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Interview

28.06.2020

Opernstar Rolando Villazón: "Wir sollten Angst haben"

Rolando Villazón spricht im Interview auch über Corona.
Bild: Neumayr/Leo, dpa

Plus Opernstar Rolando Villazón spricht über seinen neuen Roman, seine Liebe zu Mozart, das Leben als Sänger mit Corona, seinen Glauben und das, was wirklich zählt.

Als Intendant der Mozartwoche in Salzburg werden Sie das weltweit wichtigste Mozartfestival noch bis 2023 künstlerisch gestalten. Ist Ihr neuer Roman „Amadeus auf dem Fahrrad“ das Ergebnis einer intensiven Beschäftigung mit Mozart?

Rolando Villazón: Ja, ich denke schon. 2010 habe ich seine Briefe gelesen und habe angefangen, mich intensiv mit seiner Musik zu beschäftigen. Ich habe eine sehr persönliche Verbindung zu ihm aufgebaut. Damals gab es noch keinerlei Absichten, daraus ein Buch entstehen zu lassen. Doch als ich 2015 in „Iphigénie en Tauride“ in Salzburg sang und durch diese Stadt spazierte, die ich so sehr liebe, begann ich einen sehr langen Brief an Mozart zu schreiben. Ich schrieb all meine Fragen auf, erzählte von meinen Spaziergängen durch die Straßen, von meinen Museumsbesuchen. Also einige der Dinge, die auch mein Protagonist Vian macht. Das Buch entstand also aus zwei Gründen: meiner Liebe zur Stadt Salzburg und dem Verlangen mit Mozart zu kommunizieren oder zumindest dem Versuch dessen.

Sie hören jeden Tag zehn Minuten Musik von Mozart. Auf welche Weise inspiriert er Sie beim Romanschreiben?

Villazón: Ganz unterschiedlich – ich höre gerne Instrumentalmusik, während ich schreibe, denn die Musik lässt Bilder in meinem Kopf entstehen, und diese Bilder und Emotionen wandle ich in Worte um. Mein Protagonist Vian hört viel Mozart, und während ich den Roman geschrieben habe, hatte ich das Glück, zum Künstlerischen Leiter der Mozartwoche ernannt zu werden. Und so wurde im Rahmen dessen das Musikhören auch zu einer wunderbaren neuen Aufgabe. Alles hängt irgendwie zusammen.

Warum Rolando Villazón eher beim Lesen oder Hören Glücksmomente hat

Erleben Sie beim Schreiben ähnliche Glücksmomente wie beim Singen auf der Bühne?

Villazón: Glücksmomente habe ich eher beim Lesen oder Hören. Wenn ich schreibe oder singe, ist es im besten Fall eher, als würde man in einen Flow kommen. Alles, was man als Künstler macht, ist darauf ausgelegt. Und es ist wirklich fantastisch, denn es fühlt sich an, als würde man abheben und fliegen, alles wofür man geübt hat, fügt sich zusammen, all die Arien und Lieder und Duette, die man in den Proben singt, jede Seite, die man schreibt. Doch es ist anders, als die Kunst als Leser oder Hörer zu erleben, weil man den aktiven Part hat, man muss vollkommen präsent sein, ansonsten bringt man alles zu einem Stillstand. Es hat viel mit der Energie zu tun, die dabei entsteht. Beim Singen kommt dann alles zusammen – die Stimme, die Emotionen, die Musik. Am schlimmsten ist es, wenn man durch eine Unterbrechung aus seiner Blase gerissen wird.

Mozart war am Ende seines Lebens erschöpft von seiner grandiosen Arbeitswut. War der Mensch Mozart das Opfer des Musikers Mozart?

Villazón: Nein, ich denke nicht, dass es so war. Ich denke, dass Mozart schon von jüngster Kindheit an ein Opfer seiner Gesundheit war, und ich denke, dass ihm der Musiker in ihm Kraft gegeben hat, weiterzumachen. Der Künstler in ihm, die kreativen Kräfte, haben ihn beflügelt. In seinem letzten Lebensjahr hat er ein Meisterwerk nach dem anderen geschrieben. Die gleichen Gene und Umstände, die ihn so reich mit seinem Genie beschenkt haben, haben auch sein Leben verkürzt.

Was tun Sie, um nicht auszubrennen?

Villazón: Als Künstler denkt man nicht so – man macht keinen Plan, wie man keinen Burnout bekommt. Man folgt der Energie, über die wir vorhin schon gesprochen haben. Die Energie und Inspiration sind da, man nimmt sie, aktiv, reagiert auf sie, benutzt sie, formt sie. Aber ich denke, gegen Burnout hilft, dass ich eine Vielfalt an Projekten habe und mich nicht nur auf eine Sache konzentrieren muss. So kann ich hin- und herwechseln. Moderation, meine Recitals, eine Rolle in einer Oper, ich kann mich schriftstellerisch betätigen oder gar nichts tun. Ich liebe es, auch einmal nichts zu tun und faul zu sein. Aber das ist kein Plan gegen Burnout, es ist nur einfach eine weitere Sache, die ich gerne mache.

Was bedeutet die Corona-Panemie für die Stimme eines Opernstars?

Opernstars achten besonders auf ihre Stimme und haben Angst vor Ansteckungen. Wie gehen Sie mit der Corona-Panik um?

Villazón: Jetzt fühlen alle Menschen, was wir Sänger unser ganzes Leben fühlen. Jemand hustet oder niest – und man denkt: Vorsicht! Aber ehrlich gesagt bin ich als Sänger im Moment nicht wichtig. Es ist viel wichtiger, dass wir als Menschen Solidarität zeigen und diejenigen unterstützen, die jeden Tag 20 Stunden im Krankenhaus arbeiten oder die ganze Zeit alleine sein müssen. Manchmal helfen schon Kleinigkeiten, indem man alten Leuten Lebensmittel vorbeibringt. Wir müssen alle aufpassen, uns nicht anzustecken und andere nicht zu gefährden. Keine Angst zu haben ist nicht der richtige Weg, wir sollten Angst um den anderen haben. Also deshalb lieber zu Hause bleiben, das ist für viele gar nicht so schlimm.

 

Wie wichtig ist die Bühne für Sie?

Villazón: Sie fehlt mir schon, aber ich habe mich mit der Situation arrangiert. Ich liebe es auch, zu schreiben und zu lesen. Ich habe viele andere Aktivitäten. Was würde ein Bühnenkünstler vermissen? Wahrscheinlich den Kontakt mit dem Publikum. Aber jeder Mensch vermisst gerade den Kontakt mit Familie und Freunden. Wenn du den Applaus vermisst, bist du Narzisst und hast jetzt ein Problem. Singen kann ich aber auch ohne Bühne. Diese Situation zeigt uns, was wirklich wichtig ist.

Sie müssten wissen, was Einsamkeit ist: Nach der Schule wollten Sie Priester werden und verbrachten Monate in den Bergen in einem Kloster.

Villazón: Es war ein großes Haus mit vielen Brüdern. Aber ich hatte die Möglichkeit rauszugehen. Ich musste nicht die ganze Zeit an einem Platz bleiben.

Villazón: "Entweder man hat Glauben oder man hat ihn nicht"

Welche Rolle spielt der Glaube heute in Ihrem Leben?

Villazón: Keine. Ich habe viel gelesen, nicht nur in der Bibel, sondern auch über andere Religionen und Philosophen. Auch atheistische Literatur. Entweder man hat Glauben oder man hat ihn nicht. Das ist ein Gefühl, das hat nichts mit Intelligenz zu tun. Und wenn es weg ist, ist es weg. Es gibt Zeiten, in denen ich es vermisse, in anderen nicht. Es ist vielleicht schwieriger, ohne die Hoffnung zu leben, dass nach dem Tod noch etwas kommt. Aber ich glaube, das ist die Realität. Die Entscheidung, wie wir uns verhalten, hängt vom Leben ab und nicht vom Tod. Ich glaube an Mozart. Ich habe mich bewusst dazu entschieden, nicht religiös zu leben und tiefer in die Kunst einzutauchen. Ich habe eine atheistische Vision von der Welt entwickelt. Demnach könnte es vielleicht einen Gott geben. Ist dieser Gott jemand, der uns beschützt? Nein, das glaube ich nicht. Ich vertraue der Wissenschaft, habe aber auch Fragen. Am Ende sind mir die Daten wichtiger. In der Corona-Krise sollten Entscheidungen nach Zahlen und Fakten getroffen werden, statt nur auf Gott zu vertrauen.

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