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Schwammerlzeit

15.09.2018

Warum Pilze das Wundermaterial aus der Natur sind

Die Vielfalt der Pilze ist erstaunlich.
Bild: Silvano Rebai - Fotolia.com

Sie sind weder Tier noch Pflanze, haben aber erstaunliche Eigenschaften. Den Pilze gehört die Zukunft.

Steinpilze, Maronen und Pfifferlinge teilen oft das gleiche Schicksal: Gehen sie einem Sammler in die Fänge, landen Sie alsbald in der Pfanne – zur Abwechslung auch mal in Backofen, Kochtopf oder Thermomix. Dabei lässt sich mit Pilzen noch so viel mehr anstellen, anstatt sie bloß zu verspeisen. Manche Schwammerl eignen sich zum Färben, aus anderen lässt sich Tinte, Papier, Schmuck, Verpackungsmaterial oder sogar eine Art Leder herstellen.

Grundsätzlich gilt: Die wunderbare Welt der Pilze umfasst weit mehr als allseits bekannte Arten wie Champignon, Fliegenpilz und Co. Auch Exemplare mit so skurrilen Namen wie Wildschweinkot-Zärtling, Spitzkegeliger Kahlkopf, Heimtückischer Täubling oder Leuchtendgelber Klumpfuß gehören dazu. Allein in Bayern wurden etwa 5000 Großpilz-Arten beschrieben, die mit bloßem Auge zu erkennen sind. Hinzu kommen noch zigtausende verschiedener Schimmel-, Rost- und Hefepilze. Ein kleiner Ausflug in das Unterholz:

Pilze statt Plastik

Eine, die sich ganz dem Mysteriosum dieser Lebewesen verschrieben hat, ist die Biologin Rita Lüder. Bei der Deutschen Gesellschaft für Mykologie kümmert sie sich um die Nachwuchsarbeit und setzt sich dafür ein, die Bedeutung von Pilzen stärker zu würdigen. Für den Kreislauf des Lebens sind Schwammerl nämlich unersetzlich: „Jeder Pilz zersetzt organisches Material“, betont sie. Erstaunlicherweise gibt es sogar Arten, die Kunststoffe abbauen: So entdeckten US-Forscher im Dschungel von Ecuador einen Pilz, der Plastik frisst. „Pestalotiopsis microspora“ zersetzt fleißig Polyurethane. Eines Tages wird die Art also möglicherweise als Müllschlucker eingesetzt. „Das könnte noch ein großes Thema werden“, meint Lüder.

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Andere Öko-Projekte wurden schon umgesetzt: So stellt das New Yorker Unternehmen „Ecovative Design“ als Plastik-Alternative Verpackungsmaterial auf Pilzbasis her. Dazu werden Sägemehl, Fruchtschalen oder Getreidespreu mit Myzel vermengt und in Formen gefüllt. Hat der Pilz das Material durchwachsen, wird die Form getrocknet. Auf diese Weise entstehen Flaschenverpackungen, Saatschalen, Kühlboxen und Isolationsmaterialien – frei von Umweltgiften und leicht kompostierbar.

Hausgemachte Tinte

Um auf Schwammerl zu stoßen, aus denen sich Nützliches herstellen lässt, müssen Naturfreunde aber nicht um die halbe Welt reisen. In heimischen Parks und an Wegrändern schießen im Herbst allerorten weiße Schwengel aus dem Boden. Solche Schopftintlinge liefern – wie der Name vermuten lässt – erstklassige Schreibtinte. „Man stellt den Pilz in ein Glas und wartet, bis er zu Tinte zerfließt“, erklärt Lüder. Das ist eigentlich schon alles. Wer will, kann die Rückstände mit einem Sieb abfiltern. Außerdem wird die Flüssigkeit mit ein paar Tropfen Nelkenöl haltbarer. Dennoch: „Nach etwa einer Woche zersetzt sich die Tinte und fängt an zu stinken“, berichtet die Biologin.

Sie leben fast überall auf der Erde.
Bild: graziartw - Fotolia.com

Puristen können zusätzlich Pilz-Papier anfertigen: Das funktioniert wie das gängige Papier-Schöpfen – nur wird statt Papierpulpe ein Brei verwendet, der aus pürierten Pilzen und Wasser besteht. Eine ausführliche Anleitung findet sich im Buch „Pilze zum Genießen“ von Rita und Frank Lüder.

Färben mit Giftpilzen

Dass sich Wolle und Stoffe mit Pflanzen färben lassen, ist bekannt. Färbepilze sind dagegen schon etwas Spezielles. „Ich bin früher eine Speisepilz-Sammlerin gewesen. Dass sich Pilze auch zum Färben eignen, habe ich erst relativ spät gelernt“, erzählt Karin Tegeler aus Sachsen-Anhalt, die in Fachkreisen als Expertin auf diesem Gebiet gilt und regelmäßig Pilzfärbe-Kurse anbietet. Inzwischen durchstreift sie die Wälder gezielt nach ihren Lieblings-Färbepilzen.

Und ohne sie wäre vieles Leben gar nicht möglich.
Bild: Emiliano - Fotolia.com

Sie zu erkennen musste sie neu lernen – denn die Farbstoffspender unter den Pilzen sind nicht unbedingt essbar. „Zum Beispiel bin ich ganz wild auf Hautköpfe“, berichtet Tegeler begeistert. Vor allem der Blutrote und der Blutblättrige Hautkopf haben es ihr angetan, da sie schöne Rottöne liefern. Beide Arten sind giftig – aber das hat nur Folgen, wenn man sie isst. Hautkontakt ist dagegen kein Problem, wie sie versichert. Der Färbe-Vorgang ist einfach: Dazu kocht man die zerkleinerten Pilze etwa eine Stunde lang, filtert den Sud ab und legt das Material etwa eine Stunde lang ein. Allerdings müssen die Fasern vorher gebeizt werden, damit sie die Farbe annehmen.

Leder aus Zunderschwämmen

Das gelbbraune Material ist sehr stabil und samtig-weich: Wer nicht weiß, dass es aus Zunderschwamm hergestellt wurde, hält es für Wildleder. In einem aufwendigen Verfahren lässt sich das Hutfleisch des Baumpilzes zu Pilzleder verarbeiten. Dabei handelt es sich um keine hippe Innovation für Veganer, sondern um ein altes Verfahren, das heute nur noch wenige Handwerker, die meisten davon in Transsilvanien, beherrschen.

Dämmmaterial aus Pilzen stellt die amerikanische Firma Ecovative her.
Bild: Ecovative

Leder aus Pilzen macht auch die amerikanische Biotech-Firma MycoWorks – und hofft damit auf eine große Zukunft. Ausgangsbasis für das lederähnliche Material, das sich fast beliebig färben und weiterverarbeiten lässt, ist dabei das Myzelium, vereinfacht gesagt der viel größere Teil der Pilze, der unter der Oberfläche wächst. Das Start-up aus San Francisco zieht die Pilze auf organischen Abfallprodukten aus der Land- und Forstwirtschaft. Anschließend wird das Material in Form gepresst und getrocknet. Das Endprodukt ist biologisch abbaubar und trotzdem beständig, es ist wasserabweisend, atmungsaktiv und günstig herzustellen. Auch andere Unternehmen haben das Potenzial von Pilzen für die Mode entdeckt: Die Firma Bolt Threads verkauft über die Crowdfunding-Plattform Kickstarter bereits eine Handtasche aus Pilzleder.

Bauen mit Pilzen

Im Jahr 2014 stand in New York bereits ein 13 Meter hoher Turm aus 10.000 kompostierbaren Pilzziegeln. Das Material stammte wieder von der Firma Ecovative, es handelt sich ebenfalls um ein aus Pilz-Myzelium hergestelltes Verbundmaterial. Drei Monate hat das Bauwerk unbeschadet den Ansturm der interessierten Besucher standgehalten – dann wurde es abgebaut und kompostiert. (mit maz-)

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