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Karten

10.02.2019

Warum es Landkarten noch immer gibt - trotz Smartphone und Navi

War früher die Regel: Streit zwischen Fahrer und Beifahrer über die Frage, wer denn nun besser Karte lesen kann.
Bild: Odua Images, Adobe Stock

In Zeiten von Navis und Smartphones sind Straßenkarten oder Stadtpläne scheinbar überflüssig geworden. Warum es sie trotzdem noch gibt.

Deutschland ist zehn Mal gefaltet. Zumindest in dem 25 Zentimeter hohen, 13 Zentimeter breiten und 240 Gramm schweren Abbild der Bundesrepublik, das als Länderkarte in Buchläden bereit liegt. Doch wer kauft sie eigentlich noch, die Karten aus Papier? Wann haben Sie das letzte Mal jemand gesehen, der tatsächlich mit einem Stadtplan in der Hand durch die Straßen zieht? Das aufgefaltete Papier dreht und wendet, den aufgezeichneten Plan mit der Umgebung abgleicht?

Der moderne Tourist gibt sich längst nicht mehr die Blöße, derart aufzufallen, sich mit einem schnöden Stück Papier als fremd zu kennzeichnen. Vielmehr hält er lässig, fast beiläufig sein Smartphone in der Hand und schielt verstohlen auf den Bildschirm. Lässt sich leiten von der Technik. Gibt sich in den Momenten, die er nicht auf den blauen Punkt schaut, der ihn in dem digitalen Stadtplan verortet, dem Gefühl hin, dazuzugehören.

Handys und Navis haben den Stadtplan „kannibalisiert“, sagt Wolfgang Kolb. Er leitet die Kartografie-Abteilung der Reiseverlagsgruppe Mairdumond. Stadtpläne haben im 21. Jahrhundert etwas Verstaubtes, Überflüssiges an sich. Schließlich kann das Papier nicht mit einem Klick auf den neuesten Stand gebracht werden. Obendrein ist es unhandlich.

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Zusammenlegen ohne Risse oder Wutanfälle? Unmöglich

Und es löst ein leicht hilfloses Gefühl in einem aus, wenn man mit weit aufgespannten Armen versucht, sich auf dem schier endlosen Faltwerk zurechtzufinden. Oder schlimmer, wenn man versucht, dem Leporello wieder Herr zu werden. Denn ist es erst einmal aufgeblättert, ist es wie mit Beipackzetteln: Es ist schier unmöglich, sie wieder ohne Risse oder Wutanfälle zurück in die ursprüngliche Form zu falten.

Der digitale Stadtplan schont die Nerven, ist handlich. Und doch haben weder Smartphones noch GPS es bisher geschafft, gedruckte Stadtpläne und Straßenkarten zu verdrängen. 20 Millionen Karten verkaufte Mairdumont – zu dem auch Verlage wie Falk, Kompass und Baedeker gehören – 2018 in Deutschland. Darunter auch: der blaue ADAC-Autoatlas. Erinnern Sie sich noch an dieses gewaltige Kartenwerk? Über zwei Kilo schwer. 1408 Seiten dick. Es zeigt Deutschland und seine Nachbarländer. Reicht von Dänemark bis zum Gardasee, von Portugal bis zum ungarischen Plattensee. Seite für Seite ziehen sich Straßen in Form von roten, schwarzen und blauen Linien über Regionen und Städte. Deutschland im Maßstab 1:300000. Drei Kilometer Wirklichkeit gepresst in einen Zentimeter auf der Karte. Für 29,99 Euro. Wer Internet hat, den kostet ein Blick in eine digitale Karte keinen Cent.

Wer ein Navi hat, muss sich die Route nicht mal selber suchen. Trotzdem werden 30000 ADAC-Autoatlanten pro Jahr verkauft. Das wuchtige Werk klemmt also auch noch zu Zeiten von fest installierten Navigationsgeräten in der Ablage von Autotüren, liegt also noch auf dem Schoß von Beifahrern. Bereit, den Weg zu weisen. Bereit, zum Zankapfel zu werden. Bereit, Ehen zu entzweien. Weil die Straßenkarte eben kein Navi ist. Sie warnt nicht hunderte Meter im Voraus, dass man sich links halten soll. Sagt nicht, dass der Fahrer nach der Ampel besser rechts abbiegt. Zieht nicht die Wut auf sich, wenn ein falscher Weg eingeschlagen wurde. Und berechnet nicht, wann das Ziel erreicht ist.

Aber: Sie gibt Überblick. Zeigt dem Betrachter eben nicht nur einen kleinen Ausschnitt, ein Bruchstück der Welt. Sie bietet mehr. Zeigt, was jenseits der Bildschirmränder liegt. Gibt den Blick aufs große Ganze frei. Sicher, digitale Karten lassen sich zoomen. Doch die Funktion hat einen entscheidenden Haken. Ist man zu nah dran, überschwemmen Details die Karte, der Blick fürs Ganze geht verloren. Geht man zu weit weg, verlieren sich die Details. Bei gedruckten Karten bleiben die Inhalte konstant. Je nach dem, welcher Maßstab gewünscht wird.

Im Trend sind spezielle Karten

Und, ein entscheidender Vorteil: Karten laden ein zum Träumen. Oder fahren Sie mit dem Finger die Straßen bei Google Maps auf ihrem Bildschirm entlang, stellen sich vor, wie wohl die Straßen beschaffen, die Häuserfassaden gebaut sind? Vermutlich nicht. Warum auch. Mit der Einstellung Google Streetview muss keiner mehr träumen. Schließlich kann jeder selbst nachsehen. Sofort. Mit einem Klick die Straßen der Welt betrachten. Auf dem Inka Pfad in Peru stehen und die Aussicht vom Gipfel des Machu Picchu genießen, sich in einem japanischen Einkaufszentrum umsehen, oder schlicht auf dem Augsburger Rathausplatz. Mit Apps wie Google Maps schaut man, wie man schnellstmöglich von A nach B kommt. Wie man ja keine Zeit verliert. Wer braucht also heutzutage überhaupt noch Karten? Studenten etwa, die neu in eine Stadt ziehen, sagen Buchhändler. Urlauber, die sich nicht nur aufs Navi verlassen wollen. Und natürlich Liebhaber, die sich nicht von dem althergebrachten Hilfsmittel lösen möchten. Die Gruppe aber schrumpft. Schleichend.

Groß, unhandlich und kaum mehr in die Ursprungsform zusammenzulegen: der Stadtplan.
Bild: WavebreakmediaMicro, Adobe Stock

Vom Verkauf von Stadtplänen jedenfalls können selbst Fachhändler nicht mehr leben, sagt Bianka Möllendorf, Inhaberin des Landkartenhauses in Freiburg. Seit über 85 Jahren vertreibt die Spezialhändlerin Landkarten und Reiseführer. Einen Stadtplan von München hat Möllendorf beispielsweise im vergangenen Jahr nur viermal verkauft. Vor zehn Jahren gingen noch 30 Exemplare über ihren Ladentisch. Kartenhändler werfen die Flinte aber mitnichten ins Korn. Vielmehr passen sie ihr Sortiment an. Suchen neue Nischen. Gehen auf neue Bedürfnisse der Kunden ein: Wandern, Radfahren, Skitouren. Gefragt sind inzwischen etwa topografische Karten. Sie bilden Geländeformen ab, in kleineren Maßstäben. Sie zeichnen einen genaueren Eindruck der Erdoberfläche. Zeigen Höhen und Tiefen in der Regel durch Linien auf sowie den Verlauf von Gewässern. Die Karte bietet Orientierung in der Natur. Das brauchen Wanderer, die zum Teil auch mehrere Tage in den Bergen unterwegs sind. Wo es nicht alle Nase lang eine Steckdose gibt. Die in Folie eingeschlagene Karte zeigt alternative Routen selbst dann noch, wenn der Handyakku längst leer ist.

Im Trend liegen nun Karten für Mallorca und Madeira (Portugal) ebenso wie von den Allgäuer Alpen. Zudem sind Karten für Skigebiete inzwischen heiß begehrt – von Norditalien, über die Schweiz bis Deutschland. Auch Stadtpläne entwickeln sich weiter. So haben die Italiener Cristina Cencetti und Fabio Palchetti vor neun Jahren „Crumbled City Maps“ entworfen. Stadtpläne, die man zusammen knüllt und eben nicht falten muss. Die Pläne sind aus Tyvek, einem weichen Vliesstoff aus Polyethylen, aus dem auch Schutzanzüge sind. Weltweit haben die Florenzer Unternehmer bisher zwei Millionen Exemplare verkauft – von New York, Barcelona bis Berlin.

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