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Artenschutz

16.02.2019

Sieht man Insekten bald nur noch im Naturmuseum?

Das Zoologische Museum der Universität Zürich zeigt noch bis zum 30. Juni 2019 die Sonderausstellung „Insekten - lebenswichtig!“.
Bild: Zoologisches Museum, UZH

Die erfolgreichste Tierklasse der Welt droht auszusterben. Geht es weiter wie bisher, könnten Käfer, Bienen und Co in 100 Jahren völlig verschwunden sein.

Das Verschwinden der Insekten hat wohl dramatischere Ausmaße als bisher angenommen. Zu diesem Schluss kommt eine neue Studie, die besagt, dass die Biomasse aller Insekten weltweit in den vergangenen 25 bis 30 Jahren jährlich um 2,5 Prozent abgenommen hat. Was das bedeutet, verdeutlicht der Ökologe Francisco Sánchez-Bayo von der Universität Sydney, einer der Hauptautoren der in der Fachzeitschrift Biological Conservation veröffentlichten Untersuchung, im Gespräch mit dem britischen Guardian: In dieser Geschwindigkeit gebe es in zehn Jahren ein Viertel weniger Insekten, in 50 Jahren nur noch die Hälfte – und in 100 Jahren seien alle weg.

Insekten sind mit gut einer Million beschriebener Arten die artenreichste Tierklasse überhaupt. Sie stellen mehr als 60 Prozent aller bekannten Tierarten. Aber der Befund vom Einbruch ihrer Populationen ist für viele Teile der Welt der gleiche. Die Forscher um Sánchez-Bayo haben 73 existierende Studien zum Aussterben von Insekten weltweit ausgewertet. Demnach sind an Land vor allem Falter, Hautflügler – zu ihnen zählen etwa Bienen oder Ameisen – und Käfer besonders betroffen. Am und im Wasser haben vor allem Libellen, Steinfliegen Köcherfliegen und Eintagsfliegen dramatische Einbußen erlitten.

Dabei ist es längst nicht so, dass nur spezialisierte Arten, die auf einen sehr eng gefassten Lebensraum oder eine seltene Nahrungsquelle angewiesen sind, verschwinden. Auch Generalisten unter den Insekten und weit verbreitete Arten werden immer weniger. Profiteure des Artensterbens gibt es auch: Wenige Arten, die extrem anpassungsfähig sind und sogar mit einer verschmutzten Umwelt klarkommen, besiedeln die frei werdenden, oft stark transformierten Räume.

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Wissenschaftler warnen vor dem Zusammenbruch ganzer Ökosysteme

Als größte Treiber hinter dem Verschwinden so vieler Insekten haben die Forscher den Verlust von Lebensräumen ausgemacht – entweder durch die Umwandlung in Ackerland oder durch Bebauung. In absteigender Bedeutung folgen Umweltverschmutzung, vor allem durch Pestizide und Kunstdünger, biologische Faktoren – die Ausbreitung von Krankheiten, Parasiten oder eingeschleppter Arten sowie der Klimawandel. Wobei letzterer besonders verhängnisvoll ist für Arten in den tropischen Breiten.

Von einem Regenwald-Schutzgebiet bei Luquillo auf Puerto Rico etwa berichten andere Forscher, dass die Population der bodenlebenden Insekten in den vergangenen 35 Jahren regelrecht kollabiert ist (-98 Prozent). Im Blätterdach fingen die Forscher 80 Prozent weniger Insekten als Mitte der 70er Jahre. Mit entsprechenden Folgen für andere Tiere: Frosch- und Vogelpopulationen etwa sind um 50 bis 65 Prozent geschrumpft. Das Beunruhigende: Andere Forscher hatten den starken Rückgang der Insektenpopulationen in den Tropen vorhergesagt. Weil die Tiere, die sich an ein sehr stabiles Klima angepasst hatten, mit immer häufigeren Temperaturschwankungen nicht klarkommen.

Auch Deutschland hat in den letzten 30 Jahren einen Großteil seiner Insekten verloren. Allein über die Hälfte aller Wildbienen-Arten sind demnach bedroht oder bereits ausgestorben, sagt die Max-Planck-Gesellschaft. Dabei sind Insekten nicht nur als Bestäuber vieler Pflanzen unverzichtbar, sie verwerten auch riesige Mengen organischen Materials und tragen so dazu bei, abgestorbene Pflanzen und Tierkadaver zu beseitigen. Außerdem sind sie für viele Tiere eine unverzichtbare Nahrungs- und Proteinquelle.

Längst gibt es auch immer weniger Vögel in Deutschland. Feldlerchen etwa finden immer weniger Insekten auf den Feldern.
Bild: Peter Lindel, Nabu/dpa

In Deutschland gibt es heute auch nur noch rund halb so viele Vögel wie Ende der 1980er Jahre. „Selbst frühere Allerweltsarten sind nur noch selten zu sehen oder gänzlich verschwunden. Die Gründe dafür sind vielfältig, aber der massive Einsatz von Pestiziden, das Ausräumen der Landschaft durch das Verschwinden kleinbäuerlicher Betriebe und der zunehmende Landverbrauch tragen wesentlich dazu bei“, sagt Manfred Gahr, Direktor am Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen.

Ökolandbau gilt vielen als Alternative

Noch ein Befund, der aus Bayern stammt, aber für viele Regionen Europas zutrifft: Der Insektenschwund setzt sich in abgeschwächter Form auch in geschützten Gebieten fort. Im Naturschutzgebiet Keilberg bei Regensburg etwa sind in den letzten 200 Jahren 39 Prozent der Tagfalterarten verschwunden, die Hälfte dieser Arten allein seit 2010. Doch nicht nur die Zahl der Arten, auch die Anzahl der Individuen sinkt rapide: So gibt es in deutschen Naturschutzgebieten heute nur noch ein Viertel der Fluginsekten im Vergleich zu 1989 – ein Minus von 75 Prozent.

Tagpfauenaugen sitzen auf einem blühenden Sommerflieder. Tagfalter wie diese sind wichtige Bioindikatoren - und sie sind besonders stark vom Schwinden der Insektenbestände betroffen.
Bild: Bernd Wüstneck, dpa/lmv

Der Rückgang der Biodiversität hat mittlerweile solche Ausmaße erreicht, dass Wissenschaftler vor dem Zusammenbruch ganzer Ökosysteme warnen. „Mit dem weltweiten Verlust von Tier- und Pflanzenarten verschwinden unzählige Anpassungen, die die Evolution in Jahrmillionen geschaffen hat. Wir verlieren das evolutionäre Gedächtnis unseres Planeten und müssen schnell handeln, wenn wir das Artensterben aufhalten wollen“, sagt der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, Martin Stratmann. Es herrscht Einigkeit unter Wissenschaftlern, dass das Insektensterben existiert. Bei der Frage nach den wichtigsten Ursachen wird noch über die Gewichtung gestritten. Dass die industrialisierte Intensivlandwirtschaft mit ihrem großen Einsatz von Kunstdünger und Pflanzenschutzmitteln eine große Verantwortung für diese Entwicklung hat, bestreitet kaum jemand.

Forscher des Thünen-Instituts, des Bundesforschungsinstituts für Ländliche Räume, Wald und Fischerei haben kürzlich untersucht, welchen Beitrag der Ökolandbau zur Sicherung der Artenvielfalt leisten kann. Die Ergebnisse waren eindeutig positiv, auch in Bezug auf die Bodenfruchtbarkeit. Was die Forscher allerdings nicht untersucht haben, ist die Frage, wie sich eine großflächige Umstellung auf die Preise und auf die Ernährung der Weltbevölkerung auswirkt.

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