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Interview

07.06.2020

Pornoproduzent: "Der deutsche Mann fühlt sich von totaler Schönheit eingeschüchtert"

Hier erzählt Deutschlands größter Pornoproduzent, weshalb er nicht möchte, dass Jugendliche und Kinder seine Filme sehen.
Bild: dpa

Obacht, Sex! Deutschlands größter Pornoproduzent spricht über männliche Vorlieben, weibliche Ansprüche und das Geschäft mit der Lust.

Sie bezeichnen sich als Deutschlands größten Pornoproduzenten. Woran machen Sie das fest?

Wolf Wagner: Wir haben im vergangenen Jahr 186 Filme mit einer Ausstrahlungslänge von 25 und 45 Minuten gedreht. Wenn man das im Vergleich zu den Konkurrenten setzt, von denen es vielleicht noch fünf in Deutschland gibt, dann ist das ein Vorsprung von rund 120 bis 130 Filmen. 2019 hatten wir gegenüber dem Vorjahr eine Umsatzsteigerung von 200 Prozent.

Wieso schwächelt Ihre Konkurrenz so sehr, dass Sie als relativer Newcomer den Markt aufrollen konnten?

Pornoproduzent: "Der deutsche Mann fühlt sich von totaler Schönheit eingeschüchtert"

Wagner: Früher haben die Größen der Branche das Geld noch mit der Schubkarre nach Hause gefahren. Doch der deutsche Porno ist in den Nullerjahren durch die Digitalisierung langsam aber sicher zugrunde gegangen. Die klassischen alten Unternehmer haben lange Zeit weiter auf DVD gesetzt und nicht realisiert, dass die Kunden diese Filme online umsonst konsumieren konnten. Sie haben keine digitalen Verkaufskanäle geschaffen und ihre Marken nicht digital positioniert. Und durch die Kostenlosmentalität konnten sie auch nicht mehr so viel für ihre Produktionen ausgeben. Das war die klassische Abwärtsspirale.

Was machen Sie jetzt anders?

Wagner: Wir produzieren weniger für den Verbraucher direkt, unsere Klienten sind insbesondere Dating-Websites wie Dates66, die mehrheitlich im Ausland sitzen. Wir verdienen Geld also mit Business-to-business. Unsere Produktionen sind gewissermaßen Werbefilme, aber eben pornografisch, mit denen die Leute auf die Dating-Seiten gelotst werden. Und wir haben dabei ein sehr modernes Marketingverständnis. Das heißt, wir orientieren uns an Formaten, die bei YouTube Erfolg haben und richten uns nach dem Kunden. Wir sagen ihm genau, wie er sich auf den Seiten einloggen kann und zeigen ihm mit den Filmen etwas, was er nachahmen kann, wenn er will.

Sie machen also effektiv Ihr Geld als pornografischer Werbefilmer? Oder wie kann man sich das vorstellen?

Wagner: Richtig. Das ist der Großteil unseres Geschäfts. Wir kreieren Inhalte, die dann auf die Wünsche der Werbekunden angepasst werden. Ein Kunde bezeichnete uns mal als Maßschneider des Pornofilms. Darüber hinaus werden unsere Filme, die wir auch auf Englisch drehen, noch für bezahlpflichtige Websites lizensiert. Speziell in den USA läuft dieses Geschäft nicht schlecht.

Richten Sie sich an Männer oder an Frauen?

Wagner: Nach meinen Recherchen wird Pornografie zu 83 Prozent von Männern konsumiert. Deshalb erzählen wir sehr viel aus der Perspektive des Mannes. Und aus diesem Grunde sieht man in unseren Filmen den männlichen Darsteller kaum. Andererseits stellen wir damit auch die Lust der Frau in den Vordergrund, die entscheidet, dass sie diesen Partner will.

Woran liegt es, dass sich Frauen weniger für Pornos interessieren?

Wagner: Männer sind eher optisch geprägt. Frauen dagegen wollen in der Regel mehr in ihrer Fantasie erleben. So sind zum Beispiel pornografische Hörbücher für Frauen stark im Kommen. Es gibt auch gute Pornos für Frauen, aber das passt nicht zu unserem Konzept. Frauen brauchen, würde ich sagen, eine längere Geschichte, die die Sexualität begründbar herleitet, und die Darsteller müssen deutlich besser aussehen.

Wolf Wagner ist nach eigenen Angaben Deutschlands größter Pornoproduzent.
Bild: privat

Und das ist bei Ihnen nicht der Fall?

Wagner: Ich würde schon behaupten, dass wir handwerklich gehoben produzieren, aber den Ansprüchen einer weiblichen Porno-Seherin würden wir vermutlich nicht gerecht werden.

Welchen Ansprüchen wollen Sie denn gerecht werden?

Wagner: Wir haben ein eigenes Data Center angelegt, in dem wir genau auswerten können, welche Darsteller oder welche Art von Sexualität gut funktionieren. Darauf basierend schreiben wir die nächsten Szenen. Was bei uns extrem gut läuft, ist das Thema „MILF – Mothers I Like To Fuck“. Männer zwischen 20 und 35 stehen deutlich auf Frauen ab Mitte 40. Die müssen beileibe nicht perfekt sein, sondern etwas haben, was sie sexuell erregt – große Brüste, Tätowierungen oder beispielsweise ein ausdrucksstarker Blick, der funktioniert sehr gut.

Männer wollen keine jungen Schönheiten?

Wagner: Der deutsche Mann fühlt sich von totaler Schönheit eingeschüchtert. Der klassische Hollywood-Porno mit Frauen, die ihr Leben im Fitnessstudio verbrachten und sich beim Chirurgen zurechtoperieren ließen, funktioniert bei uns nicht. Der Deutsche möchte lieber die Fantasie mit einer Frau erleben, die er gestern in der Bücherei oder an der Fleischertheke getroffen hat und die irgendwas in ihm ausgelöst hat. Das ist auch insofern toll, als es bedeutet, dass jede Frau ihren Sex so ausleben kann, wie sie es möchte. Denn Männer haben eben nicht dieses Hollywood-Bild vor Augen.

Es gibt überdies extreme, man könnte sagen, perverse Spielarten des Sex. Wollen Sie damit auch Geld machen?

Wagner: Wir haben uns von vornherein klar aufgestellt, indem wir sagten: Wir machen nur das, was der Otto Normalbürger in seinem Bett, in der Küche, im Wohnzimmer oder auch vielleicht draußen im Freien als Vergnügung sehen würde. Das ist totaler Mainstream. Wir zeigen vielleicht noch Dreier oder Partnertausch, weil das ein Abenteuer im Rahmen der normalen Sexualität ist, aber zum Beispiel keinen Gangbang. Dafür stehen wir nicht und dafür wollen wir auch nicht stehen.

Und Mainstream-Sex ist erfolgreich?

Wagner: Der bringt tatsächlich die allermeisten Zuschauer. Viele internationale Kollegen von mir sind in Nischen gegangen und produzieren beispielsweise Vergewaltigungsfantasien. Damit finden sie auch Kunden, die dafür Geld bezahlen wollen, weil das seltener ist. Aber damit wollen wir nicht unser Geld verdienen.

Es gibt indes noch eine andere Zuschauergruppe, die zunehmend Pornos schaut: Jugendliche und Kinder. Wie stehen Sie dazu?

Wagner: Ich sehe das sehr kritisch, wobei ich selbst keine Kinder habe. Als Pornoproduzent habe ich jedenfalls null Interesse daran, dass Kinder und Jugendliche meine Filme anschauen können, da dadurch ein verfälschtes Bild von Sexualität entstehen kann. Abgesehen davon hätte ich gar kein kommerzielles Interesse daran. Denn Kinder und Jugendliche sehen diese Filme auf Kostenlosseiten – ohne jede Art der Altersüberprüfung. Aber ich als klassischer Unternehmer wende mich an ein zahlendes Publikum.

Doch wie können Sie verhindern, dass diese Altersgruppe Ihre Produktionen sieht?

Wagner: In den Verträgen mit meinen Kunden ist festgehalten, dass sie sich bei der Präsentation der Filme an die jeweiligen Länderrechte halten müssen. Das ist meine Absicherung, das wird auch vom deutschen Gesetzgeber verlangt.

Sie haben eine Freundin. Holen Sie sich eigentlich von ihr Feedback zu Ihren Filmen?

Wagner: Tatsächlich nein. Sie kennt aber die Geschichten, die wir verfilmen. Und sie verdreht gerne mal die Augen, weil sie weiß, dass das sehr genau meiner Fantasie entspricht. Abgesehen von den Auswertungen unseres Data Centers richte ich mich nach meinen Vorstellungen. Dadurch, dass ich die Drehbücher selbst schreibe, schaue ich in mich hinein: Was würde mir gefallen? Was für einen Aufbau möchte ich?

Wenn man Sexualität gewerbsmäßig inszenieren lässt, verliert man da nicht die Lust, das real zu erleben?

Wagner: Ich trenne das absolut. Und die Arbeit an einem Porno-Set hat nichts mit Lust zu tun, sondern das ist ein konzentriertes Arbeiten in ruhiger Atmosphäre. Die Darsteller haben meistens Spaß miteinander, weil die sich schon seit längerer Zeit kennen. Die deutsche Szene ist relativ klein. Als Produzent und Regisseur machst du das Drehbuch klar, du redest mit allen Beteiligten, wie sie vor der Kamera zu agieren haben. Aber beim Akt haben die Darsteller auch ihre Freiheit, denn sie sollen ihre Lust mit ausleben.

Jetzt müssten Sie ja ordentlich zu tun haben, da in den Zeiten der Krise Ihre Produkte umso gefragter sein dürften.

Wagner: Richtig, bedingt durch die Kontaktsperren steigen die Nutzerzahlen. Allerdings bringt uns das keine Einnahmenzuwächse, da wir im direkten Verkauf wenig partizipieren. Wir profitieren nur davon, dass unsere Marke noch bekannter wird.

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