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Corona-Vokabular

29.03.2020

Noch so ein Schlüsselwort aus der Corona-Zeit: "Vorübergehend"

"Vorübergehend" gehört zu den Wörtern der Stunde. Unser Autor hat es sich mal genauer angesehen.
Bild: dpa, Montage: lea

Ein Begriff, der jetzt in vielen Schaufenstern hängt. Höchste Zeit, ihn mal genauer zu betrachten.

Die Steinzeit ist vorübergegangen, die Prohibition und die Ära der Telefonzellen. Die große Zeit des 1 FC Nürnberg ist vorübergegangen, die Sitte, in öffentlichen Räumen zu rauchen, und auch der Dreißigjährige Krieg. Irgendwann geht alles vorüber, irgendwann ist alles vorbei. Die Erde dreht sich immer weiter, egal, ob auf ihr gerade alle durchdrehen oder nicht. Philosophen von Rang wie Johann Gottfried von Herder haben einen ziemlich abgeklärten Blick auf das Phänomen des Vorübergehenden. „Vorübergehend ist also alles in der Geschichte, die Aufschrift ihres Tempels heißt: Nichtigkeit und Verwesung.“

In diesen Wochen (und Monaten), die einmal als Corona-Zeit im Tempel der Geschichte nichtig vor sich hin verwesen werden, wird das Wort „vorübergehend“ besonders oft bemüht. Ja: Unser Alltag ist davon regelrecht infiziert. Vorübergehend bedeutet ja: nicht ewig, sondern endlich. Eigentlich sogar: für kurze Zeit. Vorübergehend nicht erreichbar hieß doch eine gefühlte Steinzeit lang: Bin gleich zurück. Bloß, wie lange Geschäfte und Lokale und Tiergärten und Theater nun „vorübergehend“ geschlossen sind, vermag keiner zu sagen.

Der Echoraum für das Ungefähre, das Ungewisse, das Unverbindliche

Vorübergehend ist ein abstrakter Zeitbegriff, weshalb vorübergehend geltende Maßnahmen oft nicht so schnell vom Fleck kommen, also eher stehend als gehend sind. Deshalb stehen ja auf vielen langsam vergilbenden „Vorübergehend“-Zetteln, mit denen die Schaufenster und Türen in unseren Städten zugepflastert sind, selten Daten. Denn an die glaubt kaum einer. Befristungen jetzt? Gelten vorübergehend. „Geh nicht vorbei, als wär nichts geschehen, es ist zu spät, um zu lügen“, hat schon Christian Anders gesungen. Zeilen von Dauer, fürwahr.

Noch so ein Schlüsselwort aus der Corona-Zeit: "Vorübergehend"

Das Ungefähre, das Ungewisse, das Unverbindliche und das Offenbleibende findet im Corona-Wort „vorübergehend“ den idealen Echoraum. Synonyme für vorübergehend: nach Lage der Dinge, vorbehaltlich einer Neubewertung, nach jetzigem Kenntnisstand. Deshalb kann es sein, dass uns das Vorübergehende irgendwann vorkommt wie ein Sich-im-Kreise-Drehen. Es kann dauern, bis wir an irgendein Ziel kommen. Ob und wie der Kelch an uns vorübergeht, werden wir erst wissen, wenn alles vorbei ist. Vorerst sieht es nicht danach aus.

In der Kolumne "Auf ein Wort" betrachtet das Feuilleton unserer Zeitung jede Woche einen Begriff ganz besonders. In Corona-Zeiten ist daraus ein kleines Corona-Vokabular entstanden. Lese Sie auch "Überdesinfizieren" und "triftig".

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