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Sommerurlaub
29.05.2021

Sommer der Freiheit? Das Reisen nach Corona ist ein anderes

Urlaubsstimmung? Zwischen Erleichterung und Vorsicht. Inzidenzwerte bestimmen das Ziel, Impfnachweis und Corona-Test sind die neuen Eintrittskarten für die Welt.

Der Chat mit einem guten Freund
– Du bist doch auch Apulien-Fan. Wir fahren am Sonntag nach Monopoli.
– Oh wie toll, da müsst ihr unbedingt in dieses supergute Fischrestaurant in der Altstadt gehen. Die Muscheln dort sind ja sooo köstlich …

Auf einmal ist der Urlaub wieder in die Unterhaltungen zurückgekehrt. Pläne werden nicht mehr nur geschmiedet, sondern wieder umgesetzt. Kaum jemand ist in den letzten Monaten unterwegs gewesen –mal abgesehen vom Verwandtenbesuch in Dortmund oder in der Holledau. Nun ist der Nachholbedarf nach der langen Corona-Starre groß. Jetzt in den Pfingstferien ein paar Tage Südtirol für die schnelle erste Alltagsflucht, im Sommer dann vielleicht Griechenland. Oder doch Portugal? Plötzlich und auch ein wenig unerwartet war sie da, die neue Reisefreiheit! Eingeschränkt noch immer, aber immerhin … Nachdem die strengen Corona-Bestimmungen das Reisen trotz offener Grenzen nahezu unmöglich gemacht haben.

Im Sommerurlaub nach Corona: Eher La Palma als Nepal

200-150-100-50: Irgendwann in diesem vergangenen Pandemiejahr wurde die Welt neu nach Inzidenzwerten vermessen. Nicht mehr die Ziele auf der persönlichen Reise-„Bucketlist“ bestimmen, wohin die Reise gehen soll, sondern die Inzidenzwerte geben die Richtung vor. Dann eben an die Algarve – die ist gerade kein Risikogebiet … Hauptsache, mal was anderes sehen.

Prozentual mit der Impfquote steigt nun auch das Reisefieber Tag für Tag. Haben wir also das Schlimmste hinter uns? Steht ein Sommer der wiedergewonnenen Freiheit vor der Tür? Die Aufbruchstimmung jedenfalls ist groß. Werbeagenturen trommeln für Urlaubsziele wie lange nicht mehr. Tourismusbüros jubeln im Internet: „Wir dürfen öffnen!“ Besonders nett freut sich der Hochschwarzwald: „Kuckuck, endlich geht’s wieder raus aus dem Häuschen.“ Und mit unglaublicher Schnelligkeit steht nun wieder die Frage über den Sommerwochen: Dieses Jahr noch einmal nach Sylt – die sichere Variante? Oder doch schon wieder etwas weiter weg nach Ägypten?

Das Telefonat mit der Kollegin
– Wann hast du eigentlich Urlaub eingetragen?
– Ich überlege, nach Pfingsten an die Amalfiküste zu fahren. So leer sieht man die doch nie mehr. Das ist doch eine einmalige Chance, Pompeji in aller Ruhe anzusehen. So schnell kommt das doch nie wieder …

Nicht nur der nationale Tourismus ist im vergangenen Jahr nahezu zum Erliegen gekommen – wie sie seit einem Jahr mit diesem Stillstand umgehen, davon erzählen auf den nächsten beiden Seiten Tourismusschaffende aus ganz Europa. Doch Corona hat den überhitzten Reisekonsum weltweit ausgebremst. Keine übermüdeten asiatischen Reisegruppen auf den klassischen „Europa in sieben Tagen“-Rennstrecken. Venedig hat die Zeit genutzt und die Kreuzfahrtschiffe ausgesperrt. Und der Amalfiküste fehlen die Amerikaner. Dort mussten nun sogar schon die Preise gesenkt werden, weil es für die wenigen Europäer, die dort gerade Urlaub machen, eben nicht das große „Once in a Lifetime“-Erlebnis ist.

Mundschutz und Registrierung am Strand: Eine Szene aus Griechenland jetzt im Mai.
Foto: Foto: Yorgos Karahalis/AP/dpa

Eigentlich wäre genau jetzt die günstige Gelegenheit, sich Reiseträume zu erfüllen, all die überlaufenen Ziele dieser Welt zu sehen. Angkor Wat, Macchu Picchu oder eben Pompeji – mal ohne Online-Vorabbuchung und festes Zeitfenster. Vielleicht könnte man unterwegs endlich wieder Herr seiner eigenen Zeit sein. Verharren, ohne den Aufenthalt komplett durchzuplanen. Doch wer auf die Weltkarte nach Corona-Gesichtspunkten schaut, muss feststellen, dass sich streng genommen seit über einem Jahr nicht viel verändert hat. Die Welt hat sich noch immer zu einem einzigen großen Risikogebiet verengt – mit wenigen Ausnahmen.

Das Gespräch mit dem Nachbarn
– Und dieses Jahr wieder Trekking in Nepal?
– Ach, schön wäre das schon, aber das ist mir wirklich noch zu unsicher wegen Corona. Ich wandere in diesem Jahr auf La Palma.

Niemand plant gerade den großen Abenteuertrip. Europa ist fern genug. Den Kindern mal die Nationalparks im Westen der USA zeigen – solche Lebensträume müssen warten. Zum Tauchen nach Australien oder zum Stand-up-Paddeln nach Südamerika – der reine Wahnsinn.

Die Reisepläne sind im Lauf des vergangenen Corona-Jahres bescheidener geworden. Neuland betritt in diesen Zeiten kaum jemand. Eher geht es zu Zielen, die man kennt; wo man die Situation vor Ort einschätzen kann. Das Sicherheitsbedürfnis ist größer geworden. Die gigantische Rückholaktion vor gut einem Jahr, welche die Krisenmanager der Reiseveranstalter und im Auswärtigen Amt mehrere Wochen lang in Atem hielt, ist noch nicht weggesteckt. Mit ihr schwand das sichere Gefühl – selbst wenn man nicht betroffen war –, zu jedem Zeitpunkt in ein Flugzeug steigen und nach Hause fliegen zu können. Zur Not auch aus Sulawesi. Manche Reiseveranstalter, Studiosus etwa, bieten in diesem Jahr überhaupt keine Fernreisen an – einfach, weil sich die Kunden mehrheitlich eine große Reise derzeit nicht trauen. So das Ergebnis einer Kundenbefragung.

Die Frage des Ehemanns
– Sag mal, brauchen wir in Italien eigentlich FFP2-Masken oder genügen die normalen medizinischen Masken?
– Puh, ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung …

Wie kompliziert das Abenteuer Reisen doch geworden ist. Eine Rückschau: Wer für ein verlängertes Wochenende nach Südtirol oder an den Gardasee wollte, packte schnell seinen Kram und setzte sich ohne lange nachzudenken ins Auto – und fuhr los. Die Buchung hatte man schnell mit einem Anruf oder einem Klick auf der Homepage im Auto erledigt.

Heute ist es so: Bevor man sich mit einem Glas Wein mit Blick auf Berg oder See belohnen darf, steht inzwischen erst mal ein mehrstündiges Abend-Studium der Einreisebedingungen auf diversen Internetseiten an. Maskenpflicht und Abstand halten sind längst Gewohnheit. Aber wie viele Fragen es auf einmal zu klären gibt …

Reisen 2021: Der Aufbruch ins Neue, Unbekannte?

Darf ich beim Transit durch Österreich für eine Pinkelpause anhalten oder muss ich wirklich durchbrettern? Welche Papiere müssen bei der Einreise und welche dann wieder bei der Ausreise vorgelegt werden. Darf der negative Corona-Test höchstens 48 oder 72 Stunden alt sein. PCR oder Antigen? Müssen Kinder ab zwei, ab sechs oder ab zehn Jahren eine Maske tragen? Bis alle Fragen geklärt sind, wäre man fast schon am Gardasee angekommen. Im Nachhinein betrachtet gleicht es glatt einem Wunder, dass Europa sich auf den Euro einigen konnte, einheitliche Reiseregeln gibt es jedenfalls nach einem Jahr Pandemie keine. Und phasenweise änderten sie sich sogar täglich.

Und an den Grenzübergängen nun wieder das alte, vergessen geglaubte Gefühl aus der Kindheit. Diese Aufregung, die sich mit jedem Kilometer in Richtung Grenze steigerte, als irgendwann die Mutter in der Handtasche nach den Pässen zu schauen begann und der Vater etwas aufrechter hinter dem Lenkrad saß, der uniformierte Beamte, der erst auf die Passfotos schaute und dann streng allen ins Gesicht. Was, wenn wir nicht weiterdürfen?

So ist es auch heute wieder. Mit dem großen Unterschied, dass in den Handtaschen nach Impfpässen und Testbescheinigungen gekruschtelt wird. Ist es da ein Trost, dass die Ungewissheit einmal vor langer Zeit das Reisen ausmachte. Nicht zu wissen, wo man am Abend sein wird? Der Aufbruch ins Neue, Unbekannte? Äh, nein …

Das Gespräch mit der Schwester
– Na, wie habt ihr euch entschieden?
– Für den Kaiserstuhl. Das klingt irgendwie spannend und ist eine Ecke von Deutschland, die wir noch nicht kennen. Eine Weingegend dazu.

Irgendwie sieht man auf die Welt nun wieder mit neuen Augen. Als Welt, wie sie ist: wunderschön, zweifelsohne! Aber voller Sorgen, Nöte und Gefahren. Zuletzt schien sie aber vor allem als Projektionsfläche für Selbstdarsteller missbraucht, die mit ihren inszenierten Posts die „sozialen Medien“ fluteten. Die Welt eine einzige Destination, die zu performen hatte. Die tatsächlichen Entfernungen schienen zusammengeschrumpft auf ein paar Flugstunden. Durch Corona sind uns die tatsächlichen Dimensionen wieder etwas bewusster geworden. Jetzt entdecken wir die Welt vielleicht noch mal auf neue Weise. Abenteuer sind Einstellungssache.

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