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Ernährung

20.05.2020

Sind Nahrungsergänzungsmittel sinnvoll? Das sagen Experten

Viele Menschen schlucken zu viele Nahrungsergänzungsmittel, warnen Verbraucherschützer.
Bild: Matthias Hiekel, dpa (Symbolbild)

Jeder dritte Deutsche schluckt Nahrungsergänzungsmittel wie Zink, Magnesium oder Vitamin C. Warum Verbraucherschützer und Ärzte kein gutes Haar daran lassen.

Es dauert nicht lange, bis sich Daniela Krehl zum ersten Mal ärgert. Die Verbraucherschützerin steht vor dem Regal wie vor einer Wand, die Augen hinter der runden Brille studieren die Verpackungen. „Hier sieht man gleich das erste Problem“, sagt sie und deutet auf die Schachteln. „Es gibt überhaupt keine Trennung.“ Links im Regal stehen die frei verkäuflichen Medikamente, Baldriantropfen, Rheumasalbe, solche Dinge. Rechts daneben die Nahrungsergänzungsmittel. Der Übergang ist fließend, die Verpackungen sehen alle ähnlich aus. Aber Vitamin-C-Pillen oder Zinkkapseln sind keine Arzneimittel, sie brauchen keine Zulassung. Der Verbraucher, sagt Daniela Krehl, werde getäuscht. „Es wird ein falsches Vertrauen erzeugt.“

Krehl steht in einer Münchner Drogerie. Sie arbeitet für die Verbraucherzentrale Bayern, ihr Fachgebiet ist Ernährung. Wenn die Expertin übers Essen spricht, dann benutzt sie Begriffe wie „Genuss“ oder „Geschmacksexplosion“, ihre Stimme klingt dann ganz weich. „Unsere Lebensmittel“, sagt sie, „versorgen uns mit allem, was wir brauchen.“

Das sieht ein großer Teil der Deutschen anders. Nach einer aktuellen Forsa-Umfrage im Auftrag der Verbraucherzentralen greift jeder Dritte regelmäßig zu Nahrungsergänzungsmitteln. 2016 gingen nach Berechnungen des Marktforschers Quintiles-IMS 165 Millionen Packungen über die Ladentheke – für 1,1 Milliarden Euro. Kunden finden die Pillen, Kapseln oder Brausetabletten längst nicht mehr nur in Apotheken, sondern auch auf vielen Regalmetern in Drogerien und Supermärkten. Die Preisspanne ist riesig: Während die Schachteln in der Drogerie oft schon für zwei bis vier Euro zu haben sind, zahlen Verbraucher in der Apotheke auch mal 60 Euro oder mehr für bestimmte Präparate.

Auch die Auswahl ist riesig. Es gibt Zinkkapseln für schöne Haare, Magnesium „für Herz und Muskeln“, Mineralstoffe für die Gelenke, für die Augen und gegen eine schwache Blase, Vitamine für Aktive und solche, die schon lange nicht mehr aktiv sind. Wer kein konkretes Leiden hat, greift zum „A-Z Depot“ mit 21 Vitaminen und Mineralstoffen. Die Bilder auf den Packungen zeigen Schwangere oder glückliche Familien, am häufigsten attraktive Senioren. Menschen über 60 Jahre sind die größte Zielgruppe für Hersteller von Nahrungsergänzungspillen. Eine Studie des Helmholtz-Zentrums in München kam 2014 zu dem Ergebnis, dass jeder zweite Mann und jede dritte Frau über 64 Jahre ergänzende Vitamine oder Mineralstoffe zu sich nimmt, viele von ihnen deutlich mehr als die empfohlene Tagesmenge.

Warum greifen so viele Menschen zu den Pillen und Kapseln? Weil sie sich etwas Gutes tun wollen. Der Forsa-Umfrage zufolge glaubt jeder Zweite, dass Nahrungsergänzungsmittel die Gesundheit fördern. Aber stimmt das? Halten Vitamin C, Magnesium und Co., was sie versprechen? Brauchen wir sie sogar?

Nein, sagt Verbraucherschützerin Krehl. Nein, sagt auch Dr. Stefan Gölder. Der Mediziner ist Leiter des Ernährungsteams am Klinikum Augsburg, beschäftigt sich also täglich mit der Frage, was gute Ernährung ist. Gölder sitzt in seinem Büro, zwei schmale Zimmer, die von einem langen Flur abgehen. Der Schreibtisch steht direkt vor dem Fenster, es ist ein trüber Tag, kalt und windig. Gölder klickt sich auf seinem Laptop durch Studien, zeigt Bilder und Zahlenreihen. „Hierzulande“, sagt der Arzt, „sind Nahrungsergänzungsmittel völlig überflüssig.“ Er deutet auf eine Grafik. Sie stammt aus der Nationalen Verzehrstudie und zeigt: Im Schnitt sind alle Bundesbürger bestens mit den wichtigsten Mineralien und Vitaminen versorgt – obwohl es stets heißt, viele Deutsche würden sich schlecht ernähren. Den Mythos, Deutschland sei ein Vitamin-Mangelland, versteht Gölder nicht. „Es war noch nie so leicht, an gute Lebensmittel heranzukommen.“

Abweichungen gibt es in der Studie bei Vitamin D und Folsäure – zwei wichtigen Stoffen. Vitamin D stärkt die Knochen und hat Einfluss auf die Muskelkraft. Es wird nur zu einem kleinen Teil über Nahrung zugeführt, den größten Teil bildet der Körper mit Hilfe von Sonnenlicht selber. Hier liegt aber auch das Problem: „Je weiter man nach Norden kommt, desto schlechter werden die Vitamin-D-Werte.“

Nahrungsergänzungsmittel: Wann wird ein Vitamin-D-Mangel zum Problem?

Zum Problem kann ein Vitamin-D-Mangel nach Ansicht des Instituts für Risikobewertung aber nur bei Personen werden, die sich kaum oder gar nicht im Freien aufhalten können, weil sie etwa bettlägerig sind. Für alle anderen gelte: Wer in der warmen Jahreshälfte fünf bis 25 Minuten am Tag im Freien verbringt, tankt genug Sonne, um ausreichend Vitamin D zu produzieren.

Bei Folsäure sieht es ein wenig anders aus. Das Vitamin ist wichtig für die Zellteilung und das Wachstum. Ein Mangel, sagt Gölder, sei deshalb besonders bei Schwangeren kritisch. Denn er erhöhe das Risiko, dass das Baby mit einem „offenen Rücken“ zur Welt kommt. Das Bundesinstitut für Risikobewertung empfiehlt Frauen deshalb im ersten Schwangerschaftsdrittel Folsäurepräparate. Alle anderen könnten den Bedarf durch eine abwechslungsreiche Ernährung decken.

Es gibt auch andere Risikogruppen, die unter einem Nährstoffmangel leiden können. So kann es sein, dass Menschen, die sich vegetarisch ernähren, zu wenig Vitamin B12 aufnehmen. Gölder sagt, dass sich das auch durch ausgewogene Ernährung regulieren lässt. „Natürlich ist das schwer“, sagt er. „Aber wer sich einen guten Ernährungsplan macht, braucht keine Supplemente.“

Daniela Krehl warnt davor, ohne Not zu Nahrungsergänzungspräparaten zu greifen. Sie rät, immer mit einem Arzt abzuklären, ob es überhaupt einen Mangel gibt. Gölder ist der gleichen Meinung. Der Spruch, dass viel auch viel helfe, sei in diesem Fall falsch: „Wenn der Speicher voll ist, dann ist er voll.“ Dazu kommt: Studien legen nahe, dass einige Nahrungsergänzungsmittel sogar krank machen, wenn sie in zu hoher Dosis eingenommen werden. So stellten Forscher des renommierten Netzwerks Cochrane Colloboration 2012 fest, dass zu große Mengen von Betacarotin, Vitamin A und Vitamin E im Körper die Lebenserwartung verkürzen können.

Für Daniela Krehl sind solche Studien alarmierend. „Es muss sichergestellt werden, dass die Präparate wirklich sicher sind“, sagt sie und nimmt eine Packung aus dem Regal. Darauf steht klein „zur Nahrungsergänzung“. Damit gelten die Präparate rein rechtlich als Lebensmittel. Für Kunden bedeutet das: Es wird anders als bei Arzneimitteln nicht so aufwendig überprüft, ob die Mittel auch wirken, ob sie sicher sind und was hinter der Werbeaussage steckt. Für all das ist allein der Hersteller zuständig.

Nahrungsergänzungsmittel sinnvoll? Weltanschauungen, die aufeinanderprallen

Antje Preußker sieht darin kein Problem. Sie ist wissenschaftliche Leiterin beim Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde, dem Spitzenverband der Lebensmittelwirtschaft. „Die legalen Produkte auf dem Markt sind sicher“, betont sie. Dafür stünden die Hersteller der Präparate ein – wie die Produzenten von Lebensmitteln für ihre Ware einstehen. Wären sie nicht sicher, würde die Lebensmittelüberwachung sofort einschreiten. Preußker plädiert dafür, dem Verbraucher die Wahl zu lassen: „Nicht jedem gelingt es, sich ausgewogen zu ernähren.“ Wer zusätzlich etwas einnehmen will, soll das ihrer Meinung nach auch tun dürfen.

Es sind zwei Weltanschauungen, die da aufeinanderprallen. Die einen, die nur empfehlen und einnehmen, was nachgewiesenermaßen wirkt. Die anderen, die vor allem auf ein Gefühl setzen: dass es einem gut, oft sogar besser geht, wenn man Zink oder Vitamin C schluckt. Gefühle spielen auch in der Medizin eine große Rolle. Mit dem Unterschied, dass man dort einen anderen Namen dafür hat: Placebo-Effekt.

Stefan Gölder lacht, wenn man ihn fragt, ob Nahrungsergänzungsmittel einen Placebo-Effekt haben, also quasi eine Wirkung, obwohl es gar keinen Wirkstoff gibt. „Natürlich“, sagt er dann. „Der geht durch die Decke.“ Noch dazu, wenn die Kapseln von einem Apotheker oder einem Arzt empfohlen würden; Menschen, denen die Patienten vertrauen. Hier ist er wieder: der Unterschied zwischen der tatsächlichen, objektiven Wirkung und der psychischen, subjektiven. Das Ergebnis kann in beiden Fällen das gleiche sein, muss es aber nicht.

Daniela Krehl würde trotzdem nie zur Nahrungsergänzung raten. Stattdessen empfiehlt sie eine ausgewogene Ernährung: fünf Portionen Obst und Gemüse am Tag, einen abwechslungsreichen Speiseplan. Und man dürfe auch mal über die Strenge schlagen. Am wichtigsten sei sowieso, dass die Hauptmahlzeit in Gesellschaft eingenommen werde. „Das ist viel heilsamer, als alleine vor dem Fernseher zu essen.“ (schsa)

Hinweis der Redaktion: Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Beitrag aus unserem Online-Archiv.

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