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Internationale Belletristik

13.10.2019

Literatur aus dem Gastland Norwegen: Autoren erfordern Mut zur Melancholie

Stig Sæterbakken: Durch die Nacht; Tomas Espedal: Das Jahr

Plus Zwei der vielen Entdeckungen aus Norwegen: Der bislang unübersetzte Stig Sæterbakken, und der schon mal am äußersten Radarrand aufgetauchte Tomas Espedal.

Das Schöne an den Gastländern der Buchmesse: Plötzlich sind auch jene Autoren zu entdecken, die sonst bei uns im Schatten der Stars nicht wahrgenommen werden. Nun erhalten sie mit ihren Werken endlich auch eine größere Plattform oder werden überhaupt erstmals ins Deutsche übersetzt. Das gilt dieses Jahr in Frankfurt für Norwegen, das freilich mehr bietet als heute den Krimi-Bestseller Jo Nesbø, den philosophischen Lehrstückliteraten Jostein Gaarder, den Selfie-Roman-Star Karl Ove Knausgård und einst den milieustarken Literaturnobelpreisträger Knut Hamsun.

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Der ganze Roman ist gesetzt wie ein Langgedicht

Hier sind zwei der vielen möglichen Entdeckungen: Der bislang unübersetzte und bereits 2012 mit erst 56 Jahren gestorbene Stig Sæterbakken, und der immerhin im Zuge des Knausgård-Hypes schon mal am äußersten Radarrand aufgetauchte Tomas Espedal. Jener nämlich schreibt wie der Star sehr nah an der eigenen Biografie, bloß dass der Sprung ins Literarische deutlicher ausfällt. Das war schon bei den in Norwegen jeweils preisgekrönten Werken „Gehen: oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen“ und „Wider die Kunst“ so – und das ist bei „Das Jahr“ nun noch augenfälliger. Denn der ganze Roman ist gesetzt wie ein Langgedicht, in kommafrei flatternden Verszeilen also. Er bleibt dabei aber gut lesbar und erhält dadurch einen betonten Rhythmus, der auch in deutscher Übersetzung wirkt.

„Die Liebe was weißt du über sie bevor du die Geliebte verloren hast bevor du begriffen hast dass du ohne sie nicht leben kannst und dennoch musst du leben ohne sie.“

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Mut zur Melancholie erfordern diese beiden Norweger

Darum geht es. Es ist Espedals poetisches Buch der Trauer um die Liebe seines Lebens, die er auch noch an einen Freund verloren hat. Anfangs ist sein Begleiter Petrarca, der vor über 640 Jahren im Gedichtzyklus „Canzoniere“ den Tod der geliebten Laura verarbeitet. Später ist es der eigene Vater, der nach dem Verlust seiner Frau nie mehr ins Leben zurückgefunden hat. Es ist pathetisch, sentimental – und schön.

Und sogar noch trauriger ist Stig Sæterbakkens „Durch die Nacht“. Denn hier geht es um einen Mann, dessen 18-jähriger Sohn sich umgebracht hat. Und dessen ohnehin schon durch seine zwischenzeitliche Affäre angeknackste Ehe daraufhin zerfällt. Es ist auch die Geschichte einer Flucht aus einer nicht mehr erträglichen Existenz für den eben doch noch gut situierten Zahnarzt mit bürgerlichem Familienidyll, den die Erinnerungen nun nur noch weg und weiter treiben: „Ich möchte den Ort sehen, an dem Hoffnung zu Staub wird.“ Und so landet er am Ende, und mit ihm der Roman, tatsächlich im Surrealen.

Damit findet Sæterbakken, der in der Regie seiner Szenen und Dialoge deutlich stärker ist als in Beschreibungen und Reflexionen, zwar eine Lösung zwischen zwei Unmöglichkeiten. Wie sollte es hier ein tröstliches Ende geben? Wie könnte unverändert der unerträgliche Schmerz am Schluss stehen? Aber so nachvollziehbar psychologisierend und so wenig dramatisierend der Roman über weite Strecken wirkt, so unglaubwürdig und vor dem Dilemma kapitulierend wirkt letztlich doch auch diese Lösung …

Mut zur Melancholie erfordern diese beiden Norweger. Aber man wird mit nicht weniger als Existenziellem belohnt.

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