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Umwelt
11.04.2021

Alternative zur traditionellen Fischerei: Die Aquakultur hat Hochkonjunktur

Immer mehr Fisch wird aus Aquakulturen gewonnen.
Foto: Patrick Pleul, dpa

Schon heute wird etwa die Hälfte der jährlich verzehrten Menge an Fisch und Meeresfrüchten aus Aquakulturen gedeckt. Eine vorläufige Bilanz.

Die Heimat der White Tiger Shrimps ist der Südpazifik. Als erwachsene Tiere leben die Garnelen dort auf dem schlammigen Grund des tropischen Meeres. Doch auch im niedersächsischen Binnenland tummeln sich seit einiger Zeit die marinen Krebstiere. Und in Kiel, Hamburg, dem hessischen Niedenstein … In Aquakulturen werden die Garnelen produziert, umweltfreundlich und nachhaltig, wie die Hersteller betonen.

Garnelen sind hierzulande ein Nischenprodukt, vor allem werden Karpfen, Forellenfische und Miesmuscheln in Aquakulturen gezüchtet. Weltweit sind es mittlerweile über 400 Arten, die als Alternative zur traditionellen Fischerei kontrolliert produziert werden, darunter Süß- und Meerwasserfische, Schalentiere wie Krebse oder Muscheln und Algen. Die Zuchtanlagen an Land oder im Meer sollen dazu beitragen, die Überfischung der Meere einzudämmen und gleichzeitig die steigende Nachfrage nach Fisch und Meeresfrüchten zu befriedigen.

Klingt gut, aber kann das gelingen? Eine Gruppe um die Wirtschaftswissenschaftlerin Rosamond Naylor von der Stanford University zog nun eine Bilanz der Entwicklungen. „Die Aquakultur wird weiter wachsen. Wenn wir es nicht richtig machen, riskieren wir die gleichen Umweltprobleme, die wir bei Landkulturen und Tierhaltungssystemen gesehen haben: Nährstoffverschmutzung, übermäßiger Einsatz von Antibiotika und Veränderung des Lebensraums, was die biologische Vielfalt bedroht.“

Seit ihren Anfängen kämpft die Aquakulturwirtschaft mit einer Reihe von Problemen

Schon heute wird etwa die Hälfte der jährlich verzehrten Menge an Fisch und Meeresfrüchten aus Aquakulturen gedeckt. 2018 belief sich die Produktion nach Angaben der Welternährungsorganisation FAO auf gut 82 Millionen Tonnen. Weltweit betrachtet nimmt die Lust auf Fisch und Meeresfrüchte seit Jahren zu: Laut Fischereibericht 2020 stieg der globale Pro-Kopf-Verbrauch zuletzt auf einen Rekordwert von 20,5 Kilo im Jahr.

Ein Großteil der Aquakultur, weltweit etwa 75 Prozent des essbaren Volumens, entfällt auf Süßwasserkulturen – etwa die Zucht von Karpfen und Forellen in Teichen und Fließrinnen. Marine Fischarten werden meist vor der Küste in großen Käfigen gezüchtet, etwa Lachse vor der norwegischen Küste. Asien ist mit einem Anteil von 92 Prozent Hauptproduzent, vor allem China.

„Die Aquakultur ist aus der Nahrungsmittelproduktion nicht mehr wegzudenken“, sagt Philipp Kanstinger, Experte bei der Umweltstiftung WWF. „Die Meere sind erschöpft, trotz immer höherer Investitionen stagnieren die Fangmengen an Wildfisch seit Jahren.“ Darum, so sagt Ulfert Focken vom Institut für Fischereiökologie am Thünen-Institut in Bremerhaven, werde die Aquakulturwirtschaft zunehmend wirtschaftlich interessant. „Noch in den 1980er Jahren war die Aquakultur in Teilen Asiens und in Afrika kaum mehr als eine erweiterte Subsistenzwirtschaft. Die Fische wurden im eigenen Haushalt genutzt oder auf lokalen Märkten verkauft.“ Heute seien viele mittlere und größere Betriebe hinzugekommen, die auf nationale und internationale Märkte ausgerichtet seien.

Seit ihren Anfängen kämpft die Aquakulturwirtschaft mit einer Reihe von Problemen, eines davon betrifft die Fütterung gezüchteter Raubfische mit wildgefangenen Fischen – in Form von Fischmehl und -öl. Die Nachfrage nach diesen Produkten sei weiterhin hoch, die Preise für die Erzeugnisse steigen. Allerdings sei die pro erzeugtem Aquakultur-Fisch benötigte Menge an Fischmehl und -öl stetig gesunken, berichten die Forscher um Naylor in der aktuellen Nature-Studie.

Zum Schutz der Umwelt ist auch die Wahl eines geeigneten Standorts in der Aquakultur wesentlich

„Wir waren erfolgreich darin, Raubfische wie Lachs und Forelle zu Vegetariern zu machen“, sagt Co-Autor Ronald Hardy vom Aquaculture Research Institute in Idaho. Statt mit Fisch werden die Räuber verstärkt mit pflanzlichen Alternativen gefüttert, etwa Sojaprotein und Rapsöl. Thünen-Experte Focken ergänzt: „Die Reduktion von Fischmehl und Fischöl im Futter ist ein wesentlicher Schritt zu einer nachhaltigen Aquakulturproduktion.“

Allerdings müsse auch beim Anbau der Futterpflanzen auf eine nachhaltige Bewirtschaftung geachtet werden, betont WWF-Experte Kanstinger. „Soja aus brasilianischem Anbau oder Palmöl aus Indonesien sind angesichts der Vernichtung natürlicher Lebensräume meist keine guten Alternativen.“ Insgesamt seien Fische aber bessere Futterverwerter als etwa Schweine oder Rinder: „Der ökologische Fußabdruck ist in der Fischzucht deshalb oft geringer.“

Zum Schutz der Umwelt sei auch die Wahl eines geeigneten Standorts in der Aquakultur wesentlich. Die Umwandlung natürlicher Lebensräume etwa müsse unbedingt vermieden werden, betont WWF-Experte Kanstinger. Die Anlage von Aquakulturen sei heute etwa für den Rückgang der globalen Mangrovenbestände mitverantwortlich.

Käfiggehege im offenen Meer, etwa in der norwegischen Lachszucht, sieht Kanstinger kritisch. Zu groß sei die Gefahr, dass sich von dort Parasiten wie die Lachslaus auf natürliche Bestände ausbreiteten. Wenn Tiere aus den Anlagen entkämen, bestehe zudem die Gefahr, dass sich die Zuchttiere mit Wildlachsen kreuzten – mit womöglich unerwünschten Folgen für den Genpool der Art. Schließlich gelangten mit den Fäkalien der Tiere jede Menge Nährstoffe auf engem Raum in die Meere. Um diese Probleme zu umgehen, sollte der Kontakt der Käfige zum Meer vermieden und Lachse lieber in geschlossenen Kreislaufanlagen gezüchtet werden.

Schon heute sei der ökologische Fußabdruck bei einigen Formen der Aquakultur sehr günstig

Wie die Zucht mariner Fische an Land gelingen könnte, untersucht ein internationales Forscherteam mit deutscher Beteiligung seit vergangenem Herbst im Projekt DigiRAS, geleitet von der norwegischen Forschungsorganisation SINTEF. Momentan sei der Betrieb allerdings teuer, sagt Thünen-Forscher Focken: „In der Produktion von Speisefisch spielen sie deshalb noch eine untergeordnete Rolle.“ Ohne geschlossene Anlagen, also etwa bei der Zucht in offenen Teichanlagen oder in Durchflussanlagen, habe man an Land die gleichen Probleme wie im Meer: die Ausscheidungen der Tiere können in natürliche Gewässer gelangen und die Ökosysteme schädigen.

Und doch: Schon heute sei der ökologische Fußabdruck bei einigen Formen der Aquakultur sehr günstig, etwa bei der Produktion von Algen oder Muscheln, so Kanstinger. Hoch im Kurs stehen bei den Verbrauchern hierzulande allerdings eher Raubfische wie Lachs und Dorade. Auch die hiesige Karpfen-Zucht in Teichen gilt als ökologisch nachhaltig, allerdings ist die Nachfrage gering, die Zahl der Teichwirte sinkt seit Jahren.

Insgesamt überwiegen die Vorteile der Aquakultur die Nachteile, meint Ulfert Focken. „Es gibt zahlreiche Beispiele für nachhaltige Aquakultur-Systeme, die Performance hat sich in den vergangenen 20 Jahren weltweit gebessert.“ Anders als hierzulande, wo der Fisch-Verzehr vor allem eine Frage des Geschmacks ist, werde über die Aquakultur in vielen Teilen der Welt die Grund-Versorgung der Menschen ermöglicht. „In großen Teilen der Weltbevölkerung kann die Aquakultur dazu beitragen, die Ernährung zu sichern, insbesondere die Versorgung mit tierischem Eiweiß.“

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