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Heilende Natur

05.05.2018

Was macht der Wald mit Psyche und Körper?

Der Wald ist ein Ort der inneren Einkehr.
Bild: Marcus Merk

Der Wald ist mehr als nur ein Ort voller Bäume. Unterwegs mit einem Psychologen, der die Natur zur Therapie nutzt.

Mitten im Wald. Meine Augen sind geschlossen. Ein Ast streift mein Gesicht. Ich spüre die Nadeln, die meine Haut kitzeln und über meine Augen wischen. Vorsichtig strecke ich die Arme aus. Ich bekomme einen Stamm zu fassen. Die Rinde ist weich und angenehm kühl. Langsam zieht mich die Hand des Naturtherapeuten weiter. Unter meinen Sohlen rascheln vertrocknete Blätter, Äste brechen. Ich gehe in die Hocke und erkunde den Waldboden. Es riecht nach feuchter Erde, Moos und Wald. Ein beruhigender Duft. Eine Wurzel drückt sich in meinen Rücken. Ich rutsche etwas nach links und entdecke eine zweite – mein Rücken passt genau dazwischen. Die Wurzeln umfassen mich wie zwei starke Arme. Geborgenheit. Ich lausche der Stille im Wald und werde dabei selbst ganz ruhig. Sind vorher meine Gedanken noch mit dem Alltag beschäftigt gewesen, liegt mein Fokus jetzt ganz bei mir selbst im Hier und Jetzt des Waldes.

Der Wald ist ein guter Ort für eine Therapie

Solche begleiteten Spaziergänge durch den Wald gehören zu den Übungen des Psychotherapeuten Wernher Sachon aus Bad Wörishofen im Allgäu. Zu dem Psychologen kommen Leute mit Burnout, Depressionen und Ängsten. Immer häufiger kommen auch Menschen mit dem diffusen Gefühl: Mir fehlt etwas. Dabei meinen sie einen Zustand des Nicht-komplett-Seins, das in ihnen oft ein Gefühl der Leere, Traurigkeit und Sinnlosigkeit hinterlässt. Sachon prägt im deutschsprachigen Raum die existenzialpsychologische Naturtherapie. Bei diesem Ansatz geht es um die Entwicklung, Stärkung und Heilung des eigenen Selbst. Oft tauchen dabei Fragen auf wie: „Wer bin ich?“, „Was ist der Sinn meines Lebens?“ und „Wie will ich eigentlich leben?“. Dazu nutzt der Psychologe Naturräume wie den Wald oder die Bergwelt als Kraftort und Quelle der Selbstheilung. Dort können sich Menschen wieder auf sich selbst besinnen und mental regenerieren.

Die Sehnsucht nach Natur hat Hochkonjunktur. Waldkindergärten, Pilgerangebote, Weitwanderwege, Outdoor- und Wellnessreisen boomen. Kurzum, die Menschen suchen die Naturerfahrung, die im Alltag oft zu kurz kommt. Jeder kennt das erholsame Gefühl nach einem langen Spaziergang. Physiologisch steckt dahinter noch viel mehr als nur Bewegung und frische Luft. Ein Spaziergang in der Natur senkt die Herzfrequenz, den Blutdruck und die Adrenalin-Ausschüttung. Der Sauerstoff, die Ruhe und die ätherischen Duftstoffe stärken das Immunsystem. In Japan ist das Waldbaden, auch Shinrin-Yoku genannt, schon lange bekannt und eine anerkannte Stress-Management-Methode. Das „Eintauchen in den Wald“ wird sogar vom Gesundheitssystem gefördert. Seit 2012 existiert an den japanischen Universitäten das Fach „Forest Medicine“ – also Waldmedizin.

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Wald-Therapie ist in anderen Ländern weiter verbreitet

Wernher Sachon sitzt auf den Schilfrohrmatten in seiner Therapie-Hütte in Oberegg. Hier finden seine Weiterbildungen und Naturtherapie-Sitzungen statt, wenn er nicht gerade in seiner Wörishofer Praxis ist. Die Holzhütte liegt auf einer kleinen Wiese umgeben von Moorbirken. Dahinter plätschert die Mindel und windet sich in Schlangenlinien durch die Wiese. Zitronenfalter flattern vor dem Hütteneingang. Der vierfache Vater strahlt Ruhe aus. Er ist einfach gekleidet, graues Shirt, Jeans und schwarze Turnschuhe. Wenn er redet, wandern seine Augen auf der Suche nach den richtigen Worten hin und her. Sein Redefluss wird immer lebhafter, je mehr er auf die Veränderungen in der Gesellschaft zu sprechen kommt, die seine Arbeit erst nötig machen.

Wissenschaft und Technik seien es, die unser Leben dominieren. Die Maxime: Der Mensch kann alles erreichen, wenn er nur wolle. Es gilt das Hochleistungsprinzip. Die Grundhaltung: funktionieren. Das sei das eigentliche Problem, so Sachon: „Wir funktionieren im Alltag nur noch. Auch als Vater, als Mutter, in Beziehungen, ja sogar in der Freizeit.“ Alles sei bestimmt durch ein längst verinnerlichtes „müssen“. Selbst das Reisen mutiere dabei oft zu einem Marathon der Sehenswürdigkeiten. Es ist das viel beschriebene Hamsterrad, ein ewig sich wiederholendes Ableisten von Pflichten und Zwängen – von Vorankommen und von Erholung keine Spur.

Psychische Erkrankungen nehmen in der Gesellschaft zu

Für Sachon auch ein Grund, warum es heute so viele psychische Erkrankungen gibt. „Die Menschen haben verlernt, die Existenzweisen zu kultivieren und Erlebnisräume zu pflegen, die wir benötigen, um Leib und Seele immer wieder zu regenerieren und wenn notwendig auch unser Heilen zu fördern.“ Der Psychologe vergleicht das mit einer Schnittwunde. Im Körper setzen in so einem Fall ganz von selbst die ersten Reparaturprozesse ein. Die Gefäße werden enger, damit der Blutverlust möglichst gering ist, die Wundränder klappen nach innen, die Wundheilung beginnt. Werde dagegen die Psyche verletzt – sei es durch Überforderung, Erschöpfung oder Kränkung des eigenen Selbstwertgefühls – schaffen viele Menschen genau diesen Schritt nicht mehr.

Gleichzeitig fehle den Menschen bei all den Veränderungen in der Welt etwas, an dem sie sich orientieren können. „Sie spüren und wissen nicht mehr, wer sie selbst sind. Sie sind häufig innerlich zerrissen“, erklärt Sachon. Ihnen fehle das Fundament. Der Psychologe sieht das Problem auch in der zunehmend einseitigen Erziehung. Bereits mit frühkindlicher Bildung werden die Kinder zu Kopfmenschen erzogen und ihnen die Prinzipien einer Leistungsgesellschaft vermittelt: wissen, funktionieren, gebildet sein.

Der Wald ist voller Geräusche

Zurück im Wald. Wir laufen schweigend, jeder für sich. Es geht darum, sich treiben zu lassen und sich frei von seinem innersten Interesse leiten zu lassen. Was meine Aufmerksamkeit erregt, da verweile ich. Ein Kuckuck ruft, ich schaue in die Baumwipfel. Im Gehölz knackt es – vielleicht ein Reh? Neben dem Schotterweg läuft ein Bächlein, hübsche Blumen und Kräuter wachsen daneben. Ich zupfe ein paar ab und rieche daran. Jeder Wald hat eine andere Wirkung. In einem dichten Nadelwald empfinden viele Menschen Geborgenheit. In einem Buchenwald herrscht dagegen eine majestätisch, erhabene Atmosphäre. Jeder Mensch brauche etwas anderes in der Natur. Sachon ist es vor allem wichtig, die Natur direkt vor der Haustür zu nutzen. Das „Auftanken“ in der Natur verlangt Übung, aber dann ist sie ein heilsamer Kraftort.

In der Natur können wir unsere Psyche heilen.
Bild: Angela Merk

Vor 30 Jahren steckte Sachon selbst in einer Krise. Er war selbstständig und arbeitete als Psychologe von morgens bis abends. Im 50-Minuten-Takt kamen die Klienten. So konnte und wollte er nicht weitermachen. Sachon erinnerte sich damals an seine Kindheit, als er zusammen mit anderen Kindern bei jeder Gelegenheit draußen unterwegs war und er begann dieses freie Umherstreifen wieder in sein Leben zu integrieren. Er fühlte sich wieder lebendig. Diese positive Wirkung der Natur bot er auch für seine Klienten an und stellte nach den Waldspaziergängen und den anschließenden therapeutischen Gesprächen erstaunliche Entwicklungen fest. Natur inspiriert, weckt die Fantasie, die Kreativität, Sehnsüchte und Lebensträume. Natur ist ein besonderer Freiraum. Hier brechen die Schutzhüllen leichter auf und die Menschen legen ihre Rolle, funktionieren zu müssen, schnell ab.

Die Natur bietet Raum, sich auf Wichtiges zu besinnen

Doch es kann auch zu schmerzhaften Erfahrungen kommen. Wer sich für die Natur öffnet, öffnet sich immer auch selbst und wird dabei emotional bewegt. Das kann Trauer um einen zerplatzten Lebenstraum sein, Wut über den falschen Job oder Verzweiflung über eine komplizierte Partnerschaft. Gleichzeitig biete die Natur die Chance, sich auf das, was wirklich zähle, zu besinnen und sich selbst weiterzuentwickeln – sie selbst schafft es schließlich immer wieder, sich zu erneuern.

Doch warum ist das Bedürfnis der Menschen nach Natur überhaupt so stark? Der Philosoph Friedrich Nietzsche sagte: „Wir sind so gern in der freien Natur, weil diese keine Meinung über uns hat.“ Die Pflanzen und Tiere stellen keine Erwartungen an uns. Die Natur als ein Gegenentwurf zur Kontrollwelt im Alltag. Wernher Sachon sagt: „Hier haben die Mensch das Gefühl, dass sie einfach so sein dürfen, wie sie sind.“ In der Natur finde der oft von seiner Ursprünglichkeit entfremdete Mensch wieder eine Verbindung zu sich selbst. Er werde offen für das, was er brauche, und lerne, in sich hineinzuhorchen. Dabei sei die Naturtherapie keine Behandlung und der Wald kein Medikament. Es komme auf die Haltung und das Sich-Einlassen an, so der Therapeut. „Die Natur ist kein Automat.“

Die eigene Einstellung ist entscheiden

Barfuß wandern wir über die Wiesen am Waldrand. Ein eigenartiges Gefühle, aus den Schuhen herauszukommen. Das Gras stupft und so manche Brennnessel findet ihren Weg an meine Knöchel. Jeden Schritt setzen wir bewusst. Es geht darum, die Schwerkraft zu spüren. Sachon entdeckt einen Käfer, kniet sich hin und beobachtet ihn. Dann zieht es ihn weiter. Dieses sich Treiben-Lassen fühlt sich tatsächlich erholsam an. Ohne Plan und Konzept umherzustreifen entspannt.

Übrigens sei es bei vielen Menschen gar nicht das Zu-viel an Arbeit, das krank macht, sondern das Fehlen von echter Erholung. Arbeiten und Geldverdienen sind nötig, um leben zu können – das stellt auch Sachon nicht infrage. Es sei jedoch die Balance, die den Menschen immer häufiger abhandenkommt. Regelmäßige Waldspaziergänge sind eine Möglichkeit, diese wieder neu zu finden.

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