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Covid-19

17.11.2020

Verschlimmert Feinstaub Corona-Erkrankungen?

Nach Ansicht von Ärzten könnte die extreme Luftverschmutzung die Corona-Situation in Städten - wie hier Neu-Delhi - weiter verschlimmern.
Bild: Manish Rajput, dpa (Symbol)

Erste Studien vermuten einen Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung und Sterblichkeit bei Covid-19. Was könnte das etwa für Silvester bedeuten?

Eine starke Feinstaub-Belastung könnte möglicherweise zu einem Anstieg der Covid-19-Sterberate führen. Zu diesem Ergebnis kommt zumindest eine Studie von Biostatistikern der Harvard-Universität, die im Fachblatt Science Advances veröffentlicht wurde. Schon davor hatten Arbeiten unter anderem aus Deutschland einen Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung und dem Verlauf von Covid-19-Erkrankungen nahelegt. Experten sind indes vorsichtig bei der Bewertung dieses Zusammenhangs.

Für die aktuelle Analyse verglichen die Forscher die Luftqualität in 3089 US-Countys und die Covid-19-Todeszahlen in den entsprechenden Regionen. Konkret wertete das Team um die Biostatistiker Xiao Wu und Francesca Dominici die durchschnittliche Konzentration sogenannter PM 2,5-Partikel – also Feinstaub-Teilchen mit einer Größe von maximal 2,5 Mikrometer – zwischen 2000 und 2016 in den untersuchten Countys aus. Dann suchten die Forscher nach Verbindungen zwischen diesen Daten und den Covid-19-Todeszahlen bis zum 18. Juni 2020.

Mainzer Forscher: Corona-Sterblichkeit hängt auch vom Gesundheitssystem ab

Ihre Analyse ergab, dass bereits ein Anstieg von nur einem Mikrogramm pro Kubikmeter in der langfristigen durchschnittlichen Belastung durch Feinpartikel-Schadstoffe mit einem elfprozentigen Anstieg der Covid-19-Mortalitätsrate des jeweiligen Bezirks verbunden ist. Auf welche Weise solche beeinflussbaren Faktoren wie Feinstaub Covid-19-Symptome möglicherweise verschlimmern und die Todesrate erhöhen könne, müsse dringend erforscht werden.

Erst kürzlich hatte eine internationale Forschungsgruppe, an der auch Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Chemie in Mainz beteiligt waren, im Journal Cardiovascular Research berichtet, dass 15 Prozent der weltweiten Todesfälle durch das Coronavirus auf die Belastung mit Feinstaub zurückzuführen sein könnten, in Deutschland liege der Anteil gar bei 26 Prozent.

 

Die Forscher sehen in ihren Ergebnissen keinen Beweis für einen direkten Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung und Covid-19-Sterblichkeit, sondern vielmehr einen indirekten Effekt. „Unsere Schätzungen zeigen die Bedeutung der Luftverschmutzung auf Komorbiditäten, also Gesundheitsfaktoren, die sich gegenseitig verschlimmern und so tödliche gesundheitliche Folgen der Virusinfektion auslösen können“, erläutert Atmosphärenforscher Andrea Pozzer. Die tatsächliche Covid-19-Sterblichkeit werde durch viele Faktoren beeinflusst, unter anderem das Gesundheitssystem eines Landes.

Belastungen für die Lunge durch Feinstaub und durch Covid-19 - addiert sich das?

„Wenn Menschen verschmutzte Luft einatmen, wandern die sehr kleinen gesundheitsschädlichen Feinstaubpartikel von der Lunge ins Blut und in die Blutgefäße“, erläutert der mitbeteiligte Forscher Thomas Münzel vom Universitätsklinikum Mainz die Wirkung von Feinstaub auf den Körper. Dort verursachten sie Entzündungen und starken oxidativen Stress, was wiederum die Reparatur von Zellschäden störe. Letztlich wird die innere Arterienschicht, das Endothel, geschädigt. Die Arterien verengen und versteifen.

Ähnliche Schäden verursache demnach auch das Coronavirus. Die negativen Gesundheitseffekte beider Belastungen addierten sich, die Widerstandsfähigkeit des Körpers sinke. „Wenn Sie bereits an einer Herzerkrankung leiden, verursachen Luftverschmutzung und Coronavirus-Infektionen Probleme, die zu Herzinfarkt, Herzinsuffizienz und Schlaganfall führen können“, sagt Münzel.

Allerdings gab es an der Studie auch Kritik, vor allem an der Methodik. Die Untersuchung stützt sich auf eine erst vorabveröffentlichte Arbeit zu Feinstaubbelastung und Covid-19-Sterblickeit in den USA und eine weitere, in der Zusammenhänge zwischen Feinstaub und der Sars-Epidemie im Jahr 2003 untersucht worden waren. „Obwohl es sehr wahrscheinlich ist, dass es eine Verbindung zwischen Luftverschmutzung und Covid-19-Sterblichkeit gibt, ist es aufgrund der vorhandenen Evidenz voreilig zu versuchen, diese zu quantifizieren – wie hier geschehen“, sagt Anna Hansell University of Leicester. Es gebe aber unabhängig von der Corona-Pandemie genügend Gründe, die Luftverschmutzung zu reduzieren, auf die laut Weltgesundheitsorganisation WHO bereits sieben Millionen Todesfälle jährlich weltweit zurückzuführen seien.

Bevölkerungsdichte bei Corona und bei Feinstaub ein entscheidender Faktor

Auch die Autoren der aktuellen Studie betonen, dass ihre Auswertung zu-nächst eine Korrelation und keine Kausalität darstelle – ein Hinweis, den auch Lungenfacharzt Michael Barczok in einer unabhängigen Einordnung der Arbeit unterstreicht: So hätten die Forscher zwei statistische Ergebnisse nebeneinandergelegt, die sehr eindrücklich wirkten. „Und mit Sicherheit gibt es übereinstimmende Faktoren, die für beide Probleme maßgeblich sind, soetwa die Bevölkerungsdichte: Ist diese hoch, gibt es auch mehr Luftverschmutzung sowie mit Blick auf Covid-19 eine höhere Infektionsrate“, führt Barczok aus.

 

Allerdings wirkten sich Faktoren wie das Alter eines Menschen, etwaiges Übergewicht oder das Nichttragen eines Mund-Nasen-Schutzes derart mächtig aus, dass fraglich sei, wie sehr die Luftverschmutzung ins Gewicht falle: „Wir wissen zwar, dass es einen Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung und Atemwegserkrankungen gibt, aber um die tatsächliche Rolle der Belastung durch Stickoxide und Feinstaub für den Krankheitsverlauf bei Covid-19 zu bestimmen, wären weitere Studien nötig“, so Barczok.

Der Lungenspezialist, der auch Mitglied des Bundesverbands der Pneumologen, Schlaf- und Beatmungsmediziner (BdP) ist, verweist in diesem Zusammenhang auf eine Stellungnahme dreier niederländischer Wissenschaftler, die im Fachblatt European Respiratory Journal eindrücklich vor voreiligen Schlüssen warnten: „Um festzustellen, ob es einen kausalen Effekt gibt, und für eine genaue Abschätzung jenes Effekts ist rigorose und zeitaufwändige Forschung erforderlich.“

Warnung vor Silvester, gerade in Corona-Zeiten: Eine Schockbelastung für die Lunge durch Feindstaub

Auch die Autoren der aktuellen Studie räumen ein, dass etwa individuelle Risikofaktoren keine Berücksichtigung in solchen Analysen fänden. In einem zur Studie veröffentlichten Editorial betonen die beiden Science Advances-Redakteure Jeremy Jackson und Kip Hodges daher, dass solche individuellen Risikofaktoren vermutlich durch Umweltbedingungen wie eben die Feinstaub-Belastung beeinflusst würden. Neuere Studien hätten zudem gezeigt, dass auch kurzfristig einer PM 2,5-Verschmutzung ausgesetzt zu sein, das Risiko für akute Infektionen der unteren Atemwege und Krankenhausaufenthalte wegen Influenza erhöht, so Jackson und Kip.

 

Das ist insbesondere auch mit Blick auf den Jahreswechsel von Bedeutung. Denn gerade durch Feuerwerk werden jedes Jahr tausende Tonnen Feinstaub freigesetzt. Pneumologe Barczok spricht in diesem Zusammenhang von einer „Schockbelastung für die Lunge“. Speziell Menschen mit Vorerkrankungen der Lunge oder Covid-19-Patienten rät er deswegen zur Vorsicht: „Wir wissen von derartigen Patienten, dass deren Lungenprobleme noch lange nach der Infektion anhalten können – an Silvester herrscht natürlich keine Kuratmosphäre, deswegen sollte man einem solchen Lungenstress aus dem Weg gehen.“

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