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Brexit

15.01.2019

Von A bis Z: Warum wir die Briten trotz allem lieben

Verlässt Großbritannien nun wirklich die EU? Oder überlegen es sich die Briten in letzter Minute doch noch anders? 
Bild: Andrey Kuzmin Adobe Stock

Was mit dem Badewasser von Prince Charles passiert und was einen Mif- von einem Tif-Typen unterscheidet: Die Besonderheiten des exzentrischen Inselvolks.

A wie Adelstitel Nichts gegen das Bundesverdienstkreuz. Honorige Sache, groß und am Band und überhaupt. Aber was ist diese verschwiegene Ordensehre gegen den Ritterschlag durch die Queen? Vielleicht haben wir aus gutem Grund keinen Sir Sascha Hehn und keinen Sir Freddy Quinn. Passt nicht zu uns. Und Udo Jürgens war Österreicher. Aber die Briten! Da wächst der Adel ritterlich um Leute, Knights, denen der „Sir“ naturgemäß zusteht. Sir Mick Jagger, Sir Elton John, Sir David Beckham, Sir Paul McCartney. Ja, es gibt auch Frauen. Dame Adele, Dame Joan Collins, Dame Judi Dench, Dame Hilary Mantel. So großzügig sind die Briten, dass Sie auch Deutschen den Order of den British Empire gönnen. Sir Ralf Dahrendorf zum Beispiel.

B wie Bärenfellmütze Die schönsten Kleidungsstücke sind meist die unpraktischsten! Fast ein halbes Kilogramm wiegt so eine Bärenfellmütze der königlichen Garde, die vor dem Buckingham Palace patrouilliert. Im Sommer kocht darunter das Hirn, im Winter pfeift dem Grenadier der kalte Wind um die nackten Ohren. Hinzu kommt: Für jede Mütze stirbt ein kanadischer Schwarzbär, also fast. Alle Bemühungen, einen Ersatz fürs Echtfell zu finden, scheiterten bislang. Angeblich weil der Kunststoff zu viel Wasser saugt und dann die Form nicht hält. Optik aber ist alles! Sagt auch der Tourist mit der Kamera!

C wie Chicken Tikka Masala Gibt es eigentlich eine Küche mit mieserem Ruf? Der klebt am britischen Essen wie die auf der Insel beliebte Malzpaste Marmite auf einem Toast (man liebt sie, oder man hasst sie, dazwischen gibt’s nichts). Dabei zeigt ja schon allein das Nationalgericht, dass die Briten einen guten Geschmack haben. Nein, nicht Fish and Chips, Chicken Tikka Masala soll das beliebteste Gericht Großbritanniens sein. Erfunden wurde es in Glasgow, so erzählte einst ein schottischer Kommilitone stolz. Wer jetzt meint, zu C passt auch Essig-Chips, dem sei gesagt: Die haben die Iren erfunden.

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D wie Darts Dickbäuchige Männer, die mit Pfeilen werfen? No! Dickbäuchige Männer, die mit Pfeilen treffen! Und zwar so, wie es laut eines deutschen Physikers nicht einmal Maschinen könnten. Amazing.

E wie Elizabeth Geboren am 21. April 1926 als Elizabeth Alexandra Mary, heute kurz: die Queen! Oder auch HM: Her Majesty! Diszipliniert, beständig, fleißig, und eine royale Gegenspielerin des Zeitgeistes. Die Briten lieben ihre Königin derart, dass sie sogar nachts von ihr träumen. Etwa ein Drittel des Volkes trifft im Schlaf auf HM. Sehr oft sitzen die Träumer mit ihr bei einer Tasse Tee am Küchentisch! Was sie dann wissen sollten … – siehe Tea-Time.

Was passiert mit dem Badewasser von Prince Charles?

F wie Fair Play Dass ihr Sportsgeist-Gedanke längst von den Werbestrategen der korruptesten Sportverbände gekapert und umgedeutet wurde, dafür können die Briten ja nichts. Aber was ein Paul Gascoigne auf dem Fußballplatz nicht kaputt treten konnte, übersteht auch so etwas. Beim Verlieren die Leistung des Gegners ehren. Auf die Einhaltung der Regeln pochen, selbst wenn es sich zum eigenen Nachteil auswirkt. Vor allem aber: Nicht mit Gezeter bei Schiri-Entscheidungen das Spielfeld entehren. Tolle Regeln für das Zusammenleben auch abseits von Wimbledon und Anfield Road.

G wie Gardening Das Badewasser von Prince Charles versickert nicht einfach im Abfluss. Nein, stattdessen wird damit sein Garten bewässert. Geht mehr Liebe? Nein! Und das gilt, was die Gärten betrifft, fürs ganze Land. Nirgends auf der Welt grünt deswegen der Rasen grüner, blühen die Glockenblumen lieblicher, ranken sich die Rosen feiner! „Unser England ist ein Garten“, dichtete schon Rudyard Kipling, und erklärte auch, wie es dazu kam: „Solche Gärten werden nicht geschaffen, indem man einfach im Schatten sitzt und singt: ,Oh, wie schön!.’“ Nein, man muss die Sache schon so ernst nehmen wie die Briten, wo Gardening als Volkssport gilt, wichtiger noch als Cricket (im Übrigen auch jährlich bis zu 400 000 Verletzte fordert), wo abgekühltes Badewasser Glockenblümchen benetzt...

H wie Harry Potter Expelliarmus! Einfach entwaffnend dieser Harry Potter. Dem Zauberlehrling kann niemand widerstehen. Alles ist magisch, was diese Buch-Serie angeht. Der Erfolg etwa: 500 Millionen verkaufte Exemplare in 70 Sprachen übersetzt, die Geschichte der Autorin, die sich von einer Sozialhilfeempfängerin zur Multimultimultimillionärin zauberte, ja, und Harry Potter, der nicht nur dazu auserwählt war, das Böse zu besiegen, sondern eine ganze Generation dazu brachte, Gryffindor, Quidditch und weiße Eulen zu lieben.

I wie Isn’t it? Englisch, die Weltsprache, klar. Die meisten Menschen auf dem Planeten sprechen es, es gilt als einfach zu lernen – und doch hat die Sprache es in sich. Zum Beispiel den größten Wortschatz weltweit (Deutsch liegt nur auf Platz 6). Oder so schöne Satz-Anhängsel wie „isn’t it“, mit denen sie Schüler schier in den Wahnsinn treibt und gegen die das Deutsche „Oder?“ fad und plump ist, isn’t it? Oder Phrasal Verbs, jene Verben, die durch eine Präposition eine komplett neue Bedeutung bekommen: aus „to get“ wird je nach Zusatz „bekommen“, „verstehen“, „hinkommen“, „Karriere machen“, „auskommen“. Auch so ein Schülernervenkiller. Aber dafür müssen sie ja dank „the“ keine männlichen und weiblichen Artikel pauken …

J wie James Bond Der bekannteste Geheimagent der Welt ist nicht etwa ein Amerikaner oder Russe, nein, er dient dem Geheimdienst ihrer Majestät. Erfunden wurde der schlägernde Gentleman vom Briten Ian Fleming, der James Bonds Geburtsort allerdings mit Wattenscheid angegeben haben soll, aber: Who cares? Britischer als Bond geht ja fast nicht mehr. Witzig, schlagfertig, gut gekleidet, meistens höflich. Und dazu noch die wunderbaren (einst) britischen Autos: Aston Martin, Rolls Royce, Jaguar … Er hatte sie alle. Übrigens auch schon einen Doppeldeckerbus …

Haarsträubende Verkehrsregeln? Vielleicht auf dem Kontinent

K wie Kindness Was auch immer passiert: Wer seine guten Umgangsformen aufgibt, kapituliert vor der Welt. So baut man kein Empire auf. Ein Beispiel? Bitte sehr: Was sagt der Brite, wenn man ihm im Aufzug aus Versehen auf die Füße tritt? „I deeply regret not to have cut off my offending toe earlier“ – Es tut mir aufrichtig leid, meine vorwitzige Zehe nicht früher abgeschnitten zu haben.“

L wie Linksverkehr Aber im Rest der Welt …? My dear. Es ist doch nicht relevant, was sich die Menschen auf anderen Kontinenten für haarsträubende Verkehrsregeln geben. Auf der Insel fährt man auf der richtigen Seite, also links. Das bleibt auch so. Sonst könnte man ja gleich anfangen, Entfernungen in Metern und Gewichte in Kilogramm anzugeben. Shocking!

M wie Monty Python Klar fällt einem die Komikertruppe ein, geht es um den britischen Humor. Der macht übrigens auch vor den höchsten Ämtern nicht halt, oder, um den früheren Regierungschef Tony Blair zu zitieren, der mit Blick auf Kritiker wiederum aus Monty Python’s Bibel-Satire „Life of Brian“ zitierte: „Gut und schön, aber was haben denn die Römer, abgesehen von sanitären Einrichtungen, Medizin, Erziehung, Wein, öffentlicher Ordnung, Bewässerung, Straßen, Frischwasser-System und öffentlicher Gesundheit für uns überhaupt getan?“ In Deutschland wohl kaum vorstellbar, aber auch den Brexiteers scheint neben dem Verstand auch der Humor abhanden gekommen zu sein. Wobei, das eine bedingt ja das andere.

N wie Nationalteams Nach dem Brexit wächst die Distanz – und es wird noch schwerer mit dem Auseinanderklamüsern der zerklüfteten Nomenklatura jenseits des Kanals. Frankreich ist Frankreich und Österreich ist Österreich. Eine Nationalelf - und Ende. Aber da drüben herrscht die totale Konfusion und jeder spielt gegen jeden Länderspiele. Nordirland gegen Wales. Schottland gegen England. Herrlich. England, Großbritannien, United Kingdom, Commonwealth... Gehört Nordirland zu England und/oder zu Großbritannien? Was ist mit Schottland? Ist ein Waliser Brite? Die EU ist eine gute Klammer, da gehört auch Irland mit hinein. Das war irgendwie schlüssig, klar und einfach. Ist alles EU, egal, wie sie sich nennen und wer wo steht in der WM-Qualifikation. Britannien, oh Großbritannien: Mach’s uns doch nicht noch schwerer, please!

O wie Oxford Was heißt „die Kuh ist fort“ auf Englisch? Oxford. Blöder Witz, niveaulos. Und insofern auch nicht angemessen für diese wenigen Zeilen über eine der ältesten und angesehensten Universitäten der Welt. Hat vielleicht doch einen Grund, dass man weder dort noch in Cambridge studiert hat...

P wie Proletarier-Look Die feinen Briten haben ein Talent, ihre proletarische Seite schonungslos und stolz, ungeschminkt und heroisch, empathisch und erstaunt zugleich offenzulegen. Der Fotograf Martin Parr etwa zeigt auf seinen Bildern das ganze grelle Elend des Strandlebens in Südengland, wo fettige Chips und verlaufendes Eis zwischen all den ungelenken, sonnenverbrannten und knallbunt schwitzenden Menschen richtig schön zur Geltung kommen. Grüne Luftmatratze unterm Arm statt Kroko-Handtasche. Das ist England unblasiert! Und Fußballstars wie Wayne Rooney verkörpern jene durch keinen Erfolg sublimierte wuchtige proletarische Energie, die auf Mallorca in Pulks englischer Jungsäufer auch schon mal nerven kann.

Sind Sie eher der Mif- oder der Tif-Typ

Q wie Queuing Kommt der Brexit wirklich? Ungeordnet, geordnet, halbiert, später, abgespeckt? Warten wir’s ab. Wobei: In der Kunst des Wartens sind die Engländer eigentlich unübertroffen. Sie warten mit Stil und einer würdevoll unsichtbar gemachten Ungeduld. Sie tun das an Bushaltestellen, sie tun das im Garten in freudiger Erwartung einer schönen Blüte. Größtes Vorbild im Warten ist Prinz Charles, der Thronfolger. Sein ganzes Erwachsenenleben ist er in Wartestellung. Wer zählt die Jahre, Jahrzehnte? Und weil er schon so lange wartet, hat sich hinter ihm eine stattliche Zahl von wartenden Thronfolger-Folgern gebildet. Bloß nicht drängeln! Queuing ist eine Kunst. Fast könnte man glauben, der Begriff sei vom Wortstamm Queen abgefallen.

R wie Regen If you don’t like british weather, wait a minute.

S wie Stromrechnung Wir haben sie einfach im Briefkasten und ärgern uns manchmal vielleicht darüber. Die Briten hingegen haben eine prima Zweitverwendung: Wohnsitznachweis. Vollblutbriten würden wohl lieber ohne Pubs oder Vinegar Chips leben als mit einem Personalausweis. Weit verbreitete Meinung auf der Insel: Den Staat geht es nichts an, wo ich wohne. Gegen Überwachungskameras hingegen haben viele nichts. Interesting!

T wie Tea-Time Typfrage: Sind Sie ein Mif oder ein Tif? Keine unwichtige Frage für eine gelungene Tea-Time, denn ob zuerst der Tee oder die Milch in die Tasse kommt, darin unterscheiden sich die Teekenner der Insel. Die Tea-Time ist ein herrliches Zeremoniell, das zwischen 15 und 19 Uhr zelebriert werden kann – mit Etageren, am besten silbern, Sandwiches, am besten mit Gurke, und Scones, am besten mit Clotted Cream und Erdbeermarmelade. Sollten Sie mal die Queen bewirten, bedenken Sie bitte, sie liebt es mif, milk-in-first, please!

U wie Underground Die London Underground ist die älteste U-Bahn der Welt (*1863) und wird von den Londonern „Tube“ (englisch für „Röhre“) genannt. „Sardinenbüchse“ wäre zur Rush Hour treffender. Beliebte Durchsage im Londoner Untergrund: Please mind the gap!

V wie Vivienne Westwood Was wäre die Welt der Mode ohne die Briten? Anzüge aus der Savile Row, maßgeschneiderte Schuhe von John Lobb, englischer Tweed und britisches Karomuster. Für eine modische Revolution aber sorgte Vivienne Isabel Westwood. Die Designerin brachte mit ihren wilden Kreationen Leben in die Kleiderschränke, schockte und machte Punk salonfähig. Und wenn wir schon mal bei V und Mode sind: Vintage! Die Briten lieben Second-Hand-Klamotten – eine Spielwiese für neue Paradiesvögel.

W wie Whisky Die noch immer offene Frage, ob nun Iren oder Schotten den Whiskey oder Whisky erfunden haben, müssen sie schon selbst klären. Sicher ist, dass ein Pub ohne entsprechende Spirituosenkarte lieber gemieden werden sollte. Angeblich taugt seltener Whisk(e)y längst als alternative Kapitalanlage. Aber auf solche Ideen kann man ohnehin nur kommen, wenn man in der Londoner City schon Millionen Buchgeld am Computer verspekuliert hat. Cheers!

X wie XX Nein, das ist natürlich kein Platzhalter, weil uns etwa bei diesem Buchstaben nichts eingefallen wäre. Im Gegenteil: Vor The XX, einer der großartigsten aktuellen britischen Bands gehören da natürlich noch The Beatles, The Rolling Stones, David Bowie, Queen, The Clash, Pink Floyd, Iron Maiden, The Cure, Sex Pistols, Robbie Williams, Blur, Oasis, Coldplay, Adele …

Y wie Yorkshire Pudding Ohne Rindernierenfett geht es nicht. Zumindest im Original-Rezept. Der Yorkshire-Pudding gehört zum Steak wie die Ten zur Downingstreet. Das Backwerk aus Mehl, Milch, Eiern und eben Rindernierenfett ist nicht der einzige Pudding, welchem die Inselküche noch immer ihren gewissen Ruf verdankt. Denn da wären noch der White Pudding, mit geschreddertem Schweinefleisch und Haferflocken, und der Red Pudding, der ist nur mit Blut super. Beide Puddings übrigens klassische Bestandteile des Full English Breakfast. Warum wohl haben nur Speck, Würstchen, Bohnen, Spiegelei und Champignons die Frühstücksbuffetts dieser Welt erobert?

Z wie Zwei Finger Zum Schluss müssen wir noch schnell in den Pub, nein, nicht die Trauer ertränken, naja, obwohl … (siehe Whisky). Ob Brexit oder nicht, eine Regel bleibt jedenfalls immens wichtig: Aufpassen beim Bierbestellen mit Fingerzeig! Für zwei Bier IMMER das Victory-Zeichen verwenden. Also: Die Handfläche muss zum Kellner zeigen. Sieht er bei gespreiztem Zeige- und Mittelfinger den Handrücken, zeigen Sie ihm gerade den britischen Stinkefinger. Das stammt noch aus Zeiten, als sich Briten nicht mit der EU zofften, sondern mit den Franzosen, als man Pfeile verschoss und Kriegsgefangenen die Finger abschnitt.

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