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Corona-Pandemie

01.11.2020

Über zwei Väter, die den Kampf gegen Covid-19 verloren haben

Für immer im Herzen - diesen Anhänger hat die 39-jährige Mutter und Witwe, die hier erzählt, für sich und ihre beiden Kinder anfertigen lassen, als Erinnerung an den an Covid-19 verstorbenen Ehemann und Vater.
Bild: Lea Thies

Plus Corona reißt Menschen aus dem Leben. Zwei Frauen aus der Region, 39 und 57 Jahre alt, erzählen, wie Corona ihre Familien getroffen hat. Und sie sprechen über den jähen Tod ihrer Ehemänner.

Protokoll einer 39-jährigen Mutter zweier Kinder (3 und 5) aus der Region, die ihren Mann, 49, wegen Covid-19 verloren hat:

Für meine beiden Kinder habe ich einen Papa-Bilderrahmen aufgestellt, darin ist auch unser letztes Familienbild zu sehen. Fasching 2020. Wir haben uns verkleidet, für die Kinder. Mein Mann war eigentlich ein Verkleidungsmuffel, aber dieses Jahr war es anders. Plötzlich zog er bunte Strümpfe über die Hose und war ein Clown.

Im Fasching fing auch unsere Familiengeschichte an. Wir lernten uns 2003 am Rosenmontag in einer Cocktailbar kennen, wir waren beide nicht verkleidet. Am nächsten Tag sind wir zum Skifahren gegangen. Ich war damals 22, er 32, ich merkte sofort, dass ich mit ihm gut und über alles reden konnte. Das hat sich in den 17 Jahren, die wir zusammen waren, nicht verändert. Wir saßen nie schweigend nebeneinander im Auto. Und ich passte immer auf, dass er nicht geblitzt wurde. „Du bist mein bester Radarwarner“ hat er immer gesagt und gelacht. Er hatte einen tollen Humor. Und ich konnte mich auch immer blind auf ihn verlassen. Mein Mann war ein Familienmensch. Er liebte es, unseren Sohn ins Bett zu bringen, ihm vorzulesen.

Jetzt haben wir Kinder und der Papa ist nicht mehr da

Wir hatten uns so sehr Kinder gewünscht, lange hatte es nicht geklappt, nun haben wir welche, aber jetzt ist der Papa nicht mehr da. Das macht mich so unfassbar traurig. Meine Kinder sagen dauernd: „Ich will meinen Papa wieder haben!“ Ich erkläre ihnen dann, dass er im Himmel ist und dort auch bleibt und dass er auf uns aufpasst. Mein Mann, ihr Vater, er fehlt uns so sehr. Am schlimmsten ist es, wenn wir Dinge zu dritt unternehmen, die wir sonst zu viert gemacht haben, als wir noch glücklich waren.

 

Ich habe keinen Moment daran gedacht, dass er nicht zu uns zurückkommen würde, als er am 27. März mit dem Rettungswagen vom Fiebermesszentrum am Bodensee abtransportiert wurde. Ich sagte meinen Kindern, dass die Ärzte dem Papa nun helfen. Aber das war das letzte Mal, dass mein Sohn, 4, und meine Tochter, 3, ihren Vater sahen, auf einer Liege, mit Sauerstoffmaske im Gesicht. Ich bin mir sicher, wenn wir damals noch in Bayern gewohnt hätten, wäre mein Mann noch am Leben.

Ich rief die 112 und niemand kam

Damals, im März, ging alles drunter und drüber. Corona war ganz neu, für alle. Wir bekamen mit, wie die bayerische Regierung mit der Pandemie umging und fanden das richtig. In Baden-Württemberg war aber alles viel lockerer. Wir entschieden, aus Rücksicht auf die Kinder kein Risiko einzugehen und trafen uns mit niemandem. Ich ging immer alleine einkaufen und mein Mann blieb bei den Kindern. Sogar eine Geburtstagsfeier in der Familie sagten wir ab. Dann steckte sich mein Mann bei einem Arbeitskollegen an, der ihm im Büro gegenüber saß, weil mein Mann ihm Dinge zeigen sollte. So war er, immer hilfsbereit, freundlich, konnte nie nein sagen. Er engagierte sich ehrenamtlich. Er liebte Technik und Erdbeerkuchen. Und er hatte ein Faible für Modellhubschrauber. Eines Tages wollte er unserem Sohn zeigen, wie man sie steuert.

Am 17. März ging es los, er fühlte sich nicht gut. Am nächsten Tag ging er mit Fieber zu unserer Hausärztin. Die fragte nur, ob er in einem Risikogebiet gewesen sei. Als er verneinte, wurde er nicht getestet. Am übernächsten Tag rief dann der Kollege an, dass er Kontakt zu einer infizierten Person gehabt hatte. Wir informierten sofort das Gesundheitsamt, aber dort hieß es nur: „Das ist das Ende des Rattenschwanzes, er wird nicht getestet.“ Wir blieben daheim und warteten ab. In der nächsten Woche ging es ihm so schlecht, dass ich am Donnerstag, 26. März, die 112 anrief. Mein Mann fand das übertrieben, aber er redete da schon wirres Zeug. Die 112 sagte mir, sie seien nicht zuständig, ich solle die 116 117 anrufen. Dort hieß es, er solle mehr trinken. Er trank aber nicht. Ins Krankenhaus durfte ich ihn nicht einfach fahren, hieß es. Ich war so verzweifelt, dass uns nicht geholfen wurde. Ich kam mir vor wie in Afrika. Aber dort weißt du, dass keine Hilfe kommt. In einem Land wie Deutschland rechnet man nicht mit so was. In Bayern wäre sicher jemand zu uns nach Hause gekommen und hätte uns geholfen.

Der Arzt sagte, so etwas habe er noch nie gesehen

Zwei Stunden später rief mich die 116 117 zurück, mein Mann solle am nächsten Tag ins Fiebermesszentrum fahren. Allein. Aber das hätte er nicht mehr geschafft. Für 16 Stunden später bekamen wir einen Termin. Als er sich anzog, brauchte er Hilfe. Wir bekamen seine Hose nicht zu. Da wusste ich, da stimmt etwas gewaltig nicht. Er schleppte sich in das Fiebermesszentrum, wir warteten draußen im Auto. Als eine Angestellte einen Sanitäter nach Sauerstoff fragte, wusste ich, für wen das ist. Wenig später wurde mein Mann mit dem Krankenwagen abtransportiert. Wir hatten große Angst. Im Krankenhaus durften wir meinen Mann nicht besuchen. Ich wurde telefonisch informiert. Ein Arzt sagte, dass er noch nie so eine kaputte Lunge bei einem so jungen Mann und Nichtraucher gesehen hatte. Mein Mann hatte auch keine Vorerkrankungen gehabt.

Plötzlich fingen meine Kinder an zu fiebern

Erst wurde er mit einer Maske beatmet, dann intubiert. Am Mittwoch wurde er mit einem Helikopter in eine Uniklinik gebracht und an eine Maschine angeschlossen, die das Blut mit Sauerstoff anreichert. Ich hoffte, dass nun alles gut wird. Nun bekam mein Sohn über 40 Fieber und der Telefonmarathon ging wieder los. Ich bekam das Fieber mit Ibuprofen nicht runter, in den Apotheken gab es kein Paracetamol mehr zu kaufen. Weil der Kinderarzt einer Freundin sich für uns einsetzte, durften wir uns doch bei der Kinderklinik vorstellen. Zuvor waren wir dort abgewiesen worden.

Dann bekam ich den Anruf, dass mein Mann eine Hirnblutung hatte und dass es keine Hoffnung mehr gibt. Ich durfte ausnahmsweise zusammen mit einem Pfarrer zu ihm und mich von ihm verabschieden, die Kinder nicht. Als ich zu ihm ins Zimmer kam, habe ich ihn fast nicht wieder erkannt. Er lag im Koma. Ich sprach von den Kindern, ich bin mir sicher, dass ich ihn erreicht habe. Aus seinem linken Auge floss eine Träne. Ein Pfarrer gab ihm die letzte Ölung. Dann stellten die Ärzte die Maschinen ab. Ich bin froh, dass ich noch mal bei ihm sein durfte. Für meine Kinder ist der Abschied ohne Abschied schlimm. Zwei Tage nach dem Tod seines Vaters hatte mein Sohn seinen 5. Geburtstag. Ich habe in diesen Tagen einfach nur funktioniert. Plötzlich war ich allein, ohne Teampartner. Unser Haus, das wir vor drei Jahren gekauft haben, kann ich wohl allein nicht halten. Meine Kinder könnten nun also auch noch ihr Zuhause verlieren.

Der Pfarrer hat für uns drei extra eine eigene Trauerfeier abgehalten. Mein Sohn denkt, der Sarg sei eine Schatzkiste, in der der Papa nun liegt. Ich habe meinen Kindern und mir je eine Kette mit einem Herzanhänger anfertigen lassen. Vorne ist ein Foto von Papa, hinten steht „Für immer im Herzen“. So ist er auch äußerlich immer bei uns.


Protokoll einer 57-jährigen Mutter zweier Kinder (21 und 23) aus der Region, die ihren Mann, 60, wegen Covid-19 verloren hat:

Das Letzte, was ich meinem Mann vorgelesen habe, war ein Artikel aus der Frankfurter Rundschau über Glück und Geld. Darin stand, dass man Glück nicht kaufen kann, dass das wahre Glück im Leben tiefe und erfüllte Beziehungen zu Menschen sind. Das wussten wir längst. Wir hatten uns, unsere kleine Familie. Das war meinem Mann das Allerwichtigste. Er war ein Familienmensch: Vater, Ehemann, unser bester Freund. Und er war die Liebe meines Lebens. Als wir uns 1987 in Konstanz im Studium trafen – er im Iran aufgewachsen, ich ursprünglich aus Polen –, wussten wir, dass wir für immer zusammenbleiben. Es gibt Begegnungen, die das auslösen. Wir waren glücklich. Eine Glückszelle. Wir dachten, wir hätten noch so viel Zeit. Und dann ging alles so schnell vorbei. Ein Unfall.

Wir waren die Fälle 7, 8, 9 und 10 in Augsburg

Am 6.1. 2020 feierten wir noch seinen 60. Geburtstag. Weil er an Heiligdreikönig geboren wurde, nannten wir ihn in unserer Familie liebevoll „unseren vierten König“. Wo und bei wem wir uns mit Corona angesteckt haben, wissen wir nicht. Es war zu einer Zeit, als noch niemand Masken trug. Wir müssen einem Menschen begegnet sein, ohne rote Pusteln oder blaue Hörner, ohne Vorwarnung, der uns infiziert hat. Zu diesem Zeitpunkt ein kaum vorstellbarer Zufall.

 

Als ich an meinem Geburtstag, dem 10. März, plötzlich krank wurde, habe ich mich vorsorglich testen lassen: das Ergebnis war positiv. Alle vier sind wir krank geworden – erst ich und spät abends mein Mann, dann die Kinder (21 und 23 Jahre). Getestet werden durfte zu diesem Zeitpunkt allerdings nur ich. Fieber, Abgeschlagenheit, Verlust des Geschmackssinns – alle lagen wir irgendwann im Bett und haben gehofft, dass alles wieder gut wird. Es hieß überall nur: abwarten. In diesen Tagen waren wir ganz allein. Die Bedrohung war so neu. Ängste, Unsicherheit und wenig Erfahrung mit Corona auf allen Seiten: Freunde, Ärzte, Gesundheitsamt … Wir waren die Fälle 7, 8, 9 und 10 in Augsburg, sagte man uns später.

Für meinen Mann wurde es nicht besser. Er war Nichtraucher, hatte keine Vorerkrankungen gehabt. Es begannen vier schreckliche Wochen Krankenhaus. Schwerer Verlauf, Todesangst und das brutale Alleinsein im Klinikum, ohne Familienmitglieder am Krankenbett. Wir hatten große Sorgen und Ängste. Wie versteinert warteten wir auf dem Sofa auf die täglichen Anrufe aus der Uniklinik – auf Besserung hoffend. Wir durften nicht zu ihm, um ihm Kraft zu spenden. Liebe bewirkt doch unglaubliche Wunder, daran glaube ich. Am 21. April hat unser mein Mann, der Vater unserer Kinder, unser Freund den Kampf gegen Covid-19 verloren. Er war der dreizehnte Covid-19-Verstorbene in Augsburg.

Seine Sachen liegen noch auf dem Sofa, als würde er kommen

Wir haben ihn noch nie so lange nicht gesehen … Alles von ihm ist noch da, alles aus unserem schönen gemeinsamen Leben. Zuhause haben wir seine Sachen, die er trug, als er ins Krankenhaus kam, noch auf dem Sofa liegen, als würde er kommen und sie anziehen. In seinem Geldbeutel liegt noch immer der von ihm lange aufbewahrte Zettel aus einem Glückskeks: „There is no place like your own place.“ Das war sein Leitgedanke. Und immer fürsorglich, verständnisvoll, in einem ganz engen liebevollen Miteinander mit seinen Kindern.

Er hatte in Augsburg sein Zuhause gefunden und lebte gerne hier. Wir genossen immer ganz bewusst, im Herbst oder im Winter abends nach einer Veranstaltung oder nach dem Kino bei Dunkelheit und Kälte nach Hause zu radeln. Das war für uns das hautnahe Spüren des Lebens, der Lebendigkeit und der Verbundenheit.

Mein Mann hatte viele Lieblingsorte in der Stadt, einer davon war die kleine Bank am Stadtgraben, unter den großen Kastanien an der kleinen Brücke zur Schwibbogenmauer. Dort habe ich ihn auch vergangenes Jahr fotografiert. Fröhlich, kräftig, strahlend – das war mein Mann. Er liebte es, mit unserem VW-Bus Deutschland und Europa zu entdecken. Wir haben auch mehrmals gemeinsam seine alte Heimat Iran besucht, die er im Herzen nie ganz verlassen hatte. Der Iran ist auch für uns zu einer zweiten Heimat geworden. Mit dem Abschied von meinem Mann nehmen wir auch davon Abschied. Niemand wird mehr bei uns daheim Farsi sprechen.

Er hatte zwei Pässe, zwei Kulturen, zwei Religionen

Mein Mann konnte sich unglaublich gut Zahlen, Namen und Geschehnisse merken und Sachverhalte erklären. Autos, Computer und allerlei Konstruktionen waren für ihn, den Maschinenbau-Ingenieur und IT-Administrator, schon immer faszinierend. Er war immer so vielseitig interessiert, las viel, informierte sich, war neugierig und engagiert. Er sah sich als kleiner Teil eines großen Ganzen. Wir waren bei den Fridays for Future-Demonstrationen, unser Klima und der Frieden waren ihm sehr wichtig. Er wollte die Dinge und Zusammenhänge verstehen – und er verstand sie auch. Wir konnten ihn stets fragen, immer hatte er eine Antwort. Mein Mann war ein sehr warmherziger Mensch mit einer warmen Stimme und feinen Werten: Toleranz, Gerechtigkeit und Weltoffenheit waren ihm sehr wichtig. Er hatte zwei Pässe, war in zwei Kulturen zu Hause, hatte zwei Muttersprachen und zwei Religionen: Als Muslim geboren, als Christ gelebt und gestorben.

Wir hören nur die traurigen Töne der Musik des Lebens

Wir haben sehr viel Kondolenzpost erhalten. Von seinem Arbeitgeber hat er einen schönen Nachruf in der Zeitung bekommen. Das war uns ein Trost. Mein Mann war sehr beliebt und ein gemochter Mensch. Gut denken, gut reden, gut handeln – das lebte er. Er hatte ein herzliches Lachen, ein großes Herz und stets ein frohes Gemüt mit Wortwitz und Humor. Er stand nie im Mittelpunkt und war doch immer präsent. Mein Mann war stets voller Zuversicht für einen guten Ausgang. Sein Jugendfreund meinte voller Überzeugung: Sein Tod ist eine große Verschwendung!

Wir müssen uns noch immer jeden Tag vergewissern, was war und was nun ist. Es will einfach nicht in unsere Köpfe hinein. Unser jetziges Leben fühlt sich wie Warten an. Sein Platz ist so unendlich leer. Die Kinder studieren, ich arbeite. Und doch ist alles anders. Wir fühlen uns wie auf einem überdimensionalen Plattenspieler, der das Lied des Lebens spielt. Wir laufen am Rand, nehmen etwas wahr, aber nicht viel – nur Töne der Trauer und Sehnsucht.

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