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Jammern? Nein, weil's jämmerlich ist!

Kommentar Von Wolfgang Schütz
20.11.2020

Wer jammert, leidet an infantiler Wirklichkeitsverweigerung, findet unser Autor. Und notorische Jammerlappen will bald keiner mehr trösten.

Es ist ja etwas Kindliches, dieses Jammern, etwas Kleinkindliches, das man dem Nachwuchs nicht von ungefähr genervt abzuerziehen versucht, weil es irgendwann bloß noch kindisch wirkt, aber spätestens bei Erwachsenen nur noch eines ist: jämmerlich. Denn wer wirklich leidet, wirklich in Not ist, wem es wirklich schlecht geht, der nölt eben nicht selbstmitleidig rum. Im bleibenden Jammern kann man insofern ein Zeichen einer disziplinarischen Wohlstandsverwahrlosung, einer infantilen Wirklichkeitsverweigerung, einer sentimentalen Unselbstständigkeit erkennen. Drama, Baby!

Jammern schadet auch den Jammernden

Klar, wahrscheinlich geht es dabei, wie beim Kleinkind, meist mehr darum, dass, wie einst Mutti oder Papi, irgendwer mitfühlt und tröstet, verständig in den Arm nimmt – und das gehört ja auch zum Miteinander des Mensch(lich)seins. Aber das verkommt hier zum Kultivieren einer Theatralik und nutzt die Empathie zusehends ab. Den notorischen Jammerlappen will bald keiner mehr trösten, auch wenn es dann mal wirklich Not täte. Jammern schadet also auch dem Jammernden.

Es gibt eine einzige Ausnahme, eine Kunstform, beobachtet an einer Freundin einst. Zog sich in solcher Stimmung in ihr Zimmer zurück, bemitleidete sich selbst, bis ihr die Tränen kamen, betrachtete sich selbst weinend im Handspiegel – und tauchte dann wieder wie gereinigt und geklärt zurück in der gemeinsamen Wirklichkeit auf. Toll! Aber wer kann das schon?

Für alle anderen gilt noch immer Franz von Assisis Leitsatz: „Gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ Indirekt sagte der Heilige da deutlich, was er vom Rumheulen hielt. Nix.

Lesen Sie auch den Pro-Kommentar von Stefanie Wirsching.

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