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James Bond
18.09.2021

Mythos 007: James Bonds Erfolgsgeheimnis ist enttarnt

Dieser Vorspann gehört zu den Bond-Filmen wie die schnellen Autos und die schönen Frauen. Am 30. September ist er wieder in den Kinos zu sehen, dann läuft "Keine Zeit zu sterben" an.
Foto: Metro Goldwyn Mayer Pictures/Universal Pictures

Am 30. September läuft der neue Bond-Film an. Wie der erfolgreichste Geheimagent der Welt es schafft, seit fast 60 Jahren zu überleben und wer seine gefährlichsten Gegner waren.

Er ist einfach nicht totzukriegen, dieser James Bond. In all den Jahren haben es unzählige Schurken und, ja, auch Schurkinnen versucht. Es halfen keine Laserstrahlen, keine Zentrifugalkräfte, keine Hirnbohrer, sogar Schuhe mit Giftmesser und anderer Waffenschnickschnack – alles Bang-Bang wirkungslos. Flugzeugabstürze und mehrfache Überschläge mit dem Auto, überlebte er alles. Gut, einmal, als er ganz jung war und gerade die Lizenz zum Töten bekommen hatte, da war es wirklich ganz knapp. Sie erinnern sich? Valenka, die Freundin von Bösewicht Le Chiffre, vergiftete ihn mit einem profanen Cocktail, ein paar Tropfen Digitalis nur. Reichte, fast zumindest.

Bond-Film "Keine Zeit zu sterben": Durch Corona-Pandemie nur verschoben, nicht versetzt

Dieses Ende hätte vielleicht sogar dem Womanizer und passionierten Martini-Trinker Bond gefallen, der Tod lauerte in Frauenhand und im Alkohol, aber die Rettung dann ja auch: Vesper Lynd, DIE Frau seines aufregenden Lebens, belebte ihn im letzten Moment wieder – der Rest ist Geschichte, die am 30. September mit dem 25. Bond-Film fortgeschrieben wird. Im Kino, wie gewohnt – daran hat auch Corona nichts verändert. Durch die Pandemie läuft der Film "Keine Zeit zu sterben" nun fast zwei Jahre später an, im Gegensatz zu anderen Action-Helden wurde Bond jedoch nicht in die Welt des Streamings versetzt.

Millionen Fans fiebern dem Moment entgegen, wenn wieder der Bond-Vorspann auf der Leinwand erscheint und das Blut läuft (siehe Bild oben), wenn der neue Bond-Song ertönt, 007 wieder „Mein Name ist Bond, James Bond“ sagt, wenn er teure Autos schrottet, mit Schönheiten flirtet und Martini bestellt – wobei ihm das Geschüttel und Gerühre dabei inzwischen ja längst egal ist. Same, same but different, würde der Brite vielleicht dazu sagen. Auf Deutsch: immer die gleiche Leier, aber trotzdem nicht langweilig, ja, nicht totzukriegen. Wie macht Bond das nur? Woraus genau setzt sich der Erfolgscocktail zusammen? Wie entstand dieser 007-Mythos?

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler befassen sich mit James Bond

„Mythen basieren auf heldenhaften Taten und heldenhaften Typen“, sagte der russische General G. in „Liebesgrüße aus Moskau“. Klingt einleuchtend, ist im Falle Bond aber zu einfach. Helden gibt es im Film schließlich viele – aber keiner hat das Durchhaltevermögen eines James Bond. Das Phänomen 007 hat auch schon die Wissenschaft in der realen Welt beschäftigt. In „James Bond – Anatomie eines Mythos“ (Herausgegeben von Marc Föcking und Astrid Böger, Universitätsverlag Winter Heidelberg, 304 Seiten, 35 Euro) begeben sich Akademikerinnen und Akademiker auf die Spur des Geheimagenten und versuchen, die Bond-Formel zu dechiffrieren. Mit spannenden Ergebnissen. Zum Beispiel:

Wie bei einem guten Cocktail kommt es nicht nur auf die Zutaten an, auch die Mixart und das Gefäß sind für eine Erfolgsgeschichte, ja, einen Mythos entscheidend. Als Ian Fleming im Januar 1952 die Figur des Geheimagenten erfand, bettete er die Abenteuer nicht in hohe Literatur ein. Er schrieb mit „Casino Royale“ einen Schundroman, in dem er seine Fantasien und auch seine Erfahrungen als Commander im britischen Geheimdienst zu Papier bringen wollte. Offensichtliche Strategie seiner Mission: Sex sells.

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Fleming sprach wohl hauptsächlich über sich und Sex

„Das Ziel meiner Bücher (…) liegt irgendwo zwischen Solar Plexus und, ja, oberer Oberschenkel (…). Ich schreibe für warmblütige Heterosexuelle in Zügen, Flugzeugen und Betten.“ Ein wenig schlüpfrig, so ist der Ur-James Bond und so soll auch Fleming gewesen sein. Laut seiner Vertrauten Mary Pakenham soll er hauptsächlich über zwei Themen gesprochen haben: „Sich und Sex.“

Womit wir also bei den Zutaten des Bond’schen Erfolgscocktails sind: Fleming setzte auf das Spiel mit Fiktion und Realität. Er bediente sich dabei gerne seiner eigenen Vita: seine Spionage-Einsätze im Zweiten Weltkrieg etwa, die er vom Schreibtisch aus koordiniert hatte. Auch seine Schulz in den Kitzbühler Bergen – alles wurde in die Bond Geschichten gerührt. Angeblich soll er auch einst wirklich versucht haben, zwei Agenten am Kartentisch Geld abzuluchsen und so handlungsunfähig zu machen – wie später Bond in „Casino Royal“ – allerdings soll Ian im Gegensatz zu James verloren haben. Selbst „M“ hat es gegeben: Flemings einstiger Vorgesetzter Admiral John Godfrey. Die Idee für den Buchstaben als Namen kopierte er von Mansfield Smith-Cumming, dem ersten Chef des MI6, der dafür bekannt war, immer nur mit „C“ unterzeichnet zu haben.

Bond ist so etwas wie ein moderner Odysseus

Auch die Figur Bond ist ein Cocktail aus verschiedenen realen Vorbildern. Der serbische Doppelagent Dusko Popov, der von den Briten eingesetzt wurde, um den Nationalsozialisten Falschinformationen zuzuspielen, stand wohl Pate. Auch der britische Marineoffizier Patrick Dalzel-Job und sogar Flemings Bruder Peter, ein Reiseschriftsteller.

Alle sechs James Bond Darsteller auf einen Streich. Einmalig zum Filmrelease von „Spectre“ im Jahr 2015 waren die Wachsfiguren gemeinsam im Madame Tussauds in London zu sehen. Die Figuren gingen danach auf Welttournee. (von links): Roger Moore, Timothy Dalton, Daniel Craig, Sean Connery, George Lazenby, und Pierce Brosnan.
13 Bilder
Das waren die James-Bond-Darsteller
Foto: Jonathan Hordle/Madame Tussauds/dpa

Und nicht nur die: Christian Brockmann, Philologe an der Universität Hamburg, sieht in „James Bond – Anatomie eines Mythos“ sogar Parallelen zwischen Bond und Odysseus. Fleming griff Motive aus alten Mythensagen auf, indem er Bond zu einem allein umherreisenden, listreichen Problemlöser machte. Dazu dann noch ein Schuss Luxus auf Kosten der Krone, die Belohnung für den lebensgefährlichen Job im Dienste seiner Majestät Queen Elizabeth II. – fertig war der Super-Mix. Bei so viel Abenteuer und Spannung musste dann doch ein neutraler Name her – den fand Fleming auf dem Cover des Vogel-Ratgebers „Birds of the West Indies“. Der fiktive Geheimagent Bond ist aber längst berühmter als der gleichnamige, aber reale Ornithologe.

Auch Präsident Kennedy war Bond-Fan

Wie sich bald herausstellte, traf Fleming mit dem sexistischen, snobistischen und skrupellosen Einzelgänger Bond damals einen Massengeschmack. Bond, das war das Gegenteil des arbeitenden Familienvaters. US-Kult-Autor Raymond Chandler formulierte es so: „Bond ist so, wie jeder Mann gerne sein möchte und was jede Frau gerne zwischen ihren Laken hätte.“ In zwölf Jahren verkaufte Fleming 27 Millionen Bücher. Zu seinen Fans zählten US-Präsident John F. Kennedy wie der Chef des amerikanischen Geheimdienstes CIA, Allen Dulles.

Ersterer mochte die Bücher wegen „der Lässigkeit, dem Sex und der Brutalität“, Zweiterer ließ sich von Flemings Erfindungen inspirieren und ein paar wohl auch für den CIA nachbauen, das Auto-Ortungsgerät aus „Goldfinger“, den Giftspitzenschuh aus „Liebesgrüße aus Moskau“, wie Christopher Moran von der britischen Warwick University aus Briefwechseln zwischen Fleming und Dulles rekonstruiert hat. Die beiden baldowerten auch aus, durch die Bond-Romane die CIA in einem besseren Licht erscheinen zu lassen. Der CIA-Agent Felix Leiter gehört zur Stammbesetzung der Guten.

Mit den Filmen ging's dann erst richtig los

Dulles soll es auch gewesen sein, der den Bond-müden Fleming 1963 bestärkt hat, den Agenten nicht sterben zu lassen. Bond hatte es da gerade in die Kinos geschafft – ein wichtiger weiterer Grundstein zum Mythos. Fleming bekam vom folgenden Hype um seine Schöpfung nicht mehr viel mit. Er starb 1964 mit 56 Jahren an einem Herzinfarkt. Bonds spannendste Jahre sollten da erst noch kommen. Durch die Filme bekam Bond ein Gesicht, eigene Musik und wurde zu einer weltweiten Marke, dann aber wurde die Welt des Geheimagenten auch ordentlich durchgerüttelt. 007 sah sich plötzlich neuen, unsichtbaren Bedrohungen ausgesetzt, die für ihn gefährlicher als jeder Superschurke waren.

Plötzlich brach Bonds Weltordnung zusammen

Zunächst einmal brach mit dem Fall des Eisernen Vorhangs seine Weltordnung zusammen: Geschichten nach dem Schema „Die guten Briten und Amerikaner gegen die bösen Sowjets“ funktionierten da nicht länger. Neuer Bond-Stoff musste her, neue Netzwerke und Schurken, neue Bedrohungsszenarien erschaffen werden. Das bekam auch Timothy Dalton zu spüren, der als Bond-Mime Nummer vier plötzlich seinen Freund Felix Leiter rächen und Drogendealer jagen musste – weil Ende der 1980er Jahre auch das Thema Aids gesellschaftsprägend aufkam, war auch noch Schluss mit den Frauengeschichten. Bond wurde, na ja fast, monogam. Dalton übergab bereits nach zwei Filmen an Pierce Brosnan.

Und dann hatte plötzlich sogar eine Frau das Sagen

Dann griff der Zeitgeist an, der sogar das Zeug gehabt hätte, Bond langsam zu eliminieren. Der Ur-007 entstammt dem Patriarchat. Die toxische Männlichkeit, die sich in den Büchern findet und auch in zahlreichen Filmen widerspiegelt, lässt heutige Zuschauer staunen. Doppel-Null sah Doppel-X in der Regel als Mittel zum Zweck oder als Spielzeug, mit dem auch rabiat umgegangen werden durfte. Motto: Bang, bang, kiss, kiss. Es gab fast so viele frauenverachtende Sprüche wie Bettgefährtinnen. Das änderte sich langsam, als „B“ das Sagen bekam: Barbara Broccoli, die von ihrem Vater Albert das Bond-Film-Imperium geerbt hatte und zur wichtigsten Frau in Bonds Welt wurde. Sie rettete ihn in ein neues Zeitalter, in dem Altherrenwitze zum Kassengift mutieren.

„B“ erkannte, dass es wieder Zeit für Veränderung war, und besetzte 1995 Bonds Chef „M“ mit Judi Dench. Der Womanizer musste also fortan den Befehlen einer Frau folgen und bekam von „M“ gleich ganz neue Töne zu hören, etwa: „Sie sind ein sexistischer, frauenverachtender Dinosaurier, ein Relikt aus dem Kalten Krieg.“ Das war für Bond mal ein ganz neues Bang-Bang, noch dazu ohne kiss, kiss. Nicht nur für ihn. Einem Admiral, der „M“ an den Kopf warf: „Ich glaube, Ihnen fehlt das, was ein Mann hat für diesen Job“, entgegnete sie schlagfertig: „Schon möglich, aber dafür muss ich nicht dauernd mit dem, was mir fehlt, denken.“ Stille im Raum.

Er muss sich anpassen, um zu überleben

Inzwischen hat Bond zwar wieder einen männlichen Chef beim MI6, doch „B“ begleitet ihn weiter und bringt immer mehr starke Frauen in sein Leben. Die moderne Moneypenny greift zur Waffe. Im neuen Film soll es auch eine Doppel-Null-Agentin geben, also auch eine Frau mit der Lizenz zum Töten. Alles andere wäre dem jungen Kinopublikum in Zeiten von #MeToo nicht mehr zu vermitteln gewesen. Macho Bond musste sich also dem Zeitgeist anpassen, um in einer hochkomplexen Welt zu überleben – und es gelingt ihm ganz gut, als eine Art Ritter im TikTok-Zeitalter. Er verbinde laut der Hamburger Professoren Marc Föcking und Astrid Böger das Archaische mit der postindustriellen Welt der Gegenwart.

Die Flitzer, die Abenteuer, die globale Bedrohung, Hightech-Spielzeug, Fäuste und Martinis, viele schöne und tote Menschen gibt es weiterhin. Und natürlich auch viel Bang, Bang und etwas Kiss, Kiss.

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