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Seeed-Frontman

05.10.2019

Peter Fox über Songtexte an "AfD-Wähler und Asylanten"

Pierre Baigorry wurde als Seeed-Frontman Peter Fox bekannt.
Bild: Henrik Josef Boerger, dpa

Als Peter Fox wurde er zum Popstar, mit Seeed meldet er sich nun nach einem Todesfall zurück: Pierre Baigorry über Deutschland und das Leben.

Das neue Album „Bam Bam“ ist das erste rein deutschsprachige von Seeed. Eine bewusste Entscheidung?

Pierre Baigorry: Ja, das war eine bewusste Entscheidung. Wir sind eine Berliner Band, deutsch ist von fast allen Seeed-Mitgliedern die Muttersprache. Vor allem sollte es ein kompaktes Album sein und auf den Punkt kommen. In mehreren Sprachen ist das schwierig hinzukriegen.

Seeed wurden dafür abgefeiert, dass sie Deutschland ein bisschen lockerer und entspannter machen. Wie entspannt ist Deutschland im Jahr 2019?

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Baigorry: Früher wurden wir dafür abgefeiert, dass wir deutsche Musik lockerer gemacht haben. Dann kam irgendwo mal der Vorwurf auf, warum wir nicht mehr politische Songs schreiben. Beides zusammen ist aber sehr schwierig. Ich würde schon sagen, dass Deutschland etwas lockerer geworden ist. Aber das kann man eigentlich nicht verallgemeinern. Berlin-Kreuzberg ist zum Beispiel eine eigene Blase und nicht vergleichbar mit den Rändern von Sachsen-Anhalt. Und im Alpenvorland ist es auch ganz anders als in Hamburg oder im Ruhrpott. Aber früher durch MTV und noch mehr, seit in den letzten zehn Jahren US-HipHop einfach die Weltmusik der Jugend geworden ist, hat sich eine gewisse amerikanische Lässigkeit verbreitet.

Woran machen Sie das fest?

Baigorry: Die deutschen Kids können heute oft besser tanzen oder singen als in den 1980er oder 90er Jahren. Außer Pogo und ein bisschen Rumhampeln war da nicht viel. Ob das Deutschland gleich lockerer oder besser gemacht hat, darüber kann man streiten. Deutschland ist heute allgemein sicher nicht mehr so „deutsch“ wie in den 1960ern. Doch auch die Gegentendenzen werden stärker. Ich würde sagen, Deutschland ist einerseits lockerer und andererseits unlockerer geworden. Wobei ich glaube, dass viele, die die AfD wählen, nicht unbedingt etwas gegen deutsche Kinder haben, deren Vater aus Guinea kommt, sondern eher gegen Einwanderer aus dem Libanon oder Syrien.

Künstler nutzen die Öffentlichkeit zunehmend, auf politische Themen aufmerksam zu machen oder für den Klimawandel einzutreten. Ist das auch eine Option für Ihre Texte?

Baigorry: Das mache ich ja hin und wieder. Aber in erster Linie hat Musik mit Emotionen zu tun und soll den Hörern ein gutes Gefühl geben. Realpolitik in Songtexten sorgt aber meistens für kein gutes Gefühl. (lacht) Deshalb trenne ich das meist lieber und mache, so wie letztes Jahr, einen politischen Podcast.

In „Komm in mein Haus“ heißt es: „Der König ist tot / lang lebe der Clown / und bauen einen Zaun“. Ein Seitenhieb auf Donald Trump und andere Autokraten?

Baigorry: Es ist ein allgemeines Phänomen, dass solche Figuren eine Show machen und sich dabei nicht mit Fakten und realistischen Konzepten herumschlagen wollen. „Komm in mein Haus“ ist zu einer Zeit entstanden, als das Flüchtlingsthema ganz groß war. Aber der Song geht darüber hinaus und meint, dass man immer eine offene Tür und Ohren haben sollte, um mit anderen in Kontakt zu kommen. Er richtet sich genauso an AfD-Wähler wie an syrische Asylanten.

Sind Sie noch optimistisch, was die Zukunft angeht?

Baigorry: Ich bin immer optimistisch, aber auch realistisch. Ich registriere, dass die Turbulenzen zunehmen. Wir haben uns an den Wohlstand und an ein Deutschland mit starker Mittelklasse gewöhnt. Das wird aber immer mehr erschüttert werden durch globale Entwicklungen und den Leidensdruck, den andere Völker in anderen Ländern haben. Die wollen auch in Freiheit und Wohlstand leben. Alles hängt mit allem zusammen und die Politik muss sich jetzt überlegen, ob es so schlau ist, immer zuerst die eigenen, kurzfristigen Interessen zu betrachten oder ob sie noch viel globaler denkt und vor allem handeln sollte. Auch in den Politiksendungen im Fernsehen wird nur wenig über globale Zusammenhänge gesprochen. Wenn, dann nur, wenn es unmittelbare Bedrohungen für Deutschland gibt. Das ist zwar menschlich, aber nicht zukunftsorientiert.

Worauf legen Sie Wert beim Schreiben? Was soll besonders gelingen?

Baigorry: Die Songs müssen ehrlich sein. Das hat beim Schreiben im Lauf der Zeit immer mehr zugenommen. Es muss nicht immer eine große Wahrheit sein, aber ich muss dahinterstehen können.

Welches Thema hat Sie in letzter Zeit besonders berührt?

Baigorry: Mit dieser Platte habe ich so langsam alles gesagt. Deshalb ist es gut, dass andere Leute singen. Ich habe nicht das Bedürfnis, zu allem etwas zu sagen. Musikmachen und das Live-Spielen machen mir Spaß. Dafür brauchen wir neue Songs. Ich will nicht mit angestaubten Hits durch die Gegend fahren. Allein deswegen war es wichtig, ein neues Album zu produzieren. Die Themen entstehen eigentlich erst beim Songmachen und beginnen meist mit einer bestimmten Zeile. Es sind eigentlich immer dieselben Sachen, aber es kommt drauf an, wie man sie verpackt. Und sie müssen einen Vibe haben.

Sie sind inzwischen alle über 40 und haben immer noch sehr viele, sehr junge Fans. Haben Sie das Gefühl, sich soundmäßig verjüngern zu müssen?

Baigorry: Nein, wir müssen gar nichts. Aber wir hatten immer die Bestrebung, uns nicht ständig zu wiederholen. Natürlich greifen wir auf bewährte Stilistiken zurück, die uns gut stehen, aber ich finde es wichtig, neue Einflüsse zu suchen. Deshalb mache ich auch außerhalb der Band Sachen, die wiederum bei Seeed mit einfließen. Man sollte dem Zeitgeist nicht hinterherrennen, ihm gegenüber aber auch nicht blind sein.

Nie mehr ein Peter-Fox-Album

Wie hat sich Ihr Leben in Berlin in den letzten sieben Jahren verändert?

Baigorry: Man wird älter und macht sich mehr Gedanken über alles. Ich bin niemand, der sich gradlinig weiterentwickelt. Jetzt erlebe ich gerade eine totale Musikphase und kümmere mich gleichzeitig um Seeed und Ricky Dietz. Mit ganz viel Gequatsche über Konzepte und Videos. Davor habe ich mich drei Jahre lang eher mit Podcasts oder Möbelbau beschäftigt.

Wie viel arbeiten Sie?

Baigorry: In letzter Zeit habe ich irre viel gearbeitet, um alles zu bewältigen. Man muss ja Deadlines einhalten, weshalb die Arbeitstage automatisch länger werden. Davor hatte ich eine Phase, in der weniger oder auch mal ’n paar Tage gar nicht gearbeitet habe. Ich glaube, ich führe ein relativ typisches Künstlerleben.

Wird es je wieder ein Peter-Fox-Album geben?

Baigorry: Nein. Das war schon damals klar und daran hat sich bis heute nichts geändert. Aber auf der Seeed-Tour werden bestimmt zwei Peter-Fox-Songs vorkommen.

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