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Erster Weltkrieg

11.11.2018

Interview: Wie Versailles die Welt veränderte

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Der 1967 in Birkenfeld (Rheinland-Pfalz) geborene Historiker Jörn Leonhard lebt in Freiburg und wurde bereits vielfach für seine Forschung ausgezeichnet. Jüngst erschien von ihm: „Der überforderte Frieden“ (C.H.Beck, 1531 S., 39,95€).
Bild: Universität Freiburg, dpa

Der Historiker Jörn Leonhard über die Probleme und die Folgen des Friedens von Versailles - und über die Botschaften an uns heute.

Ihr Buch heißt „Der überforderte Frieden“. Warum? Was führte zur Überforderung?

Jörn Leonhard: Es sind vier Aspekte. Erstens: Die Geschichte des Krieges selbst. Denn in diesem Weltkrieg mit den unglaublich vielen Opfern – wir wissen heute: über 20 Millionen Zivilisten und Soldaten –, werden mit jedem Jahr neuer Opfer immer größere Erwartungen an einen Friedensschluss entwickelt. In dem Sinne, dass der Friedensschluss diese enormen Opfer und Lasten für Soldaten, für Frauen, für Kinder, für alle, die an diesem Krieg beteiligt waren, rechtfertigen sollte. Der totalisierte Krieg führte eben auch zu einer Totalisierung von Erwartungen an den Frieden.

Zweitens?

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Jörn Leonhard: Dass es nicht mehr wie nach den Napoleonischen Kriegen auf dem Wiener Kongress allein um Europa geht – sondern es geht um eine Friedensordnung für die ganze Welt. Es geht um die Kolonialgesellschaften, die alle in irgendeiner Form bei den Friedensverhandlungen in Paris mit dabei sind, ob an den Konferenz- oder an den Katzentischen. Das heißt, es geht um eine globale Ordnung.

Drittens?

Jörn Leonhard: 1918 ist auch ein Augenblick in der Geschichte der modernen Demokratie. In vielen Ländern wird bei Kriegsende das allgemeine Wahlrecht eingeführt, und viele Politiker, die in Paris sind, müssen sich nach diesen Friedensschlüssen Wahlen stellen, in denen sie daran gemessen werden: Was habt ihr versprochen und was habt ihr durchsetzen können?

Und viertens?

Jörn Leonhard: 1918/19 ist ein globaler Medienmoment, mit hunderten Journalisten, die in Paris anwesend sind und die das, was dort passiert, aber auch die Enttäuschungen und Desillusionierungen praktisch in der ganzen Welt verbreiten. Und wenn Sie diese vier Aspekte zusammennehmen, dann wird klar, wie groß und letztlich überfordernd die Erwartungen waren. Die Handlungsspielräume der Staatsmänner und Diplomaten in Paris waren jedenfalls viel beschränkter, als es die Fotografien von 1919 nahelegten.

Es heißt oft, dass der Friedensvertrag, der daraus entstanden ist, so umfangreich wie schlecht ist. Ist das so?

Jörn Leonhard: Man muss differenzieren zwischen dem, was in diesem Vertrag steht – das ist in vielem detailversessen bis in die kleinsten Kleinigkeiten – und dem, wie die Zeitgenossen den Vertrag wahrnehmen. Was die Deutschen kaum reflektieren: dass der Nationalstaat von 1871 in seiner territorialen Integrität nicht infrage gestellt wird, obwohl Teile der französischen Führung zunächst eine Aufteilung anstrebten. Im Osten ist die Position Deutschlands mit der Paralyse Russlands und dem Untergang der Habsburgermonarchie sogar relativ stärker als vor 1914. Aber die Wahrnehmung der Menschen in Deutschland geht in eine ganz andere Richtung und konzentriert sich auf die Schuldfrage, den Vorwurf, allein den Krieg ausgelöst zu haben, auf die Forderung, den deutschen Kaiser auszuliefern. Hier zeigt sich etwas, das für die Konferenz und Vertrag insgesamt gilt: Es ist ein Moment der symbolischen und der hoch emotionalisierten Politik, der inszenierten Demütigung durch die Sieger und der Empörung über die „verletzte Ehre der Nation“ bei den Deutschen – das hat das Klima und die Kommunikation auf lange Sicht enorm belastet. Hier lagen die Fehler der Friedensmacher 1918/19.

Und konkret?

Jörn Leonhard: Etwa, dass man die Deutschen nicht zu einer wirklichen Konferenz eingeladen hat, dass es keine direkte Kommunikation gibt. Die Deutschen werden erst nach Paris eingeladen, als der Vertrag faktisch fertig ist, und werden dann mit einem Ultimatum unter Druck gesetzt, ihn anzunehmen. Eine Ablehnung hätte die wahrscheinliche Besetzung des Landes bedeutet – und auch die Frage der territorialen Integrität neu gestellt.

Und was war positiv?

Jörn Leonhard: Wenn sie Verhandlungen insbesondere auch der Experten in Paris untersuchen, dann finden sie ein großes Bewusstsein dafür, was der Krieg alles verändert hat. Also etwa im Blick auf die Minderheiten in den neuen Nationalstaaten, im Blick auf die ökonomischen Belastungen, die aus dem Krieg hervorgehen. Und hier gibt es sehr viele neue und progressive Ideen. Viele Diplomaten setzen ihre Hoffnungen auf den Völkerbund, auf einen neuen Internationalismus. Vor allem dürfen wir nicht den Fehler begehen und aus der Logik des Rückblicks allein argumentieren – also von 1933 oder ’39 her auf 1918 blicken. Dann kommt man zu dem Kurzschluss, dass der Versailler Vertrag schon den Weg in den Zweiten Weltkrieg ebnete. Die Situation von 1918/19 war enorm belastet, ohne Zweifel, aber sie war auch offener, als wir das lange angenommen haben.

Monarchien untergegangen, der Völkerbund gegründet – und plötzlich steht mit dem Ende des Imperialismus auch noch die Idee einer Selbstbestimmung der Völker im politischen Raum, eingebracht von US-Präsident Wilson … Ist ab hier die Welt eine andere?

Jörn Leonhard: Das würde ich auf jeden Fall sagen, das macht das Scharnier dieser Jahre 1918 bis 1923 aus. Und die Idee der nationalen Selbstbestimmung kommt ja nicht allein von Wilson, sondern wurde zuerst Ende 1917 – noch vor Wilsons Vierzehn Punkten – von den russischen Bolschewiki entwickelt.

Womit ja auch das Gegenüberstehen der beiden, das 20. Jahrhundert prägenden Blöcke bereits zementiert ist …

Jörn Leonhard: Aber wieder sehr viel offener, als wir das heute aus der Perspektive des Kalten Krieges sehen würden. Wilson sieht in den Revolutionen in Russland nicht den großen Gegensatz zum Westen, sondern erkennt darin zunächst den Durchbruch einer demokratischen Bewegung in Russland. Der ideologische Gegensatz entwickelt sich erst später. Aber 1917 beginnt doch so etwas wie ein amerikanisches Jahrhundert der internationalen Positionierung und der intensiven Beziehungen zu Europa, das mit der Präsidentschaft von Donald Trump vielleicht jetzt zu seinem Ende kommt. Auch damit wird deutlich, wie viel unsere Gegenwart mit dieser Vergangenheit zu tun hat.

Und die Selbstbestimmung?

Jörn Leonhard: Dieser Schlüsselbegriff gehört entscheidend zur neuen Globalität der Politik. Bereits die Menschen in Paris fragten sich, für wen dieses Recht auf Selbstbestimmung gilt. Für die Tschechen, die Slowaken, die Polen, die Südslawen, also die, die jetzt neue Staaten bilden? Da ist die Antwort ja. Aber es gilt offensichtlich nicht für die Kolonialgesellschaften Asiens und Afrikas. Und es gilt eben auch nicht für den Mittleren und Nahen Osten, eine Region, die bis 1918 zum Osmanischen Reich gehörte und die angesichts der Ölreserven und des Suez-Kanals zumal für Großbritannien enorme strategische Bedeutung hatte. Hier setzten Briten und Franzosen unter den nach 1919 neu entstehenden Mandaten zunächst ihre Interessen durch – das Versprechen eines panarabischen Staates dagegen blieb unerfüllt, während man den Juden mit der Balfour-Erklärung von 1917 einen Staat in Aussicht stellte. Diese widersprüchliche Politik hat Folgen bis heute.

Welche?

Jörn Leonhard: Aus dieser Grundkonstellation entsteht eine tiefe Glaubwürdigkeitskrise des Westens. Insgesamt waren die Führungen in London und Paris nicht bereit, auf ihre Kolonien zu verzichten, weil sie im Krieg von ihren Kriegsleistungen abhängig geworden waren – und tatsächlich erreichten das Britische Empire und das französische Kolonialreich nach 1918 ihre maximale Ausdehnung. Zudem kamen viele junge Politiker nach Paris, die das 20. Jahrhundert tief prägen sollten. Nehmen Sie den jungen Ho Chi Minh, der als Vertreter von vietnamesischen Soldaten, die für Frankreich gekämpft hatten, nach Paris reist, dort keinen Ansprechpartner der Regierung findet. Ho sitzt an keinem Konferenztisch und beginnt irgendwann, sich nach politischen Alternativen umzusehen. So nähert er sich den Bolschewiki an, die die Selbstbestimmung ausdrücklich als Befreiungskampf auch für die Kolonialgesellschaften propagieren. Das zeigt, wie stark diese Auseinandersetzung um die Weltarchitektur nach 1918 weitergewirkt hat. Wenn Sie heutige Konfliktregionen ansehen – die Ukraine, der südöstliche Balkan mit dem ehemaligen Jugoslawien, den Nahen und Mittleren Osten –, dann sind das alles Gebiete, die nach dem Ersten Weltkrieg neu definiert, neu aufgeteilt wurden. In vielen dieser Gebiete entstand keine stabile Staatlichkeit, während sie zugleich zum Testfall für die Versprechen der westlichen Demokratien wurden.

Die Konflikte haben sich seitdem oft von der staatlichen auf die ethnische Ebene verlagert. Ein Erbe von 1918?

Jörn Leonhard: Diese Entwicklung steht in der Kontinuität zu Erfahrungen während des Ersten Weltkriegs selbst. Der Staatenkrieg, der 1914 ausgebrochen war, ging in andere Gewaltformationen über. Nehmen Sie die ethnische Gewalt der Jungtürken gegen die Armenier 1915, den Russischen Bürgerkrieg, wo sich eine ideologische Auseinandersetzung mit ethnischen Konflikten und einem Klassenkampf verband, oder denken Sie an die gewaltsamen Staatsbildungen etwa durch den erzwungenen Bevölkerungstausch zwischen der Türkei und Griechenland. Diese Kriege nach dem Großen Krieg waren enorm gewaltsam: Im Russischen Bürgerkrieg, der eben nicht am 11. November 1918 endete, kamen bis Anfang 1923 mehr Russen ums Leben als im Weltkrieg bis Ende 1917. 1918/19 endet primär der Staatenkrieg im Westen Europas, in vielen anderen Regionen der Welt geht die Gewalt weiter, in den antikolonialen Aufständen 1919, im Massaker von Amritsar in Indien, in Kairo, in Korea …

Sie schreiben aber auch von einer Erweiterung des Friedensbegriffs in der Folge von 1918. Frieden ist seitdem mehr als die Abwesenheit des Krieges.

Jörn Leonhard: Damals trägt diese gestiegene Erwartung auch zur Überforderung des Friedensprojekts bei. Die Hoffnung junger Diplomaten und Experten in Paris war, Gesellschaften so zu organisieren, dass in ihnen keine Gründe für Kriege entstehen. Entsprechend hat man argumentiert, dass Gesellschaften bestimmte soziale Mindeststandards einhalten müssen, dass sie die Rechte ethnischer und religiöser Minderheiten schützen müssen. So wird Frieden wird nach 1918 auch definiert im Blick auf neue internationale Normen im Völkerbund. Darin spiegelte sich der Versuch, eine Lehre aus dem Sommer 1914 zu ziehen und eine Wiederholung der Ursachen des Weltkrieges zu verhindern. Das reichte bis zur Frage, ob eine Institution wie der Völkerbund intervenieren müsse, wenn solche Normen nicht eingehalten würden. Dieses Problem der möglichen Intervention gegen einen souveränen Staat durch die Vereinten Nationen begleitet uns bis heute.

Klingt überhaupt sehr zeitgenössisch.

Jörn Leonhard: Ja, die Jahre nach 1918/19 zeigen, dass viel von dem, was heute passiert, eben nicht so singulär ist. Diese Erkenntnis könnte auch einem gewissen Alarmismus vorbeugen, mit dem aktuellen Entwicklungen oft begegnet wird. Die Geschichte der USA nach 1919 etwa ist die einer neuen Weltmacht, die sich politisch zunächst aus internationalen Verpflichtungen zurückzieht: durch die Nicht-Ratifizierung des Versailler Vertrags und der Völkerbundakte, durch den Rückzug aus Europa. Donald Trump ist also keinesfalls der erste Präsident im Zeichen einer Renationalisierung, eines „America First“. Schon nach 1919 erlebten die USA diese Renationalisierung, eine Verschärfung der Immigrationsgesetze, eine Welle von Rassismus. Gleichzeitig entwickelt sich nach 1918 das Bewusstsein für viele moderne Probleme, die eben nicht an nationalen Grenzen haltmachen – etwa die wirtschaftlichen und finanziellen Kriegsfolgen oder die Millionen von Flüchtlinge, die aufgrund der neuen Landkarten ihre angestammte Heimat verlieren oder vertrieben werden. Es gibt also einen neuen Zwang zur internationalen Kooperation und zugleich eine Revitalisierung des Nationalen. Das erinnert an die Verschränkung von Globalisierung und neuen Nationalismen in der Gegenwart.

Kann es sein, dass auch die heutigen Turbulenzen mit dem Trend hin zu rechten und autoritären Bewegungen eine Folge der zu großen Erwartungen durch das Ende des Kalten Krieges sind – auch hier ein überforderter Frieden, eine überforderte Demokratie?

Jörn Leonhard: Überforderungen durch Umbrüche sind für Historiker eher der Normalfall als die Ausnahme. Das erlebten die Zeitgenossen auch nach 1789 oder nach 1815. Wenn es etwas gibt, das uns heute mit 1918 verbindet, dann ist es das Gefühl der Unübersichtlichkeit. Eine überkommene alte Struktur ist abgelöst, aber was an die Stelle des Alten tritt, bleibt zunächst unklar. In dieser neuen Welt gibt es Aufsteiger und Absteiger. Entsteht zum Beispiel mit China ein neues Imperium, das mit den Interessen der USA im Pazifikraum kollidiert? Man darf über diese Parallelen aber nicht die enormen Unterschiede vergessen. Nach 1918 ging es darum, wie Gesellschaften Millionen von Soldaten integrieren sollten, die aus dem Krieg und in einer grundlegend veränderte Heimat zurückkehrten? Wie die ungeheuren Kriegsverluste und Reparationen volkswirtschaftlich kompensiert werden sollten? Wie die Gegner von 1914 überhaupt wieder miteinander in Kontakt treten sollten? Angesichts dieser Herausforderungen, exemplarisch erkennbar in der Konfliktgeschichte zwischen Deutschland und Frankreich in den Kriegen seit dem 17. Jahrhundert, wird man besser verstehen, warum die Europäische Union so ein singuläres Friedensprojekt der neuzeitlichen Geschichte ist – auch wenn diese Erkenntnis allein nicht alle Probleme der Gegenwart lösen kann. Dennoch: Dass Europa aus einem blutigen Gewaltraum zu einem Friedensprojekt werden konnte, ist eine der erstaunlichsten Erfolgsgeschichten, die ich kenne – und sie strahlt nicht zufällig weltweit aus.

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