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Interview

03.07.2020

Spike Lee: „Wir haben ein Recht, wütend zu sein“

Mit seinem Film «BlacKkKlansman» gewann Spike Lee einen Oscar in der Kategorie "Bestes adaptiertes Drehbuch". Der Starregisseur thematisiert in seinen Filmen immer wieder das Thema Rassismus.
Bild: Joel C Ryan/Invision/AP/dpa

Plus Der Starregisseur über Rassismus in den USA und darüber, wie Corona Ungleichheiten noch sichtbarer macht. Einen Politiker jedenfalls nennt er nur noch Agent Orange.

Sie sollten dieses Jahr die Jury in Cannes leiten, wo auch die Premiere Ihrer Netflix-Produktion „Da 5 Bloods“ geplant war. Jetzt ist die Welt auf den Kopf gestellt. Wie gehen Sie damit um?

Spike Lee: Ja, es gab vieles, worauf ich mich gefreut habe. Aber ich bin ja nicht der Einzige auf Gottes Planeten, dessen Pläne auf den Kopf gestellt wurden. Wie heißt es bei John Steinbeck: Das Leben besteht hauptsächlich darin, dass man mit dem Unvorhergesehenen fertig werden muss. – Ich bin Teil dieser Welt, also nehme ich die Dinge, wie sie kommen. Dann leite ich die Jury von Cannes eben im nächsten Jahr, und ich hoffe, dass „Da 5 Bloods“ für die Oscars nominiert werden darf, obwohl er auf einem Streamer läuft.

Der Film, der die Schicksale afroamerikanischer Soldaten beleuchtet, beginnt mit einer ganzen Reihe historischer Ausführungen. Ist es Ihr Ziel, das Publikum zu erziehen?

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Lee: Ich mische halt ab und zu ein paar Informationen hinein. Wobei ich schon unterhalten möchte. Aber mein grundsätzliches Ziel ist es, den Machthabern den Spiegel der Wahrheit vorzuhalten. Und dabei appelliere ich an das junge Publikum. Ich habe die Jugend bei weitem nicht abgeschrieben. Als Filmprofessor an der New York University sage ich meinen Studenten, dass sie auch zurückblicken sollen. Und so habe ich eben am Anfang historische Fakten eingebaut, damit man die geschichtliche Situation versteht, in der dieser Film angesiedelt ist. Gleichzeitig verknüpfe ich die Story mit der Gegenwart. Denn ansonsten sagen sich diese jungen Leute: Das ist eine Geschichtsstunde, ist mir doch egal.

Mit der „Black Lives Matter“-Bewegung fängt nun womöglich Amerika an, seine Geschichte des Rassismus aufzuarbeiten. Trägt die Corona-Krise, von der Afroamerikaner überproportional betroffen sind, zu diesem neuen Bewusstsein bei?

Lee: Ich hoffe es. Die Pandemie hat zweifelsohne die Ungleichheiten in unserem Gesundheitssystem aufgedeckt. Sie schlägt gewissermaßen den Verputz von der Wand. Farbige, und damit meine ich nicht nur Afroamerikaner, sterben in einem viel höheren Ausmaß als alle anderen. Damit sich unsere Welt nach der Pandemie weiterentwickeln kann, müssen wir unsere Lektion lernen. Wenn das nicht passiert, dann sind all diese einzigartigen Menschen umsonst gestorben. Das dürfen sie nicht! Es müssen die richtigen Schlüsse gezogen und Maßnahmen implementiert werden. Das hoffe ich und dafür bete ich.

Spike Lees neuer Film "Da 5 Bloods" läuft beim Streamingdienst Netflix.
Bild: David Lee/Netflix/dpa

Warum ist es so schwierig, diese Benachteiligungen und Ungleichheiten zu eliminieren?

Lee: Das ist ein laufender Prozess. Oder wie ich zu sagen pflege: Der Kampf geht weiter. Und die Wurzeln dieser Probleme reichen eben weit zurück – bis in die Anfänge der USA. Die Staaten entstanden auf dem Fundament des Landraubs und der Sklaverei. Darauf gründen sich unsere ganze Macht und Einfluss, die bis heute fortbestehen. Doch das Fundament ist eben schadhaft. Ich habe immer Probleme damit, wenn man von den „Gründervätern“ spricht. Diese Weißen waren Sklavenhalter. George Washington, der erste Präsident der USA, besaß ein paar hundert Sklaven. Die indianischen Ureinwohner wurden in Konzentrationslagern eingepfercht. Wenn man von dem Leid der Afroamerikaner spricht, vergisst man leicht die Indianer, weil sie nahezu unsichtbar sind. Dabei sind ihre Lebensumstände beschämend. Die Western mit John Wayne, die die Indianer verteufelten, waren auch nicht gerade hilfreich.

Wie entwickelten Sie Ihr eigenes Bewusstsein für diese Ungerechtigkeiten?

Lee: Das habe ich auch meinen Eltern zu verdanken, die sehr sozial bewusst waren. Beim Abendessen sprachen wir über das, was in der Welt vor sich ging. Wenn wir um sechs Uhr abends die Nachrichten einschalteten, liefen die Nachrichten aus Vietnam. Das war ja der erste Krieg, der im Fernsehen übertragen wurde. Uns war klar, dass das ein unmoralischer Krieg war. Präsident Johnson, Präsident Nixon, das Pentagon – sie alle haben die amerikanische Öffentlichkeit belogen. Das waren Lügen, Lügen, nichts als Lügen. Wir haben miterlebt, wie Jungs direkt aus der Highschool eingezogen wurden, die dann ihr Leben verloren. Afroamerikaner waren davon ganz besonders betroffen. Sie bildeten zehn Prozent der Bevölkerung, stellten aber ein Drittel der Kampftruppen in Vietnam. Und sie wurden immer gleich an die Front geschickt.

Der aktuelle Präsident gerät ja zunehmend unter Beschuss. Wird diese Krise dazu beitragen, ihn aus dem Amt zu befördern? Wie bewerten Sie die Situation?

Lee: Ich kann nur sagen: Bei dieser Wahl geht es um Leben und Tod. Jedenfalls nach meiner Meinung. Sie müssen sich ja nur seine verrückten Pressekonferenzen ansehen. Da betreibt er Wahlkampf, anstatt sich mit den wirklichen Themen zu beschäftigen. Jeder Wissenschaftler, jeder Arzt sagt: Testen, testen, testen. Aber dieser Typ versteht das nicht. Ich muss euch Deutsche beglückwünschen: Ihr habt es kapiert. Jeder kapiert das. Du kannst nicht alles wieder aufmachen, wenn du nicht ausreichend testest. Ich stehe jedenfalls hinter Joe Biden und werde ihn und seine Kandidatin für die Vizepräsidentschaft unterstützen. Um Präsident Nr. 44 Barack Obama zu zitieren: Das wird die wichtigste Präsidentschaftswahl in der Geschichte der Vereinigten Staaten.

Wenn Biden gewinnt, wird sich die Situation für Afroamerikaner bessern?

Lee: Ich glaube, dass es unter ihm und seiner Vizepräsidentin spürbare Veränderungen gegenüber den letzten vier Jahren geben wird – ob für Afroamerikaner, Hispanics, Indianer, Schwule, ich kann die Liste endlos fortsetzen. Momentan befinden wir uns auf einer Fahrt in die Hölle, aber ich glaube, dass es uns dann gelingen kann, das Ruder herumzureißen und dieses Land wieder besser zu machen.

Als Geschichtenerzähler sind Sie zwangsläufig an Konflikten und Dramen interessiert. Ist so eine Zeit wie die jetzige nicht auf perverse Weise ideal für Sie?

Lee: Ich kann nicht für den Schmerz dankbar sein, den all diese Menschen vor ihrem Tod durchmachen mussten, und auch nicht für das Leid ihrer Familien. Das wünscht man niemand. Wie ich gerade eben sagte: Ich hoffe, dass sie nicht umsonst gestorben sind, sondern dass man jetzt die notwendigen Veränderungsmaßnahmen einleitet und das Geld richtig investiert wird. Dieses Land muss verändert werden. Die Menschen müssen eine richtige Gesundheitsversicherung bekommen. Ihre Kinder brauchen eine richtige Ausbildung. Es kann nicht angehen, dass nur Millionäre ihre Kinder aufs College schicken. Wer kein Vermögen hat, der muss zu diesem Zweck zwei, drei Hypotheken auf sein Haus aufnehmen. Und noch etwas – eines der wichtigsten Dinge, die Obama umgesetzt hat: Er hat so viel für die Umwelt getan. Doch Donald Trump, den ich Agent Orange nenne [inspiriert von dessen orangem Teint – nach dem chemischen Kampfstoff, den die USA im Vietnamkrieg mit für Mensch und Natur absolut verheerender Wirkung einsetzten], hat wieder alles abgeschafft – der Öl- und der Kohleindustrie zuliebe. Wenn diese Krise etwas Positives hatte, dann, dass die Erde wieder anfängt zu leben. Wir sehen Tiere, von denen nie jemand gehört hatte. Die Luft ist sauber. Es ist erstaunlich. Eine der Lektionen, die uns Corona beibringt, ist: Wir waren dabei, diesen Planeten zu töten.

Aber haben Sie ein Bauchgefühl, wie Sie als Filmemacher diese Erfahrungen der Pandemie verarbeiten werden?

Lee: Ich habe keine Ahnung. Keiner weiß, was danach passieren wird. Ich nehme jeden Tag, so wie er kommt. Ich weiß nur, dass diese Verlangsamung für mich positive Effekte hatte, die ich erhalten möchte. Vorher habe ich mich zerrissen, bin nur herumgehetzt. Jetzt habe ich wieder ein engeres Verhältnis zu meiner Familie. Punkt sieben Uhr setzen wir uns zum Abendessen. Früher war das nur sonntags der Fall, während des Lockdowns haben wir das jeden Tag gemacht und hatten unsere Freude an dem großartigen Dinner, das meine Frau gekocht hatte.

Das heißt, Ihre Frau war zu Küchendiensten verdonnert?

Lee: Sie mag es zu kochen, aber dafür musste sie danach nicht aufräumen. Dafür waren die Kinder und ich zuständig. Wir haben das Geschirr gespült und sauber gemacht. Das alles war die Gemeinschaftsarbeit der Familie.

Doch Sie können es sicher nicht mehr erwarten, Ihren nächsten Spielfilm zu drehen?

Lee: Das ist momentan nicht meine oberste Priorität, solange wir noch solche Zustände in New York haben. Wobei die New Yorker in den Sommermonaten nicht drinnen bleiben werden, wenn die Temperaturen immer weiter ansteigen. Das kann ich ihnen garantieren – Gott sei mein Zeuge. Ich habe schon einen Film zu dem Thema gemacht, was sich in einem heißen Sommer abspielen kann – „Do The Right Thing“.

Dieser Film zeigt prophetisch, wie sich die Wut der Menschen in einem gewalttätigen ethnischen Konflikt entlädt. Ist für Sie als Regisseur Wut ein wichtiger Motor?

Lee: Nein. Wenn Sie sich mein Werk anschauen, dann werden Sie nicht nur Wut, sondern auch Liebe und Humor finden. Natürlich ist ein Afroamerikaner, der mit Ungerechtigkeit konfrontiert wird, wütend. Und wir haben alles Recht der Welt, wütend zu sein. Wir waren hunderte Jahre lang Sklaven. Wir haben dieses Land aufgebaut. Aber nur wütend zu sein, ist nicht produktiv. So sehe ich das zumindest. Sie können das auch an „Da Five Bloods“ sehen. Da gibt es Wut, aber eben auch Liebe und Lachen. Der Film soll die Menschen ihrer ganzen Vielschichtigkeit zeigen – ob schwarz oder braun, gelb oder weiß. Unsere DNA enthält so viele Facetten, und die versuche ich in meinen Charakteren zu vermitteln. Wenn mir das nicht gelingt, dann wäre ich kein guter Filmemacher, da meine Figuren eindimensional wären.

Was halten Sie denn von eher eskapistischen Filmen wie „Black Panther“, die ein Wunschbild von „Black Power“ zeichnen?

Lee: Meine Mutter hat mir immer gesagt: Wir Schwarzen sind nicht alle gleich. – Und folglich gibt es viele afroamerikanische Geschichten. Die müssen sich nicht alle um Härten und Entbehrungen drehen. Es gibt Komödien, Musicals, Historienfilme und so weiter, die alle zu unserem Narrativ als Afroamerikaner gehören. Und all diese Filme sollen gedreht werden.

Auch Ihr Film endet auf einer versöhnlichen Note. Kann man daraus schließen, dass Sie im Prinzip Optimist sind?

Lee: Ich kann mich nur wiederholen: Der Kampf geht weiter. Und das gilt für jede Generation. Alle hoffen, die Welt für ihre Kinder zu verbessern. Und das trifft auf jede Bevölkerungsgruppe zu. Das ist auch meine Hoffnung. Aber dafür ist eines nötig: Agent Orange muss weg.

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