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Beruf

03.09.2017

Warum weniger arbeiten mehr bringt

Eine gute Work-Life-Balance ist vielen Arbeitnehmern sehr wichtig. Teilzeit ist eine Möglichkeit, sie umzusetzen.
Bild: Marcel Kusch, dpa (Symbolbild)

Weniger arbeiten, dafür mehr Freizeit, mehr Erholung, mehr Leistung. Kann die Rechnung aufgehen? Sie kann, doch die Theorie funktioniert besser als die Praxis.

Mit dem Umzug begann für Johanna Ernst eine neue Zeitrechnung. Anfang des Jahres verlagerte die Physiotherapeutin ihren Lebensmittelpunkt von Hessen nach Bayern – und wechselte von einer Vollzeitstelle zu einer 32-Stunden-Woche. Das wäre nichts Besonderes, hätte sie Kinder oder wäre kurz davor, Mutter zu werden. Für Ernst aber gab es nur einen Grund, ihre Arbeitszeit zurückzuschrauben: mehr Lebensqualität. „Ich habe mir bewusst eine Stelle mit weniger Stunden gesucht“, sagt sie. Sie hat gerade einen vollen Arbeitstag hinter sich, aber sie lächelt und ist gelöst. „Ich bin motivierter und nicht mehr so schnell ausgelaugt.“ Dadurch habe sie mehr Spaß an der Arbeit – ihre Ausstrahlung lässt daran keinen Zweifel.

Ist das nicht dekadent? 32 Stunden Erwerbsarbeit pro Woche? Verglichen mit der Realität Ende des 19. Jahrhunderts sicherlich. 14 bis 16 Stunden täglich in der Fabrik zu schuften, war damals die Norm. Erst nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Arbeitszeit auf acht Stunden pro Tag begrenzt, sechs Tage die Woche.

Dabei lieferte schon Otto von Bismarck im Januar 1885 einen der ersten Anstöße, die Arbeitszeit der Deutschen zu verkürzen. Vor dem Reichstag sagte er: „Wer empfindet nicht das Bedürfnis zu helfen, wenn er den Arbeiter gegen den Schluss des Arbeitstages müde und ruhebedürftig nach Hause kommen sieht.“ Gleichzeitig sorgte sich Bismarck aber auch um die Wirtschaft und wollte nicht das Recht des Einzelnen einschränken, selbst zu entscheiden, wie viel er arbeiten würde.

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Erst 1956 warben Gewerkschaften mit dem Spruch „Samstags gehört Vati mir“ für die 40-Stunden-Woche. Es sollte bis Ende der 70er dauern, bis das Wochenende tatsächlich aus zwei freien Tagen bestand. Der Acht-Stunden-Tag, eingeführt, weil Arbeiter nach acht Stunden Arbeit in der Fabrik so erschöpft waren, dass es zu überdurchschnittlich vielen Unfällen kam, ist noch genauso gültig wie im vergangenen Jahrtausend. Gerade körperlich anstrengende Arbeiten werden heutzutage immer öfter von Maschinen ausgeführt, immer mehr Menschen arbeiten an einem Schreibtisch. Und hier zeigt sich die Erschöpfung meist, wenn es schon zu spät ist.

Deutsche arbeiten im Schnitt 41,4 Stunden pro Woche

Verglichen mit Kaiser Wilhelms Zeiten stehen wir heute eigentlich ganz gut da: In Vollzeit arbeiteten die Deutschen im Jahr 2017 durchschnittlich 41,4 Stunden pro Woche. Teilzeitbeschäftigte eingerechnet, waren es durchschnittlich 35,2 Stunden. Damit liegen wir im europäischen Vergleich auf Platz fünf. Nur die Niederländer, Dänen, Norweger und Schweizer arbeiten weniger.

Aber ist es nicht trotzdem noch zu viel? Viele Firmen experimentieren schon länger mit Gleitzeit, Homeoffice oder Vertrauensarbeitszeit. 2013 erntete der Internet-Konzern Yahoo viel Kritik dafür, dass die Angestellten nicht mehr von zu Hause aus arbeiten durften. Im vergangenen Jahr sorgte dagegen ein amerikanisches Start-up für Aufsehen, weil es den Fünf-Stunden-Tag eingeführt hatte – und satte Profite einfährt. Eine Universal-Lösung für Unternehmen, wie sie eigene Interessen mit weniger Arbeitsbelastung vereinbaren können, gibt es noch nicht.

Nachgefragt bei Arbeits- und Gesundheitswissenschaftler Dr. Wolfgang Hien aus Bremen: Er beschäftigt sich intensiv mit den Anforderungen, die die moderne Arbeitswelt an den Menschen stellt. Er interviewt Arbeitnehmer aus allen Branchen, hält Vorträge und veröffentlicht Aufsätze und Bücher. Und steht voll hinter Initiativen wie „Arbeitszeitverkürzung Jetzt!“, die sich für die 30-Stunden-Woche als Vollzeitbeschäftigung einsetzten. Die Vorteile: Männer und Frauen könnten sich besser um Kinder und pflegebedürftige Angehörige kümmern, hätten mehr Zeit für den Haushalt und könnten sich aktiver im gesellschaftlichen Leben in ihrer Nachbarschaft einbringen. Sie sind ausgeruhter und weniger gestresst. Gerade Unternehmen, die auf die Kreativität der Mitarbeiter angewiesen sind, würden davon profitieren. „Die Zeiten, die wir vielleicht noch in den 1980ern hatten, dass kreative Arbeit auch in ausreichenden Zeiten möglich ist, die sind vorbei“, sagt Hien. Gerade in IT-Unternehmen würden sich Mitarbeiter oft fühlen, als arbeiteten sie am Fließband. „Meine Interviewpartner aus Software-Betrieben haben überwiegend berichtet, dass sie in unglaublich engen Zeitkorsetts die Module zusammenkleben müssen. Eine kreative Leistung steckt nicht mehr dahinter.“ Kommt jemand mit dem Druck nicht klar, wird er meist abgefertigt. „Wenn Sie das nicht hinbekommen, suchen wir uns andere, die es können“, zitiert Hien die gängige Antwort auf Beschwerden.

Immer mehr zusätzliche Aufgaben und Verantwortungen, Angst um die Stelle – die Arbeit macht immer mehr Menschen krank. Nach Angaben der DAK hat sich die Zahl der Patienten mit Burnout-Syndrom seit 2006 verzwanzigfacht. Arbeitsforscher Hien überrascht das nicht. Er glaubt, dass sich der Arbeitsmarkt radikal verändern muss, wenn wir auch in Zukunft eine funktionierende Gesellschaft sein möchten.

Auch die katholische Arbeitnehmerbewegung ist für die 30-Stunden-Woche. In einem Diskussionspapier heißt es: „Arbeitszeitverkürzungen sind für die KAB ein sinnvolles Mittel, um die Arbeit gerecht zu verteilen und Arbeitsplätze zu sichern. Arbeitszeitverkürzungen sind angebracht, wenn sie Arbeitsplätze sichern, Beschäftigung ausbauen, Gleichstellung von Frauen und Männern ermöglichen, ökologisch vertretbar umgesetzt werden und hinreichende Einkommen zulassen.“

Wer dagegen schon längst begriffen hat, dass es im Leben um mehr geht als um die eigene Karriere, ist die viel diskutierte Generation Y. Annemarie Engelsdorfer, akademische Beraterin im Hochschulteam des Arbeitsamtes München und seit 20 Jahren im Geschäft, hat das selbst beobachtet: Sie glaubt, dass es an den Lebensläufen der Eltern liegt: Viele Väter hätten Karriere gemacht, aber für die Familie kaum Zeit gehabt. „Junge Männer haben zum Teil eine andere Sensibilität für die Frage des Familienlebens“, sagt Engelsdorfer. Die einzige Gruppe der Berufseinsteiger, die aber tatsächlich nicht Vollzeit arbeiten wollen, seien trotzdem noch Frauen, die schon Kinder haben oder zumindest bald bekommen möchten. Der Wunsch nach flexiblen Arbeitszeiten sei aber auch bei allen anderen Berufseinsteigern, die sich von Engelsdorfer und ihrem Team beraten lassen – zu 70 Prozent Geistes- und Sozialwissenschaftler – stark ausgeprägt. Die Digitalisierung macht es möglich – immer mehr Unternehmen werben den Nachwuchs mit der Aussicht auf Homeoffice.

Engelsdorfer gibt aber auch zu bedenken, dass kaum ein Berufseinsteiger sich ein Leben in einer Stadt wie München leisten kann, wenn er reduzierte Stunden hat. Auch Arbeitsforscher Hien sieht in den Lebenshaltungskosten ein Problem, allerdings eher ein gesellschaftspolitisches: „Es geht darum, dass der Mensch ausreichend Geld für ein gutes Leben hat. Und nicht, dass er besonders viel verdienen muss.“ Dieser „Geld-Fetisch“ sei tödlich für eine humane Gesellschaft.

Physiotherapeutin Johanna Ernst gehört mit ihren 31 Jahren zu dieser Generation Y. Sie nimmt für den Luxus Freizeit auch finanzielle Einschnitte in Kauf. „Ich verdiene jetzt so viel, wie als Berufsanfänger in Hessen vor acht Jahren“, sagt sie. Natürlich müsse sie sich mehr einschränken. Aber lieber stecke sie woanders zurück als bei ihrer Freizeit. Der Freitag gehört jetzt ihr. Und den nutze sie hauptsächlich für ganz „banale Sachen“: In Ruhe einkaufen gehen. Den Haushalt machen. Über das Wochenende wegfahren. Zeit haben.

Arbeitnehmer wünschen sich 31-Stunden-Woche

Verkürzte Arbeitszeiten als die Norm – Beraterin Engelsdorfer und Arbeitsforscher Hien wissen, wie gering die Akzeptanz in der Wirtschaft dafür ist. Eine Umfrage der Körber-Stiftung hatte im vergangenen Jahr ergeben, dass die Wunscharbeitszeit der Befragten bei 31 Stunden pro Woche liegen würde – weit weniger, als sie tatsächlich schuften. Gerade in männerdominierten Branchen herrsche eine große Skepsis gegenüber jenen, die weniger arbeiten wollen, sagt Engelsdorfer: „Ist der nicht richtig engagiert, nicht motiviert?“

Hien erklärt sich die geringe Akzeptanz auch mit dem Interessenskonflikt der Arbeitgeber mit den Arbeitnehmern: „Wir haben überwiegend Arbeitgeber, die sehr traditionell denken und sich nur sehr schwer für neue Überlegungen öffnen. Sie vertreten ihren Standpunkt autoritär: ‚Die Leute müssen da sein und sie müssen lange da sein.‘“

Hien glaubt nicht, dass sich die Zukunft der Arbeit so gestalten lässt. Auch Wirtschaftsökonomen sind sich sicher, dass sich der Arbeitsmarkt verändern muss. „Der Rohstoff der Zukunft ist Kreativität“, mahnen sie, oder „Kreativität oder soziale Interaktion ist schwer digitalisierbar.“ Wer wird in dreißig Jahren die Steuerkassen füllen, wenn viele Berufe durch Maschinen ersetzt wurden? Die Menschen, die ihr Potenzial erkannt haben – je komplexer der Beruf, desto sicherer sei er, sagt auch US-Ökonom Tyler Cowen. Gute Zeiten für die Kreativen, die Problemlöser, die Menschen, die anderen helfen. Doch dazu müssen auch die Umstände stimmen. Aber Bedenken, die gegen eine Lockerung sprechen, sind die gleichen wie zu Bismarcks Zeiten.

Doch neue Ideen und frische Konzepte stellen sich nicht auf Knopfdruck ein. Und auch Johanna Ernst, die den ganzen Tag Menschen behandelt, kann das besser, wenn sie ausgeruht ist. „Ich stehe voll dahinter“, sagt sie über die Entscheidung weniger zu arbeiten. „Definitiv“, sie lehnt sich leicht zurück und lächelt zufrieden. Etwa sieben Mal im Jahr nutzt sie das lange Wochenende für ihre Weiterbildung zur Osteopathin. Was dazwischen bleibt: Luft. Zum Durchatmen.

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