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Muttertag

11.05.2019

Liebe Mama, böse Mama: von Müttern und Töchtern

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Am Sonntag ist Muttertag. Die Beziehung von Mutter und Kind prägt Menschen ein ganzes Leben.
Bild: Adobe Stock

Die Beziehung zu ihrer Mutter prägt Menschen das ganze Leben. Das gilt ganz besonders für die Töchter.

Wie wird sie sein? Vielleicht asozial, abwehrend oder einfach unsympathisch? Wird sie abstreiten, dass sie ihre Tochter einst zur Adoption freigegeben hat? Oder hat sie bereits sechs Kinder und will kein weiteres mehr? Mit klopfendem Herzen steht die 64-jährige Karin am 25. August 2008 vor dem Haus ihrer Mutter und zögert zu klingeln. Karin, inzwischen selbst Rentnerin und Oma, ringt mit sich. Was soll sie von dieser Frau erwarten, die einst ihr Baby weggegeben hat? Mit 14 Jahren hatte Karin erfahren, dass sie kurz nach ihrer Geburt adoptiert worden war. Später hatte sie die Frage nach ihrer leiblichen Mutter immer wieder beschäftigt, bis sie ihr zuletzt keine Ruhe mehr gelassen hat: Sie will Klarheit, auch für ihre Enkel. Und drückt die Klingel.

Karins Schilderung ist eine von 13 Erfahrungsberichten, die Silia Wiebe in ihrem neuen Buch „Unsere Mütter“ gesammelt hat. Die Hamburger Journalistin hat dazu Interviews mit Frauen geführt, die völlig konträre Erfahrungen mit ihren Müttern machten. Auf der einen Seite ist da etwa die Syrerin Salam, die mit der innig geliebten Mutter nach Deutschland flieht und vor der griechischen Küste fast ertrinkt. „Ich würde alles für sie tun, wirklich“, beteuert die junge Frau mehrfach.

Auf der anderen Seite erzählt die 67-jährige Ulrike, wie sie die Tyrannei ihrer Mutter, die sie zwei Jahrzehnte lang pflegte, beinahe zugrunde richtete. Zuletzt sehnte die Tochter den Tod der alten Frau geradezu herbei: „Sie aß und trank kaum noch und ich dachte mit Erleichterung, dass es nun zu Ende geht (…).“ Doch die Mutter erholte sich ein Stück weit und wurde noch 100 Jahre alt.

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In einer anderen Geschichte sind diese Rollen vertauscht. Bea, eine schwer kranke Frau mittleren Alters, wird von ihrer alten Mutter hingebungsvoll gepflegt: „Sie rettete mir wirklich das Leben.“ Als sich Bea nach einer Knochenmarkstransplantation sterbenselend fühlte, war es die Mutter mit ihrer bedingungslosen Liebe, die ihr Halt gab.

Welchen Einfluss hat dieses Verhältnis auf unser Leben?

Wie stark heben sich davon wiederum die Erinnerungen ab, die die junge Erzieherin Michèle an ihre Mutter hat: „Sie umklammerte mich wie einen Teddy, den man braucht, weil man sonst ganz allein ist.“ Dass die überbehütete Tochter später als Erwachsene ihr eigenes Leben führen wollte, konnte die labile Mutter nur schwer ertragen. Krank und depressiv nahm sie sich im Alter von 42 Jahren das Leben.

Adoption, Krankheit, Abhängigkeit, Suizid, Schuldgefühle, Versöhnung: Es sind große Themen, um die es in diesen Erzählungen geht. Wiebe hat bewusst ausgewählt und gezielt nach Frauen gesucht, die bereit waren, von ihrer Mutterbeziehung zu berichten. Entstanden sind anrührende Geschichten, die zum Nachdenken anregen: Wie hat sich die Beziehung zur eigenen Mutter über die Jahre entwickelt? Was für ein Mensch ist sie eigentlich? Welchen Einfluss hat dieses Verhältnis auf unser Leben?

Die Psychologin und Bestseller-Autorin Stefanie Stahl aus Trier, die im letzten Kapitel die besonderen Beziehungen zwischen Müttern und Töchtern analysiert, findet es „absolut erstaunlich, dass sich viele Menschen überhaupt nicht oder erst sehr spät mit der Frage beschäftigen, welche Auswirkungen ihre Kindheit und speziell die Mutterbeziehung für ihre Psyche und ihr erwachsenes Leben haben“. Denn die Frage, wie uns die Mutter geprägt hat, liege doch sehr nahe, meint Stahl. „Lieber kehrt man seine Ängste jahrelang unter den Teppich, schiebt den schwierigen Partner vor oder den unmöglichen Chef, um sich nicht die schmerzhaften Gefühle genau anschauen zu müssen.“

Auch bei den Protagonistinnen des Buches ist klar, wie stark sich ihre Mutterbeziehung auf ihr ganzes Leben ausgewirkt hat. Und dass vieles heilt, wenn man den Blick auf „unbearbeitete Kindheitswunden lenkt“, wie Stahl es nennt. Am Ende ihrer Geschichte haben alle Töchter, zumindest ein Stück weit, ihren Frieden mit den Müttern geschlossen – und damit auch mit sich selbst.

Auch bei der Autorin hat die Arbeit an dem Buch viel ausgelöst. Im Zuge ihrer intensiven Gespräche mit den anderen Töchtern kam sie nicht umhin, sich mit ihrer eigenen Mutterbeziehung auseinanderzusetzen. Obwohl in ihrer Familie nach außen hin alles in bester Ordnung war, fühlte sie sich in ihr als Kind seltsam fremd. „Bis ich 36 war, habe ich angestrengt um die Liebe und Anerkennung meiner Mutter gekämpft, statt einfach das anzunehmen und wertzuschätzen, was sie mir geben kann“, erzählt die Journalistin.

Die Suche endete wie ein Märchen

Erst durch die Erfahrungen ihrer Protagonistinnen wurde ihr klar, dass „die eine oder andere Sollbruchstelle“ ihres Lebens mit der phasenweise komplizierten Beziehung zu ihrer Mutter zusammenhing. „Von den Töchtern in meinem Buch habe ich unglaublich viel gelernt.“ Am Ende hat sie sich mit ihren oft schmerzhaften Kindheitsgefühlen ausgesöhnt und den Band ihrer Mutter gewidmet.

Vor kurzem, berichtet Silia Wiebe, hatte sie die Töchter und Mütter aus ihrem Buch zum Abendessen eingeladen. Trotz ihrer unterschiedlichen Hintergründe, erzählt sie, hätten sich alle hervorragend verstanden. „Es wurde ein rauschendes Fest!“

Mit dabei war auch das einstige Adoptivkind Karin. Deren lange Suche endete wie ein Märchen. Die Tür wird von einer freundlichen 89-jährigen Dame geöffnet, die Karin sofort sympathisch ist. Als sie im Laufe des Gesprächs erklärt, wer sie ist, springt die Greisin vom Sofa auf und ruft: „Den Tag habe ich so sehr herbeigesehnt!“ Weinend schließt sie ihre Tochter in die Arme.

Vor ein paar Jahren ist die alte Frau gestorben. Ihre kurze gemeinsame Zeit haben Mutter und Tochter intensiv genutzt – es wurden noch vier vergnügte Jahre mit Kuchen, Sekt und schönen Ausflügen. Bitterkeit darüber, dass ihre Mutter sie einst verlassen hatte, fühlte Karin nicht. Die alte Frau konnte ihr die Gründe gut erklären. Denn als Karin am 25. August 2008 klingelte, wartete noch eine weitere Überraschung auf sie: Sie erfuhr, dass sie einen Zwillingsbruder hatte.

Als mittellose Alleinerziehende, die zu Kriegsende Zwillinge bekam, sah sich ihre Mutter gezwungen, eines der Kinder „in gute Hände“ zu geben. Sie kannte die Adoptivmutter und traute ihr die Aufgabe zu. Wie sich herausstellte, traf sie eine glückliche Wahl. Die beiden spät vereinten Zwillingsgeschwister verstehen sich bestens und haben kürzlich gemeinsam ihren 75. Geburtstag gefeiert. Und das alles, weil Karin sich vor elf Jahren getraut hat, einen Knopf zu drücken.

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