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Porträt
29.09.2019

Verdächtiges Subjekt, zu Fuß unterwegs

Flanieren ist eine Haltungsfrage.
Foto: Jan Woitas, dpa (Archiv)

Der Flaneur von heute ist kein Dandy mehr. Er erregt Argwohn – dabei ist er mit seinem perfekten ökologischen Fußabdruck eigentlich die Figur der Stunde.

Der Flaneur geht zu Fuß. Er ist kein Fußgänger wider Willen, sondern einer aus Passion – und als solcher eine romantisierte, literarisch verklärte Figur. Sein Revier: Natürlich der große Boulevard. Lichter, Leute, Passagen. Flaneur in Paris? Toll! Flaneur in Mindelheim? Wie bitte? Da ist schon das erste Missverständnis.

Nicht die Umgebung macht den Flaneur. Der Flaneur braucht keine Flaniermeile. Es genügt ihm der Straßenraum. Auch in Aichach kann man sich verdächtig machen, also flanieren. Wir müssen uns das Flanieren als eine Einstellungssache vorstellen. Flanieren ist keine Filmrolle, sondern eine Haltungsfrage. Nennen wir es: Vorurteilsloses Interesse am Selbstausdruck der Welt. Wahrnehmung als Tätigkeit im urbanen Raum, ein dauerhaftes Duett mit dem Zufall. Gewahrwerden von Einzelheiten. Bestandsaufnahmen im Gewirbel der Gleichzeitigkeit.

Gehen und sehen: Dazu müssen wir uns von Last und Klischee der Vorbilder lösen. Wer als Suchwort „Flaneur“ eingibt, dem wird gezeigt: Der Flaneur ist eine elegante Gestalt aus der Vergangenheit. So alt wie die Dampflokomotive. So verschmockt wie Monokel und Gaslaterne. 19., ein bisschen 20. Jahrhundert. Weltstädte, Prachtstraßen.

Der Flaneur hat einen perfektem ökologischen Fußabdruck

Der Suchtreffer-Flaneur trägt Hut oder Zylinder, einen schwarzen Rock und immer einen Gehstock. Er wirkt leicht versnobt und angejahrt aristokratisch. Ein Dandy mit großbürgerlicher Attitüde, der anonym in der Menge der Großstadt mitschwimmt und ab und zu die Augenbraue hochzieht. Sein Ozean: Der öffentliche Raum.

Und: Der Flaneur ist immer ein Mann. Es gibt keine Flaneusen. Frauen flanieren nicht? Jedenfalls nicht in der kollektiven Vorstellung, die geprägt ist von wortgewandten Groß-Flaneuren wie Walter Benjamin, Siegfried Kracauer und Franz Hessel. Virtuosen des absichtslosen Stadtspaziergangs als Kunstform. „Langsam durch belebte Straßen zu gehen, ist ein besonderes Vergnügen. Man wird überspült von der Eile der anderen, es ist ein Bad in der Brandung.“ (Franz Hessel, 1880–1941).

Die Autorin Hannelore Schlaffer, die das Verschwinden des öffentlichen Raums beklagt, schreibt: Ein Flaneur alter Schule, „der als Beobachter auftrat, um beobachtet zu werden, würde heute entweder provozierend oder lächerlich wirken“. Tatsächlich muss sich, wer das Flanieren jenseits von Leopoldstraße oder Kudamm in Kleinstadtstraßen und Wohnvierteln, im ordinären Straßennetz irgendeiner fünfstelligen Postleitzahl betreibt, dagegen wappnen, als verdächtiges Subjekt beäugt zu werden. Menschen, deren Anwesenheit und Gehen von keinem erkennbaren Zweck, keinem Ziel geleitet scheint, fallen auf.

Der Flaneur fällt als beobachtender Nichtsnutz heraus aus dem Koordinatensystem unseres getakteten Lebens und erregt Argwohn. Dabei kann er mit perfektem ökologischen Fußabdruck mehr denn je erhobenen Hauptes durch die Straßen wandeln.

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