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Stille Epidemien

30.06.2019

Syphilis, Tripper & Co: Die alten Plagen sind zurück

Tripper wird von Gonokokken ausgelöst. Diese Bakterien sind weltweit wieder auf dem Vormarsch
Bild: ©royaltystockphoto - stock.adobe.com

Plus Krankheiten und Parasiten, die der Mensch für besiegt hielt, tauchen wieder vermehrt auf. Warum die heutige Lebensweise dies fördert und wie man sich schützt.

Kommen wir gleich zur Sache. Ein Vorspiel, ein künstlicher Spannungsaufbau passt hier nicht. Nicht zu dieser Geschichte. Da gibt es keine Zeit zu verlieren, schließlich hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) jüngst Alarm geschlagen und vor einer „stillen und gefährlichen Epidemie“ gewarnt. Also: Sexuell übertragbare Infektionen wie Syphilis und Tripper, von denen wir eigentlich glaubten, sie besiegt oder im Griff zu haben, sind wieder auf dem Vormarsch. Nicht nur die: Auch Parasiten wie Krätzmilben und Bettwanzen machen sich wieder vermehrt bei uns breit. Denn unser moderner Lebenswandel trägt massiv dazu bei, wie wir lieben, leben, reisen …

Außer ihrer Rückkehr haben diese, nennen wir sie, Plagen weitere Gemeinsamkeiten: Ihre Verbreitung findet häufig in Betten statt. Und: Die meisten Menschen sprechen lieber nicht darüber, obwohl es heute in vielen Bereichen des Lebens offener zugeht. Wen’s erwischt hat, der postet das nicht auf Facebook, der hängt das nicht an die große Glocke, auch nicht, wenn sexuell übertragbare Infektionen nicht mehr Geschlechtskrankheiten genannt werden: Heute heißen sie kurz und knapp STI von englisch für „Sexually Transmitted Infections“.

Über eine Million Infektionen pro Tag

Das Stigma ist aber trotz der Abkürzungen geblieben: Wer STI bekommt, gilt als schmuddelig, krank, unhygienisch. Das ist laut Experten nicht nur Unsinn, sondern vor allem ein großes Problem. Für die Patienten beim Hilfeholen, weil die Hemmschwelle groß ist. Für die Experten beim Aufklären und Bekämpfen, weil sie nur schwer an die Zielgruppen gelangen. Für die Behörden beim Statistikführen und Problemkartieren, weil viele Infektionen nicht meldepflichtig sind und somit genaue Zahlen fehlen – oder es nur Schätzungen gibt. Zum Beispiel die der WHO. Laut jüngstem Report von Mitte Juni gibt es jährlich weltweit mehr als 376 Millionen Neuinfektionen mit den häufigsten STI: Chlamydien, Gonorrhö, Syphilis und Trichomonaden – umgerechnet über eine Million Infektionen pro Tag.

Im Jahr 2016 haben sich demnach 156 Millionen mit Trichomonaden-Parasiten angesteckt, 127 Millionen Menschen mit den Chlamydien-Bakterien und 87 Millionen beziehungsweise 6,3 Millionen mit Klassikern unter den STI: Gonorrhö und Syphilis. Das entspricht insgesamt einer Steigerung von fünf Prozent gegenüber 2012. Kurz: Jeder vierte Mensch ist mit einer dieser Krankheiten infiziert, heißt es in dem Report. „Dies ist eine stille und gefährliche Epidemie“, sagt Melanie Taylor, eine der Autorinnen der Studie.

Um den gegenwärtigen Trend zu verstehen, lohnt sich ein Ausflug in die Vergangenheit. Wie wir liebten, lebten ...

Syphilis. Auslöser: Bakterium Treponema pallidum ssp. pallidum. Übertragungsweg: ungeschützte sexuelle Kontakte. Symptome: ganz verschiedene, weshalb die Krankheit nicht einfach zu diagnostizieren ist und auch das „Chamäleon der Medizin“ genannt wird. Häufig tritt an der Infektionsstelle ein Geschwür auf, im späteren Krankheitsverlauf sind rote Pusteln, Ausschlag häufig. Es gibt aber auch symptomlose Verläufe. Folgen: Zerstörung des zentralen Nervensystems möglich. Bei Schwangeren kann eine Syphilisinfektion zu Fehl- oder Frühgeburten führen. Therapie: Antibiotika.

Bild: Christoph Burgstedt/royaltystockphoto, - stock.adobe.com

Syphilis gilt als eine der am längsten bekannten sexuell übertragbaren chronischen Krankheiten der Welt. Wissenschaftler streiten darüber, ob Seefahrer sie nach der Entdeckung Amerikas im Jahr 1493 aus der Neuen Welt in die Alte Welt brachten oder ob sie schon früher in Europa existierte. Die erste dokumentierte Epidemie gab es jedenfalls 1494 oder 1495 in Neapel während des Italienischen Krieges. Von Genitalgeschwüren, Fieber, großen, faulig riechenden Abszessen oder Pusteln ist da die Rede, die plötzlich im französischen Soldatenlager auftauchten. Ebenso von abgefaulten Nasen oder Lippen und frühem Tod. Ein Großteil der Lagerbewohner waren wohl Söldner aus Flandern, der Gascogne, der Schweiz, Italien und Spanien. Dennoch wurde das Leiden als „maladie française“ bekannt: Franzosenkrankheit. Ihr medizinischer Name soll übrigens auf ein 1530 veröffentlichtes Gedicht des venezianischen Gelehrten Girolamo Fracastoro zurückgehen. Es handelt vom Hirten Syphilus, der unter der Krankheit litt.

Bis der britische Wissenschaftler Alexander Fleming per Zufall 1928 Penicillin entdeckte und damit die moderne Medizin prägte, galt Syphilis als unheilbar und war zudem weit verbreitet. Durch Antibiotika konnte die Krankheit nun bekämpft werden und verlor an Schrecken. Syphilisfälle gingen weltweit zurück, stiegen aber in den 60er Jahren wieder an, besonders in den USA, wo Vietnamkrieg-Rückkehrer Geschlechtskrankheiten einschleppten. 26 Prozent der Soldaten sollen damals eine STI gehabt haben, die meisten Tripper, etwa ein Prozent Syphilis. Und dann war da noch die freie Liebe, die immer mehr Anhänger fand. „Damals waren die Infektionsraten fast doppelt so hoch wie heute“, sagt Prof. Norbert H. Brockmeyer, Leiter des Zentrums für sexuelle Gesundheit und Medizin (WIR – Walk In Ruhr) am St. Elisabeth-Hospital in Bochum und bundesweiter STI-Experte.

"Safer Sex" schützt nicht nur vor HIV

Rapide zurück gingen die Zahlen dann in den 1980er Jahren, als plötzlich eine neue, unheilbare wie tödliche Krankheit auftauchte, vor der sich viele Menschen fürchteten: Aids. „Safer Sex“ setzte sich durch, Kondome senkten nicht nur das HIV-Ansteckungsrisiko, sondern schützten auch vor anderen Geschlechtskrankheiten – Syphilis-Infektionen nahmen ebenfalls ab. Eine Zeit lang. Seitdem nun durch die Antiretroviral-Therapie auch Aids in der westlichen Welt kein Todesurteil mehr ist und die sogenannte HIV-Präexpositionsprophylaxe (kurz: PrEP) ein Ansteckungsrisiko minimiert, hat die noch immer unheilbare Immunschwächekrankheit ebenfalls an Schrecken verloren. Die Folge: Die „Safer Sex“-Quote ist gesunken, und seit Ende der 1990er Jahre breiten sich auch Syphilis und Verwandte wieder aus, besonders stark seit rund zehn Jahren.

Da Syphilis eine meldepflichtige Krankheit ist, hat das Robert-Koch-Institut hierzu ausführliches Zahlenmaterial. Gab es 2001 noch knapp 2000 Fälle in Deutschland, wurden 2018 bereits 7343 registriert. Aktuell verzeichnet das Robert-Koch-Institut 2087 erkannte Infektionen. Männer, die Sex mit Männern haben, sind laut Statistik die größte Syphilis-Risikogruppe in Deutschland. Aber auch unter Heterosexuellen kommt die STI wieder vermehrt vor, weil sich das mit der Liebe etwas verändert hat. Außerdem:

Gonorrhö (umgangssprachlich Tripper). Auslöser: Neisseria Gonorrhoeae-Bakterien. Übertragung: ungeschützte sexuelle Kontakte. Symptome: Entzündung der Geschlechtsorgane und Harnwege, brennende Schmerzen beim Wasserlassen, oft eitriger Ausfluss, bis zu 80 Prozent keine Symptome. Folgen: chronische Entzündungen der Geschlechtsorgane, die auch zu Unfruchtbarkeit führen können. Therapie: Antibiotika.

Tripper wird von Gonokokken ausgelöst. Diese Bakterien sind weltweit wieder auf dem Vormarsch
Bild: Christoph Burgstedt/royaltystockphoto, Adobe.Stock

Die „Lustseuche“ plagt die Die Menschheit schon lange und wurde bereits von den alten Griechen beschrieben. Durch moderne Medikamente konnte sie im 20. Jahrhundert eingedämmt werden. Inzwischen lehrt der Krankheitserreger manch Mediziner das Fürchten, denn er hat Resistenzen gegen viele Antibiotika entwickelt. In Großbritannien geht etwa schon die Angst vor einem Super-Tripper um, der nicht mehr behandelt werden kann. Die in Deutschland empfohlene Therapie könne noch alle Gonokokken-Infektionen heilen, meint Prof. Brockmeyer. Er fordert von den Medizinern aber besondere Vorsicht bei der Verschreibung, damit keine weiteren Resistenzen entstehen.

Mit Sorge betrachtet Brockmeyer die generelle Zunahme an STI. Der Trend werde seiner Meinung nach durch das Internet, Social Media und Dating-Apps noch verstärkt, die in den vergangenen zehn Jahren immer beliebter geworden sind. Das Robert-Koch-Institut unterstützt seine These.

Es geht heute schneller zur Sache

Allein weltweit über 50 Millionen Menschen nutzen beispielsweise die Dating-App Tinder und suchen sich digital Sexualpartner aus Fleisch und Blut. Das niederschwellige Anbandeln läuft per Foto-Wischen: nach links, wenn die Person auf dem Foto einem nicht gefällt, nach rechts, wenn man sie kennenlernen möchte. „Wenn man früher mitunter 14 Tage gebraucht hat, bis man in der Disco jemanden angesprochen und geküsst hat, hat es in dieser Zeit heute schon mehrere Sexualkontakte gegeben“, sagt Brockmeyer. Gelegenheit macht One-Night-Stands – und auch Geschlechtskrankheiten.

Durch Tinder & Co steigt nicht nur die Zahl der sexuellen Kontakte, sondern auch das Risiko, sich mit einer STI zu infizieren, sagt der Experte. „In Chats wird eine Vertrautheit vorgegaukelt, als würde man sich kennen“, weiß Brockmeyer aus Patientengesprächen. Kondome würden entweder vergessen oder manch einer traue sich nicht mehr, auf „Safer Sex“ zu bestehen, nach dem Motto „ein Mal ist kein Mal“. Die Folge: Einer kriegt’s, überträgt es an 20 andere, und dann geht’s exponentiell weiter.

Brockmeyer stellt fest: Die Gesellschaft heute sei auf der einen Seite sexuell freier geworden, dennoch sei es für viele schwierig, über Sexualität zu reden, geschweige denn über STI, die immer noch stigmatisierend seien. „Der Mensch ist ja perfekt darin, das zu verdrängen“, sagt der Professor. Um dem entgegenzuwirken, steht er schon mal samstags mit einem Infostand in der Bochumer Fußgängerzone und redet mit Passanten. „Aufklären, aufklären, aufklären“ – lautet Brockmeyers Waffe gegen STI. Und nicht nur seine.

Auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat die Entwicklung in deutschen Betten erkannt und versucht inzwischen mit deutlich mehr Aufklärung gegenzusteuern. Im Jahr 2016 bereits wurde die Kampagne „Gib Aids keine Chance“ in eine umfassendere namens „Liebesleben“ umgewandelt. In der nimmt nun HIV keine herausragende Stellung mehr ein, sondern ist eine von vielen STI. „Kondome schützen – nicht nur vor HIV“, heißt es da. Über Radiospots, Anzeigen und das Portal www.liebesleben.de wird gezielt informiert über Symptome, Folgen, Schutzmaßnahmen – alles online. Und nicht nur dort.

Ein großes Tabuthema und eine hohe Dunkelziffer

Aber allein Google wirft beim Stichwort STI knapp 500 Millionen Treffer aus, bei Chlamydien 1,3 Millionen, bei Chlamydia 22,8 Millionen, bei Gonorrhoea 1,8 Millionen, bei Syphilis mehr als 16 Millionen, bei Trichomoniasis 2,2 Millionen … Und doch wissen viele Menschen, besonders die der Generation Internet, nicht über STI Bescheid, heißt es beim bayerischen Gesundheitsministerium, das daher vergangenen Monat die eigene Aufklärungskampagne „STI auf Tour“ gestartet hat. Es holte dafür auch Youtuber ins Boot, um besonders junge Menschen zu erreichen. Die Botschaft: STI sind normal, man muss sich nicht schämen, sondern behandeln lassen. Das entspricht auch Brockmeyers Aufklärungsprinzip: „Wir müssen den Leuten vermitteln, dass es normal ist, STI zu haben und die meisten im Laufe ihres Lebens eine hatten.“ Dann würden sich mehr testen lassen und mehr Fälle erkannt werden. Bisher sei die Dunkelziffer groß, so Brockmeyer.

Scabies, umgangssprachlich Krätze, Auslöser: Milbe Sarcoptes scabiei. Übertragung: längerer Körperkontakt von 5 bis 10 Minuten. Symptome: Papeln auf der Haut, rote Knoten, Juckreiz. Folgen: Hautentzündungen. Therapie: Cremes oder Tabletten.

Bild: Sebastian Kaulitzki, royaltystockphoto, stock.adobe.com

Laut WHO werden jährlich mehr als 200 Millionen Menschen von Scabies befallen, es handelt sich um eine der häufigsten Hauterkrankungen überhaupt. Genaue Zahlen für Deutschland? Fehlanzeige. Scabies ist nicht meldepflichtig. Experten wissen aber: Die Plage tritt in Wellen auf. Das bestätigt auch das Statistische Bundesamt, das zumindest die stationär behandelten Krätzefälle registriert. Im Jahr 2000 gab es demnach 2727 Fälle, bis 2010 sank der Wert auf unter 1000 Fälle pro Jahr. Seitdem wird Scabies wieder häufiger diagnostiziert und behandelt. Laut Barmer-Krankenkasse wurden ihren Versicherten 2017 im Schnitt 60 Prozent mehr Krätze-Medikamente verordnet als 2016.

Mit solchen Zahlen ist Professor Cord Sunderkötter, Dermatologe an der Martin-Luther-Universität Halle, vorsichtig. Der Anstieg an Scabies-Verdachtsfällen könne auch mitbedingt sein, weil inzwischen viele Ärzte für diese Diagnose sensibilisiert sind und häufiger daran denken oder bei Hautjucken einfach mal auf Verdacht gegen Scabies therapieren. Dass die Krätzmilbe wieder auf dem Vormarsch ist, sieht Sunderkötter jedoch auch. Der Parasit sei ebenfalls ein Nutznießer der zunehmenden Promiskuität, weil er etwa durch längeren Hautkontakt beim Sex übertragen wird. Aber nicht nur dabei – und das vergrößert den Personenkreis, der zum Wirt werden kann. Auch beim Kuscheln kann die Milbe rüberkrabbeln. Deshalb befällt sie auch häufig Kinder, da sie untereinander und mit Erwachsenen natürlicherweise längeren Körperkontakt haben. Ganze Familien können so ein Scabies-Problem bekommen.

Rechtspopulisten stürzen sich darauf

Laut Sunderkötter wurde auch die Fluchtbewegung mit der Zunahme der Krätze in Verbindung gebracht, ohne dass dies aber belegt werden konnte. Es bestehe zwar ein zeitlicher Zusammenhang, da Scabies seit 2015 wieder häufiger diagnostiziert werde. Ein Teil der geflüchteten Menschen stamme zwar aus Gegenden, in denen die Krätzmilbe häufiger vorkomme. Auch die Fluchtumstände, eine lange Reise, beengte Bedingungen, trügen zur Verbreitung unter Erwachsenen wie Kindern bei. „Aber wenn überhaupt, kann es nur einer von mehreren Gründen sein, zumal alle Schutzsuchenden bei Ankunft auf Scabies untersucht und bei Bedarf behandelt werden“, betont Sunderkötter.

Rechtspopulisten benutzen die Krätzehäufung und auch die leichte Zunahme an Tuberkulosefällen bereits für ihre Anti-Flüchtlingshetze. Die WHO hält dagegen: Statistisch gesehen werden Flüchtende und Migranten erst in Europa anfälliger für Krankheiten. Das Risiko, dass diese Menschen Infektionen an die Bevölkerung der Aufnahmeländer übertragen, sei äußerst gering. Das meint auch Sunderkötter. „Keine Angst vor Händeschütteln, Bus- oder Bahnfahren“, sagt der Arzt, der noch etwas festgestellt hat: „In Kriegszeiten waren bei uns viele davon befallen. Daher hat sich lange in den Köpfen gehalten, man bekommt Krätze, weil man sich nicht wäscht. Das ist Blödsinn“, sagt Sunderkötter. Die Milbe gräbt sich in die obere Hornschicht der Haut und geht nicht durch Waschen weg, sondern nur mit Medikamenten. Die Scabies-Behandlung sei allerdings nicht einfach und müsse konsequent durchgeführt werden.

Cimikose. Auslöser: Bettwanze (Cimex lectularius), nachtaktives Insekt. Übertragung: Schlafplätze. Symptome: rote Stiche, sogenannte Wanzenstraßen, Juckreiz, häufig aber auch symptomfrei. Folge: Hautentzündung möglich. „Therapie“: Schädlingsbekämpfer rufen.

Bettwanzen waren lange Zeit fast ausgestorben in Deutschland - jetzt sind sie wieder da. Das habe zwei Gründe, sagt ein Schädlingsbekämpfer.
Bild: Arno Burgi, dpa

Wenn Professor Sunderkötter verreist, gibt es für ihn eine goldene Regel: Koffer niemals auf oder unter das Hotelbett legen, immer auf das Koffergestell. Stephan Biebl geht seit ein paar Jahren sogar noch einen Schritt weiter. Er untersucht als allererstes das Kopfende des Hotelbetts, denn als Bettwanzenexperte weiß er: Die blutsaugenden Insekten sind am ehesten dort anzufinden, weil sie von CO2 angezogen werden, Wärme und Körperausdünstungen mögen und nicht gerne weit krabbeln. Findet er schwarze Kotpunkte oder eine Wanze, fordert er sofort ein neues Zimmer.

Als Biebl vor 20 Jahren seinen Meister in Schädlingsbekämpfung machte, waren Bettwanzen kein Thema, sagt er. Durch Insektizide wie DDT seien die unliebsamen Insekten zurückgedrängt worden. Nun aber, so haben Dermatologe Sunderkötter, Bettwanzen-Experte Biebl und auch der Deutsche Schädlingsbekämpfer-Verband (DSV) festgestellt: Cimex lectularius ist seit ein paar Jahren wieder auf dem Vormarsch. Der DSV-Landesverband Berlin-Brandenburg liefert den statistischen Beweis: Die Zahl der Bettwanzen-Bekämpfungen hat sich zwischen 2008 und 2014 verdreifacht. Seitdem befinde sich der Befall auf konstant hohem Niveau, sagt Vorsitzender Mario Heising. Für Bayern gibt es keine solche Statistik.

Die Biester sind lichtscheu, reisefreudig, zäh und faul

Dass die Biester nun aber wieder vermehrt in Deutschland auftauchen, hat laut Biebl zwei Gründe. Die Chemie-Keulen seien heute schwächer. Und: Durch die Billigflieger sei die weltweite Reisetätigkeit gestiegen und somit auch das Risiko, von Bettwanzen attackiert zu werden und sogar blinde Passagiere im Gepäck nach Hause zu transportieren. Ob Hostel, Berghütte oder Fünf-Sterne-Hotel, ob Zug oder Flugzeug – überall können „Bed Bugs“ lauern, besonders bei hoher Gästefrequenz. Aber auch in Secondhand-Kleidung und Gebrauchtmöbeln, sagen Sunderkötter und Biebl.

Weil Bettwanzen lichtscheu, reisefreudig und anpassungsfähig sind, seien sie auch nicht so einfach zu bekämpfen. Sie können sich hinter Lichtschaltern und in Ritzen verstecken und monatelang ohne Nahrung auskommen. Das Umweltbundesamt rät in seiner Infobroschüre, bei Wanzenbefall einen professionellen Schädlingsbekämpfer zu rufen. Denn selbst für die Profis kann die Bekämpfung eine Herausforderung sein. Die setzten mitunter WanzenSpürhunde ein, um die Nester zu finden, und erhitzen dann entweder den befallenen Raum mit Spezialöfen auf bis zu 60 Grad oder verwenden Chemikalien. Wobei Biebl zufolge manche asiatischen Bettwanzen schon Resistenzen gegen einige Mittel entwickelt haben …

Und jetzt noch eine gute Nachricht zum Schluss

Nach all den Sorgen zum Schluss noch eine gute Nachricht über Plagegeister. Manche Eltern wittern auch eine Häufung von Madenwürmern oder Läusen, wenn etwa wieder ein Zettel in der Kita „Wir haben Läuse in einer Gruppe“ hängt oder wieder Ratgeber über Würmer in den Medien auftauchen. Aber Experten geben Entwarnung: „Madenwürmer hat es immer gegeben, bloß die Hysterie hat zugenommen, dabei sind die harmlos und leicht zu behandeln“, sagt Parasitologe Professor Klaus Brehm von der Universität Würzburg.

Mit Läusen verhält es sich laut Experten ähnlich: ekelig, nervig, harmlos, aber nicht mehr geworden. Einen Läuse-Trend jedoch haben das Gesundheitsamt Augsburg und auch der Augsburger Kinderarzt Martin Lang, Landesvorsitzender der Kinder und Jugendärzte in Bayern, festgestellt: „Die treten nur immer wieder nach den Ferien vermehrt auf.“ Denn auch diese Tiere lauern gerne in fremden Betten.

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