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Interview

27.07.2019

Kreuzfahrt-Experte: "Stoppt diese Urlaubsfabriken!"

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2 Bilder
Große Kreuzfahrtschiffe parken vor Mallorca und "spucken" tausende Passagiere aus. Experte Wolfgang Meyer-Hentrich sieht den Trend kritisch.
Bild: Clara Margais, dpa

Der Kreuzfahrt-Experte Wolfgang Meyer-Hentrich rechnet mit dem Massentourismus auf dem Meer ab.

In Ihrem Buch „Wahnsinn Kreuzfahrt“ rechnen Sie mit dem Massentourismus auf dem Meer ab. Wie kamen Sie zu der Kreuzfahrt?

Wolfgang Meyer-Hentrich: Vor 18 Jahren wollte ich in einer besonderen Lebenssituation eine Auszeit nehmen und etwas machen, das ich noch nie getan hatte. In einer Zeitung sah ich dann das Inserat einer 110-tägigen Weltreise. Am nächsten Tag ging ich ins Reisebüro und buchte diese Kreuzfahrt. Seitdem habe ich mehr als drei Dutzend solcher Reisen unternommen.

Wie wurden Sie zum Kritiker Ihrer Leidenschaft?

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Meyer-Hentrich: Als ich zum ersten Mal ein Kreuzfahrtschiff betrat, war das eine neue Welt für mich. Ich war gewohnt, in Jeans und T-Shirt zu verreisen, auf einmal musste ich im Smoking zum Abendessen gehen. Anfangs fand ich das schrecklich. Doch je länger ich dort war, desto faszinierter war ich von dem Meer und der Natur. Ich war gespannt auf die fremden Häfen und Menschen. Aber die weiteren Reisen ließen meinen Blick realistischer und dadurch auch kritischer werden – erst recht, als sich das Kreuzfahrtwesen in Europa wenige Jahre nach der Jahrtausendwende dramatisch veränderte.

Die Zahl der Kreuzfahrtschiffe stieg, ihre Größe wuchs und die Touristen wurden mehr.

Meyer-Hentrich: Ja, dieselbe Entwicklung hatte Jahrzehnte früher in Amerika begonnen. Aus einer vornehmen, kultivierten Welt wurde eine Szenerie der Bespaßung und des Entertainments. Das Meer nahm man vom 17. Deck kaum noch wahr. Es war nur noch eine Kulisse, die man brauchte, um ungestört zu feiern. Aus schwimmenden Hotels wurden schwimmende Kleinstädte.

Größere Schiffe werfen mehr Profite ab. Sie werfen den Reedereien „unstillbare Gier“ vor. Kann man Unternehmen dafür kritisieren, Geld verdienen zu wollen?

Meyer-Hentrich: Jede Unternehmertätigkeit ist darauf ausgerichtet, Gewinne zu erwirtschaften. Doch die großen Kreuzfahrtunternehmen tun dies unter besonderen Voraussetzungen: Sie zahlen nirgendwo auf der Welt Steuern, weil sie unter sogenannten Billigflaggen wie der des Staates Malta fahren. Selbst der Brennstoff ist steuerfrei, auch in deutschen Häfen. Das soll den Handel über das Meer fördern, erhöht aber auch die Profite solcher Monsterschiffe. Die Kreuzfahrtindustrie schädigt die Umwelt, beschäftigt seine Besatzungen unter unwürdigen Bedingungen und ist für die Bewohner von Küstenregionen vielerorts zur Plage geworden. Diese Branche verhält sich in weiten Teilen parasitär.

Aber das geht doch nur, weil die einzelnen Staaten es zulassen.

Meyer-Hentrich: Es gibt eine gewisse Schlafmützigkeit bei den verantwortlichen Politikern, insbesondere in den Küstenregionen. Sie glauben, die Kreuzfahrten brächten Geld in die Städte, dabei kosten sie unter dem Strich mehr. Eine Stadt wie Kiel profitiert kaum, weil Touristen an Land kein Geld ausgeben – schließlich werden sie an Bord mit allem versorgt. Die Reedereien laufen heute nicht nur Großstädte wie Barcelona an, sondern auch Dörfer mit 800 Einwohnern. Da legen jeden Tag vier Schiffe mit bis zu 6000 Passagieren an. In Island werden sie mit Allrad-Jeeps in die vermeintlich unberührte Natur gefahren. Manche Gegenden sind wegen der Touristen nicht mehr bewohnbar. Wohnen, wo andere Urlaub machen, ist vom Traum zum Albtraum geworden.

In Deutschland prägt das Traumschiff das Bild von Kreuzfahrten. Wie viel hat die Filmwelt mit der Realität zu tun?

Meyer-Hentrich: Das Traumschiff zeigt das Gegenteil des heutigen Kreuzfahrtwesens. Das Schiff ist klein, die Passagiere sind gut gekleidet. Sie besuchen Städte und tauschen sich wunderbar mit den dortigen Einheimischen aus. Das ist eine Idealisierung jenes Kreuzfahrtwesens, das ich vor vielen Jahren einmal kennengelernt habe. Das Traumschiff widerspiegelt nicht einmal die damalige Wirklichkeit – und die heutige erst recht nicht. Die amerikanische Vorlage „Love Boat“, eine der erfolgreichsten US-Serien, wurde von der Kreuzfahrtbranche gesponsert. Das Vorbild des Traumschiffs war also eine Dauerwerbesendung.

Auf dem Traumschiff geht es der Besatzung prächtig. Die Realität, wie Sie sie in Ihrem Buch schildern, sieht anders aus.

Meyer-Hentrich: Die durchschnittlichen Löhne der Besatzung belaufen sich auf 550 bis 950 Dollar pro Monat, bei freier Kost und Logis. Dafür muss 70 Stunden und mehr pro Woche gearbeitet werden. Für jemand von den Philippinen ist das viel Geld. Ein Lehrer verdient dort die Hälfte. Allerdings wäre es dasselbe, wenn wir in Deutschland Rumänen oder Bulgaren für drei Euro pro Stunde arbeiten lassen und darauf hinweisen, dass der Stundenlohn in ihren Herkunftsländern genauso niedrig liegt. Man muss die Standards vergleichen: Die Kreuzfahrtindustrie macht riesige Profite. Bei einem Gehalt von 600 Dollar müsste ein Besatzungsmitglied seit Jesus Geburt dauernd gearbeitet haben, um so viel zu verdienen, wie der Vorstandsvorsitzende eines amerikanischen Branchenriesen heute pro Jahr bekommt.

Den Preis dafür bezahlt Ihrem Buch zufolge die Natur: In den Meeren gibt es 500 Todeszonen, teilweise so groß wie Irland. Welchen Anteil daran trägt die Kreuzfahrt?

Meyer-Hentrich: Das lässt sich schwierig in Zahlen ausdrücken. Es hat mehrere Gründe, dass es in manchen Meeresgebieten keinerlei Leben mehr gibt. Einen Teil der Schuld tragen die Abgase der Schifffahrt, nicht nur die Kreuzschifffahrt.

Aus Grafiken in Ihrem Buch geht hervor, dass der Straßenverkehr fünfmal so viel Kohlenstoffdioxid ausstößt wie alle Schiffe zusammen – und nur ein kleiner Teil der Schiffe dienen ja Kreuzfahrten. Ist dieses Problem dann nicht marginal?

Meyer-Hentrich: Ein Kreuzfahrtschiff verbraucht 30 bis 40 Prozent mehr Energie als ein genauso großes Frachtschiff, weil die Passagiere bespaßt werden müssen. Bei den Emissionen muss man differenzieren: Hinsichtlich Kohlenstoffdioxid sind Flugzeuge schmutziger, Kreuzfahrtschiffe geben hingegen mehr stickstoffhaltige Stoffe und Schwefeldioxid in die Umwelt ab. In der Gesamtbilanz steht der Kreuzfahrttourismus der Fliegerei in nichts nach. Ich mag das Wort nicht, aber wir brauchen eine Art Flugscham für Kreuzfahrten. Vielleicht könnte man es „Kreuzfahrtscham“ nennen. Mein Buch soll ein Problembewusstsein bei den Konsumenten schaffen.

Flüssigerdgas, sogenanntes LNG, wird als Treibstoff für solche Schiffe verbreiteter. Ist davon Besserung zu erhoffen?

Meyer-Hentrich: Die Reedereien stehen im Kreuzfeuer der Kritik. Sie merken, dass Schweröl, der dreckigste aller Brennstoffe, ausgedient hat. Doch noch gibt es keine Struktur für LNG. Es gibt bisher ein einziges Kreuzfahrtschiff, das ausschließlich damit fährt, doch es kann nur in Barcelona tanken. Man darf auch nicht vergessen, dass dieses Gas ebenso ein fossiles Produkt ist und nur deshalb preiswert ist, weil es mit Fracking in den USA und Kanada gefördert wird. Der Stoff selbst ist umweltfreundlicher als Schweröl, seine Gewinnung aber nicht. Außerdem ändert dies nichts an den Schäden, die die Touristenmassen verursachen, nur weil sie mit einem anderen Treibstoff von Ort zu Ort gebracht werden.

Sie beklagen die niedrigen Preise der Kreuzfahrten. Warum?

Meyer-Hentrich: Es verhält sich wie mit dem Fliegen: Weil es so billig ist, machen es zu viele Menschen. Wer für 499 Euro eine Kreuzfahrt bucht, der muss wissen: Zahlt er selbst nicht den angemessenen Preis, muss es jemand anderes tun. In diesem Fall zahlen die Besatzung, die Umwelt und die Einheimischen die Rechnung. Beim Discounterfleisch sind es die Bauern und die Tiere. Die Leute müssen auf Qualität achten, auch beim Reisen.

Das Flugzeug einer Premium-Airline ist aber nicht klimafreundlicher als das einer Billiglinie. Verhält es sich in der Kreuzfahrt nicht genauso?

Meyer-Hentrich: Der höhere Qualitätsanspruch muss dazu führen, dass man die Menge von Kreuzfahrten und Flügen reduziert. Man muss sehen: Die Kreuzfahrtindustrie boomt nach wie vor. Gerade der chinesische und indische Markt stehen vor einer explosionsartigen Entwicklung. China lässt in Schlewsig-Holstein Kreuzfahrtschiffe bauen. Die Landesregierung feiert sich dafür, dass deutsche Arbeitsplätze gesichert sind. Ob sie das in zehn Jahren auch noch sind, darf bezweifelt werden. Sobald die Chinesen das Know-how haben, können wir uns darauf einstellen, dass es Schiffe für 15.000 Passagiere und eine Besatzung von 5000 Menschen geben wird. Technisch ist das bereits denkbar.

Sind Sie optimistisch, dass der Boom aufhören könnte?

Meyer-Hentrich: Ich sehe nur zwei Möglichkeiten, die diesen Gigantismus auf ein vernünftiges Maß stutzen könnten. Eine davon ist, das Problembewusstsein der Konsumenten zu schärfen, sodass sie einen umweltverträglichen Urlaub wählen. Die andere Möglichkeit – ich hoffe nicht, dass sie eintritt – hat mit der Sicherheit solcher Schiffe zu tun. Es gab bereits eine Reihe von Unglücken. Meist gingen sie im Anbetracht der Passagierzahlen glimpflich aus. Möglicherweise geschieht irgendwann eine größere Katastrophe wie bei der Titanic. Das würde den Ruf dieser Branche nachhaltig schädigen.

Sie glauben nicht an eine politische Lösung etwa der Vereinten Nationen?

Meyer-Hentrich: Ich glaube nicht, dass die Vereinten Nationen oder ihre Unterorganisationen das Problem lösen können. Nationale und lokale Politiker stehen aber sehr wohl in der Verantwortung. Ein Beispiel dafür wäre, die Steuerfreiheit für den Treibstoff abzuschaffen. Außerdem müssten die Liegekosten in den Häfen erhöht werden. Nirgends in der Welt sind sie so niedrig wie hierzulande – aus der irrsinnigen Idee heraus, diese Schiffe in die Häfen zu locken. Ein weiterer Schritt wäre, von den Kreuzfahrttouristen Eintrittsgelder zu verlangen, und zwar happige.

Im Anbetracht all der Probleme: Halten Sie es für grundsätzlich verwerflich, eine Kreuzfahrt zu buchen?

Meyer-Hentrich: Nein, ich halte es überhaupt nicht für verwerflich. Ich war Kreuzfahrt-Fan und bin es in gewisser Weise immer noch. Aber schöne Dinge können sich ins Gegenteil kehren. Das ist mit den Kreuzfahrten passiert, als sie zum Massenprodukt wurden. Ich habe auf einer wunderschönen Reise Leute kennengelernt, die mir gesagt haben, dass sie jahrelang darauf gespart haben, sich diese Sehnsucht zu erfüllen. Das ist völlig in Ordnung. Mir geht es um das Problem des Massentourismus, der immer mehr Verrücktheiten produziert. Ein Beispiel: Es gibt Großschiffe für 4500 Passagiere mit Go-Kart-Bahnen, die sich über zwei Decks erstrecken. Wozu braucht man auf dem Meer eine Go-Kart-Bahn? Eine amerikanische Kreuzfahrtgesellschaft gibt in der Werbung unglaublich damit an, dass sie kommendes Jahr ein Schiff mit einer Achterbahn haben wird. Wir müssen diese Urlaubsfabriken stoppen.

Werden Sie wieder auf ein Kreuzfahrtschiff steigen?

Meyer-Hentrich: Es juckt mich in den Fingern, aber ich werde in absehbarer Zeit keine Kreuzfahrt mehr machen – aus den genannten Gründen. Auch anderen rate ich: Wer unbedingt eine Kreuzfahrt machen möchte, sollte es nicht auf den großen Massenschiffen tun, auch wenn es dann etwas teurer ist.

Zur Person: Wolfgang Meyer-Hentrich, Jahrgang 1949, studierte Geschichte, Soziologie und Philosophie. Er unternahm dutzende Kreuzfahrten und schrieb darüber Bücher wie „Kreuzfahrtschiffe nach Maß“ und „Viva Colonia – Köln, wie es sinkt und lacht“. Sein neues heißt Wahnsinn Kreuzfahrt (Links Verlag, 248 S., 20 Euro). Für den Dokumentarspielfilm „Klaus Fuchs Atomspion“ erhielt er den Bayerischen Filmpreis. Er lebt in Köln.

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30.07.2019

(edit/mod/bitte geben Sie Ihren Namen an und schreiben an moderator@augsburger-allgemeine.de)

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29.07.2019

>> Man muss sehen: Die Kreuzfahrtindustrie boomt nach wie vor. Gerade der chinesische und indische Markt stehen vor einer explosionsartigen Entwicklung. China lässt in Schlewsig-Holstein Kreuzfahrtschiffe bauen. Die Landesregierung feiert sich dafür, dass deutsche Arbeitsplätze gesichert sind. <<

Gute Politik - die Deindustrialisierung Deutschlands ist keine Lösung!

Ein wachsendes Deutschland braucht Jobs, Jobs, Jobs damit die soziale Stabilität gewahrt werden kann und die ökologischen Herausforderungen finanzierbar bleiben.

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28.07.2019

Danke!
Sehr gute Informationen über die dreckige Kehrseite dieser Urlaubsfabriken.

Doch diese Faktenaussage "6" kann nicht stimmen:
"Der Schiffsverkehr stößt pro Jahr etwa 812 Tonnen, der Flugzeuge 654 und der Straßenverkehr 4110 Tonnen Kohlenstoffdioxid pro Jahr aus. Etwa ein Prozent der Schiffe sind Kreuzfahrtschiffe."

Sind vielleicht Millionen gemeint?

Raimund Kamm

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