentliche Schulen können so einiges von Privatschulen lernen, sie müssten es nur wollen. Es ist nicht gut für die Jugendlichen, wenn alles dem kleinsten gemeinsamen Nenner untergeordnet wird und selbst im Sport keinerlei Wettbewerb mehr stattfindet. Dieses „Lasst uns alle gemeinsam über die Ziellinie laufen und dabei an der Hand fassen“ … – puh, das ist doch kein Sport. Wenn alles verächtlich gemacht wird, das irgendwas mit dem bösen Wort „Elite“ zu tun hat, dann suchen sich manche Teenager andere Möglichkeiten, um sich zu beweisen und ihr Konkurrenzdenken auszuleben.

Sie hatten sich bei der Abstimmung 2016 für den Brexit ausgesprochen. Würden Sie heute anders entscheiden?

Gillan: Ich denke nicht. Das Problem war und ist für mich die europäische Regierung in Brüssel. Ich fühle mich von diesen Politikern nicht repräsentiert. Viele Briten hatten und haben das Gefühl, Brüssel wolle ihnen die Luft abschneiden und sie bevormunden. Leider ist das politische Ringen um den Brexit längst zu einer Farce geworden, angeheizt von den Medien, die in beide Richtungen Stimmungsmache betreiben. Weder ich noch irgendjemand meiner Freunde hegt eine Antipathie gegenüber den Europäern, im Gegenteil: Ich liebe Europa. In meiner Jugend bin ich durch Deutschland gereist, zwanzig Jahre nach Ende des Krieges, es war toll, mit den Kids in Kontakt zu treten. Meine Generation kennt zum Glück nichts anderes als den Frieden. Mit manchen Deutschen bin ich seit über fünfzig Jahren eng befreundet. Nein, es ist jetzt für uns alle an der Zeit, das Porzellan, das durch den Brexit zerschlagen wurde, wieder zusammenzukleben.

Sie sind seit mehr als fünfzig Jahren Sänger von Deep Purple. Wie schauen Sie auf Ihre Karriere zurück?

Gillan: Mit Demut. Ich habe einen ziemlich netten Job, oder? Vielleicht ist es sogar der beste Job der Welt. Yeah, was soll ich groß darum herumreden? Ich bin ein glücklicher Mann. Aber ich habe mich auch nie gescheut, hart für dieses Glück zu arbeiten. Vieles von dem, wofür ich sehr dankbar bin, ist nicht vom Himmel gefallen.

Seit über 50 Jahren ist Ian Gillan Sänger der britischen Rockband Deep Purple.
Foto: dpa

Können Sie das näher erläutern?

Gillan: Als wir Kinder waren, wussten wir, dass wir etwas lernen mussten, damit aus uns etwas wird. Bevor ich bei Deep Purple anfing, war ich zusammen mit Roger Glover in der Band Episode Six, und wir verbrachten endlose Stunden und Tage damit, unser Handwerk zu lernen, die Kunst des Songschreibens, Spieles und Textens. Wir haben wirklich mit den Grundlagen angefangen. Wenn du Maler werden willst, musst du ja auch wissen, wie man den Pinsel auswäscht.

Wer ist eigentlich damals zuerst auf Ihre Stimme aufmerksam geworden?

Gillan: Ich wuchs mit Musik auf, sie war immer ein großartiger und verlässlicher Freund von mir. Mein Opa sang Oper, meine Oma war Ballettlehrerin, mein Onkel ein Jazzpianist. Ich habe immer gern gesungen, und als Junge ging ich dann in den Kirchenchor. Wenig später hörte ich zum ersten Mal „Heartbreak Hotel“ von Elvis Presley, und daraufhin hatte ich das Gefühl, dass sich mein Leben änderte.

Deep Purple haben es immer noch drauf.
Foto: Ben Wolf/earmusic/dpa

Jungs, die im Knabenchor singen, stellt man sich als höfliche und gut frisierte Kinder vor. Waren Sie ein braver Typ?

Gillan: Nein, ich war eher ein frecher Junge. Wir Chorknaben waren weit davon entfernt, kleine Engel zu sein, auch wenn wir so aussahen. Musikalisch hat mich die Zeit im Kirchenchor sehr geprägt. Ich bekomme immer noch feuchte Augen, wenn ich Chorgesang höre. Überhaupt gilt meine Liebe seit jeher den verschiedensten Formen von Musik. Allein schon, aus was für unterschiedlichen Charakteren Deep Purple geformt wurden, spricht doch für sich: Wir hatten die orchestralen Einflüsse und die Hammondorgel von Jon Lord, Ritchie Blackmore mit seinem unvergleichlichen Gitarrenstil, den von Big Bands und Swing beeinflussten Ian Paice, den Hippie und Kunststudenten Roger Glover, der alles an Folk Music liebte und Bob Dylan vergötterte, na ja, und dann mich.

War die Freundschaft zwischen Ihnen und Roger Glover immer ein Stabilisierungsfaktor für eine volatile, manchmal dysfunktionale Band?

Gillan: Ja. Roger traf ich das erste Mal 1965, als ich bei Episode Six einstieg. Wie gesagt, wir haben geübt, geübt und geübt, um uns dann später der Kunst widmen zu können. Roger und ich bildeten dann auch bei Deep Purple ab 1969 ein Songwriting-Team und eine Einheit. Das Puzzle aus den verschiedenen Charakteren passte zu der Zeit einfach optimal. Von Roger habe ich viel gelernt. Er war so klug und so inspirierend mit seinem künstlerischen Ansatz. Ich war damals nur ein Sänger, das Leben für mich eine lange Party. Roger hat mein Leben definitiv zum Positiven beeinflusst.

Das erste Album, das Sie zusammen eingespielt haben, „Deep Purple in Rock“, wurde zum Meilenstein und wird dieses Jahr 50. Was bedeutet Ihnen das Jubiläum?

Gillan: Oh, echt? Ja, stimmt. Aber aus Jubiläen und Geburtstagen mache ich mir nicht viel. Ich kann mich aber noch sehr lebhaft erinnern, wie wir 1969 zusammen bei Deep Purple eintraten. Danach ging alles sehr schnell. Für mich ist „In Rock“ ein fantastisches Album, ich erinnere mich noch an die Aufregung und Erregtheit zu jener Zeit. Wir standen Abend für Abend drei Stunden lang auf der Bühne und hatten danach noch genug Feuer im Arsch, um neue Songs aufzunehmen. Es war eine sehr fruchtbare Zeit, alles passte. Wir waren damals nicht zu stoppen.

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