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Jammern? Ja, und zwar so richtig!

Kommentar Von Stefanie Wirsching
20.11.2020

Das wohltuend gepflegte Jammern wird unterschätzt, findet unsere Autorin. Dabei ist gepflegtes Klagen so wohltuend.

Jammern ist trotz des häufigen Gebrauchs eine verpönte Kulturtechnik. Man kann zwar zu großer Meisterschaft gelangen – Jammervirtuosen reicht oft schon ein kleiner Seufzer oder ein lässig hingeworfenes „ach“, um auf die miserablen Lebensumstände hinzuweisen. Aber meist wird diese über Jahre hinweg verfeinerte Jammerkunst nicht geschätzt. Wie eben das ganze Jammern nicht. Die besten Jammerer werden als Lappen diffamiert, sie sind so etwas wie die Flachschwimmer im großen weiten Klagemeer. Trauen sich nicht ins Tiefe!

Jammern ist ein wichtiges Ventil für Alltagsfrust

Unterschätzt wird dabei, wie wohltuend das gepflegte Jammern ist. Es ist ein wichtiges Ventil, um ein bisschen vom alltäglichen Frust loszuwerden, etwas Trübsinn abzulassen. So kann sich nichts aufstauen, kommt es nicht zum Ausbruch. Sehr schwer zu ertragen sind jedenfalls jene, die lotusblütenartig durchs triste Dasein wandeln – Leitspruch: „Alles perlt von mir ab“ – und einem entgegenschmettern: „Ach, ist doch nicht so schlimm.“ Aber so tun, als sei alles supertoll, ist auch Blödsinn. Das ist Selbstbetrug, Eskapismus in den Ponyhof. Und andererseits: Soll man jetzt etwa, weil das Land schon wieder halb lahmgelegt ist, jeden Tag im Büro den Kopf rhythmisch auf den Schreibtisch schlagen und zur großen Suada anheben? Nein! Das halten ja auch die Kollegen nicht aus.

Aber ein bisschen jammern, Freunde, das ist, wie ein bisschen essen und ein bisschen trinken, man fühlt sich wunderbar nach. Am besten man macht es zu zweit! Dann fühlt man sich verstanden, von Lappen zu Lappen, spürt wie es einem leichter ums Herz wird. Man sollte es trainieren! Vielleicht sogar Selbsthilfekurse anbieten: So jammern sie richtig! Aber ach, auf uns hat noch nie jemand gehört …

Lesen Sie auch den Kontra-Kommentar von Wolfgang Schütz.

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