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Fußball-WM 2018

08.06.2018

Unvergessliche WM-Momente: Augenblicke, die das Leben prägen

Jede Weltmeisterschaft steckt voller einmaliger Momente.
Bild: Ole Spata, dpa

Jede Fußball-WM gräbt sich in die Biografie ein. Besonders anfällig: Kinder. Die Redaktion blickt zurück auf große und kleine Momente vergangener Turniere.

Bis in die Nachspielzeit schien der Traum vom Weltmeistertitel 2006 im eigenen Land zum Greifen nah. Die beiden Tore der Italiener gegen Deutschland rissen die Zuschauer aus ihren Träumen. Der Weg nach Hause führte meine Freunde und mich bei einem italienischen Restaurant vorbei. Die Kellner, die draußen bedienten, lächelten uns zu. Nicht hämisch. Mitfühlend.
Christian Gall, WM 2006

Die erste WM ist die schönste. Mein erstes Mal war 1990. Italien! Muss man mehr sagen? Und ein Auftakt wie gemalt. Fußballzwerg Kamerun gegen Weltmeister Argentinien. Es geschieht das Unfassbare: Die Afrikaner schießen ein Tor und haben plötzlich die ganze Welt auf ihrer Seite – am Ende sogar den Fernseh-Kommentator. „Ich will nicht parteiisch sein, aber: Lauft, meine kleinen schwarzen Freunde, lauft!“, ruft Marcel Reif. Sie laufen, sie gewinnen 1:0 und schaffen es bis ins Viertelfinale. Dank eines 38-Jährigen Fußballrentners namens Roger Milla. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.
Michael Stifter, WM 1990

Fußballspieler sahen aus wie die eigenen Onkel oder der Getränkehändler um die Ecke. Grobschlächtig, gestaucht, kantig, alt. Doch dann kam die WM 1974 in Deutschland. Francisco Marinho lief auf. Ein Popstar, blonde Mähne, sonnengebräunt, elegant, bunte Armbändchen, Typ Surfer, 22, Brasiliens Jungstar. Er schwebte über den Platz, die Haare flogen, Sommer. Marinho bekam einen Preis von der Bravo, dem Zentralorgan meiner Pubertät. Ich wollte wie Marinho sein und wurde es nicht nur der Haare wegen nicht. Vielleicht besser so. 1988 machte ein dicklicher, aufgedunsener Typ ein paar Spiele für den BC Harlekin, den Klub eines Augsburger Spielhallenkönigs. Er war’s: Francisco Marinho. Er starb 2014, ein Wrack, ein gefallener Engel.
Michael Schreiner, WM 1974

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Ein WM-Reporter kann sich die Spiele nicht aussuchen, über die er berichtet. Freitag, 23. Juni, 16 Uhr, Olympiastadion Berlin. Ukraine vs. Tunesien. Die mit Abstand schlechteste Partie des deutschen Sommermärchens entscheidet ein fragwürdiger Elfmeter zugunsten der Ukraine. Davor und danach: Fehlpässe in Serie, Torhüter, die an Flanken vorbeisegeln und Stürmer, die diese Geschenke nicht annehmen. Ein Grottenkick! Vier Tage später dann das Aufbauprogramm für den gefrusteten Reporter: Frankreich fegt Spanien in Hannover mit 3:1 vom Feld. Was für ein Spiel! Torschützen: Ribéry, Vieira, Zidane. Das Sommermärchen geht weiter.
Rudi Wais, WM 2006

Thomas Müller sorgte 2010 für einen einmaligen WM-Moment.
Bild: Bernd Weissbrod, dpa

Man vergisst ja gerne Nebensächlichkeiten: Das Ergebnis zum Beispiel. Aber die Wahrheit liegt auch nicht immer auf dem Platz, sondern manchmal, wenn sie sich langweilt, spricht sie mit der Stimme von Günter Netzer. Und was sprach sie damals, bei der WM in Südafrika nach gewonnenem Spiel gegen England? „Jemand, der nach so einem Spiel auch noch seine Omas grüßt, das ist wahre Größe. Da muss man stolz sein auf so einen Jungen.“ Es klang fast so, als sei Günter Netzer der Opa von Thomas Müller, ein Vorfahr auf jeden Fall, weil er gar so gerührt war, wie der die Omas vor laufender Kamera grüßte und dabei ein wenig linkisch winkte. Aber wahr ist: Das war groß, das war nett und im Übrigen überfällig, wie Thomas Müller selbst noch sagte. Wir können uns an keinen einzigen anderen Oma-Gruß erinnern!
Stefanie Wirsching, WM 2010

WM 1994 in den USA: Turniervorbereitung in Toronto, Kanada. Genauer: in Alliston, kanadische Einöde, in die sich kein Tourist verlieren würde. Hier hatte Berti Vogts das deutsche Hauptquartier für das Unternehmen Titelverteidigung aufgeschlossen. Zwei Autostunden vom Journalistenhotel entfernt. Böse Zungen behaupteten, das sei Bertis Medien-Rache gewesen. Von den vielen Tagen, die wir Journalisten abends zu Training und Pressekonferenz gefahren sind, ist jener in Erinnerung geblieben, an dem Toronto einen Verkehrsinfarkt erlitten hat, und ein entnervter Kollege die Autotür aufriss, um zu Fuß zu laufen. Möglicherweise keine schlechte Idee, weil Minuten später das Tanklicht aufleuchtete. Ohne Sprit im zehnspurigen Stau und nichts zu berichten – keine schöne Vorstellung. Am Ende aber ist alles gut gegangen. Eine einzelne Zapfsäule in staubiger Landschaft entdeckt. Das Pressepodium noch verwaist. Viel zu früh also für das, was Berti in der Regel zu erzählen hatte.
Anton Schwankhart, WM 1994

In diesem Sommer, der entgegen sofort einsetzender Legendenbildung kein deutsches Märchen war, sondern ein (im Übrigen korrupt erschlichenes) internationales Fußballturnier, hatte ich zufällig während der Vorrunde zwei Wochen frei. Und? Es war großartig. Also nicht Schweini, Poldi und Jogi schon gar nicht. Sondern die ganz normalen Gruppenspiele, jeden knallheißen Tag im knallleeren Café – es war ja Sommer, heiß und ein Märchen, und außer Schland interessiert dann scheint’s wenig – auf der schabbeligen Ledercouch sitzen, ab drei Uhr nachmittags Südkorea gegen Togo kucken, solche Sachen. In Ruhe, ohne Grölerei, nur Fußball, und ab dem zweiten Spiel des Tages dann ein kühles Weißbier, beim dritten Anpfiff schon erhitzter, das Ganze dann am nächsten Tag wieder, wieder der Himmel blau und die Sonne und ich im dunklen Café, und am nächsten wieder … Und dann, irgendwann, passenderweise die Albiceleste, dieser kleine 18-Jährige, wie er mit Ball und irrsinnig schnell einen Haken schlägt, sich kontraintuitiv parallel zur gegnerischen Viererkette bewegt, wie man sich die Zeitlupe noch einmal anschaut, sich aufrichtet in der Ledercouch … Mit anderen Worten: zum ersten Mal Messi gesehen. Und den Rest des Turniers vergessen.
Christian Imminger, WM 2006

Keine Ahnung, warum mein Vater immer so auf die Holländer schimpfte. Keine Ahnung, warum er immer so grantig auf einen gewissen René van de Kerkhof war. Aber die jahrelange Infiltrierung wirkte. Die Niederlande, das war schon für mich als Bub der fußballerische Erzfeind. Wie für so viele andere. Und dann das: 1990. Abitur-Sommer. Achtelfinale. 22. Minute. Rijkaard foult Völler. Und dann: Rijkaard spuckt Völler kräftig in die Minipli-Frisur. Wie eklig. Wie unsportlich. Aber es kam noch schlimmer. Rot für Rijkaard. Und Rot für Völler. Wie ungerecht. Ich und meine Kumpels tobten. Doch Deutschland gewann 2:1. Wie gerecht. Wir tranken Bier, feierten und brachen auf, um unsere Schule mit einem Abitur-Streich zu beglücken. Es war eine große Nacht. Der Ärger war rasch weggespült. Aber bei der Paarung Deutschland – Niederlande steigt der Blutdruck bis heute immens.
Holger Sabinsky-Wolf, WM 1990

Fieses Faul: Frank Rijkaard spuckt Rudi Völler in die Locken.
Bild: Martina Hellmann, dpa

Wilde Frisuren gibt es ja bei jeder Weltmeisterschaft zu bewundern – eine davon wird mir ewig in Erinnerung bleiben: die von Ronaldo bei der WM 2002 in Südkorea und Japan. Als hätte sich der Brasilianer den Schädel kahl rasieren wollen – und über der Stirn versagte plötzlich der Rasierer. Ronaldo sprach später von einem Ablenkungsmanöver. Die Haarpracht sollte das Gerede über seine Leistenprobleme verstummen lassen. Wäre nicht nötig gewesen: Ronaldo schoss acht Tore, eines im Finale gegen Deutschland. Nach einem Patzer von Olli Kahn. Auch keine schöne Erinnerung.
Michael Böhm, WM 2002

Der bulgarische WM-Star Jordan Letschkow.
Bild: dpa

Die Erinnerung ist schon ein komisches Etwas. Total irrational. Anders lässt sich zumindest nicht erklären, warum sich bei mir dieser WM-Moment eingebrannt hat, von einem Spiel, das ich eigentlich gar nicht gesehen habe. Viertelfinale, WM 1994, Deutschland gegen Bulgarien. Und ich, mit neun Jahren im besten Fußballalter, musste ministrieren. Abendmesse. Bitten und Betteln bei den Eltern half nichts. Zumindest der Pfarrer hatte, Gott sei Dank, Erbarmen und war in nicht mal Halbzeitlänge durch. Im Sprint ging es nach Hause, mit dem Fahrrad zum Garten rein. Von der Terrassentür her schallte die Schlussphase des Spiels. Und dann der Blick auf den Fernseher: Deutschland 1, Bulgarien 2. Matthäus, Klinsmann und all die anderen Helden besiegt von einem unsympathischen Stoitschkow und einem Mann mit eigenartigem Haarschippel auf der Stirn (Jordan Letschkow). Ich war so traurig, wie ein Neunjähriger nur sein konnte.
Stefan Drescher, WM 1994

Ich hatte Rücken. Fiese Pubertätserscheinung. Der Arzt hatte mir Gymnastik auferlegt. Die Laune war schlecht im Sommer 1986. Dann auch noch der unerträgliche Maradona. Dieses Großkotzige, Affektierte, gleichzeitig Mimosenhafte! Viertelfinale: Argentinien – England. Er, vielmehr die „Hand Gottes“, zum 1:0. Ich auf der Matte vor dem Fernseher, im Vierfüßlerstand, außer mir. Vier Minuten später: Maradona nach Wahnsinns- 60-Meter-Solo zum 2:0. Ich ertappte mich dabei, dass ich so was murmelte wie „Wow“. Der Groll auf Maradona hat sich gelegt. Der Rücken ist geblieben.
Andreas Frei, WM 1986

Die berühmte "Hand Gottes" von Diego Maradona.
Bild: Witters

Ich kann mich wahnsinnig aufregen. Zum Beispiel damals, als Torsten Frings ungerechterweise gesperrt wurde. War glasklar, ohne den konnte Deutschland nicht gewinnen. Kam ja dann auch so. Welche Position Frings in der Mannschaft hatte, welches Spiel? Gar welche WM? Alles vergessen. Klassische Demenz einer Spontan-Guckerin. Wer wurde denn beleidigt, als Zinédine Zidane ausgerastet ist? Seine Mutter oder seine Schwester? Tja … Aber, was war ich empört! Deutschland wurde zuletzt gegen Brasilien Weltmeister, oder? Hahaha, ein Scherz! Unvergessen jedoch: der schöne Francesco Totti, die straff sitzenden Hemden von Jogi und Klinsi und das dezente Haarband von Luís Figo. Schöne Momente.
Doris Wegner, WM 2006 und alle anderen auch

Nach der Niederlage gegen Italien hatte Michael Ballack Tränen in den Augen.
Bild: Michael Hanschke, dpa

Beim Buchen nicht nachgedacht. Drei Tage Venedig im Juli 2006. Daheim die WM, wir in Italien. Das Halbfinale also bei Angelo in der Bar geschaut. Zwei deutsche Touristen mit schwarz-rot-goldenen Streifen auf den Wangen – zwischen all den jubelnden Italienern, die so weit auf die Piazza hinausquollen, dass sie den Ball auf dem Röhrenfernseher gar nicht mehr sehen konnten. Die Stimmung unfassbar, unser Bauchgefühl so schlecht, dass wir unser Bier schon vor der Verlängerung bezahlten. Als das 0:1 fiel, wischten wir die Flagge von der Wange, beim 0:2 krochen wir durch ein Knäuel weinender Italiener ins Freie. Und weinten auch. Die ganze Stadt war unterwegs, singend, tanzend, feiernd. Wir schlichen in eine leere Bar, setzten uns an die Theke. Trauernd. Bis sich ein Carabiniere neben uns auf den Barhocker hievte und schweigend zwei Trost-Bier rüberschob. Es wurde ein langer Abend.
Andrea Kümpfbeck, WM 2006

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