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Sendung mit der Maus

06.03.2021

Siehst Du jung aus! Die Maus wird 50 Jahre alt

Armin Maiwald, Filmemacher, Autor und Miterfinder der Sendung mit der Maus sitzt auf einem Sofa in seinem Büro vor zahlreichen Filmrollen.
Foto: Rolf Vennenbernd,dpa

Am 7. März 1971 lief zum ersten Mal „Die Sendung mit der Maus“ im Fernsehen. Sie ist sich all die Jahrzehnte treu geblieben. Ein Blick auf 50 Jahre Lach- und Sachgeschichten.

Es gibt nicht vieles, das weitgehend unverändert die Zeiten überdauert. Außer vielleicht Anoxycalyx joubini, ein antarktischer Riesenschwamm, der seit 2002 als „ältestes Lebewesen der Welt“ durchs Internet geistert. Damals lief er damit den knorrigen Grannenkiefern aus den USA den Rang ab. Wahre Jungspunde, die es gerade einmal auf ein Alter von bis zu 5000 Jahren bringen, der Riesenschwamm aber auf mehr als 10.000.

In der Welt des Fernsehens überdauert auch fast nichts. Stars und Sternchen glühen und verglühen und noch die langlebigsten TV-Formate treten irgendwann den Weg alles Irdischen an, in ihrem Fall den ins Fernseharchiv, ins Geschichtsbuch, ins Museum oder ins Internet. Wenn sie Glück haben. Das klassische lineare Fernsehen samt Fernsehempfangsgeräten hat sich auch schon auf diesen Weg begeben, Stichwort: Streaming.

Hightech von heute ist eben der Schrott von morgen. Die Liste der So-gut-wie-Ausgestorbenen füllt sich in immer schnellerem Tempo: Kassettenrekorder, Walkman, CD-Player … Das Smartphone ist längst überfällig. Einszweidrei! im Sauseschritt / Läuft die Zeit; wir laufen mit.

Nicht nur die "Sendung mit der Maus" ist ein Fernseh-Urgestein

Auf der Suche nach Beständigem im deutschen Fernsehprogramm stolpert man zwangsläufig über die „Tagesschau“ (seit 1952) und den „Tatort“. Die ARD-Kult-Krimireihe feierte im vergangenen Jahr ihren Fünfzigsten. Unverändert trotzten beide den Zeitläuften nicht. Die „Tagesschau“ zum Beispiel wurde anfangs von einem Sprecher aus einer Sprecherkabine präsentiert. Zu sehen – gar mit Unterleib – war der nicht. Erst Karl-Heinz Köpcke gab den Nachrichten 1959 ein Gesicht. Noch unbeständiger der „Tatort“, dessen erster Ermittler gern zu Cognac und Zigarre griff. In der Folge wuchs die Zahl der Ermittler und Tatorte; „Tatort“ nahezu in jeder Stadt. Mit Ermittlertypen, so vielfältig wie die menschlichen Abgründe tief.

Ein kleines, feines Wesen jedoch hat sich erstaunlicherweise gehalten. Da konnte sich die Fernsehnation im Sauseschritt wandeln, eine Maus blieb. Und im Unterschied zum Riesenschwamm sind die 50 Jahre, die ihre Sendung seit dem 7. März 1971 bereits läuft und läuft und läuft, nicht der Rede wert. Aber nur, wenn man in Zeiträumen von mehreren tausend Jahren denkt. Wenn man dagegen ans deutsche Fernsehen denkt, landet man im Jahr 1971 auf der Internationalen Funkausstellung, auf der erste Videorekorder für den Heimgebrauch vorgestellt wurden – und drahtlose Fernbedienungen.

Wie diese war „Die Sendung mit der Maus“ – die 1971 etwas anders hieß – eine Sensation. „Maus“-Musik und „Maus“-Vorspann, wie man sie heute noch kennt, kamen 1972 hinzu, im September 1973 der fremdsprachige Text: Das war … PolnischItalienischKlingonisch. Der Maus-Freund Elefant tauchte 1975 auf, die gelbe Ente 1987.

Worum ging es in der ersten Folge der "Sendung mit der Maus"?

Die erste Folge der „Lach- und Sachgeschichten für Fernsehanfänger“ also begann mit psychedelischer Musik und von der Zeichentrick-Maus in die Luft geworfenen und umherwirbelnden Buchstaben. Nach dem Auftritt der Maus, die Maus-atypisch orange, braun und schwarz war und mit ihren Beinchen (variabel in der Länge) und Schwänzchen (abnehm- und als Springseil einsetzbar) die tollsten Dinge anstellen konnte, kam „Frederico Oktopod“. Eine „Lachgeschichte“ mit einem Tintenfisch. Ein Trickfilm. Danach trippelte wieder die Maus durchs Bild und zeigte, dass sie an der Decke laufen kann (wobei ihre Gelenke verdächtig knarzten).

50 Jahre alt und dennoch jung geblieben: der orangefarbene Nager, der der „Sendung mit der Maus“ seinen Namen gab.
Foto: Repro: WDR, dpa

Dann eine „Sachgeschichte“. Ein Erklärfilm. Vorgeführt wurde, ganz ohne Worte, wie ein Kaffeelöffel hergestellt wird. Die Sachgeschichte „Das Brötchen“, die davor gedreht worden war, wurde eine Woche später ausgestrahlt. Schließlich sahen Kinder an jenem 7. März 1971 unter anderem noch: „Wie aus einem Fenster ein Bier gemacht wird“. Sowie die Herstellung einer Gabel. Zum Spaghetti-Essen.

Das war’s, das geniale Konzept. Unverändert, vielfach nachgeahmt.

In den 70ern war es „eine absolute Innovation“. Sagt Maya Götz. Die Medienwissenschaftlerin leitet das Internationale Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen beim Bayerischen Rundfunk. Ein Traumjob, findet der Autor dieses Artikels, darf sich Götz doch beruflich den lieben langen Tag Kindersendungen ansehen. So stellt es sich der Autor zumindest vor, der für diesen Artikel – genau – stundenlang alte „Sendung mit der Maus“-Folgen ansah. Maya Götz erklärt: Das deutsche Kinderfernsehen sei 1971 zwar schon über Dr. Ilse Obrig und die „Sonntagskinder“ hinausgewachsen, doch es sei nicht selten von einem deutlich erhobenen Zeigefinger bestimmt gewesen.

Kirchen kritisierten den Sendetermin der "Sendung mit der Maus"

Die ersten Reaktionen, vor allem auf die Sachgeschichten, fielen heftig aus. „Maus“-Mitentwickler Armin Maiwald sagte einmal, dass es praktisch keinen Vorwurf gegeben habe, der den Machern nicht gemacht worden sei:

„Ihr übergießt die Wirklichkeit mit einer himbeerroten Soße aus Musik.“

„Ihr macht unsere Kinder sprachlos.“

„Ihr zeigt nicht die ausgebeuteten Massen.“

Die Kirchen kritisierten den Sendetermin, sonntags zur Gottesdienstzeit.

Dass man sich über „Die Sendung mit der Maus“, die seit 1972 so heißt, aufregen konnte, wird erst verständlich, wenn man daran erinnert, dass 1957 ein Kino- und Fernsehverbot für Kinder unter sechs Jahren erlassen worden war. Keine Glotze, zum Schutze der Jüngsten. Denn: Eltern und Pädagogen warnten vor den vermeintlich gesundheitsschädlichen Einflüssen des Fernsehens. Und das bei – im Jahr 1954 – 2000 angemeldeten Fernsehgeräten im Osten und 84.000 im Westen Deutschlands. In den 70ern war das Fernsehen freilich ein Massenmedium – das seit 1969 offiziell Vorschulkinder nutzen durften. „Die Sendung mit der Maus“ begegnete ihnen auf Augenhöhe und beantwortete, so Maya Götz, ihre naiven Fragen.

Sachgeschichten-Klassiker bei "Sendung mit der Maus"

Wobei diese Fragen ja nicht banal sind. Und nie ihren Reiz verlieren, auch nicht im Erwachsenenalter. Ein Segen, dass es im Internet unter wdrmaus.de ein Archiv der Sachgeschichten gibt, das bis in die 70er zurückreicht. Es enthält einen der Sachgeschichten-Klassiker: Wie kommen die Streifen in die Zahnpasta? Ein filmisches Kleinod aus dem Jahr 1979 in grellen Farben, mit Splitscreen-Technik und von Armin Maiwald im Stile von The Sugarhill Gang’s „Rapper’s Delight“ aus demselben Jahr gerappt.

Was dem Autor dieses Artikels immer wieder aufs Neue gut gefällt – während es dessen achtjähriger Tochter die herrlich klobig gezeichnete Kuchenmaschine angetan hat. In deren Trichter, links, kippt die Maus Mehl und Milch, dann rattert es bedrohlich und am Ende kommt rechts ein Kuchen heraus. Den der Elefant im Inneren des Monstrums gebacken hat. „Das ist soooooo witzig“, sagt die Tochter.

Die Maus - ein stummer Star

Soooooo ist die Maus. Witzig und liebenswürdig. Und als stummer Star ohne Eigennamen inzwischen selbst ein Stück Zeitgeschichte, ihre Sendung ein Zeitreise-Mobil. Das einen zu einem Tankstopp und einem Tankwart bringt, wenn Kind und (Groß-)Eltern möchten. Akribisch wird nämlich in einem „Maus“-Film aus den 70ern erklärt, dass ein Tankwart einen rechten Fuß habe, um dem Schlauch einen Tritt zu geben, beim Scheibenwischen zu balancieren „und natürlich, um darauf rumzulaufen“. Sowie, der Vollständigkeit halber: „Er hat einen linken Fuß, auch, um darauf rumzulaufen – immer von der Kasse zur Zapfsäule, rund ums Auto und wieder zurück.“

Generationen von Fernsehzuschauern sind mit der Maus großgeworden.
Foto: WDR/Friedrich Streich/dpa

Autoreifen kosteten damals an der Tanke „DM 45“ und das Benzin 83,9 Pfennige pro Liter. Tankwart, das war ein Lehrberuf; eine Tankstelle eine Stelle zum Tanken. Nicht ein Supermarkt mit angeschlossenem Kraftstoffverkauf fürs Kraftfahrzeug.

Armin Maiwald ist fast 50 Jahre nach der „Tankwart“-Sachgeschichte kürzlich nochmals in Diensten der „Maus“ an eine Tankstelle gefahren. Einem Tankwart ist er dort nicht begegnet. Dafür musste er Benzin selber einfüllen, die Scheibe selber wischen, Motoröl und Reifendruck selber kontrollieren. Immerhin: Dem Schlauch an der Zapfsäule musste er keinen Tritt verpassen, das, erklärte er, mache eine Feder, die den Schlauch automatisch zurückziehe.

Maus-Miterfinder Armin Maiwald brachte den Sound

Maiwald ist im Januar 81 geworden. Mit seiner Armin-Maiwald-Erklärbär-Stimme und in diesem typischen „Sendung-mit-der-Maus-Erzähl-Sound“ hat er Generationen von Kindern die riesige Welt ins Wohnzimmer gebracht, verpackt in kleine Lach-und-Sach-Happen. Während die Welt unübersichtlicher wurde, war „Die Sendung mit der Maus“ stets „Die Sendung mit der Maus“.

„Das einzige Format, das sich noch so treu geblieben ist, ist das Sandmännchen“, sagt Maya Götz, die Kindermedien-Expertin. „Wie bei der Maus haben die Kurzgeschichten und die Ästhetik immer wieder aktuelle Produktionstechniken aufgenommen. Der Kern der Sendung bleibt aber.“ Der Kern des Sandmännchens, das 1959 im DDR-Fernsehen seine Premiere hatte (und eine Woche später als West-Sandmännchen im Sender Freies Berlin): Es kommt mit einem Gefährt und verstreut zum Schluss seinen Schlafsand. Die Maus kommt sonntagvormittags im Ersten. Das Sandmännchen bringt die Kinder ins Bett, mit der Maus stehen sie auf. Ein deutscher Kreislauf.

Maus und Elefant machen Picknick unter dem Tisch - eine undatierte Zeichnung von Friedrich Streich.
Foto: WDR/Friedrich Streich/dpa

"Sendung mit der Maus" fasziniert Kinder noch heute

Aber warum fasziniert „Die Sendung mit der Maus“ Kinder im Jahr 2021 überhaupt? Kinder, die 3D-animierte Superhelden-Filme gewohnt sind, die mit dem Internet aufwachsen. Denen man erklären muss, was lineares Fernsehen ist. Die es verwunderlich finden, dass sie nicht per Wisch und Klick zu jeder Zeit sehen können, was sie sehen wollen. Auch darauf hat Maya Götz eine Antwort: „Wir leben in der Digitalität und die Kinder sind Digital Natives. Gleichzeitig bleiben bestimmte Entwicklungsschritte konstant.“ Gerade im Kinderfernsehen bleibe das, was Kinder sehen wollen, im Kern gleich.

Heißt: Wahrscheinlich fragen sich auch in 50 Jahren Kinder, wie Löcher in den Käse oder Streifen in die Zahnpasta kommen. Wie Desinfektionsmittel zum Schutz vor dem Coronavirus produziert werden (Weizen spielt eine Rolle), ist dann hoffentlich kein Thema mehr. Tankstellen, die Benzin verkaufen, vermutlich ebenfalls nicht.

Zum Jubiläum gibt es in der ARD mit „Frag doch mal die Maus“ am Samstag (6.3) von 20.15 bis 23.30 Uhr und am Sonntag (7.3.) von 6.20 bis 10 Uhr mit historischer Revue und Geburtagssendung.

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06.03.2021

Mit der Maus bin ich und meine Kinder groß geworden :) Und meine Enkelkinder dereinst werden es wohl auch ;)

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06.03.2021

Der beste Fernseh Star ever! Alles Gute zum Geburtstag Maus!

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