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Internationale Belletristik

13.10.2019

"Schutzzone": Eine Geschichte zwischen Völkermord und Liebe

Nora Bossong: Schutzzone
Bild: Suhrkamp

Plus Eine 332-seitige Überraschung über eine Geschichte von Liebe in Zeiten von Krieg, Friedensverhandlungen und Völkermord mit Überraschungen aus dem Hinterhalt.

Die Größe dieses Buches, die Wucht der Geschichte, sieht man „Schutzzone“ nicht an. Auf dem Büchertisch wirkt es diplomatisch zurückhaltend, fast unterkühlt, der Klappentext eher nüchtern, fast google-optimiert – Völkermord, Vereinte Nationen, Trennung der Eltern, Luxushotels, Krisenregionen, Souveränität und Friedensmaßnahmen – das soll mitreißend, spannend sein? Aber: Ist es! Dass „Schutzzone“ eine 332-seitige Überraschung ist, liegt vor allem an Nora Bossongs sprachlichem Können, an der Virtuosität, mit der sie diese Geschichte von Liebe in Zeiten des Krieges, der Friedensverhandlungen, des Völkermords erzählt und es schafft, das Private mit der großen Weltpolitik zu verweben, ohne dass es konstruiert, ausgedacht oder gar absurd wirkt.

De Ich-Erzählerin muss erkennen, dass Wahrheit relativ ist, Frieden ebenso

Ich-Erzählerin ist Mira, eine Diplomatin bei den Vereinten Nationen, Anfang 30, kinderlos, Weltenwandlerin, New York, Burundi, Genf, allein, abgestumpft, zweifelnd, dennoch angetrieben von ihrer Aufgabe, für das „plus jamais ça“, das „nie wieder“ zu sorgen, Schutzzonen auszuweisen, Frieden in die Welt zu bringen. Dafür bezahlt sie den hohen Preis der Einsamkeit. „Die Kosmopoliten unter uns waren die sehr wenigen, die an nichts festhielten und deshalb für alles offen waren“, sinniert Mira, während sie im Zypernkonflikt vermittelt. Zuvor war sie bis 2015 für die UN-Wahrheitskommission in Burundi gewesen und emotional zwischen die Fronten geraten.

Mira muss erkennen, dass Wahrheit relativ ist, Frieden ebenso. Umso mehr, als sie bei einem Empfang im legendären Beau Rivage in Genf überraschend Milan wiedertrifft, der ebenfalls für die UN arbeitet und in dessen Diplomatenfamilie sie 1994 für ein paar Monate gelebt hatte, als sich ihre Eltern trennten. Eine für Milan und Mira prägende wie aufwühlende Zeit, wie sich im Laufe des Buches herausstellt. 23 Jahre später gehen die Interims-Stiefgeschwister nun eine Affäre ein und gefährden durch diesen Regel- und Tabubruch ihre Schutzzonen.

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Die Überraschungen und spannenden Gedanken kommen aus dem Hinterhalt

Das Mitreißende an dem Buch ist nicht in erster Linie die Handlung, sondern wie klug und literarisch Bossong alles verwebt. Wie sie den Leser pro Kapitel durch die Zeiten und an die Orte springen lässt – Bujumbura 2013 und 2015, bei Bonn 1994, New York 2011, Den Haag 2017, und immer wieder Genf. Wie sie ihn durch private wie politische Schutzzonen schreiten und ganz nebenbei Anekdoten sammeln lässt.

Etwa so: „Aber jeder Versuch, ein Land mit exakten Grenzlinien zu zeichnen, hat zu nichts als Absurditäten geführt. Daran sind mehr Menschen gestorben als an Malaria. Und dann versuchen wir es auch noch in unserem Alltag, in unseren Beziehungen und sind überrascht, wenn wir genau daran scheitern, sagte er und winkte dem Kellner, der lautlos neben uns erschien, die Bestellung aufnahm mit seinem kühlen, verständnisvollen Nicken, das ich nur von Genfer Kellnern kenne und nie ganz durchschaut habe, es ist anders als in Wien, wo die Kellner sich mit Kratzfuß als Hofmeister in ihrem Reich gebärden, und nicht wie in Deutschland, wo sie servil oder rotzig zu sein haben wie Untertanen, in Genf war es eher, als wüsste jeder von ihnen, dass sie die Könige unter den Kellnern waren, wir waren alle Könige oder mehr als das, Monarchen ohne die Fesseln des Hofes, wir saßen inmitten einer Stadt, die aus unzähligen Weltherrschern bestand, wie auch immer wir zu diesem fraglichen Ruhm gekommen waren.“

So geht das dauernd, die Überraschungen und spannenden Gedanken kommen aus dem Hinterhalt, auf jeder Seite. Eigentlich unbeschreiblich, in Kürze und schnell schon gar nicht. Daher: unbedingt selber lesen.

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