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Lebensgefühl
07.08.2021

Wo ist die Freiheit? Ein Sommer zwischen Corona- und Klimakrise

Impressionen dieses Sommers: Natürlich mit Maske und Spuren von Regen.
Foto: Michael Schreiner

"Der Sommer - ein Fest" (Teil 1): Hatten wir nicht auf Lockerheit gehofft? Ein denkwürdiger Sommer mit zwei Riesenkrisen, einem Wahlkampf und 500 Jahren Ferien.

Ach, wen stören denn die klitzekleinen Schwitzefleckchen am Hemdsärmelansatz? Groß und breit ist dagegen das Lächeln, es wirkt froh, hoffnungsvoll, und es ist echt. An diesem strahlender Sommertag steht Armin Laschet auf einer Bühne im westlichen Ostwestfalen und spricht vom Stolz, den man ruhig auch mal über Deutschland empfinden dürfe, weil es trotz manchem Makel doch gut durch die globale Krise gekommen sei; von der Freiheit, die wie versprochen zurückgekehrt sei; von der Zuversicht, um die es nun mit Blick auf die Herausforderungen der Zukunft gehe.

Die Menschen auf dem sehr gut gefüllten Marktplatz schlecken maskenfrei Maracuja-Eis for free, die Stimmung ist gelöst, sie erwarten gar nicht viel von Laschet – und dafür scheint er genau der richtige Mann. Vor dem nächsten Grill- oder Stadtfest am Abend, vor der Fahrt am Wochenende auf ein Open-Air-Festival oder in befreite Urlaubsferne, vor der Nacht im wiedereröffneten Klub – wer braucht da schon eine überengagiert die nächste Weltkrise in den endlich mal wolkenlosen Himmel hinein beschwörende Annalena? Oder einen verwaltungsaktsteif belehrenden Olaf?

Corona treibt nach draußen. Aber dort warten nur Wetterkapriolen

Der gute Armin nimmt einfach die Stimmung mit, die doch einfach gut ist, nachdem die Fußballer eine so gute EM vor vollen, jubelnden Stadien gespielt haben, wenn sie auch im Finale an den Italienern gescheitert sind – und da doch jetzt auch die bunten deutschen Athletinnen und Athleten bei den so fröhlich gefeierten Olympischen Spielen reichlich Grund zur Freude verbreiten. In einem solchen Sommer lässt’s sich eben gut merkeln …

Es ist bloß alles nicht so gekommen. Auch wenn es sicher nicht nur Armin Laschet so gewünscht hätte. Nicht nur der jedenfalls kaut wieder und weiter auf zähen Wörtern wie Impfpflicht und Hochinzidenzgebiet und Quarantäne und Hospitalitätsquote herum, die alles andere als Zuversicht verbreiten – das nur noch gelegentliche Lächeln eher verkrampft (mit etwas anderen Schwitzefleckchen), wenn nicht ganz fehl am Platz. Denn dazu muss er sich ja noch der sehr schlechten Stimmung stellen, die in den Regionen herrscht, in denen die extremen Unwetter dieses Sommers bereits für Flutkatastrophen gesorgt haben.

Sommer 2021: Wieder eine Gewitterfront. Und im Radio Unwetter- und Flutwarnungen.
Foto: Michael Schreiner

Dieses „Sommers“? Er, der eigentlich, das wissen nicht nur alle Sommerferienkinder, die Hochzeit der Freiheit ist, wirkt so nun wie zwischen gleich zwei Krisenriesen verzwergt, weil diese ihn auch ganz konkret in seinem Wesen bedrängen. Corona lässt die offene, gemeinsam genossene Freiheit höchstens draußen zu – dort aber schränken die Wetterkapriolen die Möglichkeiten ein und wirken mit Düsterwolkenturmhimmeln und aufziehenden Gewitterfronten wie Vorboten eines noch viel dauerhafteren Bruchs mit dem Gewohnten durch den Klimawandel.

Und so erntet, wer in Nachbarschaft und Arbeit oder auch nur unter Unbekannten, etwa beim Warten an der Tankstellenkasse, das Wort „Sommer“ in den Mund nimmt, fast den gleichen Verdruss, wie wenn er „Wahlkampf“ sagt. Beides nicht so die Stimmungsbringer. Politik: wirkt? Der Sommer: ein Fest? Noch jemand Glühwein? Während draußen ein neuer Regenguss runtergeht und im Radio die neusten Inzidenzsteigerungen vermeldet werden, die Unwetter- und Flutwarnung für die nächsten Regionen verlautbart? Und bald wird es Herbst …

Dabei könnten wir dieses Jahr sogar ein epochales Jubiläum feiern. Denn die Ferien, die im Sommer eigentlich ihre größte Ausdehnung und Tiefe erreichen, in Wärme und Trägheit, im Unterwegs und Draußen, in Lockerheit und Feierfreude: Sie wurden vor genau 500 Jahren geboren. Im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation 1521 durch das festgesetzte Recht auf geschäftsfreie Tage, Feiertage, „feriae“. Und im Lauf der Jahrhunderte, vor allem des vergangenen, hat sich daraus etwas entwickelt, was wie viele auch die hiesige Gesellschaft im Inneren ihrer Lebensgestaltung wie im Äußerlichen ihrer Städteentwicklung tief geprägt hat: Freizeit.

Ein Bruch in der modernen Freizeitgesellschaft. Auch lehrreich?

Die moderne Gesellschaft ist eine Freizeitgesellschaft, mit all ihren Shopping-, Event-, Vergnügungs-, Erlebnis-, Ertüchtigungs-, Erholungs-, Selbstfindungs- und Entspannungs-Angeboten – und der moderne Mensch einer, der seine Work-Life-Balance effektiv und erfüllend auszutarieren versucht. Wohlstand schafft Gestaltungsfreizeit. So wirken die noch anhaltenden Beschränkungen durch Corona und sich ankündigenden Beeinträchtigungen durch das Klima nicht nur existenzgefährdend für die darauf bauende Wirtschaft im Inneren wie im Äußeren, sondern überhaupt wie Stiche ins Herz dessen, was Freiheit heute zu meinen scheint: Freizeit – hier ist der Mensch, hier darf er’s sein. Zum Jubiläum aber gibt’s stattdessen nun im Großen den Kulturbruch, der eben nicht nur einen Corona-Sommer vorbeischaute; und im Kleinen reichlich zerstörte Träume und geplatzte Hoffnungen.

Aber Moment: Ganz so weit ist es nun auch wieder nicht gekommen. Denn zwischen den Krisenriesen haben sich die Freiheiten eben doch noch ihre Plätzchen gesucht und gefunden. Es sind Inseln der Freiheit, die ihren sinnigsten Ausdruck wohl im ungebremst anhaltenden Boom zu immer neuen Rekordverkäufen von Campingmobilen finden – aber auch weit in den Alltag ausstrahlen. Vor allem den städtischen. Denn auf dem Land, regnet es gerade mal nicht und hat der Metzger ja sowieso Lockdown, ist Freiheit ohnehin viel eher zu Haus.

Dieser Sommer 2021: Volksfeste finden statt, ja - aber anders.
Foto: Michael Schreiner

Kann man auch nicht in die Disco oder zum Festival oder in den Urlaub fahren, trifft man sich eben so, geht an den See zum Baden, facht Grill oder Lagerfeuer an. Abends im Garten fährt keine Polizeibestreife vorbei, gibt es kein Glasflaschenverbot oder Alkoholausschanksbeschränkungen, keine Kontaktkontrollen. Und bleibt die aktuelle Flut weit weg, ist es das künftige Klima sowieso. Wo alles eh viel schneller privat ist, inzwischen fast überall das eigene Trampolin steht und der Pool aufgeblasen wird, sind die Freiheitsinseln fast Normalität – wenn man sie nach der gewohnheit Globalfreiheit denn wieder als solche entdeckt. Es geht einfach nicht mehr alles – und die Wetterkapriolen bringen eine Vorahnung davon, dass das so bleiben könnte. Aber es geht doch noch so einiges, vielleicht ohnehin das eigentlich Wichtigste. Das könnte sogar eine Lehre dieser Zeit bleiben.

Und in den Innenstädten? Werden Inseln gesucht, geschaffen oder auch wiedererkannt. Die Parks sind traditionell Freizeiträume gewesen – und werden in diesen Corona-Sommern in lange nicht gesehenem Umfang wieder bevölkert. Sport und Picknick, aber auch Gelage und der sonst im Café stattfindende Salsa-Kurs jetzt auch hier, nebenan Poweryoga auf der Wiese. Junge Menschen im Park in all die Jahre ungesehener Zahl. Denn die Bedürfnisse treiben unweigerlich nach draußen. Sie sorgen auch für immer weiter wachsende Bestuhlungen durch die Gastronomie im Stadtraum. Nebenan findet das Weltmusikfestival zwar in abgespeckter und hygienebewährter Form statt – aber das von den Konzerten auf dieser Insel herüberwehende Gejohle ist um so inniger. Ja, so klingt der Sommer! In der Ferne dröhnt das etwas andere Volksfest, durch die Straßen flanieren bei jedem Sonnendurchbruch sofort viele, essen Eis, manchmal Maracuja.

Sommer 2021: Eigentlich sollte doch Sonne sein - und der aufblasbare Pool unten im Hof nicht abgedeckt.
Foto: Michael Schreiner

Selbst wenn das Phone von Gewitter warnt, die Wolkenfront aufzieht: Hier kehrt keine Unruhe, setzt keine Flucht nach drinnen ein. Bloß bei kreischend vorbeirennenden Teenagern, die ums Outfit fürchten, nach Hause müssen, eben nicht die Zeit für den Gleichmut der anderen haben: Wenn es losgeht, kann man sich ja unterstellen. Es wird schon bald wieder aufhören. Zumindest dieser Schauer.

Entwickelt sich so, draußen, in diesem sonderbaren Sommer, wieder ein Gefühl dafür, auch in der eigenen Freiheit dem größeren Ganzen ausgeliefert zu sein – und sich damit arrangieren zu müssen? Noch eine Lehre, eine auch politische? Aber von Demut ist auf den Wahlplakaten nichts zu lesen. Und von Laschet nichts zu sehen. Ist ja Bayern, in Land und Stadt. Unten am Fluss sitzen bei gelegentlich doch milde strahlenden Sonnenuntergängen immer viele Leute. Es ist trotzdem still, wie eine Andacht, eine sehr schöne, fast festliche Stimmung. Denn die Wolken sind abgezogen, für diesmal.

Es ist eine der vielen Freiheitsinseln des Sommers 2021. In dieser Journal-Serie werden wir in den kommenden Wochen einige davon besuchen. Herzlich willkommen.

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